„Einer für alle, alle für einen!“

„Einer für alle, alle für einen!“ – mit diesem Ruf klatschten wir uns damals vor jedem Spiel ab, bevor es auf den Fußballplatz ging. Einer aus dem Team hatte den Spruch mitgebracht, nachdem er eine auf Jugendbuchlänge gekürzte Version des Romans „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas der Ältere gelesen hatte. 

Ein Autor, den ich selbst erst später entdeckte, als ich – inspiriert durch eine Verfilmung des „Grafen von Monte Christo“, die eines Sonntagnachmittags lief – zum Buch griff. 

Ich las es, gebannt durch die Geschichte von Macht und Schuld, Freiheit und Rache, von Liebe, Eifersucht und Hass, in einem Schwung durch. Ein großartiges Buch und, was ich damals nicht wusste, das erste Buch eines Farbigen, das ich las.

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Sohn des „schwarzen Generals“

Alexandre Dumas der Ältere wurde vor 224 Jahren am 24. Juli 1802 in Villers-Cotterêts, Frankreich, geboren. Was ich erst Jahre nach meiner ersten Lektüre eines Romans von ihm erfahren habe: Er war der Sohn des ersten farbigen Generals der französischen Revolutionsarmee, Thomas-Alexandre Dumas. Damit war er der Enkel eines in Saint Domingue, dem heutigen Haiti, lebenden französischen Adligen und einer afrikanischen Sklavin. 

Alexandre Dumas musste mit einigen Diskriminierungserfahrungen leben, war aber zeitlebens stolz auf seine Herkunft. Seine Fangemeinde interessierte sich wenig für diesen besonderen biografischen Hintergrund. Ein Klassiker seines Umgangs mit Diskriminierungen, der immer wieder zitiert wird, ist folgende Anekdote: Als ihn ein Vertreter der feinen Pariser Gesellschaft einmal versuchte, zu provozieren: „Herr Dumas, Sie kennen sich mit Negern doch bestens aus!“ Gab der bereits berühmte Romancier als Antwort: „Stimmt, mein Vater war Mulatte, mein Großvater Neger und mein Urgroßvater Affe. Sie sehen, meine Familie beginnt dort, wo die Ihrige aufhört.“

Dumas wurde zu einem der produktivsten und beliebtesten Autoren seiner Zeit. Dabei spiegeln seine Werke, die oft von Unrecht, Rache und Erlösung handeln, seine eigenen Erfahrungen wider. In einer Zeit, in der Rassismus und soziale Ungleichheit an der Tagesordnung waren, zeigte Dumas, dass Talent und Entschlossenheit die Grenzen der Gesellschaft sprengen können. 

Und diese Entschlossenheit ging über die eigene Kreativität hinaus, er befreite sein Werk auf eine gewisse Weise von seiner eigenen Person: Denn er betrieb eine regelrechte Roman-Fabrik. Dabei dachte er sich Hauptfiguren aus und entwarf Handlungsstränge, die restliche Arbeit überließ er dann aber seinen Lohnschreibern und produzierte auf diese Weise unter seinem Namen knapp 30 Abenteuerromane im Jahr. 

Wobei auch sein ganz und gar eigenes Werk, aus dem sein Erstling „Georges“, ein Buch gegen Rassismus, dann „Königin Margot“, fast 200 Jahre später als „Die Bartholomäusnacht“ verfilmt, dann „Der Graf von Monte Christo“ und natürlich „Die drei Musketiere“ herausragen, gewaltig ist.

Die drei Musketiere: Freiheit als Haltung

Der Roman „Die drei Musketiere“ (1844) erzählt scheinbar nur die Geschichte eines jungen Mannes, der nach Paris kommt, um Musketier zu werden. Doch d’Artagnan und seine drei Gefährten Athos, Porthos und Aramis verkörpern etwas Grundlegenderes: eine Lebenshaltung, die sich weder dem Kardinal Richelieu noch der höfischen Intrige unterordnet. 

Ihr berühmtes Motto „Einer für alle, alle für einen“ ist zunächst ein Bekenntnis zur Solidarität, aber es ist zugleich ein politisches Statement. In einer Welt, in der Macht von oben nach unten fließt und jeder Untertan austauschbar scheint, behaupten die Musketiere ihre eigene Loyalitätsordnung, die von ihnen selbst und nicht vom Hof definiert wird.

Richelieu, der eigentliche Antagonist, ist keine Karikatur des Bösen, sondern eine Figur, die für die Staatsräson steht – für ein System, in dem der Einzelne nur als Werkzeug zählt. 

Die Musketiere setzen dem ihre persönliche Ehre, ihre Freundschaft und ihre Fähigkeit zum eigenständigen Urteil entgegen. Darin liegt die zeitlose Anziehungskraft des Romans: Er feiert nicht den Sieg über ein System, sondern das Beharren auf einer Zone der Selbstbestimmung inmitten eines Systems, das diese Zone am liebsten auslöschen würde.

Der Graf von Monte Christo: Widerstand als Wiedergeburt

Wenn „Die drei Musketiere“ von Freiheit als gelebter Haltung erzählt, dann handelt „Der Graf von Monte Christo“ (1844–1846) von ihrem Verlust und ihrer Wiedergewinnung. 

Edmond Dantès, zu Unrecht denunziert und ohne Prozess in die Festung, das Château d’If, geworfen, verbringt vierzehn Jahre in der Haft. Diese Kerkerhaft, die ihm über den Einschluss seines Körpers die Freiheit nehmen sollte, wird paradoxerweise für ihn zum Ort der intellektuellen Befreiung. 

Denn nachdem er fünf Jahre isoliert von allem war und er verzweifelt beschließt, Selbstmord zu begehen, indem er keine Nahrung mehr zu sich nimmt, hört er plötzlich Klopfgeräusche. Sein Lebenswille kehrt zurück und endlich offenbart sich ihm die Ursache: Es ist der Gefangene aus der Nachbarzelle, Abbé Faria, der sich bei seinen Berechnungen für einen Fluchttunnel geirrt hat und bei Dantès die Mauer durchbricht. Der alte Mann und Dantès freunden sich an, gemeinsam graben sie einen weiteren Tunnel, der sie in die Freiheit führen soll, und in den Jahren des Grabens bringt ihm der gebildete Abbé Dantès alles bei, was er weiß.

Abbé Faria erlebt die Freiheit nicht mehr. Kurz vor seinem Tod vertraut er Dantès sein größtes Geheimnis an: den Ort, an dem er einen gewaltigen Schatz finden kann. Und es ist dieser Schatz, der Dantès nach seiner Flucht seine Rache ermöglicht.

Bezeichnend ist, dass der Roman die Rache am Ende nicht ungebrochen feiert: Dantès erkennt, dass sein Plan auch Unschuldige trifft, und lernt, dass wahre Freiheit nicht in totaler Kontrolle über das Schicksal anderer liegt, sondern in der Fähigkeit, ein eigenes Urteil zu bilden und danach zu handeln – auch wenn das bedeutet, von der ursprünglichen Rachephantasie abzurücken. Und sich so vollends aus der Haft und von den Menschen zu befreien, die ihn unfrei sehen wollten.

Was ist Freiheit?

Dumas starb nach einem bewegten Leben am 5. Dezember 1870. So viel gelesen er auch war, als Autor war er lange nicht so erkannt, wie es heute erscheinen mag, da er weltweit als einer der bekanntesten französischen Autoren gilt. Erst 2002, mehr als 130 Jahre nach seinem Tod, wurden seine sterblichen Überreste feierlich ins Panthéon überführt – eine späte, aber deutliche Anerkennung.

Dabei sind die Geschichten und Figuren zeitlos. Sie haben immer wieder neuen Generationen von Lesern (und über die vielen Verfilmungen auch Filmbegeisterten) etwas zu sagen, weil sie eine ebenso zeitlose und für jeden Menschen wichtige Frage stellen: Was tut ein Mensch, wenn ihm die Freiheit genommen wird oder genommen zu werden droht? 

Die Musketiere antworten mit Zusammenhalt und einer Freiheit, die im Spannungsfeld zwischen Ehrenkodex und Unabhängigkeit entsteht. Dantès mit Bildung, Geduld und der Fähigkeit, seine eigene Rache zu hinterfragen und so erst wirklich frei zu werden. 

Dumas gibt auf diese Frage keine eindeutige Antwort, er gibt Geschichten, und auch das ist eine Antwort. Eine Antwort, die sich frei macht von Verallgemeinerungen und Schwarz-Weiß-Denken. Oder wie er es einmal formuliert hat: „Alle Verallgemeinerungen sind gefährlich, sogar diese.“

Mehr zu Freiheit im Sandwirt: 

„Die Freiheit des Ich“ von Dietrich Eckardt

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