Abtreibung: Die Freiheit, Ja sagen zu können

Abtreibung und Freiheit – eine eigentlich absurde Themenkombination, über die nachzudenken sich nicht lohnt. Schließlich käme niemand auf die Idee, über Einbruch und Freiheit oder über Raub und Freiheit zu sinnieren. Wobei, wenn man sich die Einlassungen einiger Linker zu Gemüte führt, die es außerhalb von Staats- oder staatsnahen Betrieben zu nichts gebracht haben, könnte man über diese Aussage noch einmal streiten. Doch um die Vermögensumverteiler und -vernichter, um die Sozialingenieure und Neue-Welt-Macher soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Ebenso wenig um die biologischen Fakten und Facetten, wonach etwa der später entwickelte Mensch schon bei der Befruchtung angelegt ist, schon zu diesem Zeitpunkt ein Entwicklungsprogramm gestartet ist, das nicht erst nach und nach entstehen muss; oder dass der Herzschlag eines ungeborenen Menschen schon in der sechsten Schwangerschaftswoche mittels Ultraschalls nachweisbar ist.

Auch ist dies keine moraltheologische Belehrung, die den Wert und die Würde des menschlichen Lebens und den Umgang mit ihm betont, ob ungeboren oder geboren, ob jung oder alt, ob gesund oder krank. Es geht um Abtreibung und Freiheit. 

Freie Wahl … zwischen was?

Grob gesagt gibt es in der Debatte um „Schwangerschaftsabbrüche“ zwei Lager: Pro Life und Pro Choice. Die einen sagen: Frau und Ungeborenes sind zwei eigenständige menschliche Leben. Die anderen erwidern „My body, my choice“, berufen sich auf Freiheit und Selbstbestimmung.

Pro Choice, pro Wahlmöglichkeit. Das klingt doch eigentlich gut, oder? Ist es nicht pure Freiheit, zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden zu dürfen? Mehrere Jobangebote zu haben, mehr Auswahl in Supermärkten, mehr Individualisierung, und so fort?

Doch in der Debatte und explizit auch bei dieser Argumentation wird ein zentrales, wenn nicht das zentrale Element aus dem Blick verloren: die schwangere Frau. Schwangere in Not, Frauen also, die sich in einer derart vertrackten und akuten Konfliktsituation befinden, dass sie mit der Entscheidung ringen, das Leben unter ihrem Herzen nicht annehmen zu können.

Doch was heißt das typischerweise? Um es vorwegzunehmen: Das in der Debatte häufig angeführte Extrembeispiel des 16 Jahre jungen Mädchens, das von ihrem Onkel vergewaltigt wurde und nun schwanger ist, ist es nicht. Eine Beratungsorganisation wie 1000plus-Profemina, die auch das Magazin Corrigenda herausgibt, erfasst die Daten, und die sehen so aus:

Daten 1000plus-Profemina Abtreibung

 

Acht von zehn der mehr als 50.000 beratenen Schwangeren im Jahr 2021 haben angegeben, sie denken über eine Abtreibung nach, weil der Partner das Kind nicht will, es aus biographischen Gründen nicht passt oder sie sich mit einem (weiteren) Kind überfordert sehen. Die überwältigende Mehrheit der Frauen, die sich in einem Schwangerschaftskonflikt befinden, wünscht nicht in erster Linie die Abtreibung, sondern die Lösung der Probleme. Während die Pro-Choice-Seite also permanent die Freiheit betont, lassen sie – bewusst oder unbewusst – die gewichtige Tatsache außer Acht, dass die Schwangeren in Not durch äußere Umstände oder Personen massiv unter Druck gesetzt werden.

Bereute Entscheidungen

Ist das eine Entscheidung aus Freiheit, wenn eine Frau sich zur Abtreibung gezwungen sieht? Natürlich nicht. Das Ergebnis bedeutet leider viel zu oft nicht nur den Tod eines ungeborenen Kindes, sondern auch Verzweiflung, Schmerz und Trauer bei den betroffenen Frauen. Dies belegen die Zahlen derjenigen Frauen, die sich an der Evaluation der Profemina-Beratung beteiligt haben. Mehr als zwei Drittel entschieden sich für ihr Kind. 86 Prozent gaben an, sie hätten sich richtig entschieden, neun Prozent meinten, sie zweifelten daran, und fünf Prozent der Befragten sagten, sie hätten lieber anders entscheiden sollen.

Bemerkenswert ist nun folgendes Detail: Acht von zehn derjenigen Frauen, die angegeben haben, sie seien mit ihrer Entscheidung zufrieden, wählten das Kind. Keine Frau gab an, diese Entscheidung zu bereuen. Hingegen haben 100 Prozent der Frauen, die ihre Entscheidung bereuen, den Weg der Abtreibung gewählt. 

Gibt man Frauen eine echte Wahl, zeigt ihnen Perspektiven auf, den Weg aus dem Konflikt heraus zu beschreiten, entscheiden sie sich also häufig für das Kind und sind damit glücklich. Die Zahl dieser Entscheidungen für das Leben wäre wahrscheinlich noch höher, wenn Staat und Gesellschaft Schwangere in Not ernst nehmen, echte Hilfe anbieten und entsprechende Maßnahmen ergreifen würden.

Die Freiheit des Stärkeren

So wichtig dies wäre, gilt es auch daran zu erinnern: Freiheit beginnt in diesem Zusammenhang lange vor dem Zeitpunkt, an dem eine Frau oder ein Paar über eine Abtreibung nachdenkt. Nämlich beim Vollzug des Geschlechtsakts. Trotz Verhütung kann eine Frau schwanger werden, wenn sie Sex hat. Und bis auf Vergewaltigungs- oder andere kriminologisch induzierte Fälle wird eine Frau eigenverantwortlich schwanger, weil sie mit einem Mann Geschlechtsverkehr hat.

Freiheit und Verantwortung gehören ohnehin zusammen, nicht nur die Eigenverantwortung, auch die Verantwortung gegenüber den Nächsten. Die Auffassung von Freiheit, die das einzelne Individuum zum Absoluten erhebt, die es mithin sogar als einen humanitären Akt versteht, das ungeborene oder zu Ende gehende Leben auszulöschen, widerstrebt der Natur des Menschen, der ein soziales Wesen ist und der im Gegensatz zu manchem Tier in den ersten Jahren seines Daseins nicht allein lebensfähig ist. 

Dies zu Ende gedacht bedeutet nichts anderes als eine maximal-individualistische Freiheitsauffassung, „die schließlich die Freiheit der ‘Stärkeren’ gegen die zum Unterliegen bestimmten Schwachen ist“, wie Papst Johannes Paul II. in dem Lehrscheiben „Evangelium Vitae“ zu Recht anmerkte.

Das einzige, was zählt

Doch man muss kein Katholik sein, um diesen Zugang zu Freiheit und Individuum zu wählen. Der unter Freiheitlichen legendäre Friedrich August von Hayek unterschied zwischen dem „echten Individualismus“, der den Wert der Familie und die Zusammenarbeit der kleinen Gemeinschaften und Gruppen bejaht, vom „falschen Individualismus“, der dessen größter Gegensatz sei, „der alle diese kleineren Gruppen in Atome auflösen möchte, die keinen anderen Zusammenhalt haben als die vom Staat auferlegten Zwangsgesetze und der trachtet, alle sozialen Bindungen zu einer Vorschrift zu machen, anstatt den Staat hauptsächlich zum Schutz des Einzelnen gegen Anmaßung von Zwangsgewalt durch kleinere Gruppen zu verwenden“.

Vielleicht lohnt es sich also doch, über Abtreibung und Freiheit nachzudenken. Gerade für diejenigen, die vorschnell von Freiheit sprechen, wenn es bei Lichte betrachtet um Druck oder Zwang geht. Vielleicht ist die Freiheit, aus Überzeugung Ja zum Leben sagen zu können, für den Menschen am Ende die einzige Freiheit, die wirklich zählt.

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