Auf dem Plattenspieler: Swing of the Axe #1

Drei verkannte Metal-Alben 

Es ist sicher nicht falsch, das Verhältnis von Musikhörer und Lieblingsband als „Beziehung” aufzufassen. Das gilt nicht nur für Teenagermädchen, die ihr Zimmer mit Postern des Schwarms vollpflastern und von einer gemeinsamen Zukunft träumen. Jedes Album vielmehr, das uns in welcher Hinsicht auch immer erreicht, errichtet eine schwer zu fassende emotionale Verbindung zwischen demjenigen, der das Werk zuhause auf seiner Stereoanlage abspielt und den fremden Gesichtern im Booklet, die das Werk erschaffen haben. 

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns”, schreibt Kafka, und das gilt vielleicht in noch höherem Maße für Musik, die ganz unmittelbar die nur halb geahnten Bereiche des eigenen Selbst anzusprechen versteht. 

Meine hier auf dem „Plattenspieler” des Sandwirts in unregelmäßigen Abständen wiederkehrende Metal-Kolumne taufe ich darum auf den Namen „Swing of the Axe”.

„Swing of the Axe” heißt auch ein frühes Lied der amerikanischen Metal-Band Possessed. Heavy Metal ist zweifellos der Stil, der dem Wüten einer Axt am nächsten kommt. „Everything louder than everything else” – der Kult der reinen Lautstärke, der reinen Brachialität der verzerrten Gitarre, für die bei der Aufnahme eines Albums oft Dutzende von Gitarrenspuren eingespielt werden, um eine alles niederwalzende Klangwand zu erschaffen. Während die Texte von der Nachtseite der Existenz erzählen, von Dämonen, Teufeln, mystischen Sagengestalten, von Krieg, Gewalt und Serienmördern, und die Albencover mit Totenschädeln und Blut gespickt sind. 

Künstler: Possessed

Song: Swing of the axe 

Dabei kann Heavy Metal vieles sein: einfach nur Partymusik zum Feiern, Kopfhörer-Eskapismus, entspannender Abbau von Stress am Abend, manchmal auch eine Quelle von Kraft und Energie in harten Zeiten. Doch auffällig ist durchaus die tiefe Bindung, die der Metal-Fan zu seiner Musik und gerade zu seinen Lieblingsbands empfindet. Nicht nur ist die Metal-Szene seit nunmehr 40 Jahren ein ungemein reger musikalischer Kosmos, der fortwährend neue Subgenres und junge, innovative Bands hervorbringt, auch die oft recht kostenaufwendige („Streng limitiertes Boxset mit unveröffentlichten Demos, einem exklusiven Shirt und zwei vom langjährigen Coverdesigner gestalteten Postern? – Natürlich, ich habe das Teil längst vorbestellt und zähle zittrig seit einem Monat die Stunden bis zum Releasetermin!”) Pflege der musikalischen Passion seitens des Metal-Fans geht über das, was Anhänger anderer Genres zu investieren gewillt sind, oft weit hinaus. 

Als seicht, bedeutungslos und leer wird das eingängige, fröhliche Geklimper in den Charts empfunden. Musik für Mitläufer, Plastikmenschen, während im Metal gerade in seiner Krassheit irgendeine schwer zu fassende Tiefe, Ehrlichkeit, Unverfälschtheit zu wesen scheint, die eine tiefere Resonanz im eigenen Kern hervorruft. Wo der Mainstream-Musikkonsument die Künstler gleichgültig alle paar Monate wechselt, je nach Trend immer das mitgeht, was ihm von der Musikindustrie kredenzt wird, lediglich interessiert an einer netten Melodie, die er nebenbei mitträllern kann, baut der Metal-Hörer eine langjährige, oft lebenslange, Verbindung zu seinen favorisierten Bands auf. Er trägt T-Shirts mit ihrem Logo, um der ganzen Welt seine Begeisterung mitzuteilen, zu Konzerten pilgert er wie der Katholik nach Rom und einem neuen Album bangt er mit einer fiebrigen, nervösen Erwartung entgegen, die man ansonsten eigentlich nur aus dem Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen kennt.

Und dann …

Dann ist der Tag gekommen. Das neue Album liegt in seinen Händen. Teure Fanedition mit beigelegter Live-CD und 6 Postkarten, selbstverständlich. Alleine der Geruch schon des frischgedruckten Booklets, wenn die CD zum ersten Mal geöffnet wird. Sachte – bloß nicht verkratzen! – legt er sie ein, drückt „Play”, und dann … nach einigen Minuten wird ihm ganz anders: Die Band hat scheinbar beschlossen, zu experimentieren, ihren Stil zu ändern? Es fühlt sich an wie Verrat, aus dem monatelang herbeigewarteten Glück ist eine bittere Enttäuschung geworden. Der Frust muss jetzt auch irgendwie raus, am Besten in einem Internetforum. 

Doch wenn wir an dieser dramatischen Stelle nun unseren langhaarigen jungen Mann verlassen, der gerade in seiner mit Metal-Postern gepflasterten Wohnung kauert, ins Leere starrt und rachsüchtig über das Verbrennen seiner T-Shirts nachdenkt, dann gilt es vielleicht, zwei Formen von Enttäuschung zu unterscheiden: zum einen Alben, die einfach langweilig geworden sind, die einfallslos und ohne Inspiration nur einen dünnen Aufguß vergangener Großtaten bieten. Das kann der Metal-Fan meist noch irgendwie ertragen, gelegentlich bemerkt er es nicht einmal. Doch daneben existiert eine sehr viel schwierigere Kategorie von Alben, die von Bands oft gerade auf dem Zenit ihres Schaffens aufgenommen werden und gerade aufgrund überbordender Inspiration einen Bruch mit der Vergangenheit vollziehen. Fremde, unmetallische Einflüsse werden miteinbezogen, gewohnte Muster in Klang und Komposition überschritten oder ganz aufgegeben. Der Musiker glaubt, er hätte etwas Hochinteressantes erschaffen, doch der Fan findet das, was ihn vormals darin erreicht hat, nicht mehr wieder und ist zutiefst enttäuscht. 

Dieser letzten Kategorie wollen wir uns im Folgenden zuwenden: Drei Alben, die in der Metal-Szene verrufen sind, von der Anhängerschaft in hohem Maße als bedauerliche Verirrungen aufgefasst werden. Ich sage: zu Unrecht!

Erstens: Kreator

Neben der Bay Area gilt das Ruhrgebiet als Ursprung des Thrash Metals. Kreator, 1982 in Essen gegründet, zählen zu den Begründern der sich damals im Ruhrgebiet erst formierenden Metal-Szene. Entsprechend wichtig sind sie für viele Fans. 

Doch nach fünf höchst erfolgreichen, genreprägenden Alben schlägt die Band neue Wege ein und spaltet fortan die eigene Fanbasis. Das beginnt bereits mit „Renewal” von 1992 – das Tempo wird gedrosselt, der „Gesang” klingt eher nach Hardcore-Geshoute und musikalisch experimentiert die Band mit Industrial-Samples und psychedelisch angehauchten Gitarrenparts. 

Vom geteilten Echo lässt die Band sich aber nicht beeindrucken und setzt den Weg fort. „Cause for Conflict” (1995) integriert „moderne” Groove Metal Parts a la Pantera und Machine Head, und „Outcast” (1997) schließlich besteht aus dunklen Midtempostampfern, die kaum noch als Thrash Metal zu bezeichnen sind und sogar den Vorsitzenden des Kreator-Fanclubs verstört zurückgelassen haben sollen. 

Ich könnte nun über „Outcast” schreiben, denn auch dieses Album ist ziemlich gut, aber erfreulicherweise setzen Kreator mit „Endorama” zwei Jahre später nochmal einen drauf. Ich glaube nicht, daß Bandkopf Mille Petrozza in diesen Jahren viel Metal gehört hat, denn „Endorama” klingt eher nach Bands wie Paradise Lost oder späten Love Like Blood. Seine Stimme hat sich in ein dunkel raunendes Flüstern verwandelt, die Arrangements sind durchsetzt mit Akustikgitarren, Synthie-Chören und Piano. Der Titeltrack „Endorama” glänzt gar mit Gastgesang von Goth-Styler Ikone Thilo Wolff von Lacrimosa, womit man offensichtlich die Fühler in Richtung eines neuen Publikums ausstrecken wollte. 

Doch wo der kommerzielle Erfolg ausblieb und „Endorama” bis heute die Pole Position als unbeliebtestes Album der Kreator-Discographie entspannt behauptet, bleibt „Endorama” doch, sofern man imstande ist, es aus der Distanz mit unbelasteten Ohren zu hören, ein bemerkenswert intensives, eigenständiges Album. 

Der Gothic-Einfluß führt hier nicht, wie sonst häufig, zu theatralischem Schwulst, sondern wird gekoppelt mit der kühlen Präzision des Thrash Metal. Die Arrangements sind karg, oft fast minimalistisch, die Melodik bei aller Eingängkeit eher spröde als ausladend. Dabei bleiben Kreator in ihrem Herzen natürlich Metaller und bringen sowohl die satte Produktion, instrumentales Können als auch eine finster stampfende, nach vorne treibende Wucht mit. 

So lässt „Endorama” sich von zwei Seiten betrachten: als gescheitertes Experiment, das bei Veröffentlichung sein Publikum verfehlte, oder als Werk, das aus dem Spannungsverhältnis seines stilistischen Grenzganges gerade seine Qualität gewinnt. 

Künstler: Kreator

Song: Endorama

Song: Everlasting Flame

Zweitens: Metallica

Die Mutter aller Enttäuschungen. Nirvana und der Grunge-Hype führen Anfang der 90er zu einem Bruch in der Rockmusik. Anstelle der bunten, hedonistisch-oberflächlichen 80er, die das Thema „Sex, Drugs & Rock ‘N Roll” noch einmal bis ins Letzte zelebrieren, dominiert nun eine dunkle Independent-Ästhetik, statt toupierter Turmfrisuren und grellbunter Showklamotten die fettigen Haare und Karohemden von Kurt Cobain, statt Partystimmung depressive Introspektion. 

Heavy Metal dagegen gilt in den 90ern als Witz, als Musik für Idioten und Proleten, Ende der 90er benennt sich der deutsche „Metal Hammer” gar noch in „Hammer” um, weil „Metal” ein so schlechtes Image hat. Das ist die Situation – und was macht die größte Metal-Band der Welt? Die ganze Szene erwartet bangend das nächste Werk, von dem nicht wenige hoffen, daß es ihrem nunmehr ausgestoßenen, verlachten Genre die Re-Etablierung ermöglichen würde. 

Doch diese Hoffnung erfüllt sich nicht, im Gegenteil. Metallica schneiden sich die Haare ab, präsentieren sich in Grunge-Optik samt Kajalstrich und veröffentlichen die beiden ursprünglich als Doppelalbum geplanten „Load” und „Reload”, die sich weit vom Thrash der Anfangstage entfernen. Die Reaktionen fallen entsprechend aus: „Load” ist möglicherweise das verhassteste Album der Metal-Geschichte. 

Doch rückblickend ist das auch psychologisch zu erklären: Metallica lösen sich in einem Moment von ihren Wurzeln, in dem das ganze Genre in der öffentlichen Wahrnehmung ganz unten ist. Das fühlt sich an wie ein Messer im Rücken. Musikalisch dagegen bietet sich ein weitaus differenzierteres Bild, wenn man das Album mit einem Vierteljahrhundert Abstand durchhört.

Das Tempo ist durchgehend schleppend gehalten. Hätte Drummer Lars Ulrich irgendein Talent zum Groove, hätte man es beinahe Doom oder Stoner Metal nennen können, was Metallica hier spielen, doch das stakkatohafte Schlagzeugspiel prügelt die Stücke in eine drückende Wucht hinein, die von fern noch an die früheren Alben erinnert. 

Der Grundton ist dunkel, vieles erinnert an Alice In Chains, manches gar an Pearl Jam, in metallische Dichte gegossene Grunge-Reminiszenzen – wobei Grunge seinerseits ja wiederum die Hinterwäldler-Punk-Variante von 70er-Einflüssen wie Aerosmith oder Black Sabbath darstellt. James Hetfields abgehacktes Riffing öffnet sich immer wieder zu klassischen, geradezu bluesigen Rock Patterns, Akkorde klingen entspannt aus, die Songs lassen sich Zeit, weit von der manischen Aggressivität eines „And Justice For All” entfernt. Wo vorher die Gitarrenwand regiert, zerfallen auf Load und Reload die Stücke in offene, vielschichtige Arrangements, manchmal fallen sie fast ganz auseinander wie zufällig mitgeschnittene Jam Sessions. Auch Akustikgitarren durchsetzen häufig die Szenerie, ummantelt mit dunkelpsychedelischen Wahwah- und Univibe-Effekten à la Soundgarden, und am Ende sind die stärksten Songs vielleicht mit die beiden Balladen „Mama Said” und „Low Man’s Lyric”, die auch auf einem Album von Temple Of The Dog oder Candlebox zu den Highlights gehören würden. 

So daß sich dieses Album in mehreren Schichten erkunden lässt: Ja, wer auf den Sound der Vorgänger hofft, wird enttäuscht. Ja, es hat deutliche Grunge-Anklänge, die man als zeitgeistig bezeichnen könnte. Doch im Gegensatz zu den Promofotos – von denen sich James Hetfield mittlerweile sogar distanziert und die Schuld dafür Ulrich und Hammet zuschiebt – wirken die Alben überraschend authentisch, ehrlich und souverän. 

Wie der Mensch zum Tod magnetisiert, so magnetisiert der Fan einer Band gemeinhin zum Sound der frühen Alben. So verwundert es wenig, daß Metallica seit der Rückkehr zum Thrash mit „Death Magnetic” wieder deutlich euphorischeren Zuspruch erfahren. Und doch – stellt man eine aktuelle Single wie „Lux Aeterna” neben ein stampfendes, staubiges, ratterndes, sich finster vorwärtsschleppendes Schlachtschiff wie „The Outlaw Torn” – ist nicht am Ende doch zweiterer der künstlerisch interessantere, gerade in seiner kantigen, ausdrucksstarken Ungeschliffenheit? 

Künstler: Metallica

Song: Bleeding Me

Song: Mama Said

Drittens: Wintersun

Es gibt Menschen, und und zu denen gehöre stimmungsabhängig auch ich, die das selbstbetitelte Debütalbum von Wintersun zu den besten Alben der jüngeren Metalgeschichte rechnen, eine nahezu vollkommene Synthese aus instrumentalen Fähigkeiten, Komplexität, Eingängkeit und Atmosphäre.

Dieses Album, veröffentlicht 2004 als Soloprojekt des ehemaligen Ensiferum-Gitarristen Jari Mäenpää, kam quasi aus dem Nichts, schlug massiv ein und erzeugte in der Folge eine enorme Erwartungshaltung. 

Das Nachfolgealbum sollte bald erscheinen, doch verzögerte sich die Veröffentlichung immer weiter, schließlich dauerte es acht Jahre, bis „Time” erschien, doch auch dann nur als „Time I”, als erste Hälfte des ursprünglich geplanten Projektes. Mäenpää hatte sich offensichtlich vollkommen verzettelt, „Time I” ist ein Album, das alle Spuren eines Scheiterns trägt, es besteht aus nur fünf Stücken, von denen zwei nur instrumentale Intros sind. Als Ganzes wirkt es fragmentarisch, dagegen wurden einzelne Parts mit regelrecht erschlagender Überperfektioniertheit ausgearbeitet. Es ist ein verwinkeltes, latent wahnsinniges Klang-Labyrinth, in dem sich offensichtlich nicht nur der Musiker verloren hat, sondern auch der Hörer verlieren kann, sofern er sich auf die Irrfahrt einlassen will. 

So stößt man auf „Time I” auf dermaßen viele ineinander verwobene Spuren, daß der typische Metalsound zu einer samtigen, diffusen Weichheit verschwimmt, es ist einem, als würde man eine Gestalt einen Schneesturm hindurch beobachten, alles flirrt, wirbelt, brandet unentwegt. Das beschränkt sich nicht alleine auf Gitarren: Ebenfalls zum Einsatz kommt ein ganzer Apparat orchestraler Klänge und Vocals, die vom Klargesang über Black-Metal-Knurren bis hin zu vielschichtigen Chor-Arrangements reichen. 

Wenig hat hier noch etwas mit konventionellem Songwriting zu tun, es wirkt vielmehr, als würde Mäenpää Klangskulpturen formen; Berge von Spuren schwellen an, fallen auseinander, verschatten oder erhellen die Szenerie, während eigenartige Rhythmen und Taktmaße gespielt werden, die irgendwo zwischen Progressive Rock und karelischer Folkmusik liegen. Sogar von „Japanese style melodies” soll das Album inspiriert worden sein – tatsächlich erinnert vor allem das Intro „When Time Fades Away” in seiner schwermütig-epischen Tragik an den Soundtrack von Tiger & Dragon.

Und trotzdem, und das ist das Wunder, fällt das Album trotz allem nicht auseinander, die Atmosphäre bleibt durchgehend kohärent, die Vision dahinter stets greifbar, so daß man statt zerbröckelndem Stückwerk eher das Gefühl hat, dem Soundtrack zu einem inneren Film zu folgen, einer Geschichte, einer in Musik geformten Seelenreise. Oder zumindest einzelnen Etappen davon. 

(Beim Nachhören ist allerdings Vorsicht geboten. Leider hat Jari Mäenpää 2017 eine neue „Version 1.5” abgemischt, die deutlich reduzierter und konventioneller ausfällt, wodurch leider mindestens die Hälfte des Reizes verlorengeht.)

Künstler: Wintersun

Song: Sons Of Winter And Stars

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