Autodafé

Autodafé ist ein Begriff, den viele kennen könnten: Er bezeichnet die ritualisierte Verurteilung und oft auch Hinrichtung von Ketzern vor allem in Spanien. Dies war nicht nur im Mittelalter, sondern bis weit ins 18. Jahrhundert hinein gängige Praxis. 

Was möglicherweise nur Hispanisten bekannt ist, ist die wörtliche Übersetzung des Begriffs: Autodafé bedeutet „sich selbst den Glauben geben.“ – Damit ist gemeint, dass der Glaubensdissident sich im Prozess seiner Verurteilung wieder zum rechten Glauben bekehrt. Durch die Qualen der Folter und der Verbrennung nimmt er einen Teil der jenseitigen Marter im Fegefeuer vorweg und wird so eigentlich von der Inquisition nicht nur in den Schoß der Kirche, sondern geradezu in die ewige Seligkeit geführt. 

Die Abläufe solcher Autodafés waren ritualisiert und auf eine große Zuschauermenge ausgerichtet. Die Verurteilten trugen eine spezielle Kleidung, ein sackartiges Gewand namens Sanbenito, und eine Ku-klux-klan-ähnliche kegelförmige Kopfbedeckung, die Carocha.

Autodafés waren durchaus eine Art Volksbelustigung, aber natürlich auch eine Warnung an die anwesende Menge, sich möglichst nicht vom breiten Pfad des rechten Glaubens zu entfernen. Der Gegner war deutlich erkennbar außen, und Zusammenhalt wurde nicht zuletzt durch den zwar nicht gemeinsam verübten (dafür gab es Spezialisten), aber zumindest gemeinsam gebilligten Mord an dem Ausgestoßenen erzeugt. 

„Wir sind viele!”

Die Inquisition gibt es nicht mehr, inquisitorisches Verhalten jedoch sehr wohl. Bespitzelung und Denunziation feiern hierzulande fröhliche Urständ, sind geradezu in Gesetze gegossen und von Staats wegen sanktioniert und werden ausgeübt. Der Begriff „Ketzer“ wird heute durch Begriffe wie „Nazi“ ersetzt, und der quasi-religiöse Unterton in gesellschaftlichen Debatten ist nicht zu überhören.

Das Autodafé dient nicht zuletzt auch der Selbstvergewisserung der beteiligten Masse, die erlebt, zu den Rechtgläubigen zu gehören. In der schaudernden Betrachtung des Leidenswegs des Verurteilten erlebt sie eine Art von Wohlgefühl und Zusammengehörigkeit. 

Hinrichtungen waren immer Volksfeste, von den Zirkusspielen der Römer bis zum Place de Grève in Paris. Deutschland wird zurzeit geradezu überrollt von einer Welle „antifaschistischer“ Demonstrationen, die mit Behörden- und Regierungsbilligung zelebriert werden. Es geht gegen Hass und Hetze, allerdings getrieben durchaus von denselben unappetitlichen Gefühlen. Sie richten sich konkret gegen die AfD oder generell gegen Rechts, und bemerkenswert ist, wie beflissen die CDU dem Treiben zustimmt und versucht, den Kopf aus der Wannseeschlinge zu ziehen, in der sie doch auch steckt. 

Der Spiegel schreibt am 3.2.24 zu der Demo mit ca. 150.000 Teilnehmern in Berlin: „Im Anschluss an die Kundgebung hielten sich die Teilnehmer in einer Menschenkette an den Händen – eine symbolische „Brandmauer“ gegen die AfD um und vor dem Bundestag. Zu den Unterzeichnern des Aufrufs „Wir sind die Brandmauer“ des Bündnisses „Hand in Hand“ zählen Gewerkschaften, Kirchengruppen, Hilfswerke, Mieter-, Sport- und Sozialvereine, aber auch Gruppen wie „Fridays for Future“ und die Nachwuchsorganisationen von SPD, Grünen und Linkspartei – Jusos, Grüne Jugend und Linksjugend. An den Rändern der Demo marschierten auch linksextreme Gruppen wie die Marxistisch-Leninistische Partei oder die israelfeindliche Gruppierung „Young Struggle“ auf.“

Man sieht das Äquivalent der einstigen Zünfte, Bruderschaften, Orden und Standesorganisationen, die an den Autodafés teilnahmen. Spürbar ist jedoch auch das Religiöse, das Händeschütteln, die menschliche Wärme, die gewollt ist. Die Demonstrationsteilnehmer sollen sich dem „rechten Glauben” oder besser gesagt, dem linken Glauben zugehörig fühlen. Der Slogan „wir sind viele” spricht für sich selbst: Diese Demos sind Autodafés, Selbstvergewisserungsereignisse, nicht mehr. 

Sünder und Priester

Es geht nicht wie bei den Bauern um Geld oder bessere Arbeitsbedingungen, es geht um Zusammengehörigkeit, um die Möglichkeit der Projektion: Auf den kollektiven Sünder. Marx würde ihn vielleicht analog zum Gesamtarbeiter „Gesamtnazi” nennen, auf ihn wird alles und jedes projiziert, und natürlich bleiben die Abwehrmaßnahmen der Inkriminierten völlig erfolglos. In Glaubenszusammenhängen an Fakten und Ratio zu appellieren: Geschenkt! Dass das Korrektiv nicht allzu viele gerichtsverwertbare Ergebnisse herausgefunden hat: Geschenkt! Dass etwas anderes gesagt wurde, als kolportiert wird: Vergiss es! 

Dabei wird der Hauptdiabolus gleich benannt, damit die gewünschte allergische Reaktion hervorgerufen wird: Natürlich Höcke (wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden!). Hinzu kommt nun noch Maaßen, der der CDU sehr weh tun könnte.

Nun, auch in Spanien hatte doch öfter der Verurteilte recht. Genutzt hat es ihm gar nichts, wenn er auf dem Scheiterhaufen stand. Hat nicht die Kirche erst vor gut zwei Jahrzehnten Giordano Bruno rehabilitiert, den sie vor Hunderten von Jahren verbrannt hat? 

Die Emulsion der Gesellschaft, die noch für die alte Bundesrepublik typisch war, löst sich auf. Beide Gruppen, die entstehen, protestieren. Auf der einen Seite die Produktiven, die Bauern, die Handwerker und Arbeiter. Auf der anderen Seite die quasi „Priesterkaste” und ihr Fußvolk: Beamte, NGOs, Kirchenangehörige und -beschäftigte, alles, was am Tropf der immer weniger werdenden Wertschöpfung hängt.

Gegen das Vergessen

Zum Schluss noch etwas zur Erheiterung. Die Leserbriefe im Bereich zu den Demonstrationen in der „Welt“ sind durchaus bemerkenswert.

Klaus P. schreibt: „Ich bin begeistert von diesem machtvollen Bekenntnis. So etwas habe ich seit meiner Kindheit und frühen Jugend nicht mehr erlebt: die eindrucksvollen Bilder vom Pionier- und FDJ-Geburtstag, vom Tag der Republik, vom 1. Mai (dem „Kampf- und Feiertag der Werktätigen”), dem Tag der OdF oder den Parteitagen der SED. Stramm durchorganisiert von einem breiten Bündnis aller gesellschaftlichen Kräfte bis hinein in die Schulen und Betriebe, die Hausgemeinschaften und Künstlerkollektive. Dass ich das noch einmal erleben darf 😵‍💫.“ 

Da sage noch einer, die Deutschen hätten keinen Humor.

Und Thomas B. merkt an:

Die unfreiwillige Komik, wenn ausgerechnet Olaf Scholz auf X schreibt: „Ob in Eisenach, Homburg oder Berlin: In kleinen und großen Städten im ganzen Land kommen viele Bürgerinnen und Bürger zusammen, um gegen das Vergessen … zu demonstrieren.“

Kommentar erübrigt sich.

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1 Kommentar. Leave new

  • Gertrud Aumann
    17. Februar 2024 9:50

    Sehr geehrter Herr Geißler,
    Ihr Artikel trifft den Nagel auf den Kopf! Hier wird durch Verunglimpfung eine neue Inquisition geschaffen, welche die Betroffenen hart trifft! Sie zerstört den sozialen Frieden und streckt ihre gierigen Haende bis in die Familien aus! Politischer Diskurs fuehrt nicht selten zu tiefen Zerwuerfnissen, welche manchmal kaum noch zu überbrücken sind! Die Oeffentlich Rechtlichen Medien tragen viel zum Erfolg dieser staatlich verordneten Gehirnwäsche bei, und agieren unisono als Helfershelfer der Regierung. Ihr Auftrag zu informieren, ist aus den Köpfen derer gewichen, die in den Redaktionszimmern das Sagen haben und die eifrig am eigenen Fortkommen arbeiten, das sich in materieller Hinsicht in aberwitzige Höhen erhebt. Wenn man sich ansieht, welch ueppige Gehälter die Damen und Herren Intendanten beziehen, wundert es nicht, daß man sich zum Steigbuegelhalter der Maechtigen machen lässt! Daher freue ich mich sehr ueber den Frühschoppen beim Sandwirt, der sowohl informativ, wie auch interessant ist! Ich danke daher allen Autoren und dem von mir sehr geschätzten Oliver Gorus fuer Ihre Arbeit.
    Ich bin Rentnerin und habe leider nicht die Mittel, um Sie finanziell zu unterstützen, verbreite aber gerne Ihre Artikel, um sowohl zur Aufklärung und Information beizutragen, als auch vielleicht Leute zu erreichen, die in der Lage sind, Sie finanziell zu unterstützen!
    Also noch einmal meinen herzlichen Dank und alle guten Wuensche fuer Sie alle,
    Ihre Gertrud Aumann

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