Ist Bola Tinubu der richtige Mann für einen Neuanfang?

Nigerias Wahlkommission hat am 1. März 2023 Bola Tinubu zum Sieger der Präsidentschaftswahl in Nigeria erklärt. Allerdings haben ihn nur knapp neun Millionen gewählt. Lediglich 27 Prozent der 93 Millionen Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab.

Der Yoruba sprechende Kandidat der Regierungspartei hat einen Abschluss der Chicago State University. Er arbeitete als Wirtschaftsprüfer beim Mineralkonzern Exxon Mobil. In Nigeria wurde er 1999 zum Gouverneur des wichtigen Bundesstaates Lagos (die Stadt Lagos war bis 1991 Nigerias Hauptstadt) gewählt. Er machte ideenreich und effizient aus dem Chaos der unregierbaren 20-Millionen-Stadt ein halbwegs funktionierendes Gemeinwesen: zahlreiche Reformen für jugendliche Arbeitslose, Transport und der Steuerbehörde, deren Einnahmen sich am Ende seiner Regierungszeit 2007 fast verzehnfacht hatten. Er lockte auch ausländische Investoren an. Resultat: das Wirtschaftsvolumen der Stadt war 2007 größer als das der meisten afrikanischen Länder.

In Nigeria gilt Tinubu als graue Eminenz, der sowohl seinem Vorvorgänger Goodluck Jonathan als auch seinem Vorgänger Buhari zum Präsidentenamt verholfen hat. Seine dunkle Seite: Seinen Reichtum soll er als „Drug Lord“ erworben haben: US-Behörden froren 1993 Gelder von Tinubu ein, die angeblich aus dem Heroinhandel stammten. In einem Vergleich – ohne Schuldeingeständnis – zahlte er 460.000 Dollar. 

Geld und Ethnienzugehörigkeit

Bola Tinubu, der „Pate” genannt wird, gilt als einer der reichsten Politiker des Landes. Besser als jeder andere verkörpert er Nigerias hochkorrupte Politoligarchie. Allgemein wird spekuliert, dass er sich nun wegen seines Alters an der Reihe sah, das Amt einzunehmen. Seinen Wahlkampf führte er mit dem vielsagenden Slogan „It’s my turn“. 

Ich kann mir nicht helfen, dieser Slogan erinnert mich an das Buch von Michaela Wrong, „It’s our turn to eat“, über die Korruption in Kenia.

Sein Konkurrent Peter Gregory Obi von der Labour Party konnte sich mit seinem Motto „Kein Land für alte Männer“ nicht durchsetzen. Er erhielt lediglich 25,4 Prozent der Stimmen. Mit 61 Jahren zählt Obi allerdings auch selbst nicht zu den jungen Politikern, obwohl er sich als „Held der Jugend“ bezeichnen lässt. 

In Nigeria ist die Zugehörigkeit zu einer Ethnie sehr wichtig. Es zeigt sich auch bei dieser Wahl, dass die Spaltung des Landes entlang ethnischer und religiöser Linien voranschreitet. Die meisten seiner 6 Millionen Stimmen erhielt Obi – als Igbo und Katholik – im Südosten Nigerias, der Heimat der meisten Igbos. Auch die anderen drei Kandidaten, allesamt Muslime, wurden vor allem dort gewählt wo ihre jeweilige Ethnie die Mehrheit stellt.

Der Aufgabe gewachsen?

Die gesundheitlichen Probleme des 70-jährigen Tinubu (das Alter wird angezweifelt) bieten – wie bei seinem Vorgänger Buhari – Gesprächsstoff: Seine Erscheinung wirkt gebrechlich, seine Sprache ist undeutlich. Bei seinem ersten Auftritt nach der Bekanntgabe seines Sieges wirkte er zerfahren und desorientiert.

Dabei warten große Aufgaben auf den neuen Präsidenten: Das Land ist vor allem durch die Korruption der Machteliten und den geringen Industrialisierungsgrad wirtschaftlich geschwächt. Es fehlt an Arbeitsplätzen, weshalb die Armut in den letzten Jahren weiter gestiegen ist. Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 33 Prozent, bei jungen Erwachsenen sogar bei 42 Prozent. 

Nigerianer stehen in Städten wie Lagos oft stundenlang im Stau. Straßenbahnen gibt es nicht. Viele Stadtteile sind nicht an die Wasserversorgung angeschlossen und Haushalte haben oft tagelang keinen Strom. Auch die Sicherheitslage ist weiter angespannt. Der Kampf gegen die Terrormiliz Boko Haram im Nordosten des Landes ist weiter wichtig für die Stabilität des Landes.

Und was geht uns das alles an?

Europäische Überheblichkeit

Die bisherige Entwicklungshilfe für Nigeria und die meisten afrikanischen Staaten ergibt keinen Sinn, weil die herrschenden Gruppen dieser Länder offensichtlich nur das Ziel haben, sich persönlich zu bereichern. Auch entwicklungspolitische Transferzahlungen haben dabei eine Rolle gespielt. 

Die Kapitalflucht aus diesen Ländern ist höher als die Summe der Entwicklungshilfe-Gelder und der ausländischen Investitionen. Dieser Verlust wird nicht durch die Rücküberweisungen afrikanischer Migranten kompensiert, die vornehmlich familiäre Sozialinvestitionen fördern und nicht eine nachhaltige und breitenwirksame Entwicklung ihrer Heimatländer. 

Im Bewusstsein der afrikanischen Gesellschaften wird systematisch verdrängt, dass die starke Bevölkerungszunahme kausal relevant für Erfolg bzw. Misserfolg von Entwicklungsbemühungen ist, somit die Verarmung vieler Länder Afrikas durch die demographische Entwicklung programmiert ist.

Afrikanische Politiker brauchen eine Besinnung auf die eigenen Stärken, aber auch auf die eigene Verantwortung für die Entwicklung ihrer Länder. Die Geber wiederum missachten mit ihrer Einmischung und ihren Hilfskapazitäten die Würde und die Bereitschaft zur Eigenverantwortung der Menschen in Afrika. Mit unserem paternalistischen Verhalten gegenüber Afrika muss Schluss sein; wir haben keineswegs immer die richtigen Lösungen anzubieten. Die Entwicklung Afrikas muss – wie z.B. in Botswana, Mauritius oder Ruanda – von innen kommen.

Beiläufig bemerkt: Woher nehmen wir eigentlich das Recht, durch „Entwicklungshilfe“ in das Leben von Menschen einzugreifen und es zu verändern, die auf andere Weise als wir ihre Existenz gestalten, mit anderen Wertvorstellungen und anderen Lebensumständen?

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2 Kommentare. Leave new

  • Hans-Ulrich Seidt
    16. März 2023 10:14

    Herzlichen Dank für diese sachkundige Bewertung der Wahlen in Nigeria. Sie wäre vielleicht am Ende durch den Hinweis zu ergänzen, dass das Land in absehbarer Zeit 500 Mio. Einwohner zählen und zu den bevölkerungsreichsten Ländern der Welt gehören wird. Der kritische Hinweis auf die ideologischen Grundlagen der westlichen Entwicklungshilfe ist ernst zu nehmen. Letztlich handelt es sich um “Liberalimperialismus”.

    Antworten
  • Volker Seitz
    16. März 2023 12:30

    Danke für die Blumen. Ihr Hinweis auf die rasante Bevölkerungsentwicklung ist völlig richtig. Ich habe das schon sehr oft andernorts thematisiert.

    Antworten

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