Brüderlich ohne Staat?

In einer libertären Welt, wer kümmert sich um die Armen? Wie soll es sozial zugehen ohne Staat? – Schauen wir dazu einmal ganz empirisch zurück in die Zeit vor der Geburt des Wohlfahrtsstaats: Wir können uns leicht vorstellen, dass Hilfe nur unmittelbar möglich war, durch Familie, Nachbarn oder Dorfgemeinschaft. Immer hat der Geber dem Nehmer in die Augen geblickt und empfand Mitleid. Und immer hat der Nehmer dem Geber in die Augen geblickt und war dankbar. Eine selbstverständliche Selbstbedienung an anonym enteigneten Gütern konnte es nicht geben. 

Der Normalfall: private Wohlfahrt 

Seit Jahrhunderten gab und gibt es Stiftungen derer, die Erfolg und Glück gehabt hatten. Einerseits setzten sie sich so ein eigenes Denkmal, anderseits bedeuteten die Stiftungen echte soziale Verbesserungen. Die Beweggründe waren häufig religiöse Dinge, die die meisten heute gar nicht mehr verstehen. 

Jakob Fuggers Sozialwohnungen von 1521 in Augsburg sind heute immer noch lebenswert. Die 140 Wohnungen in 67 Häusern werden noch immer aus dem Stiftungsvermögen unterhalten. Dort wohnen 150 katholische Augsburger, die Miete beträgt für jeden von ihnen einen knappen Euro im Jahr plus einmal täglich je ein Vaterunser, ein Glaubensbekenntnis und ein Ave Maria für den Stifter. Ich empfehle Ihnen, sich einmal den frei zugänglichen Film über die „Fuggerei“ des großen Dokumentarfilmers Dieter Wieland anzusehen. Überhaupt ist er in seinen Werken ein außergewöhnlicher Erklärer und unterstützt dabei, die eigene Kultur zu erkennen und zu bewahren.

Die altehrwürdigen Ritterorden, die sich den Kreuzfahrern ab dem 11. Jahrhundert angenommen hatten, waren zu christlichen, karitativen Zwecken gegründete Ordensgemeinschaften von Rittern – heute sind sie nicht mehr zu Pferd, sondern mit den Rettungswagen unterwegs: der katholische Zweig als Malteser, der protestantische Zweig als Johanniter. 

Die großen, im 19. Jahrhundert gegründeten protestantischen Stiftungen im Norden: die Neinstedter Anstalten, die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, die das größte Sozialunternehmen Europas sind, die Pfeifferschen Stiftungen – das Land ist übersät mit privaten Stiftungen, die noch immer aktiv sind. 

In den süddeutschen Dörfern gibt es unzählige Armenhäuser, Genossenschaften zur Selbsthilfe der Bauern und der Arbeiterschaft mit eigenen Wohnungen und Krankenkassen. Viele große Unternehmer des 19. Jahrhunderts haben sich ebenfalls für ihre Arbeiterschaft eingesetzt. Es gibt etliche Zeugnisse der privaten, freiwilligen Wohlfahrt aus der Zeit vor dem Wohlfahrtsstaat. 

Erst seit 1926 werden die Freien Wohlfahrtsverbände (Caritas, Diakonie, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Arbeiterwohlfahrt (AWO) und Rotes Kreuz) auch mit öffentlichen Fördermitteln unterstützt, sie sind dennoch bis heute immer noch vom Ehrenamt getragen.

Bismarcks Kulturbruch

Ende des 19. Jahrhunderts wurden plötzlich staatliche Stellen aktiv, um die soziale Frage zu klären. Die Industrialisierung deckte die Not der Arbeiter auf, die vorher auf dem Lande geknechtet worden waren oder jedenfalls ein karges Dasein fristeten. Für diese war der Weg in die Stadt und die harte Arbeit ein Aufstieg, auch wenn heutige Maßstäbe das unwürdig erscheinen lassen. 

Letztlich hat Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts versucht, den Aufstieg der Sozialdemokraten mit den staatlichen Kassen zu bremsen und so seine Macht zu erhalten. Dieser neue, von ihm geschaffene Rechtsanspruch auf soziale Sicherung bedeutete einen Bruch mit der alten liberalen Ordnung. 

Das waren die ersten Millimeter des langen Wegs in die Knechtschaft: Seit dieser Zeit ist soziale Hilfe nicht mehr ganz freiwillig, sondern gründet zu großen Teilen auf Zwang. Seitdem nutzen Politiker diese und andere scheinbar kostenlosen Verführungen zum eigenen Vorteil und übersehen dabei grundsätzlich immer, was aus den eingezogenen Mitteln hätte werden können und wie viel freiwillige Solidariät und Fürsorge dadurch verdrängt worden ist. Meter für Meter ging es seitdem unter dem Vorwand der „sozialen Gerechtigkeit” weiter auf dem Weg in die Knechtschaft, an dessen Ende „das Ideal” der wohlorganisierten und behüteten Gefängniszelle steht: der Stall zur Verhausschweinung des Menschen.

Wenn heute jeder einen Anspruch darauf hat, seine Untätigkeit mit dem eingezogenen Geld der Nettosteuerzahler alimentieren zu lassen, und zwar neuerdings sogar jeder auf der Welt, der Lust hat, deutschen Boden zu betreten, dann ist das eine gigantische Überdehnung, ja Perversion des ursprünglichen Gedankens, in höchster Not aus freien Stücken Hilfe zu leisten. 

Mit Bismarck fing das Unheil an. Er rechtfertigte sich so: „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte.“ – vielleicht war das noch irgendwie gut gemeint. Aber damit war eine Entwicklung losgetreten, in deren Folge sich der ganze Staat verhedderte, sich immer mehr übernahm und heute mit der Last der sozialen Pflichten, die er sich selbst aufgebürdet hat, vollkommen überfordert ist – während die private, freiwillige Fürsorge an den Rand gedrängt und ihrer Mittel beraubt wurde. Wäre der Schuster mal bei seinen Leisten – den Kernaufgaben – geblieben!

Das Wunder der Spendenbereitschaft

Ohne Staat, wer würde die Mittel für Bürokratie, Munition und Propaganda ausgegeben? Und wer würde den Menschen den Sinn im Leben rauben, indem sie fürs Nichtstun bezahlt werden? Oder wer würde dann die Produktiven bis zur Aufgabe ausrauben?

Als Wunder erscheint da die noch immer gewaltige private Spendenbereitschaft in Höhe von fast sechs Mrd. Euro p.a. in Deutschland, meist zugunsten der großen Träger. 

Ist es nicht erstaunlich, dass noch immer so viel Hilfe geleistet wird, obwohl man den Staat schon dafür bezahlt hat? Eine Welt auf Basis freiwilliger Interaktionen würde gewiss noch mehr davon erzeugen. Leider ist die Fantasie der Meisten nicht sehr ausgeprägt. Im Gegenteil, eine liberale Welt gilt dem Michel merkwürdigerweise als egoistisch. Dabei ist die grundlegende Ethik freiwilliger Kooperation immer noch weitgehend unbekannt. 

Dass eine Handlung unter Zwang aber nicht mehr moralisch sein kann und dass die eigene Würde abstirbt, wenn man einen staatlichen Aufseher braucht, um zu überwachen, wie man seine Pausenbrote teilt, ist doch eigentlich unmittelbar einsichtig. 

Moral kann man erst leben, wenn man sich selbst beherrscht, sich selbst zum Guten entschließt und aus freien Stücken Handlungen aus Nächstenliebe ausführt. Solidarität ist freiwillig per Definition. Sie entsteht bereits als lebendiges Gefühl, das Richtige zu tun, wenn man sieht, wie die eigenen aus freiem Willen gespendeten 20 Euro einen echten Effekt auf ein anderes Leben haben können. 

DonorSee.com

Schauen wir dazu auf das Konkrete, das von Libertären ausgeht, wie zum Beispiel Gret Glyer mit seiner Seite DonorSee, einer klugen Organisation zur direkten Hilfe. Während einer beruflichen Entsendung nach Malawi hat Gret Glyer für eine arme Frau private Hilfe organisiert, deren Dach für 700 Dollar repariert werden musste. Mit geringen Mitteln, konnte dort Großes passieren. Die Spender, zunächst aus seinem persönlichen Umfeld, haben gesehen, wie gut das funktioniert. Das nächste Projekt entstand daraus wie von selbst: Der Bau einer kleinen Schule für 100.000 Dollar folgte. Und dann ging es weiter, immer besser organisiert. 

Heute werden mit großer Effizienz unter Donorsee.com mit kleinen Beträgen Leben gerettet, Kleinunternehmer gestützt, Ausbildungen vollendet – und immer sieht man dabei den Empfängern der Spenden in die Augen und weiß, dass man etwas Gutes tut, direkt an der richtigen Stelle. Bei den meisten Projekten läuft das ohne jeden Anteil für die Plattform ab, wenn ich das richtig verstanden habe. 

Die richtige Ausgangsfrage ist immer: Wo kann ich mich selbst lokal und direkt für etwas Konkretes, etwas Sinnvolles engagieren? – Meistens gibt es liebe Leute vor Ort, die genau wissen, was fehlt. Dezentralität ist hier die zielführende Struktur. Außerdem nutzen solche Initiativen heute die Vorteile neuer Technologien: ohne Mittler und Gatekeeper, dezentral und selbstorganisiert, direkt und unmittelbar – alleine schon das Smartphone kann echte soziale Verbindungen schaffen.

Selbst und direkt

Derzeit existieren über 25.000 Stiftungen in Deutschland, 90 Prozent davon sind gemeinnützig, und manche erfüllen ihren Zweck schon seit Jahrhunderten. Noch immer existiert heute auf diese Weise großartiges bürgerschaftliches Engagement, wo Menschen eigenes Vermögen freiwillig abtrennen und einer anderen juristischen Person übergeben, die lediglich den Stiftungszweck verfolgen darf. – Was für ein Kontrast zum übergriffigen Staat, der sich einfach nimmt, was ihm laut seiner eigenen Rechtsetzung zusteht! 

Da der Staat stets mehr ausgibt, als er sich nimmt, reicht das Genommene nie aus – weshalb der Staat zusätzlich auch noch mit Wumms und Doppelwumms die Bürger verschuldet, das Geld der Bürger heimtückisch inflationiert und so die Kaufkraft den Bürger nicht nur offen, sondern auch noch im Verborgenen entzieht. Der Staat lebt von Enteignung! Wie sollte sein Wirken je „sozial” sein?

Meine Empfehlung an Sie, liebe Sandwirt-Leser: Machen Sie diese Weihnachten den Wohlfahrtsstaat noch ein kleines bisschen überflüssiger und spenden Sie für direkte Hilfe – finanzieren Sie nicht die Bürokratie der halbstaatlichen Wohlfahrtsindustrie, die eigene Prioritäten hat, was mit Ihrem Geld zu tun ist (vor allem Plakate produzieren!).

Öffnen Sie also bitte ihren dezentralen mullvad-Browser und geben sie bei DuckDuckGo oder Presearch einmal „Mütterhilfe“ ein oder dergleichen, was Ihnen eben am Herzen liegt …

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Der nächste Gang …

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Auf dem Plattenspieler: Morrissey

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