Cancel Culture für Fortgeschrittene

In den letzten Wochen geisterte eine Meldung aus dem bescheidenen Neu-Ulm durch die Presse: Die Musikerin und sonst eher unbekannte Künstlerin Ariane Müller hatte eine Petition gestartet: Sie möchte das Böhse-Onkelz-Konzert, das im Sommer 2024 in Neu-Ulm stattfinden soll, verhindern, da sie sich vor den mutmaßlich rechtsradikalen Fans der Band fürchtet. Künftig sollten doch bitte solche Konzerte hinter den Alpen stattfinden, meint die auch sonst total frech und fresh auftretende Künstlerin augenzwinkernd. 

Gut, dass jeder Deutschrap-Akt deutlich sexistischer, misogyner und auch aggressiver auftritt als die Onkelz, scheint Frau Müller nicht weiter zu tangieren. Mit denen legt man sich auch besser nicht an. Dass im Jahre 2023 immer noch Leute auf die Idee kommen, die Onkelz canceln zu wollen, ist aber dennoch kurios.

Cancel Culture? Gibt es nicht!

Ok, ich höre jetzt schon die ersten links-woken Trolle im Internet brüllen: Aber es gibt doch gar keine Cancel Culture! Die Antifa gibt es doch auch nicht. Alles rechte Verschwörungstheorien! Ja, dass es die Antifa wirklich nicht gibt, wissen wir spätestens, seitdem wöchentlich aggressive Palästinenser-Demos durch deutsche Großstädte ziehen. Kein Bündnis für Demokratie und Vielfalt weit und breit, dass sich dem aggressiven Mob entgegenstellt.

Aber, wie ist es jetzt mit der Cancel Culture? Gibt es diese am Ende auch nicht?

Werfen wir doch gemeinsam ein Blick in das Geschichtsbuch. 

Die Mutter der deutschen Cancel Culture

Am 17.06.1953 kam es in der DDR zum Volksaufstand. Die Ursachen dafür waren so vielfältig wie die Passagiere des Linienbusses in Berlin-Neukölln: Arbeitsbedingungen, Güterverteilung, Protest gegen den Sozialismus und die damit verbundenen Repressalien. Gründe gab es genügend. Für die DDR Führung war der Protest dennoch ein ziemlicher Schock, zumal er ausgerechnet von den Arbeitern ausging, im selbsternannten Arbeiter- und Bauernstaat. Als Erklärung mussten die „faschistisch-subversiven Kräfte“ aus dem Westen herhalten, welche die braven Bürger der DDR aufgewiegelt hätten. 

Kommt Ihnen bekannt vor? Tja, bis heute wird Kritik an Linken gerne als pauschal „rechts“ gelabelt. Der Ursprung dafür liegt sicher auch in der DDR-Agitation. Von der DDR lernen heißt ja auch … naja, lassen wir das. 

Im Nachgang musste sich die DDR etwas öffnen, um die eigene Bevölkerung zu besänftigen. Auch musikalisch kam es teilweise zu Kompromissen. Waren Beat-Kapellen aus dem Westen lange Jahre ein rotes Tuch, so duldete und förderte man doch hier und da eigene Beat-Bands. Eine davon waren die Butlers.  

Born in GDR

1965 erhielt die Band ein Auftrittsverbot. Dieses wurde aber nach Protesten 1967 wieder aufgehoben. Ab da nannten sich die Butlers „Klaus Renft Combo“. Man gab sich zwar unpolitisch, eckte aber dennoch mit unbekümmerten Texten über Freiheit, Privateigentum und Fluchtgedanken immer wieder an. So sehr, dass die Band 1975 kurzerhand vom Regime aufgelöst wurde. Kaum auszudenken, was los gewesen wäre, wenn Olaf Scholz „Lord of the Lost“ nach dem diesjährigen ESC-Fiasko kurzerhand aufgelöst hätte …

Ja, ich weiß. Wir leben in keiner Diktatur mehr und die DDR ist glücklicherweise genauso Geschichte, wie hoffentlich bald die SED-Nachfolger im Bundestag. Dennoch passt das Argumentationsschema, das häufig von der DDR gebraucht wurde, auch heute noch für die radikale links-woke Szene.

Hexenjagd 4.0

Nehmen wir doch mal das Beispiel Rammstein. Die Band spielt seit jeher mit der Bipolarität der Deutschen. Das missfällt vor allem den Vertretern der linken Szene. Vor einigen Monaten meldeten sich nun junge Frauen, die angaben, auf Aftershowpartys der Band unter Drogen gesetzt worden zu sein, damit sich der Sänger über sie hermachen konnte. Groß war der Aufschrei! Man sammelte Gelder für die Frauen, damit sie sich die anstehenden Gerichtsverhandlungen leisten konnten. Im Internet machten linke Rambos gegen die Band mobil, einige Promis setzten mutige Zeichen und einige Konzerte mussten abgesagt werden. 

Zu der großen Verhandlung kam es dann letztendlich nicht. Der Verdacht erhärtete sich nicht. Oder anders gesagt: Es war nichts dran an den Verdächtigungen. Entschuldigungen gab es natürlich keine.

Die Band ist trotzdem noch dick im Geschäft, da sie auf eine sehr loyale Fanbase setzten kann. Das haben wohl einige Leute gründlich unterschätzt. Ähnlich wie bei der durchschaubaren Kampagne gegen Hubert Aiwanger, kurz vor der Wahl in Bayern. 

Böhse fürs Leben

Oder eben wie bei den eingangs erwähnten Onkelz. Diese begannen als Punkband, wurden dann Skins. Als die Szene immer mehr nach rechts abdriftete, wurden sie zu einer Rockband. Schnell erlangten sie Kultstatus und schossen in den Charts immer weiter nach oben. Sehr zum Missfallen der selbsternannten linksliberalen Szene. Ob nun Ärzte oder Tote Hosen. Beide haben zwar nur sehr zögerlich auf den brutalen Hamas-Angriff auf Israel reagiert, aber bei den Onkelz zeigten sie stets klare Kante! 

Dass es vielleicht kontraproduktiv sein könnte, eine Band, die den Ausstieg aus der Skin-Szene geschafft hat und sich stets klar gegen rechts positioniert hat, auszugrenzen, kam beiden Bands nicht in den Sinn. Wahrscheinlich ging es ihnen dann doch um etwas anderes. Gegen den ehemaligen Gitarristen der Rechtsrocker von Störkraft scheinen beide Bands hingegen nichts zu haben. Liegt es vielleicht daran, dass er sich nach seinem Ausstieg der linken Punkband 4 Promille angeschlossen hat? 

Wer weiß.

Womöglich liegt es aber auch an den Texten der Onkelz. Diese zielen stets auf die Individualität ab und machen den Menschen Mut, ihren Weg eigenverantwortlich zu gehen. Als ob das mit der Eigenverantwortung nicht schon schlimm genug wäre, besingen sie auch noch schonungslos die Freiheit. Ja und spätestens hier ist eben Schluss mit lustig. Bürgerliche Werte zu vertreten geht gar nicht! Wo kämen wir da hin?

Die Cancel Culture stößt an ihre Grenzen

Trotz Kampagnen gegen die Onkelz, trotz Songs gegen die Onkelz und trotz negativer Presse gegen die Onkelz hat die Band eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Wahrscheinlich sogar deshalb, weil sie so gehasst wurden. Ähnlich ging es auch der Band Frei.Wild aus Südtirol. Sie machte sich schuldig, nicht auf ihre Heimat zu schimpfen, sondern sie zu lieben. Deshalb sagten einige Bands aus Protest ihre Teilnahme am Echo 2013 ab, wo die Band mit eben diesem Preis ausgezeichnet werden sollte. Ende vom Lied? Die Band erhielt den Echo dann halt 2016.

Ja, die Cancel Culture ist und bleibt etwas, das für Bürgerliche und ganz besonders für Liberale nur sehr schwer zu verstehen ist. Kann nicht jeder Mensch selbst entscheiden, welche Musik er gerne hören möchte? Ist die linke Ideologie wirklich so schwach, dass sie alle anderen Ideen verbieten muss, damit die Menschen dann erst links gut finden? Vielleicht haben uns aber auch Die Toten Hosen im Text zu dem Song „Paradies“ schon verraten, um was es wirklich geht: „Ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dorthin so schwierig ist (…)“ 

Die Onkelz sind den schwierigen Weg mit Erfolg gegangen, auch und weil es Linken nicht gepasst hat. Möglicherweise wäre es für einige linke Interpreten keine schlechte Idee weniger zu meckern, die politische Meinung zuhause lassen und sich mehr auf die eigenen lyrischen Ergüsse zu konzentrieren.

Beitrag teilen …

Der nächste Gang …

Hubert Geißler Blog

Das geerbte Trauma

Mixmasta B.Side Blog

Auf dem Plattenspieler: Marvin Gaye

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Fill out this field
Fill out this field
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed