Der Spalt, in dem „Citizen Vigilante“ Raum greift
Diesen Text gibt es auch als Episode im Podcast des Sandwirts: Hier.
Wäre der Film „Citizen Vigilante“ nicht verboten worden, hätte ihn wohl (fast) niemand gesehen. Das grelle Licht des behördlich induzierten Streisand-Effektes nötigt also gleichsam dazu, das Werk zu betrachten.
An seiner äußeren Oberfläche wirkt der Streifen wie eine kostengünstigere Variante herkömmlicher Quentin-Tarantino-Stücke: Blut- und gewebespritzende Gewaltexzesse reihen sich bildermächtig aneinander, Waffen aller möglichen und unmöglichen Art werden präsentiert; es knallt und raucht und brennt und kracht. Schmerzschreie aller Art sind – dem Genre entsprechend – selbstverständlich auch in die Tonspur eingewoben, vom Knochenbruch der jugendlichen Parkanlagenrowdys über die zerschossenen Kniegelenke eines Gruppenvergewaltigers bis hin zum abgeschlachteten SWAT-Kämpfer. So weit, so nervenzehrend.
Auffällig allerdings ist, daß der Protagonist mit seinem Selbstbild, außer- und oberhalb des Gesetzes zu stehen, nicht ansatzweise zum Ankerpunkt falscher Zuschauersympathie ausgebaut ist. Mit wenigen klaren Strichen wird klargestellt: Hier handelt ein Soziopath, ein selbst ungeliebtes Kind mit fehlender menschlicher Bindung; ein eiskalter Vollstrecker eigener Ordnungsvorstellungen. Inmitten eines gekauften Liebesaktes interessiert ihn vordringlich ein Feuchteschaden im Mauerwerk des Bordells; jedes wirkliche Interesse an anderen Menschen ist diesem Ex-Soldaten völlig fremd. In seiner Weltkonstruktion als vollstreckender Geschäftsführer einer Über-Gerechtigkeit ohne Auftrag gibt es selbst für den Richter, den er ermordet, kein rechtliches Gehör; dem Betäubten wird nur noch einmal erläutert, was er alles nicht verstanden habe.
Gesellschaftspolitisch und für die juristischen Seminare liefert der tabuisierte Plot sein Kernthema meines Erachtens an ganz anderer Stelle: Im Raum steht die Frage, ob der Justiz gelingt, die menschheitsgeschichtlich ungesehene Zusammenkunft unterschiedlichster Modelle des Zusammenlebens mitsamt ihren vielen überforderten wie verirrten Individuen aufgabenadäquat so zu moderieren, daß gerichtliche Entscheidungen den Bezug zu den Akzeptanzvorstellungen innerhalb eines Landes nicht verlieren. Anders gesagt: Wenn die Judikative das Vertrauen der Bürger verliert, in den Gerichten werde Recht erkannt und gesprochen, dann entsteht genau jener Spalt, in dem die Anmaßung von Selbstjustiz Raum greift.
Es gehört zu unserer europäischen Rechtskultur, Justiz im öffentlichen Raum stattfinden zu lassen, gerade um dem Eindruck der Hinterzimmerrechtsprechung aktiv entgegenzuwirken. Auch hier hat das Internet seine Konsequenzen: Eine kritische Öffentlichkeit, die Gerichte beobachtet, ist nicht länger auf den Zuhörerraum beschränkt oder durch den Filter des Lokalreporters restringiert. Die Überzeugungskraft einer Urteilsbegründung muß vielmehr hinreichen, potentiell jedermann für eine Zustimmung zu ihrem Ergebnis zu gewinnen. Inmitten einer weltanschaulich tief gespaltenen Gesellschaft kann das nicht durch ideologische Parteinahmen gelingen, sondern einzig durch klare, präzise rechtliche Erwägungen.

Das vom Strafrecht abzudeckende ethische Minimum einer Gesellschaft trägt – gerade wegen seines Charakters als Minimum – den Vorteil seiner Übersichtlichkeit in sich: Auf die Ungeheuerlichkeit einer Gewalttat muß nachvollziehbar reagiert werden. Bleibt der Eindruck eines Vergeltungsmangels, brechen die Schleusen und einsame Soziopathen glauben sich gerufen; fehlt einer Tat hingegen wirklich einmal das strafbegründend Ungeheuerliche, dann muß auch das Absehen von Strafe in diesem Fall nachvollziehbar und vernehmlich kommuniziert werden.
Allerdings hebt der Film auf seine absonderliche Weise den mahnenden Finger nicht nur in Richtung der Justiz. In einem Nebensatz, anläßlich der Tötung eines entgegenkommenden Autofahrers zur Untermauerung der Plausibilität seiner These, rügt der Protagonist den Gesetzesbefolgungsgehorsam seiner Mitmenschen auch in Situationen, die ein Abweichen vom Normbefehl erforderten; Gesetze müssen das Recht formulieren, andernfalls zerreißt die Legislative ihre Gesellschaft.
Ob die Macher des Films sich diese Fragen gestellt haben, weiß ich nicht. Spätestens nach dem Versuch, das Werk zu verbergen, sollte man sich aber auf die Suche nach Antworten machen. Denn erfahrungsgemäß erweist sich gerade das immer am wirkmächtigsten, was irgendwer auf den Index stellt.
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4 Kommentare. Leave new
Typisch für Juristen wie Carlos Gebauer ist, dass sie in ihrem Rechtspositivismus gefangen sind. Nur das geschriebene Gesetz gilt.
Das Naturgesetz des Ausgleichs und der Gerechtigkeit. Ist Ihnen in dem Maße fremd, wie sie die Gesetze die Naturgesetze zu ihrer Bequemlichkeit vergewaltigt haben.
Nein, der Protagonist ist kein Psychopath.
Er stellt die Frage, wie weit darf die Justiz, die Legislative, diese Naturgesetze außer Kraft setzen, um ihre eigene Ideologie, vor allem aber auch ihre eigene unhinterfragbare Position zu rechtfertigen? „Ihr furchtbaren Juristen“, nicht nurFilbinger (!) habt es bis heute versäumt, die Mitschuld an dem grausamsten Verbrechen des letzten Jahrhunderts aufzuarbeiten.
Mir fehlt bei allen Juristen – Gesetzgeber, Justiz, Verwaltung, die Frage nach der eigenen Verantwortung für den Zerfall der Gesellschaft.
In dieser eurer hybris erfahrt ihr tatsächlich breite Unterstützung, von allen parasitären Profiteuren des systemischen Versagens – DAS IHR JURISTEN ERSCHAFFEN HABT! Angefangen, bei den Politikern über die Rechtsanwälte krimineller Migranten, die Verwalter des Chaos in den MigrationsBehörden und BürgerÄmtern. 100tausende Beamte und Angestellte, die davon leben, die Gesellschaft zu zersetzen.
Einem Carlos Gebauer hätte ich zugetraut, vom Hohen Ross des Strafrechts abzusteigen und grundsätzlichere Fragen zu stellen.
Ihr als Juristen, kommt bitte mal ganz schnell herunter von eurem hohen Ross, über den Film urteilen zu können. Ihr (!) seid am zustandekommen des Films mehr als mitschuldig!
Wie sich der KadaverGehorsam unter dem Deckmantel des Rechtspositivismus, in der Gesetzgebung und Gesetzes- Ausübung bis zur Verwaltung breitgemacht hat, ohne je eine leise Frage nach dem Gewissen zu stellen: wo denn die Naturgesetze bleiben? Das ist unerträglich geworden für den „gewissenhaften“ Bürger.
Denn ihr Juristen – ihr habt kein Gewissen! Das wäre die moralische Instanz, die es anzurufen gilt, wenn das geltende Recht, das Naturrecht bricht!
Von Freisler bis Filbinger- IHR, die furchtbaren Juristen hatten und haben bis heute nicht den Hauch einer Selbstkritik übrig für die massenhaften Verbrechen, die sie eben nicht sanktioniert haben. Auch heute noch!
Warum steht das Naturgesetz der körperlichen Unversehrtheit nicht mehr über der so genannten Religionsfreiheit bei Beschneidung von Vorhaut und Klitoris?
Ihr unterstützt die Barbaren.
Und die sie heute wieder verharmlosen, vertuschen und für die sie mit verantwortlich werden. Und deswegen spreche ich und die Mehrheit der Bevölkerung inzwischen euch die Autorität ab, in solchen Fragen überhaupt führend mitentscheiden zu dürfen.
Vom Fraktionszwang, bei der GesetzesEntscheidung und Stimmabgabe im Bundestag, über die Besetzung von Staatsanwälten und Richtern – die Entkernung des Grundgesetzes wird inzwischen von ehemaligen Verfassungsrichtern ganz klar benannt.
Und die Bevölkerung versteht es inzwischen auch
Aber keiner von euch schämt sich?!
Diese gut durchdachten Analyse werde ich gerne teilen, sobald Liebesakt korrigiert wurde. Ich habe in diesem Film keine Liebe wahrnehmen können.
Das vom Strafrecht abzudeckende ethische Minimum Da haben wir doch schon den Salat. Von der Justiz ist inzwischen abgedeckt, wenn man jemanden eine „hässliche Frau“ nennt, einen Politiker „Schwachkopf“, die Trans-Nachbarin „Klaus“. Das ist eine Inflationierung im Strafrecht, die dazu führen muss, dass immer mehr Menschen nach irgendeinem Social-Media-Post-Strafbefehl denken: Wenn ich schon Verbrecher bin… lebt es sich ungeniert. Das zieht letztlich eine Verrohung und Radikalisierung der Menschen nach sich, der dann die Justiz wie in England zu bestaunen mit noch repressivere Methoden begegnen wird. Es sind die Geister, die sie riefen. Inzwischen halte ich aber nicht mehr für unmöglich, dass diese Geister genau deswegen und absichtlich gerufen werden, um Gesellschaften implodieren zu lassen. Denn das bietet die Möglichkeit und Legitimation, deren Grundpfeiler neu zu setzen.