Das allmächtige Sommerloch

Am Wochenende war ich auf Klassentreffen. Auch wenn es bei mir erst knapp 20 Jahre her ist, muss ich gestehen: Ich habe einige Leute kaum wiedererkannt und war komplett überrascht, dass einige nicht nur in meiner Klasse, sondern auch im Sportunterricht angeblich in meiner Volleyballmannschaft gewesen waren. 

Wie die Zeit vergeht. 

Mein Sitznachbar hat mir später am Abend dann erzählt, wie der toll er es fand, dass ich damals überall in der Schule „Free-Tibet”-Plakate aufgehängt habe.

Was habe ich gemacht? Ernsthaft? Was man doch alles in seiner Jugend so anstellt … Ich kann mich an mein erstes Mal Dosenstechen erinnern. Aber ich muss zugeben, dass mit den Plakaten hatte ich komplett vergessen. Als er es mir erzählte, viel mir allerdings ein, dass mir als Konsequenz unser, sagen wir es höflich, „linksliberaler“ Religionslehrer als einzigen statt einer Eins eine Drei aufs Zeugnis geknallt hat. 

Aiwanger und das Pamphlet 

So oder so ähnlich ging es wahrscheinlich auch Hubert Aiwanger in den letzten Wochen. Dieser sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei ein Antisemit. Vor 37 Jahren hatte er ein an Widerwärtigkeit kaum zu toppendes Pamphlet im Rucksack, dass sich über die Leiden der Juden in Auschwitz lustig machte, jedenfalls kann man das so deuten. Dieses Flugblatt wurde von Aiwangers ehemaligen Lehrer, SPD-Mitglied, an die Presse gegeben. Schnell kam der Verdacht auf, Aiwanger persönlich hätte diese ekelhafte Hetzschrift verbrochen. Wenige Tage später meldete sich allerdings Aiwangers Bruder zu Wort und erklärte, er hätte das Pamphlet damals verfasst und in der Schule verteilt. Hubert wollte es nur einsammeln, um ihn (den Bruder) vor Schaden zu bewahren. 

Der eigentliche Skandal

Nun ging die Party richtig los. Die einen verurteilten Aiwanger und forderten seinen Rücktritt. Die anderen warfen der SZ vor, sie hätte die Geschichte, die wohl schon länger bekannt ist, aus wahltaktischen Gründen hochgekocht.  

Egal, wo man steht, was man Hubert Aiwanger definitiv vorwerfen muss, ist der skandalöse Umgang mit dem ganzen Vorfall. Nur äußerst zögerlich bezog er Stellung gegen den Ungeist des Antisemitismus. Auch seine Bereitschaft, die Geschichte aufzuklären, kann man als eine Frechheit bezeichnen.

Allerdings müssen sich schon einige Journalisten, Promis und vor allem Politiker die Frage gefallen lassen, ob es Ihnen wirklich um die Aufklärung des Vorfalls geht. Oder soll lediglich versucht werden, die Freien Wähler als Schmuddelkinder, vergleichbar mit der AfD, hinzustellen? 

Denn, wo waren die ganzen Berufsempörten, als Nemi El-Hassan, die immerhin 2014 an der berüchtigten Al-Quds-Demo teilgenommen hat, die Moderation von der WDR Sendung „Quarks“ übernehmen sollte? Oder geht es am Ende doch nur darum, bürgerliche Mehrheiten zu verhindern, damit Kleinparteien wie die Grünen oder die SPD trotz miserabler Wahlergebnisse an der Regierung beteiligt werden? 

Wie dem auch sei, Aiwangers Inszenierung als Opfer wurde ihm jedenfalls auf dem Silbertablett serviert und scheint aufzugehen. Die Freien Wähler können sich momentan über einen sprunghaften Anstieg in den Umfragen freuen. Vielleicht sollte man an dieser Stelle auch einmal darüber nachdenken, ob man es mit der „Nazikeule“ in den letzten Jahren nicht übertrieben hat, da diese offensichtlich ihren Schrecken verloren hat.

Nancy, Jan und Arne

Während über Aiwanger in unserem heißgeliebten ÖRR rauf und runter berichtet wird, findet ein anderer Skandal kaum Beachtung. 

Jan Böhmermann konfrontierte in seiner Sendung den BSI-Chef (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) Arne Schönbohm mit ziemlich harten Vorwürfen und seiner angeblichen Nähe zu Russland. Dieser Arne Schönbohm wurde daraufhin von Innenministerin Nancy Faeser entlassen. Ende gut, alles gut? Nicht ganz, im Frühjahr kam heraus, dass anscheinend an den Vorwürfen doch nicht so viel dran ist. Außerdem soll Faeser den Verfassungsschutz mit eingeschaltet haben, um diesen „unliebsamen“ Beamten los zu werden. Ups. 

Inzwischen wurde eine Befragung im Innenausschuss des Bundestags anberaumt, um den Vorfall aufzuklären. Leider war es Nancy Faeser bisher nicht möglich, vor dem Ausschuss auszusagen. 

Wenn Sie jetzt glauben, dieser Skandal wird in allen ÖRR-Talkshows, Politik- und Satiresendungen hin und her diskutiert, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Keine Zeit, keine Lust, was ist schon das BSI?! Außerdem steckt Nancy ja auch mitten im Wahlkampf.  

Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit

Wo wir gerade beim Thema sind. Die Anschuldigungen gegen den Rammstein-Sänger Till Lindemann haben sich juristisch ebenfalls nicht erhärtet. Er wurde kürzlich von allen Anklagepunkten freigesprochen. Dabei hatte die total seriöse Amadeu-Antonio-Stiftung schon über 800.000 € an Spenden für mutmaßliche Rammstein-Opfer gesammelt. Die Gelder sollen nun für die Beratung und Betreuung der mutmaßlichen Opfer eingesetzt werden. 

Ob damit auch die Frauen gemeint sind, die seit 2015, durch die sprunghaft gestiegenen Fälle sexueller Gewalt, Opfer wurden, bleibt indes offen. Harald Schmidt brachte es im Fall Till Lindenmann jedenfalls gut auf den Punkt, als er sinngemäß meinte, dass es eben einige Leute gibt, die eine Einladung zu einer After-Show-Party aktiv anstreben. Dass dort nicht nur Mikado gespielt wird, sollte auch jedem klar sein. 

Auf der falschen Party

Harald Schmidt ist seit einigen Wochen ebenfalls in aller Munde. Grund ist ein Foto, dass ihn auf einer Party der „Weltwoche“ mit Hans-Georg Maaßen und Matthias Matussek zeigt. Ich muss zugeben, vom Letzteren hatte ich bisher eher wenig gehört. Aber gut, ehemalige Weggefährten wie der politisch total korrekte Klaas Heufer-Umlauf distanzierten sich sofort von Harald Schmidt. Dieser blieb cool – wie immer – und meinte zu dem ganzen Rummel um seine Person: Er kann sich zwar die Aufregung vorstellen. Aber es ist ihm egal, da er Autor ist und das verwertet, was er erlebt. 

Man möchte anfügen: Wer nur in seiner Wohlfühlblase bleibt, der erlebt halt wenig. Oder noch klarer formuliert: Wer nur in seiner Wohlfühlblase bleibt, dem fehlt am Ende der Horizont.

Damit ist dann auch alles zu den diesjährigen „Sommerlochfestspielen“ gesagt.

Zum Glück geht der Sommer nun langsam zu Ende. Aber, über den Herbst wird auch schon fleißig diskutiert. Bald stehen ja die Wahlen in Hessen und Bayern an. Außerdem redet man schon wieder über die Impfung und das – freiwillige – Maskentragen. Ganz zu schweigen von dem übergriffigen Heizungsgesetz.

Dann doch lieber den Grill anwerfen und zum Klassentreffen einladen, solange das schöne Wetter hält.

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Der nächste Gang …

Bartzissey

Auf dem Plattenspieler: Morrissey

Der Sandwirt Televisor

Der Zufall

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