Das letzte Abendmahl – Correctivus war dabei!

Praktisch um fünf vor zwölf konnte vor etwa 2.000 Jahren in Judäa ein Komplott aufgedeckt werden, das das Potenzial hatte, den Lauf der Geschichte zu verändern. Eine zentrale Rolle spielte ein Recherchekollektiv. Der brisante Bericht liegt dem Autor vor und sei hiermit dokumentiert.

In den durch Öllämpchen erleuchteten, spartanisch möblierten Speisesaal auf einem Hügel in Jerusalem tritt nach und nach gut ein Dutzend Menschen. Gleich fünf von ihnen, wie Simon (nom de guerre: „Petrus“), sind Fischer, ein „Matthäus“ Zollbeamter. Mittelstand scheinbar. Unverdächtige Personen.

Das Treffen soll geheim bleiben. Ein gewisser Jesus C. spielt die Schlüsselrolle. Er und seine zwölf Follower, in der Szene „Jünger“ genannt, erörtern bei einem frugalen Mahl in schlichtem Ambiente die Möglichkeiten, das Establishment zu stürzen. Sie ahnen nicht, dass längst ein Undercover-Meldeheld unter ihnen ist, der die Behörden regelmäßig über das gefährliche Treiben des Nazareners und seiner fanatischen Anhänger unterrichtet.

Es ist der Abend des 14. Nisan, kurz vor der zwölften Stunde, ein lauwarmer Donnerstagabend. Zikaden zirpen. Was sich an diesem Abend im Saal des Letzten Abendmahls abspielt, wirkt wie ein Kammerspiel – doch es ist Realität. Hier zeigt sich, was passieren kann, wenn sich rechtsextreme Ideengeber, Vertreter religiöser Fanatiker und finanzstarke Unterstützer der Szene mischen. Ihr wichtigstes Ziel: das Reich Gottes auf Erden vorzubereiten – und dazu eine neue Religion ins Leben zu rufen.

Tumult im Tempel

Sie haben Spenden von Vermögenden und Unternehmern gesammelt, die im Geheimen das Netzwerk des Jesus C. fördern möchten. Dieser ist eine selbst in seinen Kreisen besonders schillernde Figur. Der aus Galiläa stammende Wanderprediger soll in seiner Jugend seinem Stiefvater, einem im Holzbaugewerbe tätigen Mann, zur Hand gegangen sein, doch gibt es keinerlei Hinweise auf eine qualifizierte berufliche Tätigkeit. Unsere Recherche zeigt eindeutig: Jesus C. ließ sich zeitlebens aushalten und fiel nur durch Reden auf, die von Hass und Hetze durchsetzt waren. Dem Establishment, etwa den Qualitätsschriftgelehrten, wirft er bis heute unentwegt Lügen vor („Ihr Heuchler!“), bedenkt es laut eines Papyrus, das CORRECTIVUS vorliegt, in entmenschlichender Weise mit Verbalinjurien wie „Natterngezücht“. Von Gott spricht der Hochstapler aus Nazareth als seinem „Vater“.

Ein ums andere Mal hält er aufrührerische Reden bei ungenehmigten Versammlungen („Bergpredigt“), trifft sich mit umstrittenen und zu Recht gecancelten windigen Gestalten wie Zöllnern, Sexarbeiter*innen und ungeimpften Leprakranken. Hochgradig unseriöse Quellen, die ihm immer wieder eine Bühne bieten, bescheinigen ihm, „Wunder“ vollbracht zu haben.

Noch vor wenigen Tagen hat Jesus C. den Sturm auf den Tempel angeführt. Mit einer improvisierten Peitsche jagt er die Gewerbetreibenden mit all ihren Schafen und Rindern aus dem Tempelbezirk, stürzt Tische von Geldwechsler*innen um. Augenzeugen zufolge soll er während der Gewaltorgie „Das Haus meines Vaters ist doch keine Markthalle!“ rufen. Die Krawalle verklären seine Anhänger sogleich in zynischer Verdrehung der Tatsachen als „Tempelreinigung“. Fake-News, wie sie in rechten Kreisen die Regel sind.

Auch an diesem Abend im Jerusalemer Abendmahlssaal führt der Nazarener, ein Populist vor dem Herrn, wieder das große Wort. Diesmal schockt er seine Follower mit einer besonders perfiden Verschwörungstheorie: Einer sei unter ihnen, der ihn „verraten“ würde. Jesus C. stilisiert sich zum Opfer des jüdisch-römischen Establishments, das keine Kritik vertrage. Und er insinuiert, Judas I. habe ihn bei der Marcus-Antonius-Stiftung in Caesarea und der Zentralen Antidiskriminierungsstelle in Sepphoris gemeldet.

Bizarres Ritual um Brot und Wein

Für den Plan, das „Reich Gottes“ zu errichten, will Jesus C. sich zum Märtyrer machen und instruiert seine Mitverschwörer, was sie nach seiner Verurteilung zu tun hätten. Im Tumult verlässt Judas I. den Saal, während der Nazarener sich die Füße waschen lässt und seine „Jünger“ anschließend mit einem bizarren Ritual vertraut macht, in dem Brot und Wein eine zentrale Rolle spielen. Jesus C., von Gönnern längst in eine finanziell komfortable Lage versetzt, übernimmt die happige Rechnung, die CORRECTIVUS vorliegt, für alle seine Zechkumpanen, gibt aber wie üblich kein Trinkgeld.

Danach begeben sich die zwölf Reichgottesbürger vom Abendmahlssaal an einen weiteren klandestinen Ort, den Garten Gethsemane am Fuße des Ölbergs. Silbrig glänzen die Blätter der Olivenbäume im fahlen Schein des Mondlichts, während der Mann aus Galiläa mit nunmehr schwerer Zunge Details des Umsturzplans erläutert. Doch dank des engagierten Hinweisgebers, der die Sicherheitskräfte über die schweren staatsgefährdenden Pläne des Nazareners ins Bild gesetzt hat, wird der umstrittene Prediger wenig später verhaftet und in einer dramatischen Nachtsitzung verurteilt.

Wasser auf die Mühlen der Fanatiker, denn die Verschwörungstheorie des Jesus C. hat sich so scheinbar bestätigt. Doch entscheidend bleibt: Der Staatsstreich ist gewissermaßen in letzter Sekunde vereitelt worden. Das Verbot seiner extremistischen Gruppierung und die Härte des Rechtsstaates werden verhindern, dass die Legende vom „Lamm Gottes“ um sich greift und eine nennenswerte Anhängerschaft generiert. Wieder einmal hat sich die Zivilgesellschaft erfolgreich gegen radikale Gruppen zur Wehr gesetzt.

Nicht zuletzt auf Basis der investigativen Arbeit unseres Recherchekollektivs, das sich über Jahre an die Fersen des umstrittenen Predigers aus Nazareth heftete, wird die Angelegenheit auch noch so manches juristisches Nachspiel haben: Rechtliche Schritte gegen den gesichert rechtsextremen Eigentümer des Abendmahlssaals wurden bereits eingeleitet, der Gaststättenverband hat dem einschlägig aufgefallenen Mann die Mitgliedschaft gekündigt. Mitverschwörer wie ein gewisser Lazarus sind verhaftet worden. Die Anhänger des Jesus C. sind abgetaucht und zur Fahndung ausgeschrieben, ein Verbot der Sekte wird auf den Weg gebracht. Wie St. Relotius einst schrieb: Ehe der Hahn zweimal kräht, werden sie alle vergessen sein.

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3 Kommentare. Leave new

  • Immo Sennewald
    24. Januar 2024 11:26

    Eine hübsche Persiflage. Claudio Casual kann das – und den Sandwirt bereichern sein Witz und seine geschliffene Satire ganz gewiss.

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  • Nikolaus Szczepanski
    24. Januar 2024 23:34

    Nix “vor 2000 Jahren…” Das ist die Gegenwart. Die moderne Erlösung ist bereits am Horizont sichtbar. Aber Danke für den Hinweis.

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  • Leider ist die Schriftgröße und der Schriftstil auf den Handy etwas schlecht zu lesen auch wenn sie im Stil ansprechend ist.

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