Der geliehene Planet

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Wir Lebenden – so lese und höre ich immer wieder einmal – haben die Erde nur von zukünftigen Generationen geliehen. Einen „Planeten B“ – auf den die Menschheit auswandern könne, wenn sie die Ressourcen unseres „Planeten A“ erschöpft habe – gebe es nicht. Wir seien also verpflichtet, durch nachhaltiges Wirtschaften, durch achtsamen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen unseren Nachfahren eine wohl bestellte Erde zu übergeben. Mindestens so wohl bestellt, wie diese „Leihgeber“ dieselbe vorzufinden wünschen, wenn nicht besser.

Die Welt als Wille und Vorstellung

Das bedeutet nichts anderes, als sämtliche Ansprüche von vorgestellten Menschen einer vorgestellten Zukunft samt dem vorgestellten Zustand von Tieren, Pflanzen, natürlichen Ressourcen zu Maßgaben heutiger Entscheidungen zu machen. So versuchen fürsorglichen Eltern sich die Zukunft ihrer Kinder vorzustellen, sie wünschen, dass ihre Kinder es „einmal besser haben“ sollen. Gute Eltern. Gute Eltern erziehen ihre Kinder dann gewiss auch zu derselben Haltung: Auch die haben ja nur von Nachfahren geborgt und müssen vererben, was jene an gepflegtem Planeten erwarten. Wer dem zustimmt, glaubt an eine en detail vorstellbare – also planbare – Zukunft, an beliebig verfügbares Universalwissen, er misst sich göttliche Weisheit zu. 

Gottes Werk und Teufels Beitrag

Ein Blick in die Geschichte weckt bei mir erhebliche Zweifel, ob nicht wieder irgendwann irgendwer womöglich doch ins Stolpern kommt – mit dramatischen Folgen des Musters „kleine Ursache – große Wirkung.“ So geht es in komplexen Systemen zu. Zugleich frage ich mich, mit welchem Recht einer seinen Vorfahren vorwerfen sollte, ihn nicht in eine wunschgemäß ausgestattete und gepflegte Umwelt hineingeboren, sondern ihm stattdessen gewaltige Probleme hinterlassen zu haben. Muss er sich nicht Zeit seines Lebens – also für den Großteil seiner Ausbildung und seines Arbeitslebens – mehr oder weniger engagiert, fleißig, manchmal erfolgreich mit „ererbten“ Konflikten befassen? Am Vergangenen lässt sich nichts ändern, bestenfalls daraus lernen. 

Unsereiner hatte reichlich Gründe, das Verhalten von Eltern und Großeltern kritisch zu betrachten. Durfte ich also nicht meiner Mutter und Großmutter vorwerfen, durch das Festhalten an Familientraditionen, durch Dulden, gar Unterstützen des Nationalsozialismus sich mitschuldig gemacht zu haben an den Mangeljahren meiner, meiner Mitschüler Kindheit und Jugend?

Das Kind als Erzieher

Das tat ich durchaus, dazu wurde ich von manchem Lehrer und den „Jugendorganisationen“ der DDR unablässig angeleitet. Solche Organisationen gibt es immer noch. Sie nennen sich NGO, operieren weltweit und möchten gerne Kinder und Erwachsene für die Welt von morgen erziehen. Wer ihre Auffassungen nicht teilt, gar kritisiert, muss sich auf Konflikte einrichten. Meine Großmutter vermied das. Dennoch gelang es ihr insbesondere, meine Neugier und mein Interesse für Überkommenes, für Glück und Unglück der Vorfahren zu entzünden. Womöglich noch schlimmer: Sie brachte mich ans Lesen. 

Sonntags besuchte ich den Kindergottesdienst, nicht weil sie es forderte, sondern weil es mir dort gefiel. Natürlich lernte ich so auch das vierte Gebot kennen: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass dir‘s wohl ergehe und du lange lebest auf Erden.“ Ein Gebot, das auf Nachfahren verpflichtet, gibt es nicht. Kinder kommen in jüdisch-christlichen Geboten nicht vor, außer als diejenigen, die ihren Eltern Respekt schulden.

Wer schuldet wem Gehorsam?

An dieser Stelle empfehle ich, die „Zehn Gebote“ der Juden und Christen einmal ebenso an der Realität zu prüfen, wie die „Zehn Gebote der sozialistischen Moral und Ethik“. Erstere kennen Sie vermutlich. 

Gönnen Sie sich den Spaß zu lesen, was 1958 von SED-Chef Ulbricht verkündet, 1963 ins Parteiprogramm aufgenommen wurde:

  1. Du sollst Dich stets für die internationale Solidarität der Arbeiterklasse und aller Werktätigen sowie für die unverbrüchliche Verbundenheit aller sozialistischen Länder einsetzen.
  2. Du sollst Dein Vaterland lieben und stets bereit sein, Deine ganze Kraft und Fähigkeit für die Verteidigung der Arbeiter-und-Bauern-Macht einzusetzen.
  3. Du sollst helfen, die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen.
  4. Du sollst gute Taten für den Sozialismus vollbringen, denn der Sozialismus führt zu einem besseren Leben für alle Werktätigen.
  5. Du sollst beim Aufbau des Sozialismus im Geiste der gegenseitigen Hilfe und der kameradschaftlichen Zusammenarbeit handeln, das Kollektiv achten und seine Kritik beherzigen.
  6. Du sollst das Volkseigentum schützen und mehren.
  7. Du sollst stets nach Verbesserung Deiner Leistung streben, sparsam sein und die sozialistische Arbeitsdisziplin festigen.
  8. Du sollst Deine Kinder im Geiste des Friedens und des Sozialismus zu allseitig gebildeten, charakterfesten und körperlich gestählten Menschen erziehen.
  9. Du sollst sauber und anständig leben und Deine Familie achten.
  10. Du sollst Solidarität mit den um nationale Befreiung kämpfenden und den ihre nationale Unabhängigkeit verteidigenden Völkern üben.

Die Moral der Apparatschiks 

Was an diesem „Du sollst“ auffällt: Es fordert vor allem Abstraktes; keines der Gebote hält einer Prüfung an der – inzwischen historischen – Alltagsrealität stand. 

Wer fordert so etwas? Die Antwort lautet: Ideologen einer Partei, ihr folgsame staatliche Betriebe, Institutionen, Massenorganisationen, Zeitungen, gebührenfinanzierte Rundfunk- und Fernsehsender … Oh ja: Auch in der DDR wurde, wer nicht pünktlich für Radio und TV zahlte, bestraft. Westfernsehen gab’s, wo empfangbar, gratis – falls man sich dem Risiko beruflicher und sozialer Nachteile aussetzte. 

So sollten wir zu neuen Menschen erzogen werden. Lassen wir Glaubensfragen einmal außen vor: Welches Gebot halten Sie für einigermaßen lebenstauglich?

Natürlich haben wir Walter Ulbrichts volkspädagogische Handreichungen damals genauso ignoriert, wie ich es heute mit Erziehungsversuchen durch Politiker, NGO oder ihnen dienstbare Journalisten tue. Sie verpflichten auf abstrakte kollektive Ziele und haben mit Realitätssinn so wenig wie mit der Kenntnis von Naturgesetzen zu tun. Ihre Fragwürdigkeit tarnen Geübtere mit ritueller Mechanik: Worthülsen vom laufenden Band. 

Heines Wort über „Das alte Entsagungslied, das Eiapopeia vom Himmel, mit dem man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel“ ist Handlungsmaxime der neuesten Weltenretter. Na klar: „Ich kenne die Weise, ich kenne den Text, ich kenn‘ auch die Herren Verfasser. Ich weiß: sie trinken heimlich Wein und predigen öffentlich Wasser.“ 

Und heute jetten sie klimarettendend oder urlaubend um den Globus, ihre schwere Aufgabe verlangt Opfer.

Wo geht’s zur Hölle? An guten Vorsätze entlang

Sozialisten bewiesen oft und eindrucksvoll, dass von ideologischem Schwulst zu massiver Unterdrückung jeder Gegenmeinung nur ein kleiner Schritt ist, sobald sie zur Macht kommen. So entstanden sozialistische Paradiese mit einer ganz eigenen Moral – etwa „Alle sind gleich, aber einige sind gleicher.“ Die Sprache wurde politisch angepasst, und wer „1984“ gelesen hat, kennt die bestechende Logik von „Freiheit ist Sklaverei“, „Krieg ist Frieden“ … 

Ich höre heute noch die Fistelstimme des „Spitzbartes“, wenn Politbürokraten die Bevölkerung über die Gnade belehren, in ihrem Paradies gut und gern leben zu dürfen. In der Praxis halfen andere Maximen weiter, etwa anstelle des siebten Gebots „Du sollst stets nach Verbesserung Deiner Leistung streben, sparsam sein und die sozialistische Arbeitsdisziplin festigen“ das Motto „Privat geht vor Katastrophe“ oder anstelle des sechsten „Du sollst das Volkseigentum schützen und mehren“ die Regel „Wenn jeder jeden beklaut, kommt keinem was weg“. Am besten organisiert war die Verantwortungslosigkeit. Fällt Ihnen auch auf, wie gut geölt sie wieder läuft?

Demaskiert: der Leipziger Thomaskantor Bach

Die uralten Regeln aus der Bibel erschienen mir dagegen alltagstauglich. Ich versuche bis heute, sie weitgehend einzuhalten. Es hat mir nicht geschadet, gelang freilich nicht immer. 

Das ging meinen Vorfahren nicht anders, deshalb schaue ich mit einigem Respekt auf ihre Leistungen, entdecke dabei Erstaunliches und nehme jene Moralprediger nicht mehr ernst, die ihre eigene Großartigkeit durch „brutalstmögliche“ Aufklärung des Versagens von Persönlichkeiten der Geschichte beweisen wollen. Besonders beliebt: sie des Sexismus, Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus zu überführen. Johann Sebastian Bach wurde als Judenhasser enttarnt und moralisch angeschwärzt. 

Nur auf den Schultern makellos reiner Heroen wollen solche „Kritiker“ zu stehen kommen. Den Ansprüchen von Feministen, Philosemiten, Umwelt-, Tierschützern, LSBTQ- nebst sonstigen Aktivisten und Anti-Irgendwas-Kämpfern haben Denkmäler und Straßennamen zu entsprechen, ansonsten blüht ihnen posthum – auch noch nach Jahrhunderten – der Pranger; den Antisemiten Karl Marx freilich ausgenommen.

Viele kleine Nutznießerlein 

Das Problem dabei: in der Realität sind die heute und morgen Lebenden von all den Milliarden vor ihnen im historischen Geschehen nicht zu trennen, auch nicht von den schlimmsten Übeltätern. Wir können es uns nicht aussuchen, denn wir hängen an allen Prozessen, unterliegen all den bis ins Molekulargenetische ausgeprägten Impulsen der Entwicklungsgeschichte, die Menschen mit dem Universum verbinden. Die Geschichte war und ist nicht änderbar, nur interpretierbar. Man nennt das jetzt „Narrativ“, und im Dienste einer Gerechtigkeit, die bei genauerem Hinsehen viele kleine Nutznießerlein hat, darf daran kräftig weggelassen, geschraubt, beschönigt werden, um den eigenen Profit zu mehren. Je größer und mächtiger die Korporation, desto heftiger. 

Das ist nicht neu, aber seit dem 20. Jahrhundert war deutlich erkennbar, wie totalitäre Diktaturen Vergangenheit umlügen und versprechen, die Welt zu retten, auch wie sie dabei mit abweichenden Meinungen und mit Menschen umgehen, die sie äußern.

Die Freiheit, Nein zu sagen

Mag sein, dass Johann Sebastian Bach – wie die allermeisten seiner Zeitgenossen – judenfeindlich eingestellt war. Seine Musik ist es nicht. Wenn das Werk mehr weiß als sein Schöpfer, wird es überleben. 

Eine widerlegte Theorie aber wird nicht dadurch richtig, dass sie als religiöse Wahnidee fortexistiert und womöglich Gesellschaften umstürzt. Sie hat die Wahrheit gegen sich: unsere gelebte, auf Vergangenem gründende Realität. 

Die Realität schenkt die Freiheit, Nein zu sagen. Nein, wir haben den Planeten nicht geliehen, und wenn Ideologen und Politbürokraten ihn moralisch bewirtschaften, um seine Zukunft jetzt schon zu ihrer Beute zu machen, verdienen sie nicht das mindeste Vertrauen.

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