Die Niederlage des Westens

Emmanuel Todd ist zumindest für Insider ein bekannter französischer Soziologe. Seit der Veröffentlichung seines Buches von 1976, „La chute final” (deutscher Titel: „Vor dem Sturz. Das Ende der Sowjetherrschaft”), in dem er den Zusammenbruch der Sowjetunion vorwegnahm, sind seine Prognosen von großem Interesse. Der Historiker, Demograf und Anthropologe hat nun ein neues Werk veröffentlicht, das leider noch nicht auf Deutsch erschienen ist: „La Défaite de l’Occident” („Die Niederlage des Westens”).

Der verlorene Ukraine-Krieg

Darin beginnt Todd mit dem Aktuellen, dem Krieg in der Ukraine. Es ist fast überflüssig zu sagen, dass Todd den Ukrainekrieg nicht nur für die Ukraine, sondern auch für den „Westen“ als verloren betrachtet. Das Zögern der USA, aufgrund innerer Querelen und vor dem Hintergrund des beginnenden Wahlkampfs weiterhin ausreichend Waffen zu liefern, die militärische Schwäche der EU und die vollständige Abhängigkeit der Ukraine von westlicher Unterstützung lassen keine Aussicht auf Sieg zu.

Diese Ansicht ist nicht originell. Im Gegensatz zur offiziellen Presse wird sie von international bekannten Analysten wie McGregor, Mearsheimer u.a. laut und deutlich vertreten. Sogar die offiziellen Stimmen, vor allem in den USA, deuten immer mehr auf die Einsicht hin, dass der Krieg im Osten verloren ist.

Zwar setzen sich bundesdeutsche Verfechter von immer mehr Waffenlieferungen ab, wie Strack-Zimmermann oder Hofreiter, die immer noch an deutsche Wertarbeit in Form von Wunderwaffen glauben, doch der generelle Tenor geht doch in die Richtung, dass es der Ukraine einfach an Personal fehlt, dass zu viele Männer gefallen sind und die Russen auf einem unaufhaltsamen Vormarsch seien. Soweit wenig Neues. 

Todd benennt drei Faktoren für den Niedergang des Westens.

Die Schwächen der USA

Erstens: Der industrielle Niedergang der USA, insbesondere eine unzureichende Ingenieursausbildung und ganz allgemein der Rückgang des Bildungsniveaus, der in den USA bereits 1965 einsetzte. Da mag man angesichts der von Biden eingeleiteten transatlantischen Reindustrialisierung anderer Meinung sein; immerhin sind die USA auf diversen Gebieten immer noch führend in der Welt, zunehmend jedoch bedroht vom chinesischen Aufschwung und der wohl überlegenen Rüstungsindustrie, vor allem der Raketentechnologie, des russisch-chinesischen Blocks, von der ungeheuren Fertigungskapazität der Russen einmal abgesehen.

Nun wird es interessant. Todd versucht tiefere Gründe für den Abgesang des Westens zu finden und entdeckt sie in der religiös-weltanschaulichen Sphäre.

Er spricht als zweitem Faktor des Niedergangs von dem Verschwinden des US-amerikanischen Protestantismus und seiner Arbeitsethik im Sinne von Max Weber, die den Westen erfolgreich gemacht hat und der einen intellektuellen Niedergang, ein Verschwinden der Arbeitsethik und eine Massengier (offizieller Name: Neoliberalismus) ausgelöst hat: Der Aufstieg kehrt sich in den Untergang des Westens um, fasst Todd zusammen. 

Die Kohäsion der amerikanischen Gesellschaft ist für immer verloren, es dominiert extrem der Individualismus, eine „woke“ Lebenseinstellung und ein weitgehender Verlust von religiöser Bindung. Ganz kann ich da nicht zustimmen, denn christlicher Fundamentalismus findet sich, besonders außerhalb der Metropolen, in den Flyover States. Und die Trennung zwischen den beiden großen Parteien ist auch eine Trennung zwischen einer noch religiösen und einer areligiösen Grundeinstellung.

Der angloamerikanische Protestantismus hat ein Nullstadium der religiösen Bindung erreicht. In den USA mutiert zu Beginn des dritten Jahrtausends die Angst vor der Leere zur Vergöttlichung des Nichts, zum Nihilismus. Todd scheint hier auf Nietzsche Bezug zu nehmen, der eine Epoche des Nihilismus prophezeit hat. Als Motivation bleibt hier der Wille zur Macht, ausgedrückt im Willen zum ökonomischen Erfolg um jeden Preis.

Putins Kriegsziele

Ein dritter Faktor ist wichtig: Die Unterstützer, die Russland trotz der westlichen Anstrengungen, das autoritär geführte Land zu isolieren, in der Welt gefunden hat, sind ebenfalls ein Ausweis des westlichen Niedergangs. Die Sanktionen gegen Putin und sein Reich bleiben wirkungslos, ja kontraproduktiv. Man schießt sich lustvoll ins eigene Bein, drängt Russland immer näher an China heran, befördert geradezu die Integration der BRICS, so dass diese mehr und mehr zu einem neuen Block auf der Weltbühne werden. 

Jeder sieht deutlich, dass der westliche Ansatz, Russland wirtschaftlich niederzuringen, nicht funktioniert hat, und Russland mit seinen Bodenschätzen und auch seiner zunehmend besser organisierten Industrie nicht nur überlebt, sondern sogar prosperiert.

Dazu kommt die Bevorzugung Russlands durch den nichtwestlichen Rest der Welt. Dieses hat überall Wirtschaftsverbündete, wenn sie dies auch nur diskret zeigen, entdeckt. Eine neue konservative (anti-LGBT) russische Soft Power läuft auf Hochtouren, als klar wurde, dass Russland wirtschaftlich mithalten kann.

Aber, was den Ukraine-Krieg und seine Dynamik betrifft, so bietet Todd eine ungewöhnliche Betrachtung, in der dann letztlich auch die Sache mit den Freunden Russlands zur Geltung kommt. Seine Prognose und seine Beobachtung zum Ukraine-Krieg sind wie folgt: Russland will zweifellos 40 Prozent des ukrainischen Territoriums und ein neutralisiertes Regime in Kiew. Während auf unseren Fernsehbildschirmen zur selben Zeit, in der Putin behauptet, Odessa sei eine russische Stadt, immer noch erzählt wird, die Front stabilisiere sich, werden völlig andere Fakten geschaffen. 

Todd ist wie Gunnar Heinsohn auch Demograf, die zu erwartende Bevölkerungsentwicklung spielt in seinen Überlegungen eine zentrale Rolle. Aber, so Todd, Russland müsse sich beeilen und die „Gunst der Stunde” nutzen: Putin will seine Kriegsziele durch Einsparung von Menschen erreichen und lässt sich dabei Zeit. Er will die Errungenschaften der Stabilisierung der russischen Gesellschaft bewahren. Er will Russland nicht remilitarisieren und legt Wert darauf, seine wirtschaftliche Entwicklung fortzusetzen. Aber er weiß auch, dass demografisch dünne Jahrgänge heranwachsen und dass die Rekrutierung für das Militär in einigen Jahren (drei, vier, fünf?) schwieriger werden wird. Die Russen müssen daher die Ukraine und die NATO jetzt bezwingen, ohne ihnen eine Pause zu gönnen. Machen wir uns keine Illusionen. Die russischen Bemühungen werden sich noch verstärken.

Europas Verhältnis zu Russland und den USA

Unstrittig ist, dass Todds Erfolg als Autor mit seinen demografischen Analysen in Zusammenhang steht. Im Buch „Sturz der Sowjetunion” bildet die Säuglingssterblichkeit ein wichtiges Argument für den Autor: als hervorstechendes Indiz für die Schwäche der UdSSR, die sich ihm früh zeigte. Dass Russland nun ein Problem mit dem Nachwuchs hat, ist für ihn zugleich ein Ausweis dessen, dass das Land in der Moderne angekommen ist, wenn auch als „autoritäre Demokratie”.  

Er selbst präsentiert sich als überzeugter Westler, kein Putinversteher: „Ich bin Westler. Ich habe nie danach gestrebt, etwas anderes zu sein.” 

Russland sei technologisch in Bewegung, so Todd. Das, was man uns über Russland erzählt, sei oft falsch. Man sehe nicht, dass es sich in einer Phase der schnellen Umstrukturierung befindet. Der Absturz war heftig, der Wiederaufschwung ist umso erstaunlicher. Das Trauma der Auflösung der Sowjetunion und der fatalen Jelzinjahre scheint überwunden. Das macht Eindruck auf andere Staaten, zumal auf solche, die auf traditionelle Sozialstrukturen setzen. Der Westen sei da, nach seiner Auffassung, mit seiner Soft Power nicht überzeugend. 

Trotz der aufgeheizten Lage kommt Todd zu dem Schluss, dass die Niederlage schließlich in einer Aussöhnung Russlands mit Europa und einer Annäherung an Deutschland gipfeln wird, was den Wünschen der Vereinigten Staaten zuwiderläuft. 

Todd steht den führenden Kreisen der USA sehr kritisch gegenüber. Er denkt, das die Verhinderung einer Annäherung zwischen Deutschland und Russland eines der Ziele der USA war. Diese Annäherung hätte die Verdrängung der Vereinigten Staaten aus Europa zur Folge. Die Amerikaner würden also lieber Europa zerstören, als den Westen zu retten. 

Infolge des Konflikts in der Ukraine hat sich die Europäische Union von Russland distanziert, was ihren eigenen Handels- und Energieinteressen schadet. Todd zufolge leben wir heute in einer „putinophoben und russophoben“ Welt, die vom westlichen Narrativ durchdrungen ist.  

Staaten existieren durch ihre verschiedenen Interessen und ihre nationale Souveränität; sobald sie das Element des unfreiwilligen Vasallen akzeptieren, hören sie auf zu existieren. Das trifft nach Todds Meinung auf die gegenwärtige Lage der Europäer zu. Der Weltkrieg ist schon lange vorbei, aber Europa lebt immer noch auf amerikanisch besetztem Gebiet.

Für Todd wäre es das Beste, was Europa passieren könnte, wenn sich die Vereinigten Staaten aus dem gesamten Kontinent zurückziehen würden. Während Euro-Atlantiker, die an die Hegemonie Washingtons gewöhnt sind,  sich fragen könnten: „Was würde dann mit uns geschehen?”, sieht Todd einen Frieden, der in einem vom US-Joch befreiten europäischen Raum aufscheinen würde. Darin ist er sehr französisch.

Emmanuel Todd, „La Défaite de l’Occident”, Gallimard, Paris 2024

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3 Kommentare. Leave new

  • Holger Pflug
    8. Februar 2024 14:16

    Selten einen so unsinnigen Artikel gelesen.
    Europa funktioniert nur fest im Westen verankert und keinesfalls als russisch-postsowjetisches Protektorat.

    Alle europäischen Eliten sind gut beraten, das einzusehen und bis auf Orban und vielleicht Fico tun sie das auch. Wobei Ungarn damit sogar mit seiner eigenen Geschichte (1956) fremdelt.

    Der Westen sollte endlich zusammenfinden – sollte Trump tatsächlich mit allem ernstmachen, was er so faselt, müssen wir das sowieso schneller als je gedacht leisten. Die NATO-Ostgrenze benötigt dann eine knallharte Armierung, das wird viel Geld kosten.

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  • Hubert Geißler
    9. Februar 2024 8:21

    Kurze Bemerkung zur Textgattung: das ist kein Meinungsrtikel, sondern ein Buchbesprechung. Immerhin von einem renommierten französischen Autor.

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    • mal wieder ein interessantes buch von todd. warum europa nur als us vasall bestehen kann ist rätselhaft und zeugt vom ideologisch verhärteter gegenwart

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