Die Sieben Weisen im Bambushain

Wohin wir auch schauen, unsere Freiheit wird bedroht. Ob es nun um die Bargeldabschaffung geht, die Eingriffe in unsere körperliche Unversehrtheit, die Einschränkung unserer Meinungsfreiheit, die zunehmende Hetzjagd gegen alles, was nicht politisch korrekt zu sein scheint, oder schließlich die bereits in Italien stellenweise durchexerzierte Einführung einer europäischen Variante des chinesischen Sozialkreditsystems – überall ist die Freiheit auf dem Rückzug. Und das Schlimmste daran: Die Mehrheit der Bevölkerung scheint sich für diese schreckliche Sachlage nicht zu interessieren, ja beteiligt sich sogar noch daran, all jene, welche auf die Mißstände hinweisen und zur Verteidigung unserer Rechte aufrufen, zu marginalisieren, ja gar aktiv zu verfolgen und ihre Existenz zu zerstören. Nicht erstaunlich, daß jene, die den Tatsachen ins Auge sehen, schnell eingeschüchtert sein können oder doch zumindest den Eindruck haben, allein auf weiter Flur zu stehen und entweder die innere oder äußere Emigration wählen zu müssen. Und doch – gerade in diesen Momenten ist es wichtiger denn je, sich daran zu erinnern, daß Zeiten der Unterdrückung keineswegs neu sind in der Weltgeschichte, sondern zu allen Epochen und in allen Kulturen geläufige Zustände waren, welche früher oder später (manchmal leider tatsächlich eher später als früher) ein Ende finden werden – doch nur, wenn die letzten anständigen Menschen durchhalten und die Grundlagen dafür schaffen, daß Umbruch und Wiederaufbau erfolgen können.

Genau dies soll Thema unserer kleinen Chronik sein: Nämlich regelmäßig an jene großen Männer und Frauen zu erinnern, welche auf scheinbar aussichtslosem Posten die Fahne der Freiheit und des Anstands hochhielten, komme, was da wolle, und die oft genug für ihren Mut nicht mit Erfolg belohnt wurden, sondern vielmehr teuer bezahlen mußten – manchmal sogar mit ihrem eigenen Leben. Dennoch: Umsonst war der Kampf nie, da manchmal nur das Opfer des Einzelnen die Möglichkeit bietet, alle anderen Menschen zum Aufwachen und zum Widerstand anzuleiten – ein Opfer, das natürlich nur denen möglich ist, welche wissen, daß es höhere Werte in dieser Welt gibt als das eigene Wohlbefinden und Leben.

Die 7 Weisen

Angesichts der weitverbreiteten Stereotypen zur chinesischen Kultur und ihres angeblich endemischen Kollektivismus mag es eine Überraschung für manche Leser sein, unser erstes Beispiel gerade aus Ostasien zu nehmen. Und doch bietet gerade die chinesische Zivilisation unzählige Beispiele dafür, daß auch eine Jahrtausende alte Tradition autoritärer und bürokratischer Verwaltung nicht ausreicht, den Widerstandsgeist ihrer Bürger ganz zu unterdrücken, so daß ganz im Gegenteil gerade in China eine reiche Tradition des inneren Widerstands wie auch der Revolution herrscht, die auch durch die neue kommunistische Verfassung keineswegs ausgerottet worden ist.

Es ist daher wohl kein Wunder, daß eines der am weitesten verbreiteten historischen Motive der chinesischen Malerei im Thema der „Sieben Weisen im Bambushain“ besteht – einer schon fast mythischen Gruppe hoher Reichsbeamter, welche sich in Anbetracht des konfuzianischen Unrechtsregimes der Jin-Dynastie im 3. Jh. im wörtlichen Sinne zum Waldgang entschlossen hatten: Einige verfaßten regimekritische Gedichte, andere daoistische Betrachtungen, noch andere schlüpften in die Rolle ständig betrunkener Hofnarren, um ihre innere Freiheit zu bewahren – alle aber, so die Tradition, fanden sich regelmäßig in einem Bambushain in Shangyang zusammen, um zusammen die Freuden des einfachen Leben, des guten Essens (und Trinkens), der Natur und der freien Dichtung zu genießen und somit einen Gegenpol gegen die Repression zu bilden – bis ihr spiritus rector, Ji Kang, ein berühmter Reichsbeamter, Philosoph, Dichter und Guqing-Virtuose, vom Kaiser ins Gefängnis geworfen und exekutiert wurde – nicht ohne im Angesicht des Todes ein letztes (und verlorenes) Stück auf seinem Instrument zu improvisieren.

Bis heute stellen die „Sieben Weisen“ für die chinesische Kultur das archetypische Beispiel des Widerstands gegen die Staatsgewalt dar und beweisen, daß nicht nur das Eremitentum einziger Ausweg aus den Zwängen einer seit Jahrtausenden bis ins Feinste durchdachten Staatsmaschine bietet, sondern eben auch der Verzicht auf Mittäterschaft und der freie und übermütige Austausch unbezwingbarer Geister. Und wenn dem Geschick des Einzelnen auch ein höchst unterschiedliches Ende bereitet war und nicht jeder zum Martyrium beschaffen gewesen sein mochte – als Gruppe personifizieren die Sieben Weisen bis heute die tiefe Überzeugung, daß der Widerständler gegen staatliche Repression niemals so einsam ist, wie es ihm manchmal vorkommen mag, und selbst angesichts tiefster Verzweiflung ein Leben in Freude, Freiheit und Wahrheit möglich sein kann. Mögen die Sieben Weisen auch keine Reform, keine Revolution, keinen Putsch bewirkt haben – ihr Bildnis prangt bis heute an zentraler Stelle inmitten der zahlreichen kanonischen Illustrationen aus der chinesischen Kulturgeschichte im „Langen Korridor“ des Sommerpalastes in Peking und zeigt, daß auch der Kaiser sich schließlich damit abfinden mußte, daß Widerstand gegen die Allmacht des Sohns des Himmels kein Verbrechen sein muß, sondern Ausdruck höchster ethischer Gesinnung sein kann.

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3 Kommentare. Leave new

  • Das Bild der 7 vergnügten Weisen im Bambushain zeigt u.a., woran es mangelt: wo sind die Jungen? Alle indoktriniert, alle ‘woke’ – lassen sich alle benutzen von der derzeitigen Politik? Glauben tatsächlich ‘alle’ dem verbreiteten Blödsinn? Wenn ja, was haben wir für eine Bildungspolitik zugelassen? Das holen wir so rasch nicht mehr auf.

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    • Die Jungen wollen, ebenso wie die Alten, mehrheitlich einfach ihr Leben unbehelligt leben und passen sich oberflächlich dem an, was sie als gängige Sitte erleben. Wie Herr Engels sagt: man muss schon höhere Werte als das bloße eigene Wohlergehen haben, um gegen Unterdrückung Widerstand zu leisten – das ist sicher kein Jugendvorrecht. Vor allem darf man den Kopf nicht in den Sand stecken

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  • Immo Sennewald
    18. Januar 2023 21:10

    Jahrzehnte, Jahrhunderte, ein Jahrtausend: die Übermacht einer Kultur gegen totalitäre Herrschaft: https://publizist.wordpress.com/2017/03/06/der-affenknig-und-die-kommunistin/

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