Kinder killen – die Waffen-Inflation

Diesen Text gibt es auch als Episode im Wurlitzer, dem Podcast des Sandwirts: Hier.

Das sowjetische Sturmgewehr „Awtamat Kalaschnikowa“, bei der „Nationalen Volksarmee der DDR“ als Maschinenpistole oder kurz „MPi K“ bezeichnet, ist heute die erfolgreichste und meistverbreitete Kriegswaffe aller Zeiten. Sie trägt den Namen ihres Erfinders, des russischen Ingenieurs Michail Kalaschnikow. Michael Klare, Professor für Friedensstudien am Hampshire College in Massachusetts, bezeichnet „halbwüchsige Männer mit AK-47“ als das „tödlichste aller Kampfsysteme“. Bis zu neunzig Prozent ihrer Opfer sind Zivilisten.

Ihre Geschichte beginnt im Zweiten Weltkrieg, und zu dieser Geschichte gehört auch ein deutscher Konstrukteur: der Suhler Hugo Schmeisser.

Aus Suhl in die Sowjetunion

1943 vergab das nationalsozialistische Rüstungsamt an die Suhler Waffenfirma Haenel den Auftrag, eine moderne, automatische Infanteriewaffe zu bauen, die an Feuerkraft, Treffgenauigkeit und Robustheit allen anderen überlegen war: einen Maschinenkarabiner. Adolf Hitler persönlich setzte dafür den Namen „Sturmgewehr 44“ durch. „Sturmgewehr“ – das ist nationalsozialistisches Wortgebraus, waffentechnisch besagt der Name wenig. Aber es ging um etwas Neues: wirksamer als Maschinenpistolen, mobiler und mit weniger Rückstoß als herkömmliche Karabiner, mehr Feuerkraft auf kurze Distanzen, schnelle Schussfolgen, leichter, handlicher, dazu entsprechende Munition. 

1946 werden Hugo Schmeisser, Dr. Werner Gruner und andere deutsche Konstrukteure direkt in die sowjetische Waffenschmiede nach Ischewsk gebracht. Was die Russen nicht haben, sind Voraussetzungen zur Massenproduktion: billig und trotzdem zuverlässig. Für die Waffe, die robust, leicht zu bedienen und zu warten sein soll, die dennoch präzise treffen muss, braucht es eine hoch leistungsfähige Fertigungstechnik – und die liefern die Deutschen. Gruner revolutioniert den Bau billiger Maschinenwaffen: Die AK 47 wird nicht wie Kalaschnikows Modell aus massivem Stahl gefräst, sondern aus billigem geprägtem Blech montiert.

Siegeszug der AK 47

In Korea erscheint der Awtamat Kalaschnikowa erstmals auf einem Kriegsschauplatz; mit Gründung des Warschauer Paktes 1955 wird er Standard-Infanteriewaffe bei allen Verbündeten Moskaus; damals auch dem China Mao Zedongs. Die chinesische Lizenzproduktion überdauert sogar den Bruch der sowjetisch-chinesischen Beziehungen. Noch heute verbreiten sich zahllose chinesische AK 47 und deren Weiterentwicklungen in aller Welt.

In aller Welt verschenken und verkaufen die Ostblockstaaten „Sturmgewehre“ zu Hunderttausenden an „Nationale Befreiungsbewegungen“, verbündete Heere, neutrale Staaten. Ein beispielloser Siegeszug beginnt. Wie überlegen die AK 47 ist, erfahren zuerst die amerikanischen GIs in Vietnam.

In den 60er Jahren hatten die Amerikaner als Antwort auf die AK 47 ein neues Automatikgewehr bei ihren Truppen eingeführt, das M16, entwickelt von Eugene Stoner, einem Luftfahrttechniker. Es war leichter als vergleichbare Waffen, statt Stahl und Holz wurden Kunststoffe und Leichtmetalle verbaut, die Munition, war nur halb so schwer wie das bisherige NATO-Kaliber, und da für den Infanteristen jedes Gramm zählt, wurde das Leichtgewicht anfangs bejubelt. 

In den Reisfeldern und Dschungelkämpfen Vietnams offenbarte es Kinderkrankheiten und Verarbeitungsmängel. Sie kosteten Tausende GIs das Leben. Erfinder Stoner und die Herstellerfirma Colt gerieten politisch unter schweren Beschuss. „Woolworth“-Gun wurde zum Schimpfnamen für das M16. Mancher Soldat warf es einfach weg, griff zur bewährten M14 oder besorgte sich vom Gegner eine unkaputtbare Kalaschnikow. Damit machte er sich allerdings zur Zielscheibe für die eigenen Leute, denn das Geräusch ist unverwechselbar. 

Symbole – vor und in der UNO 

Derweil wachsen Ruhm und Export der Kalaschnikow unaufhaltsam: Sie wird zum Symbol des „antiimperialistischen Kampfes“, Mosambik führt sie als solches auf seiner Flagge und im Wappen. Ein Blick auf Mosambiks politische, soziale und ökonomische Realität zeigt einen Staat am Rande des Scheiterns, Spielball globaler Konzerne und Großmächte, in der UNO getreulich dabei, wenn das rituelle Bashing von Israel über die Bühne geht – des einzigen demokratischen und nicht-muslimischen Staates im Nahen Osten. Mosambiks Bevölkerung geht es schlecht, Jahren des Bürgerkriegs folgten wenige friedliche, seit 2015 feuern Terroristen des „Islamischen Staates“ bei Unruhen im Norden des Landes mit.

Im Garten des UN-Hauptgebäudes schmiedet eine Heldenfigur aus Bronze ein Schwert zur Pflugschar um, direkt vor den „Vereinten Nationen“ steht auch eine von etlichen Kopien der Non-Violence-Plastik des Schweden Carl Fredrik Reuterswärd: Ein Revolver mit einem Knoten im Lauf. Wunsch und Wirklichkeit – drinnen im „Sicherheitsrat“ und draußen vor der Tür. 

Der „Awtamat Kalaschnikowa“ bewährt sich weiter auf allen Kontinenten. Im Internet kursieren Videos mit Wasserbädern, mit vergrabenen, mit „Hummer“-Jeeps überrollten Kalaschnikows, die danach einfach weiterschießen. Seit den 70er Jahren wurde die Waffe technisch verbessert. Nach wie vor gilt: sie ist absolut zuverlässig, trotzt widrigsten Bedingungen und buchstäblich jedes Kind kann sie bedienen. Es gibt Pop-Songs und Videos, die sie feiern. Afghanische Mudschahidin töteten mit ihr Sowjetsoldaten, auch die DDR, die sich selbst immer wieder gern als „Friedensstaat“ etikettierte, verkaufte sie in Kriegen – an verfeindete Seiten.

Kalaschnikow unter Kontrolle?

Heute sind geschätzt mehr als 100 Millionen Kalaschnikows in aller Welt eine Lieblingswaffe von Terroristen und organisierter Kriminalität. Und die Macht vieler diktatorischer Regimes in Afrika, Asien, Südamerika stützt sich auf sie. Manche Politiker haben andererseits begriffen, welches Problem den wirtschaftlich und politisch immer enger verflochtenen Staaten in einer Zeit des Terrorismus und der regionalen Konflikte erwächst, wenn solche Kriegswaffen unkontrolliert verbreitet werden. 

„Control Arms“ – so heißt eine Kampagne von Amnesty International, Oxfam und anderen „Nicht-Regierungsorganisationen“, die seit 2003 das öffentliche Bewusstsein dafür schärfen und Verantwortliche in Politik und Wirtschaft zur Kontrolle des Waffenhandels drängen will. Es gelang, sie auf die Tagesordnung der Vereinten Nationen zu bringen und dort 2014 eine mit überwältigender Mehrheit abgestimmte Resolution zu bekommen über das Waffen-Handelsabkommen „Arms Trade Treaty“. Die Bundesrepublik unterzeichnete und ratifizierte mit über 50 anderen, so dass es in Teilen der Welt eigentlich vorangehen sollte mit mehr Abrüstung, weniger Waffenhandel und „Heal the World, make it a better place, for you and for me and the entire human race …“ 

Die Realität zwanzig Jahre nach „Control Arms“ sieht anders aus.

Die Macht der Menschenlocher 

Den zynischen Ausdruck „Menschenlocher“ für einen Revolver habe ich irgendwann der deutschen Synchronisation eines Westernfilms abgelauscht. Das Töten als Handgriff im Büro und der Spruch: „Gelesen, gelacht, gelocht“ fielen mir dazu ein, und wie Filme, Fernsehen, Video- und Computerspiele dem Sterben und Sterben lassen seinen Schrecken nehmen, gar voyeuristische Lust wecken.

Die Kalaschnikow ist ein mächtiger Menschenlocher. In den Händen von Kriminellen und Terroristen verbreitet er fast noch mehr Angst als in der von Soldaten – denn die können sich wenigstens wehren, haben Helme, Schutzwesten, Mitkämpfer. Unbewaffnet, ungeschützt überlebt niemand eine Salve – in den Rücken zumal, wohin sie etwa Flüchtlinge an der innerdeutschen Grenze traf. So ein Ding in der Hand zu haben, kann einem Menschen – Mann oder Frau – sehr unmittelbar das Gefühl großer Macht einflößen: Macht über Leben und Tod.

Was der so Ermächtigte kaum realisiert: Jeder Menschenlocher macht den, der ihn hält, zur Zielscheibe, zum bloßen Objekt in der Mechanik moderner Massenkriege und deren Statistik. Und damit sind wir beim Kern des Problems: dem Kopf und den Gefühlen des Schützen, beim Moment des Entscheidens mit dem Finger am Abzug, und in den Köpfen der Planer und Bürokraten massenhaften Sterbens.  

Notwehr, Selbstverteidigung, Lust an Gewalt

Jedes Leben braucht den Impuls der Selbsterhaltung – und es gibt unzählige Strategien und Verhaltensmuster in denen er sich ausdrückt, darunter gewalttätige. Neben dem physischen Geschehen liegt darin auch ein informelles: die Botschaft: „Ich bin stärker“ – oder „ich gehöre zu den Stärkeren, also unterwirf dich!“ Der Dominanzimpuls ist so alt wie das Leben selbst, hat in der Geschichte der Menschheit ganz eigene Rituale ausgeprägt, ist lustvolle Kultur geworden: Sport, Training für Leib und Seele – freilich nicht für jeden. 

Aus dem Duell wurden Wettkämpfe im Fechten, aus Schlägereien das Boxen, Ringen, Judo und andere Kampfsportarten, manche Disziplinen gelten als „körperlos“ – wie Basket- und Volleyball – bei ihnen werden unfaire Attacken, Fouls weitgehend vermieden. Es gibt jedenfalls Regeln, nach denen gekämpft wird, sie gelten als Ausweis der Zivilisation: Fairness ist eine Tugend. Auch Schützen trainieren für friedliche Wettbewerbe, nicht nur für Kriege und Polizeieinsätze; das tödliche Duell verschwand aus dem zivilisierten Leben, auch die Todesstrafe. Und selbst für Kriege hat die Zivilisation des Westens Regeln herbeigeführt, die Bestialität verurteilen und vermeiden sollen.

Notwehr und Gewissen

Physische Gewalt, durch die Menschen verletzt, gar getötet werden, ahndet das Gesetz nur dann nicht, wenn sie in Notwehr erfolgt. Oder auf militärischen Befehl. Dann darf der Finger den Abzug drücken. Notwehr setzt eine Drohung gegen Leib und Leben voraus, im Verteidigungsfall stellt Subordination den Schützen frei von Schuld – aber das entlastet nicht unbedingt das Gewissen. Wer handelt, ist verantwortlich. Auch wer notwendige Hilfe unterlässt – und da ist im entscheidenden Augenblick die Zeit zu knapp fürs Nachdenken. Was also heißt „dem Gewissen folgen“?

In Shakespeares Königsdrama „Richard III.“ zweifelt ein von Richard gedungener Mörder, ob nicht das Meucheln ihn vors ewige Gericht Gottes bringt, aber er beruhigt sein Gewissen, indem er feststellt, dasselbe stecke ja im Geldbeutel des Auftraggebers. Richards Bruder Clarence wird also umgebracht, der Mörder konstatiert, wie lästig ein Gewissen ist:

„Es ist ein gefährlich Ding, es macht einen zur Memme. Man kann nicht stehlen, ohne daß es einen anklagt; man kann nicht schwören, ohne daß es einen zum Stocken bringt; man kann nicht bei seines Nachbars Frau liegen, ohne daß es einen verrät … und jedermann, der gut zu leben denkt, verläßt sich auf sich selbst und lebt ohne Gewissen.“

Lesen Sie die ganze Szene im Internet: Brandaktueller Sarkasmus entblößt Politik und Moral. 

Dem Gewissen zu gehorchen, bewirkt bisweilen das Gegenteil klugen Abwägens von Vor- und Nachteilen. Just in entscheidenden Momenten handelt der Einzelne gegen seinen Vorteil, gegen Befehle, gegen religiöse, politische, ökonomische Zwänge, gegen eine herrschende Moral, ohne zu überlegen. Dann schießt er in die Luft, statt in den Rücken, verweigert den Befehl, riskiert buchstäblich Kopf und Kragen – und wird womöglich zum Helden. Davon leben Literatur, Filme, oder auch nur die Narrative von Stammtisch bis Internet.

Freiheit und Gewissensfreiheit

Ende 1981 stand ich als Reservist der „Nationalen Volksarmee“ der DDR vor der Entscheidung, in voller Montur, die Kalaschnikow samt Munition am Mann, auf einem Lkw des sowjetischen Typs Ural zur „Friedensgrenze“ an die Oder und weiter nach Polen gekarrt zu werden. Eine Invasion der sozialistischen „Bruderländer“ stand – wie 1968 in der Tschechoslowakei – bevor. Widerstand der Opposition, vor allem der Gewerkschaft „Solidarność“ war zu brechen. Das bedeutete: Deutschen mit einem „Sturmgewehr“ konnte wieder befohlen werden, auf Polen zu schießen.

Das ging mir in jener Nacht vom 12. auf den 13. Dezember durch den Kopf. Mir war klar, dass ich den Befehl aufzusitzen, verweigern musste, mich folglich zumindest im berüchtigten „Armeeknast“ in Schwedt an der Oder wiederfinden würde. Mein Entschluss stand fest, aber ich hatte Glück: In Polen wurde das Kriegsrecht ausgerufen, weder Rote Armee noch NVA marschierten ein. Die Polen hatten kein Glück. Viele wurden ermordet, landeten in Internierungslagern, Gefängnissen oder gingen ins Exil. Aber es war der Anfang vom Ende der kommunistischen Herrschaft.

Alle Kämpfe um Macht werden sowohl in der materiellen als auch in der informellen Sphäre ausgetragen: Geld und gesellschaftlicher Rang sind allgemeine Maße. Nicht messbar sind individuelle Qualitäten, also Begabung, Lernfähigkeit, charakterliche Stärken, Kreativität und viele andere mehr, die eine Persönlichkeit ausmachen. Über ihre Entwicklung lässt sich bestenfalls mutmaßen; vorherzusagen, wie sich jemand in einer bestimmten Situationen verhält, bleibt spekulativ. Spontan, unberechen- und unvorhersehbar einer Idee, einer Regung des Gewissens zu folgen, ist ein Ausdruck für Freiheit. Wer Kinder zum Hass erzieht, ihr Gewissen aufs Verteufeln, Brandmarken, gar Ausrotten von Feinden hin zu verstellen trachtet, wie es die Hamas und dienstbare Institutionen tun, nimmt ihnen diese Freiheit. 

Davon handelt mein Artikel „Wie Kinder zu Mitläufern werden“. Manche bleiben es, werden in organisierter Verantwortungslosigkeit zu „Angestellten des Todes“, wenn es ans Ausrotten geht, andere – von Heilslehren und johlendem Lynchmob getragen – überlassen sich dem Rausch von Gewalt – Macht – Lust.

Das Gewissen bleibt selbst durch die mächtigsten „Menschenlocher“ unausrottbar.

 

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