Die Weihnachtshasserin – Teil 2

Diesen Text gibt es auch als Episode im Wurlitzer, dem Podcast des Sandwirts: Hier.

Ziemlich umständlich verstaute Frau Herzberg den Spiegel in der teuren Marken-Handtasche, blickte auf, wieder mir direkt in die Augen und legte los: „Okay. Es geht Sie weiß Gott nichts an, aber abgesehen von den ziemlich öden Familienfesten meiner Eltern: So richtig begeistert für fromme Gesänge hat mich mein Mann, genauer mein Ex. Martin war ein ebenso kitschseliger Heini wie Sie. Heiligabend zum Kirchgang? Unbedingt! – auch wenn er sich das ganze Jahr über nicht dort sehen ließ. Ich konnte mich hinter dem Essen und den Vorbereitungen zur Bescherung verstecken; die Kinder konnten kaum laufen, da schleppten er und seine Mutter sie mit. Sie sangen zusammen, und vom ersten Advent an kam aus den Boxen nur noch „Tochter Zion“ und solches Zeug. Die Tochter geht mir nur deshalb nicht aus dem Kopf, weil sie mich an eine rothaarige Jüdin erinnert, mit der er ein Verhältnis hatte, und sie war nicht die Einzige, vermutlich hätte er auch das Christkind flachgelegt. Er war wirklich ein verlogenes Schwein.“

„Verstehe.“ Wir sahen beide auf unsere Hände. „Damit reiht er sich ins Heer von treulosen Ehemännern jeden Glaubens ein. Juden und Christen sehen dort nur deshalb besonders übel aus, weil ihr sechstes Gebot heißt: ‚Du sollst nicht ehebrechen!‘“

„Ach was!“ Die Betrogene überraschte mich mit einem breiten Grinsen. „Wir waren beide keine Kinder von Traurigkeit. Wir waren verdammt jung, als wir uns verliebten, ich keine zwanzig, er fünfundzwanzig, als die Mauer fiel. Dann folgten überhaupt die tollsten Weihnachten meines Lebens! London, verstehst du, das Ost-Mädel feiert die Jahreswende mit einem waschechten Broker am Buckingham Palace! Eine einzige große Party! Nichtmal ein Jahr später war ich verheiratet, wohnte in einer Villa am Tegernsee – und die Welt gehörte mir, ob du’s glaubst oder nicht. Oh. Habe ich gerade ‚du‘ gesagt? Tschuldigung.“

„Kein Problem, bleiben wir einfach dabei, dann fühle ich mich nicht mehr so alt. Ich heiße Gustav.“ 

Erwartungsgemäß prustete die Dame los: „Gustav? Dein Ernst?“

„Kein Ernst, Gustav ist schlimm genug.“

„Wenigstens Humor hast du. Was ist eigentlich mit deinem Zug?“

„In zwanzig Minuten. Schade“, ich sah auf die Anzeigentafel, „vielleicht reicht die Zeit nicht mehr, die Weihnachts-Hass-Geschichte zu Ende zu hören.“

„Ich mach’s kurz. Der Traumgemahl war kein Engel – ich auch nicht. Ich half ihm in den Goldgräberzeiten im Osten, lernte von ihm, sehr schnell sehr viel zu verdienen. Wir drehten richtig große Räder. Es war aufregend – wir hatten beide nebenbei ein bisschen Spaß, scheiß auf irgendwelche Gebote. ‚Geld macht sinnlich‘ – das wusste schon Bertolt Brecht. Kennst du Brecht überhaupt?“  

„‚Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral‘ – seine Kurzform fürs Evangelium des Kapitalismus. Privat war Brecht auch alles andere als ein Moralist.“

„Das fand ich okay. Zur Jahrtausendwende hatten wir’s geschafft. Wir hatten Affären, aber wir fanden uns beide großartig, ein Traumpaar, wir hatten Erfolg, seine Familie war angetan, und es wurde Zeit für Kinder. Also kriegte ich sie – die Schwiegereltern waren begeistert: Endlich richtige Enkel und – ein richtiges Weihnachten.“

„Es ging uns prächtig. Bis Weihnachten vor zehn Jahren. Ich hatte herausbekommen, dass Martin mit dieser Jüdin schlief, ‚Tochter Zion‘, es gab Krach, ich nahm es aber, wie immer, nicht zu ernst. Es kam mir sogar gelegen, denn ich konnte dank seines schlechten Gewissens etwas durchsetzen, wogegen er sich immer gesträubt hatte. Ein Haustier.“

„Ein Haustier. Hatten Sie vorher keins?“

„Phhh, meine Mutter und die diversen Stiefväter hatten mich als Kind abblitzen lassen, dann war einfach keine Zeit, aber jetzt kamen mir die Kinder zu Hilfe: Ein kleiner Hund als Weihnachtsgeschenk – das war’s! Ich kaufte eine süße schwarze Pudelin, ich nannte sie Olga.“

„Olga. Wie heißt du eigentlich?“

„Kerstin.“

„Und wieso Olga?“ 

Kerstin kicherte. „Kleine Rache an meinen Schwiegereltern. Sie zogen mich damit auf, dass ich eigentlich aus einer russischen Kolonie stamme. ‚Olga von der Wolga‘. Mein Ex hatte nichts dagegen: Weihnachten war gerettet. Olga war bezaubernd. Der kleine Hund fühlte sich sofort wohl bei mir. Als ich ihn Heiligabend mit nach Hause brachte – die Familie war planmäßig in der Kirche – ließ er sich von mir streicheln, kuschelte sich zusammen und schlief tief und fest – ausgerechnet im Lieblingssessel vom Ex, während ich mich in der Küche zu schaffen machte. Der Ex kam nach Hause, ließ Kinder, Opa und Oma im Vorzimmer warten, legte seine Pakete unter den Christbaum und plumpste im Bewusstsein, der beste Weihnachtsmann der Welt zu sein, schnaufend in seinen Sessel. Es quiekte und machte knack.“

„Um Gottes willen!“

„Ja. Wie er es geschafft hat, den toten Pudel zu verstecken, ohne dass die Kinder etwas merkten, weiß ich nicht mehr. Nur dass er sagte ‚Ich besorge einen neuen‘, blieb hängen. Ich musste so tun, als ob nichts geschehen wäre. Wir zogen die ganze verlogene Nummer für die ahnungslosen Kinder durch, einschließlich der Weihnachtslieder. Und als die Kids im Bett und die Großeltern gegangen waren, verschwand er. Bis zum nächsten Morgen um zehn, da tauchte er mit einem kleinen schwarzen Pudel auf und behauptete, der Weihnachtsmann hätte ihn gestern nur bei der falschen Familie abgegeben. Natürlich war er der Held. Die Kinder durften einen Namen aussuchen. ‚Peggy‘! Ich fühlte mich elend, denn ich wusste, wo der Held die Nacht verbracht hatte. 

Und das tat er von da an öfter, bis ich ihn vor die Wahl stellte. Er sagte sofort, er wolle sich scheiden lassen und die Kinder behalten. Ich war vollkommen perplex. Offensichtlich konnte er mich so leicht austauschen wie einen Köter. Als ich ihn anschrie, blieb er völlig cool. Mir bliebe ja das Recht, sie zu besuchen, einmal im Jahr mit ihnen in Urlaub zu fahren, überdies erhielte ich eine großzügige Summe, müsse mich um weiter nichts kümmern, möge nur ihm und seiner Familie einen schmutzigen Scheidungskrieg ersparen. Hinter meinem Rücken hatten sie alles genau vorbereitet.“

„Und was haben deine Kinder dazu gesagt?“ 

Kerstin Herzberg schwieg. Fast gleichzeitig schauten wir auf die Uhr. Zeit zu gehen. 

„Ich habe zu viel falsch gemacht, das weiß ich heute. Sie waren zu oft bei den Großeltern, während ich allein oder mit Martin in Geschäften herumreiste. Ich hätte vielleicht besser gar keinen Nachwuchs kriegen sollen, mag sein dass Scheidungskinder darin ohnehin gefährdet sind, keine Ahnung. Damals wusste ich nur, dass ich es nicht auf einen Gerichtsstreit ankommen lassen wollte. Die Kinder sollten behütet aufwachsen, ich wollte frei sein, leben, nicht als abgehängte Alleinerziehende, sondern mittendrin. Ich war 30, attraktiv, erfolgreich, und ich wollte für mich entscheiden, nicht von irgendeiner Familie gelenkt.“

„Die Freiheit ist manchmal schwer auszuhalten. Siehst du deine Kinder noch?“

„Wir telefonieren. Es ist Weihnachten. Für sie ist das immer noch eine große Sache.“

Schweigend durchquerten wir die Bahnhofshalle mit dem von Hunderten LED besternten Baum. 

„Komm gut an“, sagte ich, als wir uns vor den Bahnsteigen trennten. Zwischen haltenden Zügen wirbelten Graupelschauer. Es war ungemütlich, ich hätte der Weihnachtshasserin gern irgendetwas Tröstliches oder Aufheiterndes gesagt, aber mir fiel nichts ein. Ich reichte ihr die Hand zum Abschied. Sie griff danach, drückte sie fest, schaute mir in die Augen.

„Ich weiß nicht, wieso ich dir das alles erzählt habe, du hältst mich vermutlich für ziemlich überspannt. Aber mir hat es gut getan, und du lässt dir den Spaß an Weihnachten bestimmt nicht so leicht verderben. Also: Frohes Fest, guten Rutsch ins Neue Jahr und so weiter … Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder.“

Jetzt war ich endgültig in Verlegenheit. Was sollte ich ihr wünschen? „Was soll ich dir wünschen? Du hasst Weihnachten, aber bestimmt liebst du dafür etwas anderes – und dazu wünsche ich dir Glück, und dass es jemand mit dir teilt. Danke fürs Teilen deiner Geschichte – auch wenn sie traurig ausging. Hast du sie den Kindern erzählt?“

„Natürlich nicht.“

„Sie werden dich irgendwann fragen. Je erwachsener sie werden, desto mehr werden sie sich dafür interessieren, wo sie herkommen, weshalb du sie aufgegeben hast, wer ihre Mutter wirklich ist. Ist es unverschämt, wenn ich mir von dir etwas zu Weihnachten wünsche?“

„Du bist wirklich ein Spinner, Gustav. Aber okay – so lange du keinen Sex willst, alter Knabe …“

„Ich habe vielleicht einen Nagel im Kopf, aber ich halte mich nicht für George Clooney. Ich wünschte mir, dass du über ein besonderes Glück in deinem Leben nachdenkst, einen großen Moment, so etwas wie ein Wunder, viel mehr als irgendwelche Bescherungen. Das könntest du teilen – vielleicht irgendwann mit deinen Kindern – und es wäre bestimmt wichtiger als die Geschichte vom toten Pudel und der ‚Tochter Zion‘. Erfinde dir dein ganz persönliches Weihnachten. Mach dein Fest daraus. Denk nicht darüber nach was die anderen davon halten. Lade sie ein, egal zu welcher Jahreszeit, und nicht nur einmal. Und ‚fürchte dich nicht!‘ Das ist die eigentliche Botschaft von Weihnachten, jenseits von geschenktem Zeug und öden Ritualen – am besten alle Jahre wieder.“

„Du redest wie ein Pfarrer, und du verpasst deinen Zug. Ich denke drüber nach. Tschüss!“

Ich rannte los, und nachdem ich schnaufend mein Gepäck im Anschluss-ICE verstaut hatte und auf meinen Platz geplumpst war, begann ich wieder über mein Weihnachten nachzudenken. Weshalb hat die Weihnachtsgeschichte für mich eine Botschaft – jenseits der Religionen? Sie erzählt von einem Neugeborenen in Windeln in bethlehemitischer Notunterkunft, schon bald würde dieses Baby mit seinen Eltern auf der Flucht sein, weil ein Tyrann ihm nach dem Leben trachtete – so etwas ist seit Menschengedenken Alltag. Friedliche Weihnachten waren nie selbstverständlich, für Christen so wenig wie für Juden, Moslems, Ungläubige. Noch in meiner Kindheit war es riskant, in die Kirche zu gehen. Es wurde in der Diktatur aktenkundig, es galt die Logik: „Wer sich nicht bedingungslos zu uns, dem besseren deutschen Staat bekennt, ist ein potentieller Feind.“ 

Die Herrschenden säten Furcht – aber die Weihnachtsbotschaft war stärker. Sie hielt uns als Kinder mit der Familie zusammen, als Heranwachsende mit Freunden: „Fürchtet euch nicht!“ Wir lernten, auf anderes zu vertrauen als die Heilsversprechen der Mächtigen. Wir probierten aus, was glücklich macht, ohne den Mächtigen zu gefallen. Wir fanden eine ganze Welt: In der Musik, im Tanz, in der Literatur, im Theater, in der Malerei, im Film. Es gehört zu den beglückenden Erfahrungen meiner Generation, dass wir ganze Reiche zerfallen sahen, deren Macht sich auf Furcht gründete: Auf Furcht vor Überwachung, vor beruflichen Nachteilen, vor sozialer Ächtung als Quertreiber, vor Zuchthaus. 

Am Ende kam heraus, dass Mauern, Stacheldraht, Todesautomaten und Spitzelsysteme nichts anderes waren, als Ausdruck der Angst eben jener Mächtigen, und dass ausgerechnet Flüchtlinge ihr System zum Einsturz brachten: Die Menschen liefen ihnen davon. Das hatten sie mit Gewalt zu verhindern versucht. 1961 war es ihnen gelungen. 1989 hatten sie verloren, denn die Welt hatte sich verändert, und ihre Heilsversprechungen hatten sich als haltlos erwiesen. War das nicht so etwas wie Weihnachten für Millionen Menschen? „Fürchtet euch nicht mehr!“

Wir, die wir’s erleben durften, haben etwas gelernt: Geld ist nicht das Wichtigste. Hoffnung auf eine Zukunft, in der wir selbst entscheiden dürfen, woran wir glauben, was wir hoffen, und mit wem wir uns zusammenschließen wollen: Das ist unbezahlbar. Erfüllte Lebenszeit ist unbezahlbar. Je älter einer wird, desto höher schätzt er dieses wichtigste Geschenk – egal ob und von welchem Gott es kommt, vom Universum oder einfach von Mama und Papa: Die einmalige, unwiederbringliche, unwiederholbare Zeit.

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