Drei neue Länder – bereit für Diversität?

Es gibt keine schlimmere Tyrannei als einen Menschen zu zwingen, für etwas zu bezahlen das er nicht will, bloß weil Sie denken, es sei gut für ihn.

(Robert Heinlein, Science-Fiction-Autor)

Stellen Sie sich vor, auf einem Kontinent, der die Selbstbestimmung des Einzelnen anerkennt, hätten sich an einigen Stellen neue Länder gebildet. Wir wollen uns drei davon näher anschauen.

Die Waldgeschwister

Das Land der Waldgeschwister hat seinen Namen von der waldreichen Gegend, in der jene sich niedergelassen haben. Sie organisieren sich in einzelnen Siedlungen, die geteilt werden, nachdem eine Kopfzahl von mehr als 150 erreicht ist. Jedes Dorf besteht aus Gemeinschafts- und Einzelunterkünften. Es besteht Gemeinschaftseigentum an allen Dingen außerhalb der eigenen Wohnung. Die Bewohner sorgen für ihre Kranken und Alten. Grundsätzlich herrscht innerhalb der Gemeinschaft freie Liebe, auch nachdem sich Paare gebildet haben. Kinder werden von der Dorfgemeinschaft gemeinsam erzogen. Ab dem Alter von 15 Jahren sind Jugendliche sexuell selbstbestimmt. Die Waldgeschwister wollen möglichst naturnah und umweltverträglich leben. Sie sind zufrieden, wenn sie das Lebensnotwendige erarbeiten. Mit anderen Dörfern findet Tauschhandel statt und des Öfteren werden auch Dinge von der Außenwelt zugekauft. Die einzelnen Siedlungen werden von Dorfältesten geleitet, meist reiferen Frauen. Die Bewohner entscheiden basisdemokratisch über die Neuaufnahme von Siedlern und andere Fragen. 

Carola B., Gründerin der Waldgeschwister und Dorfälteste der ersten Siedlung, erläutert: „Das ist unser Modell: Ein Paradies ohne Wachstum. Wir wollen keine Freiheit, sondern Gemeinschaft. Wir haben weniger materiellen Wohlstand, aber dafür mehr soziale Wärme. Der Mensch ist nicht geschaffen für die anonyme Massengesellschaft und deshalb unglücklich. Warum findet denn der ganze Konsum statt, die ganzen Anschaffungen und immer mehr Wachstum zur Erhöhung des Lebensstandards? Weil Männer Frauen beeindrucken wollen. Warum wollen Männer Frauen beeindrucken? Weil sie mit den Frauen Sex haben wollen. Wenn Sie das jetzt haben können, ohne den ganzen Stress, die ganze Umweltzerstörung, den ganzen Konkurrenzdruck und das Verlangen, immer mehr, immer größer, immer besser zu sein, dann sind alle doch viel ausgeglichener und glücklicher! Natürlich wissen wir, dass einige von uns anderswo noch ein Standbein und auch Vermögen haben. Aber wenn jemand in der Außenwelt Geld verdient, und sich dann bei uns niederlässt und einen Teil davon mitbringt und der Gemeinschaft gibt, ist das völlig in Ordnung.“

Das Fürstentum Christo

Das Fürstentum Christo nimmt ausschließlich weiße, christliche Siedler auf. Die Einwohner wählen einen Fürsten auf Lebenszeit, der eine Regierung ernennt. Fürst, Regierung und Volk können Gesetze vorschlagen, über die im Wege der direkten Demokratie entschieden wird. Das Fürstentum ist in Gemeinden unterteilt, denen eine weitgehende Autonomie zukommt und die auch für die soziale Sicherung zuständig sind, welche von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich ausfallen kann. Die Einwohner sind der Auffassung, dass in erster Linie die Familie für die soziale Absicherung zuständig sei, in zweiter Linie die Kirche und erst in dritter Linie die Gemeinde. Transferempfänger und Staatsbedienstete sind vom Wahlrecht ausgenommen, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Leitbild ist die traditionelle Familie, mit dem Mann als Familienoberhaupt und Hauptverdiener. Abtreibungen sind nur in engen Ausnahmefällen zulässig. Familien erhalten für jedes Kind eine zusätzliche Stimme bei Wahlen und Abstimmungen. Für alle Männer besteht Wehrpflicht, die Grenzen werden militärisch gesichert. Die persönlichen und wirtschaftlichen Freiheiten sind recht hoch, variieren allerdings von Gemeinde zu Gemeinde. Es wird allgemein erwartet, dass man sonntags in die Kirche geht.

Martin S., der Gründer des Fürstentums und erster Wahlmonarch, berichtet: „Die Hauptstrom-Presse beschreibt uns durchgängig als Modell von vorgestern, rassistisch und sexistisch. Aber in Wahrheit rennen die Leute uns die Bude ein, wir können uns vor Bewerbungen kaum retten. Wir haben auch gar nichts gegen andere Ethnien oder Religionen, nur sollen diese in ihren eigenen Gemeinwesen glücklich werden. Wir wollen jedenfalls vermeiden, dass wir wie die Juden tausend Jahre lang eine unterdrückte Minderheit sind, bevor wir auf die Idee kommen, uns in einem eigenen Staat zusammenzutun. Wir möchten so leben, wie wir sind und wollen, dass das so bleibt. Wir haben fleißige, intelligente Leute. Deshalb können wir auch im Hochtechnologiebereich mithalten und entsprechend exportieren, was uns dann wiederum einen hohen Lebensstandard sichert. Unsere Familien sind intakt, die Geburtenrate ist stabil und der Zusammenhalt in den Gemeinden gut. Den christlichen Glauben halten wir für wichtig, weil er die Gesellschaft zusammenhält. Unsere Kriminalitätsrate ist niedrig, Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen sind selten. Wir sind der Meinung, dass unsere ethnische und konfessionelle Homogenität ein Erfolgsfaktor ist.“

Jetsonia

Jetsonia ist eine unabhängige Großstadt, die von einem Privatunternehmen verwaltet und gesichert wird. Jeder Einwohner zahlt einen festgelegten Betrag pro Jahr. Dafür stellt das Unternehmen Infrastruktur, Sicherheitskräfte, Rettungsdienste und ein Streitschlichtungssystem zur Verfügung. Die Einzelheiten sind in einem Vertrag geregelt, der zwischen dem Unternehmen und jedem einzelnen Bewohner abgeschlossen wird. Dieser Vertrag kann vom Unternehmen nicht einseitig abgeändert und nur dann gekündigt werden, wenn ein Bewohner gegen seine vertraglichen Pflichten verstoßen hat. Streitigkeiten darüber werden vor einem unabhängigen Schiedsgericht verhandelt. Im Übrigen können die Bewohner tun und lassen, was sie wollen, solange sie anderen nicht schaden. Es gilt umfassende Meinungs- und Vertragsfreiheit. Es gibt keine Politik, kein Parlament und keine Zentralbank. Gegen sämtliche Eventualitäten des Lebens haben sich die Bewohner auf Wunsch privat versichert oder Selbsthilfegruppen gegründet, sei es zum Schutz vor Krankheit, Tod, Pflegebedürftigkeit oder Unfällen. Jeder kann neue Produkte und Dienstleistungen ohne Genehmigung oder Lizenz anbieten, und sich in jeder gewünschten Währung bezahlen lassen. Zum Testen neuer Ideen hat Jetsonia eine sogenannte Ankap-Zone eingerichtet, in der die Einwohner gar nichts bezahlen, sich dafür um alles selbst kümmern einschließlich der Regeln ihres Zusammenlebens. 

Der Sprecher des Unternehmens, Frank K., meint: „Die meisten hier wollen keine politischen oder religiösen Vorgaben, wie sie ihr Leben zu führen haben. Dadurch, dass in Jetsonia eine minimale Regelungsdichte herrscht, konnten wir viele Innovationen hervorbringen und eine hohe Produktivität erreichen. Die Menschen werden von der Politik nicht gegeneinander aufgehetzt, müssen sich nicht einmal um Politik kümmern, da diese nicht existiert. Sie müssen aber auch nicht befürchten, ständig mit neuen Regeln konfrontiert zu werden. Da Freihandel herrscht, jeder somit alles zollfrei importieren kann, und außer dem Jahresbeitrag keine Steuern zu bezahlen sind, haben auch Geringverdiener einen hohen Lebensstandard. Weil wir keine manipulierbare Währung haben, steigt die Kaufkraft unserer Bewohner beständig. Die Altersversorgung ist planbar und ermöglicht den Ruhestand, wann immer der Betroffene das erreichte Niveau für ausreichend hält. Zu uns kann im Prinzip jeder aus der ganzen Welt kommen, der für seinen Lebensunterhalt sorgen kann und unsere Grundregeln akzeptiert. Wir schauen uns aber die Bewerber genau an, Kriminelle sowie politische oder religiöse Extremisten werden entweder gleich abgelehnt oder verlassen unsere Stadt sehr schnell wieder. Hinsichtlich der Einhaltung unserer wenigen Regeln gilt das Null-Toleranz-Prinzip. Bei uns gibt es keine Umverteilung, keinen Mindestlohn und keinen Kündigungsschutz, alles wird zwischen den Beteiligten oder deren Vertretern direkt ausgehandelt. Ich frage Sie: wenn wir so ein schlimmes Ausbeutersystem sind, warum kommen dann so viele Menschen aus der ganzen Welt freiwillig zu uns?“

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Das sind nun drei völlig unterschiedliche Systeme des Zusammenlebens. Der aufmerksame Leser wird erkannt haben, dass sie jeweils Anleihen bei den drei politischen Hauptströmungen Sozialismus, Konservatismus und Liberalismus machen. Ihnen gemeinsam ist, dass die Teilnahme daran freiwillig ist und sie in der aktuellen Welt nicht zugelassen würden. 

Was aber wäre so schlimm daran, wenn sich Menschen, die das möchten, auf andere Weise organisieren, als die Mehrheit das für richtig erachtet? Ist es wirklich erstrebenswert, wenn die Welt überall gleich aussieht? Vielleicht gibt es gar kein optimales System für alle? Vielleicht nicht mal für den Einzelnen? Möglicherweise will ein junger Mensch ein paar Jahre bei den Waldgeschwistern verbringen, aus Idealismus und um sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Danach geht er nach Jetsonia, um sich eine wirtschaftliche Existenz, ein Vermögen und eine Alterssicherung aufzubauen. Schließlich verbringt er seinen Lebensabend im Fürstentum Christo, in dem er sich unter seinesgleichen wohl und geborgen fühlt. 

Der Schlüssel für ein friedliches Zusammenleben ist, andere nicht daran zu hindern, auf ihre eigene Art und Weise glücklich zu werden. Sind wir bereit, alle drei Modelle zuzulassen? 

Wenn nicht, dann sind wir das Problem für ein gedeihliches Miteinander aller Menschen, nicht Politiker, Großkonzerne oder Superreiche.

Dies ist ein Ausschnitt aus der soeben erschienenen, erweiterten Neuauflage des Buchs Freie Privatstädte – Mehr Wettbewerb im wichtigsten Markt der Welt.

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