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Eine Freundin von mir ist Radio-Moderatorin, schlagfertig, witzig und eloquent. Sie hat einmal einen bekannten Entertainer im Fernsehen interviewen wollen. Saß mit ihrem kleinen Aufnahmegerät vor ihm, mühte sich ab mit gut recherchierten Fragen, doch Monsieur gab sich blasiert und gelangweilt. Er glänzte lieber vor seinem Millionenpublikum – jede Nacht mit der eigenen Show – und ließ die Anläufe dieser Provinzreporterin an sich abperlen, als wäre er aus Teflon.
Doch meine Freundin, ein selbstbewusstes Kölner Original, schaltete mitten im Interview mit gestrecktem Zeigefinger das Aufnahmegerät ab, sah ihm direkt in die Augen und sagte: „So. Wenn Sie mir hier weiter so dämliche Antworten geben, von denen ich keine einzige drucken werde, lassen wir das Interview ganz und ich gehe jetzt nach Hause!”
Das saß. Gefühlt hätte nach diesem Satz eine Bombe detonieren müssen oder mindestens Glas splittern, so klar durchbrach er die Mauer aus Überheblichkeit und Arroganz. Monsieur Millionenpublikum schüttelte sich kurz, richtete sein Krönchen zurecht und fand umgehend in seinen charmanten Modus zurück, den man von ihm eigentlich gewohnt war.
Ich gratulierte meiner Freundin zu ihrem Mut und wir lachten noch viele Male über diese Geschichte, wenn sie an den Punkt kam, wo Mister Perfect für den Bruchteil einer Sekunde seine Fassung verlor und die Gesichtszüge entgleisten – denn das hatte er dieser „Provinznudel” tatsächlich nicht zugetraut.
Warum erzähle ich das?
Weil ich glaube, dass auch viele unserer Politiker in ihrem Elfenbeinturm so abgehoben und abgeschieden von der Realität der Menschen leben und irrtümlicherweise meinen, sich nicht mehr auf Augenhöhe mit ihnen abgeben zu müssen. Wie anders könnte man sich sonst das Verhalten unseres Bundeskanzlers gegenüber den eigenen Bürgern erklären, wie etwa beim „Bürgerdialog” geschehen, als er nicht nur einmal mit schnippischen Antworten, unangemessen kindischem Gelächter oder erschreckender Hochnäsigkeit die Fragenden vor den Kopf stieß. Ebenso ein großes Ärgernis: die völlige Empathielosigkeit und Ignoranz der Bundesminister gegenüber der eigenen Bevölkerung, für die sie eigentlich ihre Ämter ausüben sollten – was sie aber selbstbewusst ablehnen – egal, was ihre Wähler denken.
Zwischen ihnen und uns scheinen Welten zu liegen. In Wahrheit aber sind es „Rollen”, die diese Menschen spielen und dabei nicht mehr merken, dass sie den Autopiloten eingeschaltet haben. Wie auf einer Theaterbühne spulen sie ab, was von ihnen in ihrer jeweiligen Rolle und Funktion als Politiker, Entertainer, Kirchenvorstand, Parteivorsitzender, Minister, Familienoberhaupt etc. erwartet wird.
Eine Rolle ist wie eine Maske. Eine zweite Haut über der ursprünglichen Essenz. Sie ist eingeübt und funktioniert automatisch. Im Lateinischen spricht man von „Persona” oder „personare”, was soviel bedeutet wie das Hindurchtönen eines Schauspielers durch eine Maske. In der Analytischen Psychologie definiert Carl Gustav Jung in seinem Werk „Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten” die Persona eines Menschen als:
„…ein soziales Auftreten, mit dem er sich an Idealvorstellungen einer sozialen Gruppe oder Gesellschaft anpasst. (…) Die Persona ist aber, wie ihr Name sagt, nur eine Maske, die Individualität vortäuscht, die andere und einen selber glauben macht, man sei individuell, während es doch nur eine gespielte Rolle ist, in der die Kollektivpsyche spricht. ”
Die Eigenschaften der Persona werden hauptsächlich durch Anpassung oder Übernahme gesellschaftlich erwünschter Vorstellungen erworben – ihre Prägung kommt somit von außen.
Wenn wir uns also beispielsweise darüber wundern, warum ein Bundeskanzler, ein Wirtschaftsminister oder eine Außenministerin – und natürlich viele andere Personen des öffentlichen Lebens – hölzerne Reden halten, die man nicht anhören kann, weil sie wie ferngesteuert sprechen, ohne authentische Mimik und ihre Worte hohl und empathielos völlig an den Menschen vorbeizielen – dann liegt das daran, dass sie komplett mit ihrer Rolle identifiziert, ja verwachsen sind und der wahre Mensch dahinter weder zu spüren, noch von seiner Rolle zu unterscheiden ist.
Genau dann beginnen die Realitäten sich aneinander zu reiben, ja zu „clashen”. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, wenn sie aus ihrer Rolle heraus agieren. Viel eher merkt es das Gegenüber, die Zuhörer, der Partner, das Publikum – nämlich dann, wenn wie im Fall meiner Freundin, keine Berührung, kein echtes Gespräch, also kein Austausch zustande kommt, sondern nur leere Phrasen gedroschen werden und ein frustrierendes Aneinander-Vorbei die Folge ist.
Rollen sind zum Zwecke der Sozialverträglichkeit sinnvoll – jedoch nur bis zu einem gewissen Maß. So sinnvoll wie der Autopilot in einem Flugzeug. Solange ein Individuum dahinter das Geschehen überblickt, erleichtert diese Funktion die alltägliche Routine. Übernimmt aber der Autopilot das Steuer komplett oder verselbständigt sich die Rolle, werden spontane Kurskorrekturen, also eine lebendige Interaktion, unmöglich. Genausogut könnte man sich mit einem Blecheimer unterhalten oder ihm sein Leben anvertrauen.
Der zerstörerische Aspekt von Rollen beginnt dann, wenn die soziale Anpassung das Individuum einzementiert hat und der Automatismus zur bloßen Karikatur verkommt.
Die destruktiven Auswirkungen des Rollenspiels finden da statt, wo das Kollektiv prägend ist: In Politik und Gesellschaft, im Arbeitsleben, Freundeskreis, an Schulen oder innerhalb der Familien. Rollen können Schutz durch Anpassung bieten – aber der Preis dafür sind auf Dauer Starrheit und Entfremdung. Entfernung von der individuellen Wirklichkeit. Theaterspiel. Und das Markenzeichen einer Rolle ist, dass ihr Drehbuch fest geschrieben steht und es innerhalb dessen keine Entwicklung gibt. Dass in der Rolle immer und immer wieder dasselbe erzählt und ausagiert wird wie in einer eigenen Echokammer – ohne echte Resonanz. Darin liegt auch etwas zutiefst Komisches, mit dem an echten Theaterbühnen gern gespielt wird.
Ein „Held” darf keine Schwäche zeigen, egal wie ängstlich er sich innerlich fühlen mag – denn würde er das tun, wäre er kein Held mehr. Genauso verhält es sich in der Politik: Ein Bundeskanzler dürfte nicht äußern, dass er die Nase gestrichen voll hat von seinen Koalitionspartnern und keinen Weg sieht, mit diesem Kindergarten vernünftige Politik zu machen. Seine Rolle erlaubt es nicht. Stattdessen sind staatstragende Floskeln vorgesehen, von denen jeder weiß, dass sie den Staat nicht tragen.
Wie wenig die innere Wahrheit während des Rollenspiels beteiligt ist, sieht man an der Mimik und Gestik. Wer aus einer Rolle heraus agiert, hat meist starre Gesichtszüge, die nicht zum Gesagten passen. Augen, die nicht mitsprechen. Ein Mund, der nicht lacht. Das kann teilweise schon satirische Züge annehmen. Eine Stunde bei Markus Lanz und seinen Gästen liefert dafür übrigens bestes Anschauungsmaterial. 😉
Doch es gibt ein Mittel dagegen. Meine Freundin hat es damals nonchalant angewandt, sozusagen die Reißleine gezogen und eine Art Quantensprung in Lichtgeschwindigkeit gemacht. Durch das unmittelbare, wahrhaftige Aussprechen von dem, was sich ihr gerade innerlich als gegeben präsentierte, man könnte auch sagen: durch das Aussprechen ihrer „Wahrheit” aus dem Bauch heraus, durchbrach sie im Bruchteil der Sekunde die Rolle und drang zum eigentlichen Kern der Person ihres Gegenübers durch. Monsieur Teflon hat es gemerkt und ist aus seinem Rollen-Tiefschlaf aufgewacht. Das Interview verlief ab dann erstaunlich positiv und interessant.
Das funktioniert übrigens immer und überall. Durch das Agieren aus dem inneren Kern wird das Gegenüber gezwungen, die gleiche Ebene einzunehmen. Wahrheit hat eine durchschlagende Kraft. Bei Profis wie Politikern ist das natürlich schwierig, weil sie viele Masken übereinander tragen und den ganzen Tag darin geschult werden, etwas darzustellen, was nicht ist, also zu täuschen.
Aber Rollen durchbrechen funktioniert, wenn man gut ist, sogar bei hartgesottenen Panzertieren. Werden sie in ihrer Rolle „durchschaut” (daher auch der Ausdruck), verraten sie sich oft mit einem ungewollten Blinzeln oder Augenzwinkern. Das Bewusstsein zeigt sich so und signalisiert: Ich sehe dich. Ich weiß, dass du gerade die Wahrheit sagst.
Normalerweise hätten in der Politik echte Journalisten die Aufgabe, sämtliche Aspekte der „Wahrheit” zu recherchieren, in Interviews zu Tage zu fördern, überraschende und unbequeme Fragen zu stellen und dabei aus dem eigenen unabhängigen Wertesystem zu schöpfen. Es gab früher eine ganze Reihe sehr guter Journalisten, die dies perfekt beherrschten. Ich habe mit einigen studiert. Manche davon, die es in die Chefsessel großer Tageszeitungen geschafft haben, stecken heute als anbiedernde Hofberichterstatter von ÖRR & Co selbst komplett in Rollen fest und haben völlig den Kurs verloren. Seit Angela Merkel die Top-Journalisten immer wieder gern ins Adlon einlud, um dort den künftigen Kurs zu „besprechen” – verblassten die ethischen Standards mit jedem Glas Champagner und jeder Geschäftsreise im Regierungsflieger.
So hat sich das polit-mediale Establishment immer weiter in der eigenen Blase abgesondert, selbst befruchtet und ist abgerückt von dem wichtigsten Element der Demokratie: dem echten Austausch verschiedener Standpunkte und Meinungen. Nicht nur innerhalb der Parteien, sondern vor allem im Austausch mit dem Souverän.
Was dabei herauskommt, macht zornig, fassungslos und ohnmächtig, denn diejenigen, die im Namen des Volkes für Wohlstand, Sicherheit und Wachstum sorgen sollten, führen die Geschicke ungeschickt bis vorsätzlich ad absurdum und wirtschaften entweder in die eigene Tasche oder für das Lobby-Klientel, das ohnehin mehr als genug hat.
Wenn man dann vor den Wahlen die Plakate am Straßenrand sieht und kurz überlegt, ob es nicht doch eine Satire-Partei ist, die da auf rotem Hintergrund „gegen Hass & Hetze” wirbt, ist das in etwa so, als würde der Autopilot im Cockpit kurz vor dem Aufprall der Boeing noch mit warmem Timbre in der Stimme die Flughöhe durchgeben und versichern, dass da kein Felsen sei, auf den das Flugzeug zusteuert, weil beide Triebwerke brennen, sondern lediglich ein Lagerfeuer am Fuße der Anden, mit dem uns die Einwohner freundlich morsen, wie sehr sie sich über die Radwege in Peru gefreut haben.
Im 17. Jahrhundert prägte Nicolas Boileau den Begriff der „décadence”. Seit Montesquieu und Edward Gibbon ist er untrennbar mit dem Untergang des Römischen Reiches verbunden. Damals wie heute teilte ein winziger Prozentsatz der sogenannten „Elite” (Grundbesitzer, Staatsbeamte, Militär) den Reichtum von 80 Millionen Menschen unter sich auf und lebte dank der hohen Steuereinnahmen im Überfluss („luxuria”). Die Ausbeutung der restlichen 99 Prozent sowie die üppige Zurschaustellung von Protz und Luxus verletzte traditionelle (römische) Werte und den Sinn für das Gemeinwohl. Völlig von der Rolle. Nichts Neues also. Wohin es geführt hat, wissen wir auch.
Das Schlechteste, was wir tun können, ist Mitspielen. Das zeigen jetzt auch deutlich die Entschwärzungen der RKI-Protokolle. Das Corona-Theater konnte nur deswegen so erfolgreich in Dauerschleife aufgeführt werden, weil die Mehrheit „mitgespielt” hat – in einem Drehbuch, das man nicht mal kannte. Eine echte Kurskorrektur kann nur von einer wahrhaftigen Absicht aus erfolgen. Jenseits von Theater, Dramen und Inszenierungen. Das unaufhörliche Aufbrechen von Rollen, das penetrante Geraderücken von verdrehten Fakten, das Benennen der echten Fakten und das Aussprechen von Wahrheit ist mehr gefragt denn je. Ob man die Politiker eher aus den Ämtern bekommt als aus ihren Rollen, bleibt die Frage. Aber die wird nicht mehr entscheidend sein, wenn es wieder en vogue ist, die Wahrheit zu sagen.
Und das beginnt ja erfahrungsgemäß immer im Kleinen. Wenn das Bewusstsein geweckt ist, seine persönlichen Beziehungen wieder wahrhaftig und lebendig leben zu wollen, können wir bei uns anfangen und wieder lernen, die Wahrheit auszusprechen. Ohne Manöver. Ohne Rollen. Ohne Angst vor der Reaktion des Anderen. Kompromisslos, in jedem Augenblick. Kommt sie aus der eigenen Essenz, hat sie eine Durchschlagskraft, die durch nichts zu brechen ist. Menschen, die aus ihrer Essenz heraus agieren, sind spürbar lebendig und innerlich verbunden. Ein wahrhaftiger Austausch zwischen Menschen ist immer bereichernd.
Und genau danach haben wir Sehnsucht.

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