Freiheit zu Lebzeiten

Diesen Artikel gibt es auch als Episode im Wurlitzer, dem Podcast des Sandwirts: Hier.

Letztes Wochenende war ich in Prag – bei strahlend blauem Himmel kam ich zusammen mit meiner Frau am Freitagmorgen an, der Anlass des Stadtbesuchs, nämlich die zweitägige Konferenz „Liberty in our Lifetime” begann aber erst am Samstagmorgen, so dass wir einen Tag Zeit hatten, zu bummeln und alte Erinnerungen aufzufrischen. – Und diese alten Erinnerungen haben es in sich …

Winds of Change

Das letzte und einzige Mal war ich zuvor im Sommer 1988 in Prag gewesen, nämlich zur Klassenfahrt für eine Woche mit meinem Oberstufenjahrgang. Die älteren unter uns erinnern sich noch: 1988 war noch VOR dem Fall des Eisernen Vorhangs. Prag war damals trostlos, hoffnungslos, grau, es herrschte eine bleierne Atmosphäre. 

Natürlich trafen wir damals auch tschechische Jugendliche, einige von uns verabredeten sich mit einer Gruppe von ihnen abends auf der Karlsbrücke. Sie brachten eine Gitarre mit und wir sangen gemeinsam westliche Songs … Take me Home Country Road, Stairway to Heaven und so. Ihr Englisch war nur bruchstückhaft, aber wir alle bekamen genug voneinander mit, um zu verstehen, dass das Leben „in Freiheit” im Westen und das Leben unter der kommunistischen Knute im Osten so verschieden waren wie ein Tesla S und ein Trabant. 

Die Prager Jungs und Mädels litten unter den Repressionen der durch und durch kollektivistischen, durchpolitisierten, militarisierten, unfreien Gesellschaft im Machtblock des Warschauer Pakts. Weil genügend pubertäre Dramatik in uns wühlte, weinten wir gemeinsam über die Sehnsucht der tschechischen Jugendlichen nach Freiheit. Ich weiß es noch, als ob es gestern gewesen wäre.

Der Punkt ist: Kein Mensch konnte damals ahnen, dass die Befreiung so kurz bevorstand! Hätte ich damals auf der Karlsbrücke zu den verzagten Gleichaltrigen gesagt: „Ach, wartet doch einfach noch ein Jahr, dann ist der Spuk vorbei und ihr seid frei!”, ich glaube sie hätten mich geschlagen. 

Aber genau so war es: Ein Jahr später wehten die Winds of Change den dumpfen Schatten über Prag weg, die Sonne der Freiheit kam raus und Prag begann, seine Wunden zu heilen, zu erstarken und irgendwann auch wieder zu blühen.

Heute ist Prag wieder die wunderschöne Stadt, die sie immer war. Wir schlenderten durch die großartige, mit Geschichte und Lebensfreude aufgeladene Innenstadt und freuten uns als eingefleischte Provinzler insbesondere über ein in deutschen Großstädten verloren gegangenes Sicherheitsgefühl – trotz der vielen Passanten: Der Anteil kulturfremder, nichtwestlicher Menschen ist vergleichsweise gering, das durch Kleidung und Benehmen dokumentierte Niveau trotz vieler Touristen relativ hoch. Wir fühlten uns frei.

Vereint im Willen zur Freiheit

Um Freiheit ging es auch bei der Konferenz, die am nächsten Morgen begann. Sie heißt „Liberty in our Lifetime” und wird veranstaltet von der in Liechtenstein ansässigen Free Cities Foundation, deren Präsident Titus Gebel ist. 

Titus Gebel ist Sandwirt-Autor und der führende Kopf der weltweiten Free-Cities-Bewegung. Er ist auch Autor des augenöffnenden Werks „Freie Privatstädte”, das gerade pünktlich zur Konferenz in überarbeiteter Neuauflage erschienen ist. Da eines meiner Unternehmen das Buch produzieren durfte, hatte ich das große Vergnügen, das Exemplar Nummer 1, das als erstes aus der Bindemaschine gekommen war, auf die Konferenz mitzubringen: Titus Gebel signierte und versteigerte es beim abendlichen Gala-Dinner für 2.200 Euro zugunsten der Foundation. 

Wenn Sie noch nicht vertraut sind mit dieser internationalen Gruppe von Freiheitsliebenden, die freie Privatrechtsgesellschaften aufbaut und Sie vielleicht nur verzerrende, diffamierende Beiträge der Staatsmedien über diese bösen „Libertären” kennen, dann lade ich Sie ein, sich ein eigenes Bild davon zu machen. 

Die Konferenz war eine der am besten organisierten Konferenzen, an denen ich bislang teilgenommen habe. Die Organisatoren um Peter Young waren omnipräsent, immer ansprechbar, locker, freundlich, offen und hoch professionell. 

Die über 300 Gäste kamen aus der ganzen Welt, es wurde Englisch mit den herrlichsten Akzenten gesprochen. Das Niveau an Freundlichkeit, Lockerheit, ja Herzlichkeit war beeindruckend. Beim Galadinner saß ich bei einem sich gerade selbständig machenden Amerikaner aus Chicago, einem Bitcoin-Berater aus Deutschland und einer Rechtsanwältin aus der Schweiz und wir plauderten, als würden wir uns schon lange kennen. Wenn ich mich im Vorraum des Konferenzsaales aufhielt, verging in den zwei Tagen nie mehr als eine halbe Minute, bevor ich von einem interessierten Menschen angesprochen wurde. – Menschen, die eine gemeinsame Basis von Weltanschauungen und Prinzipien haben, kommen einfach gut miteinander klar. Und im Falle der Libertären ist diese Basis das Nichtaggressionsprinzip (NAP) und somit die Ablehnung jeder initiierenden Gewalt, ein gemeinsamer Nenner, aus dem sich alles Weitere ergibt, beispielsweise auch die Ablehnung staatlichen Zwangs, über die sich alle Libertären einig sind – was erklärt, warum Staatstreue die Libertären nicht leiden können und sie so gerne verleumden. 

Frei von Schwätzern

Das Besondere an der Veranstaltung war für mich, dass weder die Gäste noch die hochkarätigen Referenten von den sonst so üblichen Schwätzern und Egozentrikern dominiert waren. Das war deutlich anders als ich es von anderen Veranstaltungen kenne. 

In den Beiträgen der knapp 40 Redner ging es nie um Illusionen, feuchte Träume von Ideologen, Wolkenkuckucksheime, Potemkinsche Dörfer oder Elfenbeinturm-Geschwurbel. Sondern sie referierten ganz nüchtern und unprätentiös über die theoretischen, ethischen, juristischen, soziologischen, historischen und ökonomischen Grundlagen Freier Privatrechtsgesellschaften, vor allem aber über das, was in der Realität derzeit weltweit ganz praktisch umgesetzt wird: Sie berichteten vom erfolgreichen und sich stark entwickelnden Free State Project in New Hampshire, von den beiden von sozialistischen Politikern derzeit zwar gebremsten, aber nicht ausgeschalteten Sonderwirtschaftszonen in Honduras, von den Seasteading-Projekten auf hoher See, von Sark im Ärmelkanal, von den kleineren, aber wachsenden freien und mit Bitcoin monetarisierten Siedlungen in Montenegro, Norwegen, auf Madeira und von den vielen kleinen und großen Initiativen rund um den Globus, die tatsächlich jetzt und heute realisiert werden.

Die Organisationen und Unternehmen der Bewegung sind mit Dutzenden Regierungen außerhalb von Nordamerika und außerhalb der EU in konkreten vertraglichen Verhandlungen über die Einrichtung weiterer Sonderwirtschaftszonen, in denen Recht und Ordnung eben nicht mehr vom Staat, sondern zum allseitigen Vorteil von diesen privaten Betreibern übernommen werden.

Machen Sie sich klar: Es gibt mittlerweile über 6.000 Sonderwirtschaftszonen in knapp 150 Ländern auf der Welt, Tendenz stark steigend. Die Musik spielt da eindeutig in Süd- und Mittelamerika, Afrika und Asien. Und da gibt es eine wachsende Gruppe von Menschen, die ihr gesamtes Vermögen investieren, um gemeinsam mit Gleichgesinnten freie Städte und Gemeinden aufzubauen, die von Staaten, Politik und Politikern so unabhängig wie nur irgend möglich sind. Und dabei sind sie miteinander vernetzt, lernen voneinander, helfen sich gegenseitig und machen Ernst.

Mein persönliches Highlight war der brillante Auftritt von Patrik Schumacher, dem Stadtplanungsvordenker und Chefarchitekt des Architekturbüros Zaha Hadid. Er schilderte eindrücklich, auf welchem Holzweg die städtebauliche Planwirtschaft in den Großstädten der Welt ist und dass individuelle Freiheit und Marktwirtschaft bei Aufbau und Organisation von Kommunen die Voraussetzung für hohe Lebensqualität und Wohlstand sind. Eine Bewegung, die solche professionellen Köpfe in den eigenen Reihen hat, realisiert Träume, wo andere noch schwätzen.

Kurz vor frei

Es ist wie 1988: Die Befreiung von staatlicher Unterdrückung und Zwang steht womöglich schon kurz bevor, zumindest in historischen Maßstäben gemessen. Vielleicht geht es nun ganz schnell und die Gegenwehr der sozialistischen Regime gegen die freien Privatstädte bricht zusammen, die Free-Stater in New Hampshire gewinnen die Mehrheit und übernehmen die Regierung, um sie zu entmachten, auf den Ozeanen treiben Free-Floating-Cities, ein Stadtteil von London ruft die Unabhängigkeit aus, in Montenegro werden Hochhäuser gebaut wie in Singapur und Hongkong, in der Karibik sprießen neue freie Privatstädte empor und die Freiheitsliebenden der Welt haben endlich eine große Auswahl sicherer und unterschiedlicher Zufluchtsorte vor den feindseligen, übergriffigen Politikern, die sich anmaßen sich über uns zu erheben.

Der Kongress „Liberty in our Lifetime” hat mir mehr als deutlich gemacht: Freiheit zu Lebzeiten ist eine realistische Hoffnung, ja, eine hoffnungsvolle Realität. Wir arbeiten daran!

Diesen Beitrag hören:

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von open.spotify.com zu laden.

Inhalt laden


Alternativ können Sie den Podcast auch bei anderen Anbietern wie Apple oder Overcast hören.

Beitrag teilen …

Der nächste Gang …

Claudio Zanetti Blog

Warum es eine Corona-Aufarbeitung braucht

Der Sandwirt Televisor

Säkulare Republik Europa

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Fill out this field
Fill out this field
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed