Fußball – ein Denksport

Eigentlich wollte ich ja nie über Fußball schreiben. Aber nach dem Desaster des Wochenendes – Deutschland gegen Japan 1:4 – habe ich dann doch ernsthaft darüber nachgedacht. Und dabei ist mir aufgefallen, dass ich tatsächlich auch jetzt nicht über Fußball schreiben muss, denn Fußball ist eigentlich gar nicht das Problem. Die Jungs, die da für Deutschland auf dem Platz stehen, können natürlich alle Fußballspielen. Nein, wir haben es bei der bereits seit Langem währenden sportlichen Krise, die inzwischen von den Männern auch auf die Frauen und in die Jugendbereiche übergesprungen ist, nicht mit einer Fußballkrise zu tun, sondern mit einer …

… Krise des Denkens!

Um das zu erklären, muss ich ein bisschen ausholen: Fußball ist komplex. Ich würde sogar umgangssprachlich sagen: hochkomplex. In den letzten Jahren hat die Komplexität noch zugenommen, weil einfach die Geschwindigkeit der Akteure und die Häufigkeit der Pässe, der Zweikämpfe und der Ballverluste gestiegen ist. Damit können – und das ist das Grundmerkmal von Komplexität – mehr Dinge passieren, die eigentlich nicht passieren können: Der Ball verspringt, ein Gegner geht dazwischen, irgendeine Fußspitze ändert die Flugrichtung, Flanken kommen nicht an oder werden verpasst, Fouls werden gesehen oder nicht gesehen und so weiter. Es passieren ständig Überraschungen. Davon lebt quasi das Spiel, und das macht es spannend, eben weil es unberechenbar ist. Und, wie gesagt, diese Komplexität, sprich: Unberechenbarkeit, ist in den letzten Jahren gewachsen.

Wie kann man Komplexität meistern? (Beachte die Wortwahl! Oft wird von „Komplexität beherrschen” gesprochen. Das ist jedoch Unsinn, denn Komplexität kann man nicht beherrschen. Man wird ihrer nicht Herr.) Komplexität meistern heißt, Wege zu finden, mit ihr zurecht zu kommen, sich schneller auf ihre Überraschungen einzustellen als andere, sie für sich zu nutzen. Wer Komplexität besser meistert, gewinnt das Fußballspiel. Meistens jedenfalls. Und die technischen Grundfertigkeiten des Fußballerischen vorausgesetzt. Von Letzterem kann man allerdings, wie vorn schon erwähnt, bei unserer Nationalmannschaft ausgehen.

Schauen wir uns jetzt einmal an, wie die Verantwortlichen, Trainerstab, Funktionäre und wer alles noch zum Tross der Nationalmannschaft gehört, mit diesem Phänomen wachsender Komplexität umgehen. Sie wollen Komplexität beherrschen. Sie entwickeln ausgeklügelte Strategien, erfinden Spielsysteme, legen Laufwege und strategische Räume fest, rennen aufgeregt mit ihren Tablets hin und her und machen den Spielern ganz konkrete Vorgaben, wie sie sich auf dem Spielfeld verhalten sollen. – Damit fesseln sie die Spieler!

Gesucht: Entfesselungskünstler

Der Spieler hat diese Vorgaben im Kopf, läuft aufs Feld, trifft auf die Gegner und plötzlich passiert etwas, was nicht in das Schema dieser Vorgabe passt. Was soll er dann machen? Soll er der Vorgabe folgen – sich also im Sinne des Trainers richtig verhalten – und trotzdem den Ball verlieren oder das Gegentor zulassen? Soll er die Vorgabe Vorgabe sein lassen und sich anders verhalten, dabei selbst das Risiko des Gelingens oder Scheiterns übernehmen? Was tut er also in einem medialen Umfeld, dass ihn im Falle des Misserfolgs seiner kühnen, und vielleicht richtigen, Vorgabenverletzung unweigerlich zerreißen wird. Genau, er hält sich an die Vorgabe, taucht sozusagen in der Rechtfertigung – „ich habe doch alles so gemacht, wie der Trainer gesagt hat“ – unter. 

Es geht also darum, ob Komplexität richtig gedacht wird. Komplexität kann man nicht mit System, mit Planung begegnen, sondern nur, indem man sich auf sie einlässt. Das kann man nicht vor dem Spiel oder neben dem Platz machen, sondern nur im Spiel selbst. Also darf man die Spieler nicht durch Vorgaben fesseln. „Geht´s raus und spielt´s Fußball“ hat Franz Beckenbauer mal gesagt. Das fasst es genau zusammen.

Fazit: Der deutsche Fußball ist „zerregelt“. Das liegt an den Trainern und Funktionären, gar nicht so sehr an einem Einzelnen, sondern an dem System. Irgendwie spiegelt das auch die Situation in der deutschen Wirtschaft, oder?

P.S.: Natürlich braucht man für ein anderes Fußball-Konzept auch andere Spieler, als diejenigen, die man sich in den letzten Jahren erzogen hat. Nicht unbedingt in fußballerischer Hinsicht, sondern mental. Selbstbewusst, risikofreudig, verantwortungsgeil und mit Spaß am Spiel. Möglicherweise könnten das die gleichen sein, wie sie jetzt auf dem Platz stehen, nur eben entfesselt.

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