Heute vor 393 Jahren: Galileo vor der Inquisition
„Mach mir mal zwei Giordano Bruno!“ – Manchmal jobbte ich Samstagabends in der Kneipe, in der wir Oberstufler uns gerne trafen, als Barkeeper. Ein Klassenkamerad lehnte großspurig an der Theke, tippte mit einem zusammengerollten 100-Euro-Schein gegen sein leeres Glas. Dass er es witzig fand, einen angezündeten Sambuca nach Giordano Bruno zu benennen, schürte meine Antipathie.
Bruno war am 17. Februar 1600 von der römischen Inquisition auf dem Campo de’ Fiori in Rom als Ketzer verbrannt worden. Sie hatten ihm die Zunge fixiert, damit er nicht sprechen konnte. Zeitzeugen berichteten, Bruno habe sich zuvor geweigert, zu widerrufen. Seine Schriften wurden verboten.
An ihn – und somit auch an meinen Klassenkameraden – musste ich denken, als ich heute für diesen Text über Galileo Galilei recherchierte, dem neben Giordano Bruno berühmtesten Wissenschaftler, der mit der Inquisition in Konflikt kam.
Vor 393 Jahren fand am 22. Juni 1633 der Inquisitionsprozess gegen Galileo Galilei statt. Es ging um die Freiheit des Denkens, die Freiheit der Wissenschaft, die Macht des Glaubens und der Kurie, es ging um Leben oder Tod. Wie standhaft wäre wohl ich in so einer Situation?
Drohte Galileo Galilei nun das gleiche Schicksal wie Giordano Bruno? Als Ketzer verbrannt zu werden?
Das herrschende Weltbild
Über viele Jahrhunderte galt in Europa das von Claudius Ptolemäus geprägte Weltbild als unumstößlich. Die Erde stand demnach unbeweglich im Zentrum des Kosmos. Sonne, Mond, Sterne und Planeten kreisten auf komplizierten Bahnen um sie herum. Dieses geozentrische Modell war nicht nur wissenschaftlicher Konsens, sondern schien auch mit der kirchlichen Auslegung gewisser Bibelpassagen vereinbar.
Erst im 16. Jahrhundert begann dieses Bild zu wanken. 1543 veröffentlichte Nikolaus Kopernikus seine Schrift „De revolutionibus orbium coelestium“. Darin stellte er die damals radikale Behauptung auf, nicht die Erde, sondern die Sonne bilde den Mittelpunkt des Planetensystems. Die Erde bewege sich um sie herum. Zunächst betrachteten viele Gelehrte dieses Modell allerdings eher als mathematische Vereinfachung denn als Beschreibung der Wirklichkeit.
Galileos frühe Jahre
Galileo Galilei wurde 1564 in Pisa geboren. Schon früh beschäftigte er sich mit Mathematik, Naturphilosophie und Fragen der Bewegung. Die berühmte Geschichte, er habe am Schiefen Turm von Pisa Fallversuche durchgeführt, gehört wohl eher ins Reich der Legenden. Sicher ist jedoch, dass Galilei zunehmend an den überlieferten Lehren des Aristoteles zweifelte.

Einen Wendepunkt brachte das Jahr 1609. Galileo erfuhr von einem neuartigen optischen Instrument aus den Niederlanden – dem Fernrohr. Er verbesserte dessen Konstruktion erheblich und richtete es gegen den Nachthimmel. Was er dort sah, erschütterte viele bisherige Gewissheiten.
Beobachtungen, die alles veränderten
1610 veröffentlichte Galileo seine Ergebnisse im „Sidereus Nuncius“, dem „Sternenboten“. Seine Entdeckungen waren spektakulär: Der Mond besaß Berge und Krater statt einer vollkommen glatten Oberfläche. Die Milchstraße bestand aus zahllosen einzelnen Sternen. Zudem entdeckte er vier Monde, die Jupiter umkreisten.
Besonders brisant waren jedoch seine Beobachtungen der Venus. Sie zeigte – ähnlich wie der Mond – verschiedene Phasen. Dieses Phänomen ließ sich mit dem alten ptolemäischen Weltbild nur schwer erklären, passte jedoch hervorragend zu den Vorstellungen des Kopernikus.
Galilei wurde dadurch weit über Italien hinaus bekannt. Gleichzeitig verschärfte sich der Widerstand gegen ihn. Viele Gelehrte und Kirchenvertreter empfanden seine Schlussfolgerungen als Angriff auf die bestehende Ordnung.
Der Konflikt mit der Kirche
Der Konflikt entzündete sich nicht allein an astronomischen Fragen. Entscheidend war, dass Galileo das heliozentrische Modell nicht bloß als theoretische Möglichkeit behandelte. Er war überzeugt, dass die Erde sich tatsächlich bewegt.
Damit geriet er in Gegensatz zu Theologen, die bestimmte Bibelstellen wörtlich verstanden. Besonders häufig wurde die Passage aus dem Buch Josua angeführt, in der die Sonne stillstehen soll. Wenn die Sonne stehenbleiben könne, so die Argumentation, müsse sie sich zuvor bewegt haben – und nicht die Erde.
Galileo hielt dagegen, die Bibel wolle den Menschen Glaubenswahrheiten vermitteln und keine naturwissenschaftlichen Lehrbücher liefern. Für viele Kirchenvertreter war diese Sichtweise heikel, weil sie die Deutungshoheit der Theologie berührte.
1616 schaltete sich schließlich die Inquisition ein. Das kopernikanische Weltbild wurde als mit der Heiligen Schrift unvereinbar eingestuft. Galileo erhielt die ausdrückliche Aufforderung, die Bewegung der Erde nicht länger als Tatsache zu vertreten.
Mehr Freiheit unter dem neuen Papst?
Als 1623 Urban VIII. Papst wurde, schien sich die Lage zunächst zu entspannen. Galileo kannte ihn persönlich und hoffte auf mehr Spielraum für seine Forschung. In dieser Zeit arbeitete er an seinem bedeutendsten Werk: dem Dialog über die zwei wichtigsten Weltsysteme („Dialogo sopra i due massimi sistemi del mondo“).
Das Buch erschien 1632 – und sorgte sofort für Aufsehen. Besonders wirksam war der „Dialogo“ auch, weil an die Stelle der damaligen Wissenschaftssprache Latein die Volkssprache Italienisch trat. Damit richtete sich sein Werk nicht nur an Gelehrte, sondern bewusst auch an ein breiteres Publikum.
Im Buch diskutieren drei Figuren über das alte geozentrische und das neue heliozentrische Weltbild. Formal lässt Galileo beide Seiten zu Wort kommen. Tatsächlich wirkte die Darstellung jedoch eindeutig zugunsten des kopernikanischen Systems. Viele Leser empfanden den Verteidiger des traditionellen Weltbildes zudem als naiv oder lächerlich.
Galileos Gegner nutzten dies geschickt aus. Sie überzeugten Urban VIII., dass er selbst verspottet werde. In der aufgeheizten Atmosphäre der Gegenreformation gewann der Streit dadurch enorme politische Brisanz.
Der Prozess
1633 wurde Galileo nach Rom beordert und vor die Inquisition gestellt. Der zentrale Vorwurf lautete nicht einfach „falsche Astronomie“, sondern Ungehorsam gegenüber der kirchlichen Anordnung von 1616.
Im Prozess behauptete Galileo, er habe das kopernikanische System nur hypothetisch diskutiert. Die Richter hielten dagegen, das Buch vertrete eindeutig die Bewegung der Erde als Wahrheit, also Ketzerei …
Unter dem Druck der Anklage widerrief Galileo schließlich.
Am 22. Juni 1633 sprach die Inquisition ihr Urteil: Galileo wurde des „starken Verdachts der Ketzerei“ schuldig gesprochen. Er musste öffentlich abschwören. Was Galilei am selben Tag mit einer kurzen Schrift tat („Abjuratio Galilei“). Sein Werk wurde verboten, seine bereits veröffentlichten Schriften ebenso wie eventuell noch folgende. Er wurde zur Kerkerhaft im Heiligen Offizium verurteilt. Ein Urteil, das am folgenden Tag in Hausarrest bis zu seinem Tod umgewandelt wurde. Er starb 1642 in Arcetri bei Florenz.
Jahrhundertelang blieb der Prozess ein Symbol für die Unterdrückung wissenschaftlicher Erkenntnis. Allerdings war die historische Realität komplizierter: Viele Geistliche unterstützten Wissenschaft, und zahlreiche Astronomen arbeiteten innerhalb kirchlicher Institutionen. Dennoch zeigte der Fall Galileo die Grenzen geistiger Freiheit in einer Zeit, in der religiöse Autorität eng mit politischer Macht verbunden war.
1992 erklärte Papst Johannes Paul II. offiziell, dass im Umgang mit Galileo Fehler begangen worden seien. Damit endete symbolisch einer der berühmtesten Konflikte zwischen Wissenschaft und Kirche der europäischen Geschichte.
Gleichwohl steht der Name Galileo Galilei bis heute wie kaum ein anderer für den Konflikt zwischen Wissenschaft und religiöser Autorität. Sein Prozess vor der römischen Inquisition gilt als eines der berühmtesten Verfahren der europäischen Geschichte. Doch der Konflikt war komplexer, als die spätere Legende oft vermuten lässt. Es ging nicht nur um Astronomie, sondern auch um Macht, Autorität, Politik und die Frage, wer bestimmen durfte, wie die Welt erklärt wird.
Und gerade weil der trotzige Satz „Eppur si muove“ („Sie [die Erde] bewegt sich doch“), den er beim Verlassen des Gerichtssaals gemurmelt haben soll, als Erfindung gilt, ist Galilei bis heute nicht nur als Wissenschaftler von Bedeutung. Er stellt uns wichtige Fragen. Wie hätte ich an seiner Stelle gehandelt? Hätte ich nicht widerrufen?
„Was hätten Sie getan?“ Ich denke, diese Frage ist es, die Galilei in jeder neuen Generation so aktuell macht.
Mehr zu Galileo Galilei im Sandwirt:
„Galileo Galilei“ von David Engels




2 Kommentare. Leave new
Grundsätzlich ist alles was nicht hinterfragt werden darf, als Religion/Glaube zu sehen und aus diesem Grund auch immer aktuell. Denn um auf Kosten anderer ein gutes und bequemes Leben führen zu können, ist die Deutungshoheit nun mal immens wichtig.
Immer wieder gerne genommen, aber der Fall Galilei (ebenso wie der meist parallel genannte Fall Giordano Bruno) eignet sich gerade nicht sonderlich gut als Beispiel für eine „Wissenschaftsfeindlichkeit“ der katholischen Kirche. Das Gegenteil ist richtig. Denn für alle angehenden Wissenschaftstheoretiker sollte die detaillierte Betrachtung dieser Causa geradezu Pflicht sein. Bitte Arnold Angenendt „Toleranz und Gewalt“ lesen, oder dessen Kurzform „Der Skandal der Skandale“ von Manfred Lütz. Es soll hier ausdrücklich nicht darum gehen, das objektive Versagen der kath. Kirche kleinzureden, obschon im Gegensatz zur weltlichen Macht, sie ihre Schuld, wenn auch sehr spät, aber immerhin eingestanden hat. Nein, hier geht es darum, einer höchst verdienstvollen Arbeit zur kirchengeschichtlichen Forschung zur gebührende Beachtung zu verhelfen und Irrtümer auszuräumen. So hält sich aber die Galilei’sche Kerkerhaft-Legende hartnäckig.
„Sein „Kerker“ war seine prachtvolle Villa in Acetri in bester Lage mit erhabenen Blick auf Florenz, seine Haft ein Hausarrest mit reichlich Dienerschaft – eine Zeit, während der Galilei sein Hauptwerk verfasste. Da dürften es heutige Naturwissenschaftler beim Verfassen ihrer Veröffentlichungen deutlich weniger luxuriös haben.
Bemüht man die Causa Galilei in der Hermeneutik, wie sie sich gemeinhin in den Köpfen festgesetzt hat, also in kirchenfeindlicher Gesinnung, erweist man seinem eigentlichen Anliegen de facto einen Bärendienst. Man sollte sich nämlich wünschen, dass sich die vielen heutigen Desinformationen von offizieller Seite eben nicht als „Wahrheit“ so tief in das Bewusstsein einfressen wie die immer wieder gerne kolportierten Legenden der Causa Galilei.
Galilei war ein notorischer Egozentriker, der fast pathologisch zwanghaft nach Aufmerksamkeit gierte. Die kath. Kirche hatte das kopernikanische Weltbild längst anerkannt (Papst Clemens VII, Papst Paul III.), in Spanien war es in den kath. Universitäten längst Lehrstoff. Galilei insistierte auf den Wahrheitsanspruch, konnte aber keine Beweise vorlegen (erst 100 Jahre später 1729 gelang das). Kardinal Bellarmin argumentierte wissenschaftstheoretisch, wahrte Standards, die heute noch gelten, d. h. dass wissenschaftliche Erkenntnisse grundsätzlich als falsifizierbar gelten müssen. Galilei blieb störrisch und inszenierte sich, insbesondere verbal und öffentlichkeitswirksam, sinngemäß: ich bin so toll, keiner kann mir das Wasser reichen (Zitat: „Was wollt Ihr machen, Herr Sarsi, wenn es mir allein vergönnt war, alles Neue am Himmel zu entdecken und niemand anders auch nur irgendetwas.“) und nannte seine Kritiker „Simplicio“ (Dummkopf).
Der Prototyp vieler heutiger „(Pseudo/Lobby-) Wissenschaftler“, die lieber im Fernsehstudio sitzen als im Labor und ausschließlich evidenzbasiert arbeiten. Nicht erstaunlich, dass Galilei dazu einen ausschweifenden Lebensstil führte. Schließlich einigte man sich, dass er sich künftig nur noch gemäß den anerkannten wissenschaftlichen Standards äußern sollte und nicht mehr populistisch.
Doch Galilei wäre nicht Galilei gewesen, wenn er nicht bald schon in seine alten Muster zurückgefallen wäre.
Der jüdische Schriftsteller Arthur Koestler konstatierte: „Im Gegensatz zu dem, was in den meisten Darstellungen des Werdegangs der Naturwissenschaften zu lesen steht, erfand Galilei weder das Teleskop, noch das Mikroskop, auch nicht Thermometer oder Pendeluhr. Er entdeckte weder das Trägheitsgesetz, noch das Kräfte- oder Bewegungsparallelogramm, noch die Sonnenflecken. Er leistete keinen Beitrag zur theoretischen Astronomie, er warf keine Gewichte vom Turm zu Pisa und bewies eben nicht die Richtigkeit des kopernikanischen Systems. Auch von der Inquisition wurde er weder gefoltert, noch schmachtete er in ihren Verliesen und sagte auch nicht: ‚Eppur si muove!‘ “
Ein Universalgenie war Galileo Galilei also ganz sicher nicht. Er war ein rechthaberischer Egozentriker, den die Welt anhimmeln sollte. Mit Naturwissenschaft und ihren anerkannten Standards im klassischen Sinn hat der Fall Galilei nichts, aber auch gar nichts zu tun.
Für die Psychologie dagegen war und ist er für jedes Erstsemester hochinteressant. Ähnlichkeiten mit heutigen “(Pseudo-)Wissenschaftlern“, insbesondere mit jenen auf den heute im gesellschaftlichen Fokus stehenden Gebieten wie Atmosphärenphysik, Energie oder Medizin, vielleicht sogar mit selbsternannten, bei denen auch noch eine dissoziative Identitätsstörung offensichtlich ist, wären allerdings rein zufällig.