Gegen den Strich gelesen: Adorno

Theodor W. Adorno (1903-1969) gehörte im Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Intellektuellen, die der marxistischen Neuen Linken und der Protestbewegung der heute sogenannten 1968er-Generation den Weg bereiteten. 

Während des Zweiten Weltkriegs befand er sich im Exil der USA, wo er, der sonst der empirischen Sozialforschung eher skeptisch gegenüber stand, Studien zum «Autoritären Charakter» durchführte, also zur Neigung der Bürger zum Untertanengeist. Weil er insofern eine gewisse Bekanntheit auch in den USA erlangte, wurde er von den heutigen konservativen Gegnern der 1968er-Generation zum Vordenker dessen gestempelt, was sie «Kulturmarxismus» nennen. 

Damit meinen sie, die Marxisten hätten den klassischen Weg der Revolution über einen Aufstand der Arbeiterklasse mangels Masse aufgegeben und sich stattdessen auf die Strategie konzentriert, die westliche bürgerliche Welt samt ihrer verhassten Kultur zu erodieren und damit doch noch die Revolution herbeizuführen. Als ein aktuelles Mittel der Kulturmarxisten benennt man die «Wokeness» (oder «Cancel Culture»). Es handelt sich darum, dass Autoren, Journalisten und Wissenschaftler mit missliebigen Ansichten, Haltungen und Meinungen per Shitstorm, per Zensur (zum Beispiel Entfernung aus den Bibliotheken) oder per direktem Niederbrüllen aus den Medien, aus den Zeitungen und aus den Universitäten gedrängt werden. 

In diesem Zusammenhang möchte ich ganz vor-theoretisch auf folgende Begebenheit in Adornos Leben hinweisen. Ab dem Jahr 1967 wurde Adorno zur Zielscheibe von linken Aktivisten, die ihm vorwarfen, den vom Marxismus geforderten Übergang von der Theorie zur Praxis zu hintertreiben. Eine berühmte Aktion war das sogenannte «Busenattentat», bei dem während einer Vorlesung Hippie-Mädchen sich mit entblößten Brüsten Adorno entgegenwarfen und versuchten, ihn zu küssen. Adorno verbat sich das und brach nicht nur diese Vorlesung ab, sondern stellte seine Tätigkeit der Vorlesung bis auf weiteres ein. 

Anfang 1969 dann besetzten Studenten sein Institut in Frankfurt. Adorno rief die Polizei und ließ das Institut räumen. In gewisser Weise kann man die damaligen Aktionen der Studenten als Vorläufer der heutigen Wokeness bezeichnen. Die Haltung Adornos war eindeutig: Er erkannte es nicht als das Recht der Studenten an, Veranstaltungen, deren Inhalt ihnen nicht passt, zu stören oder zu verhindern. 

Die Zukunft kannte er noch nicht, wohl aber das Vorbild aus der Vergangenheit für diese Aktionsform, die nationalsozialistischen Studentenverbände, die mit Niederbrüllen und direkten Angriffen auf missliebige Professoren Anfang der 1930er Jahre die Linientreue erzwangen, noch bevor die staatliche Repression einsetzte. Konsequent verurteilte Adorno die Aktionen der linken Studenten als faschistischen Terror.

Die akademische Freiheit und die Meinungsfreiheit waren Adorno so heilig wie alle anderen Errungenschaften der liberalen bürgerlichen Kultur, die er mitnichten verwarf. Seine große denkerische Leistung besteht darin, die «Dialektik der Aufklärung» erkannt zu haben. Das Bestreben Adornos war es, herauszufinden, wie es zu dem Rückfall in die Barbarei kommen konnte, als den er Faschismus und Bolschewismus charakterisierte. 

Die gängige These, es läge an der puren Verführungsmacht der Demagogie, verwarf Adorno. Denn die Frage lautet, warum Demagogie Erfolg haben konnte, wo doch Aufklärung, Liberalismus und Demokratie den mündigen Bürger im Auge gehabt hatten. Irgendetwas musste gehörig schief gelaufen sein, dass nun auf einmal Demagogie zog und der Führerkult in brauner oder roter Gestalt durchmarschieren konnte. 

Die beiden fundamentalen Konzepte der Aufklärung, Universalismus und Rationalismus, waren gegen die Willkür der Fürstenherrschaft gerichtet; aber in ihrer Implementierung ließen sie mit ihrer Tendenz zur Normierung, Vereinheitlichung und Gleichmachung wichtige Aspekte der menschlichen Natur außer Acht, nämlich die Subjekthaftigkeit des Menschen (seine Individualität). 

Der Faschismus konnte sich, so Adorno, die Rebellion der geknechteten Natur unmittelbar zu Diensten machen, aber nicht, um sie zu befreien, sondern um sie noch weit stärker zu knechten. Die Kritik Adornos an der bürgerlichen Kultur hat deren Werte zum unbedingten Maßstab: Das Ziel ist gerade nicht, diese Werte zu vernichten, sondern ihnen zu dem ihnen zustehenden Recht zu verhelfen.

Wenn man Kollektivismus als das Kernstück linken Denkens ansieht, war Adorno kein linker Denker. Denn er war ein rigoroser Individualist, so sehr, dass alle Richtungen, die nur den leisesten Anschein von Kollektivismus enthielten, ihm ein Gräuel waren, insbesondere die Lebensphilosophie mit ihrer unbestimmten Bezugnahme auf Kollektivbegriffe oder die Gestaltpsychologie mit ihrem harmlosen (und wahrnehmungspsychologisch zweifellos richtigen) Satz, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile. Die Identifizierung des Einzelnen mit dem Kollektiv führe, so Adorno, zu einem «Triumph repressiver Egalität». Das, was im Namen der Gleichheit dem Subjekt angetan werde, sei ein Unrecht. 

Ich möchte ganz besonders den Aspekt von Adornos Antikollektivismus und seine Kritik an der Gleichheitsnorm hervorheben, denn die herrschenden Positionen (Positionen der Herrschenden), die sich als links generieren, stehen dem diametral entgegen. Adorno könnte dann nicht von den heutigen Vertretern dieser Positionen für sich in Anspruch genommen werden, wenn die Opposition ihn nicht kampflos preisgeben und ihm vorwerfen würde, für etwas zu stehen, wofür er definitiv nicht stand.

Die linken Studenten, die Adorno seinerzeit drangsalierten, warfen ihm wie gesagt vor, von der Theorie nicht zur Praxis übergehen zu wollen. Adorno war in der Tat skeptisch gegenüber jeder Praxis. In diesem Zusammenhang kritisierte er sogar Karl Marx selber, der sich über die «kritischen Kritiker» lustig gemacht hatte, denen gegenüber Marx anmahnte, praktisch werden zu sollen. Darin bereits, so Adorno, habe der Keim zu dem späteren Konformitätsdruck in der Sowjetunion gelegen, der Kritik im Interesse einer einheitlichen und ungestörten Praxis unterdrückte. 

Die Theorie stehe nur dann im Dienst der Praxis, meinte Adorno, wenn sie sich von der Praxis nichts vorschreiben ließe: Erst die gleichsam unpraktische theoretische Kritik ermöglicht, vielleicht, eine bessere Praxis. Nicht die Theorie müsse beweisen, dass sie praktisch sei, sondern die Praxis, dass sie den Anforderungen der Theorie entspreche. 

Übrigens gilt Adorno als schwieriger Autor. Sicherlich setzt sein Hauptwerk «Negative Dialektik» eine intime Kenntnis der Philosophiegeschichte, insbesondere von Kant und Hegel, voraus und wendet sich insofern an ein eng begrenztes Fachpublikum. Viele Essays von ihm gingen freilich aus öffentlich gehaltenen Radiosendungen hervor und sind durchaus gut verständlich. Seine Hegelvorlesungen sind Meisterstücke einer didaktischen Vermittlungsleistung. Seine literatur- und musikkritischen Schriften eignen sich für jeden, der mit den jeweils behandelten Autoren oder Komponisten etwas anfangen kann. Also: Keine Angst vor eigener Lektüre. Ich verspreche: Man erhält selbst dort, wo man mit ihm nicht einer Meinung ist, jede Menge inspirierender Impulse.

Hinweis: Belegstellen für meine Lesart finden sich in Stefan Blankertz, Wider den Triumph repressiver Egalität: Wider den Begriff eines Libertären Autoritarismus (edition g. 129), S. 33-43.

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1 Kommentar. Leave new

  • Danke für den schönen Text! Einsteigern würde ich die “Minima Moralia” empfehlen. Und ja, hinsichtlich seines Individualismus war Adorno nicht “links”, aber mit seine u. Horkheimers Ausführungen zum “autoritären Charakter” insbesondere der Deutschen argumentiert er kollektivistisch. Generell sind mir seine Faschismustheorien zu vereinfachend.

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