Gegen den Strich gelesen: Jacques Derrida

Die Rede von der «Postmoderne», in welcher wir uns befänden, dient vielen Gegnern des herrschenden Mainstreams als rotes Tuch, und Jacques Derrida (1930–2004) als der Prophet der Postmoderne wird mit all dem assoziiert, was die Postmoderne auszumachen scheint, vor allem die Erosion der Familie und der traditionellen Moral, aus der die Beliebigkeit von ethischen Setzungen und die Unterstützung jedweder Minoritäten folgt. 

Die Methode, die Derrida der Welt geschenkt hat, nennt sich «Dekonstruktion», was zumindest lautmalerisch an Destruktion, an die Zerstörung erinnert. Da haben wir den Beweis: Derrida wollte die westliche Zivilisation und «ihre» zentrale Institution, die Familie zerstören. (Das «ihre» in Distanzierungszeichen; denn natürlich hat die Familie nicht mit der westlichen Zivilisation zu tun, sondern ist die Keimzelle überhaupt der Menschheit. Freilich nicht die bürgerliche Kleinfamilie, sondern der Clan.) 

Dass ich hier auf der Frage der Familie insistiere, hat seinen Grund, der gleich klar werden wird. Als erstes jedoch zur Dekonstruktion. Um zu verstehen, was Dekonstruktion bedeutet, muss man sich damit befassen, was (bei Derrida) Konstruktion ist. Für Derrida ist die Wirklichkeit ein Konstrukt von sogenannten performativen Sprechakten. Er geht hier weiter, als ich es für sinnvoll erachte; aber zweifellos gibt es solche performativen Sprechakte und sie nehmen einen wichtigen Platz in der Ursache unserer Wirklichkeit ein. 

Nehmen wir einen Befehl. Er ist ein Laut oder ein Zeichen, mit dem Einer das Verhalten eines Anderen (oder einer Gruppe von Anderen) lenkt. Wir sind von Bauwerken umgeben, die ihren Weg von der Idee und der Zeichnung über Anweisungen an die beteiligten Arbeiter in die Wirklichkeit genommen haben. Unser Verhalten wird (unter anderem) von Gesetzen gesteuert, die aus Vorstellungen über Richtig und Falsch entspringen und dann in die Worte der Texte eingehen. Niemandem wird es gelingen, Ethik oder Moral eine Wirklichkeit außerhalb von Worten, außerhalb von performativen Sprechakten zuzuschreiben.

Wie brisant dieser Gedanke ist, lässt sich an der Coronakrise der Jahre 2020 bis Anfang 2023 zeigen. Der Pandemie wurde durch performative Sprechakte der Vertreter der Staatsgewalt begonnen und beendet. Aus der Erklärung des Beginns der Pandemie wurden bestimmte Maßnahmen abgeleitet, es folgte eine Stimmung der hysterischen Angst, Personen, die sich der Angst und den Maßnahmen widersetzten, wurden ausgegrenzt. Auch diese Ausgrenzung bestand aus performativen Sprechakten. Mit der Erklärung des Endes der Pandemie fiel das Ganze in sich zusammen, die Maßnahmen wurden aufgehoben und die Angst verschwand bei den meisten Menschen.

Die Methode der Dekonstruktion hilft zu erkennen, wie die Wirklichkeit in Wirklichkeit ein Ergebnis performativer Sprechakte ist. Sie zielt nicht darauf ab, die Wirklichkeit oder irgendetwas anderes zu zerstören als einzig und allein die Illusion. Anders als es der anscheinend martialische Name der Methode suggeriert, ist die Kritik der Dekonstruktion nicht vernichtend. Sie fragt interessiert, wie der in Frage stehende Autor die Wirklichkeit konstruiere, ohne dass er sich darüber im Klaren ist. Die dekonstruktiven Lektüren von Derrida etwa von Karl Marx, Franz Kafka, Walter Benjamin und Paul Celan sind aus dem Blickwinkel einer liebevollen, wenn auch distanzierten Warte aus verfasst.

1995 starb der väterliche Freund von Derrida, der Philosoph Emmanuel Levinas. Obwohl es Levinas gewesen war, der in den 1930er Jahre die Phänomenologie aus Deutschland nach Frankreich importiert und damit die Grundlage für den Existenzialismus legte, war er (und ist er immer noch) in den Hintergrund getreten gegenüber dem übermächtigen Jean-Paul Sartre, nicht zuletzt deswegen, weil Sartre sich dem staatssozialistischen Zeitgeist völlig unterwarf, während Levinas ein entschiedener Liberaler blieb. Ab Mitte der 1960er Jahre bemühte Derrida sich, Levinas dem Vergessen zu entreißen. Nun, angesichts des Tods von Levinas, hob Derrida noch einmal an, dessen Werk zu würdigen. Er stellte es unter die Begriffe «Empfang» und «Gastlichkeit».

Levinas sah sich dazu verpflichtet, aufzubegehren gegen die aktuelle Tendenz, alles gleich zu machen, jede Differenz, jede Andersartigkeit des Andren zu negieren, sei es philosophisch, sei es wissenschaftlich, sei es durch die politische Praxis der Verfolgung und des Verbots oder der «sanften» Tyrannei der Maßregelung. Das Empfangen-Können bedarf der Gastlichkeit, um das, was empfangen ward, nicht jener Gewalt der Angleichung zu unterwerfen. 

Es sind zwei als erstes abstrakt und bloß wenig mit dem Thema zusammenhängend erscheinende Begriffe, welche Levinas in seinem Hauptwerk, «Totalität und Unendlichkeit», 1961 benutzt, um den Gegensatz auf allen Ebenen zu fassen: Auf der einen Seite steht «Totalität» als Ausdruck für die Fassbarkeit des Andren, für die Gewalt, die ihm angetan wird, um ihn in die herrschende Struktur einzupassen sowie an sie anzupassen. Auf der anderen Seite steht «Unendlichkeit» als Ausdruck für das Unfassbare, das nicht Erfassbare: Dies ist das Wesen des Andren.

Das Empfangen und auch die Gastlichkeit als Prinzipien des Hauses deuten, wie Derrida aus den abstrakten Begriffen seines Freundes ein lebendiges Bild werden lässt, zunächst offensichtlich auf Weiblichkeit. Und doch endet Derrida seine Gesamtschau des Denkens von Levinas mit einem Bekenntnis zur Vaterschaft. Die «unendliche Vaterschaft», das heißt: nicht gesellschaftlich und schon gar nicht staatlich zu bändigende Unterstützung für das Wachstum des Andren, «ist im Hinblick auf den Staat die Anarchie selbst». 

Der Staat konstituiert «anonyme Universalität» (das ist eine allgemeine und totalitäre Gleichheit), die er mit Gewalt aufrecht erhält. Die Vaterschaft begehrt hiergegen in zwei Hinsichten auf: Zum einen richtet sich die Unterstützung, welche der Vater gewährt, nicht an eine anonyme Allgemeinheit, sondern an sein, bloß sein Kind. Zum anderen unterstützt der Vater sein Kind auch dann, wenn es sich von ihm unterscheidet.

Vaterschaft setzt Levinas, worauf Derrida besteht, nicht mit Männlichkeit und vor allem nicht mit den sogenannten «männlichen Tugenden» gleich, die der Staat hervorbringt und die er so sehr fördert. Diese (Un-)Tugenden stehen im Dienst des Kriegs und der Gewalt, sie verlangen danach, den Andren, ja die eigenen Kinder, das eigene Fleisch und Blut zu opfern, sie verlangen diese Härte, die der Vater niemals aufbringen kann, wenn er Vater ist und nicht auf die Seite der Anonymität, der Totalität wechselt.

Mit dem weiblichen Prinzip des Empfangens, der «unendlichen», das heißt: nicht gesellschaftlich und schon gar nicht staatlich zu bändigenden Fruchtbarkeit und der Unfassbarkeit der Vaterschaft stehen wir vor dem «Wunder der Familie», das Levinas anspricht. «Die Familie bildet ihre Identität außerhalb des Staats», zitiert Derrida Levinas. 

Derrida ist jedoch kein Naivling. Er ist vertraut mit der Psychoanalyse. Er kennt die Kritik an der Familie. Er weiß um alltägliche familiäre Tragödien. Sein Statement ist der pure Trotz. Es sind die Kräfte der Totalität, des Staats, die aus den tatsächlichen Problemen der Familie das Vorrecht der gleichmachenden öffentlichen Gewalt ableiten und das Wunder der Familie zerstören.

Diejenigen Konservativen, die Derrida dafür hassen, dass er den Staat und dessen vorgebliche «Legitimation» de­konstruiert, haben allen Grund dafür. Insofern wir die Dekonstruktion des Glaubens an die gottgleiche Staatlichkeit «links» nennen wollen, war Derrida ein subversiver Linker. Allerdings entspricht das nicht dem gegenwärtig gültigen Sprachgebrauch. Viele von jenen, die sich «links» einordnen, sind zu den wütendsten Verfechtern der Staatlichkeit geworden. Sie wollen immer mehr öffentliche Gewalt einsetzen, um die privaten, familiären Räume immer weiter einzuhegen oder ganz auszuräuchern. 

In diesem Sinn ist die Philosophie von Jacques Derrida – und Emmanuel Levinas – wider den Zeitgeist gerichtet. Ihr geht es um die Erhaltung von Vaterschaft, Gast- und Weiblichkeit sowie Wunder der Familie. Damit eignet sie sich hervorragend, um dieses genuin libertäre Anliegen zu befördern: Freiwilligkeit als die Grundlage des Lebens wiederherzustellen.

Hinweis: Eine Derrida-Lektüre vom libertären Standpunkt aus findet sich in Stefan Blankertz, Derrida liest (edition g. 112).

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