„Raubkunst“: Alles nur geklaut?

Diesen Text gibt es auch als Episode im Podcast des Sandwirts: Hier.

Eine milde Brise weht über die westasiatische Küste Kleinasiens. Es ist diese feine Luft, die den deutschen Ingenieur Carl Humann ins Osmanische Reich gebracht hat. Humann musste sein Studium abbrechen, weil er an der Tuberkulose litt. Er folgte seinem älteren Bruder Franz auf die Insel Samos, um bei einem Bauprojekt mitzuhelfen.

Das war 1861. Seit 1868 wohnt er in Bergama, dem antiken Pergamon. Es war die Hauptstadt eines hellenistischen Königreichs, das nach dem Auseinanderbrechen des mächtigen Alexanderreichs entstand. Die Herrscher galten als äußerst kunstsinnig und versuchten, ihre Stellung durch militärische Siege und monumentale Bauten zu festigen. In der Antike war Pergamon ein Zentrum der Pergamentherstellung – der Name leitet sich von diesem Ort ab.

Humann ist kein Historiker, Archäologe oder Philologe. Aber sein Herz hängt am Burgberg der antiken Stadt, die einst die Dynastie der Attaliden beherrscht hat. Als Ingenieur vermisst er das Gelände, findet Ruinen. Die Reste des Altertums bewegen etwas in dem Europäer. Er findet Platten und Reliefs. Er meldet die Funde nach Berlin, an den renommierten Archäologen Ernst Curtius.

Ein Ingenieur entdeckt den Pergamon-Altar

Die Zeit drängt. Denn die Anwohner haben wenig übrig für die hellenistischen Kunstwerke. Zu seinem Schrecken muss Humann feststellen, dass sie die Ruinen als Steinbruch benutzen. Wertvolle Marmorfriese brennen sie zu Kalk, um ihre Häuser zu verputzen. Humann kann nur schätzen, wie viel Schaden bereits entstanden ist, wie viele unwiederbringliche Kunstwerke dem Pragmatismus der einfachen Bevölkerung zum Opfer gefallen sind.

Partner findet er zuerst keinen. Insbesondere nicht vor Ort. Denn nicht nur die Bauern sehen in den Resten eine untergegangene, fremde, heidnische Zivilisation, die mit ihnen nichts zu tun hat. Während die Europäer das alte Griechenland bewundern, können die osmanischen Behörden wenig mit den Schätzen anfangen. Schon das byzantinische Erbe spielt für sie keine Rolle.

Humann muss lange warten. Erst 1871 kommt Curtius auf Einladung vorbei, begutachtet die Trümmer, nimmt Platten mit. Aber es passiert nichts. Über Jahre werden weitere Platten vernichtet. Erst als 1878 Alexander Conze Direktor der Skulpturensammlung der Königlichen Museen in Berlin wird, kommt Bewegung in die Sache – zehn Jahre nach Humanns Entdeckung. Conze nimmt rasch Kontakt mit Humann auf, setzt eine Grabungslizenz bei den osmanischen Behörden durch und beginnt noch im September desselben Jahres mit Ausgrabungen.

Drohende Zerstörung und zögerliche Hilfe

Freilich: Das Deutsche Reich sucht nach kulturellen Reichtümern, um insbesondere mit dem British Museum gleichzuziehen. Aber Humanns Traum ist älter als die Reichsgründung. Bisher fehlten ihm die logistischen und finanziellen Mittel. Doch jetzt legen die deutschen Archäologen innerhalb von zwei Jahren die Fundamente des Pergamonaltars frei. Das Deutsche Reich zahlt 20.000 Goldmark, um die Reliefs des Altars zu erwerben und nach Deutschland zu bringen. Denn ob die Stücke vor dem Raubbau sicher sind, können Humann, Conze und ihre Mithelfer nicht mit Sicherheit sagen. Im Osmanischen Reich wird das Archäologische Museum in Istanbul erst 1891 gegründet. Conze schreibt später:

„Wir sind nicht fühllos dagegen gewesen, was es heißt, die Reste eines großen Denkmals seinem Mutterboden zu entreißen zu uns hin, wo wir ihnen das Licht und die Umgebung nie wieder bieten können, in die hinein sie geschaffen wurden, und in denen sie einst voll wirkten. Aber wir haben sie der immer vollständigeren Zerstörung entrissen. Damals war noch kein Hamdy Bey in Sicht, den bald warme Freundschaft mit Humann verband, und wir konnten damals noch nicht denken, was mit seiner Hilfe inzwischen möglich geworden ist, daß die am Orte verbleibenden Ruinen vor den Steinräubern der modernen Stadt […] würden beschützt werden können […].“

In Berlin erhält der Pergamon Altar später sein eigenes Museum – es sind zu viele Stücke, und die Rekonstruktion braucht ihren Platz. Selbst den Zweiten Weltkrieg übersteht das Monument unbeschadet, weil die Kuratoren die wertvollen Friese zeitnah im Flakbunker verstauen – Opfer der Zerstörung wird lediglich die Rekonstruktion. Die einzigen Verluste entstehen im Zuge der Plünderung durch die Rote Armee, die die Stücke als Beutekunst beschlagnahmte. Erst 1959 kehren sie nach Ost-Berlin zurück.

Rettung, Realpolitik und das Konzept des Welterbes

Die Bergung des Pergamon-Altars zeigt, dass Geschichte kein Schwarz-Weiß kennt, sondern ein Schachbrett verschiedener Schattierungen von Grautönen ist (Nipperdey). Der Altar wurde nicht nur fachgerecht ausgegraben und unter den damals maßgeblichen Zeitumständen „gerettet“ – er wurde auch per Vertrag stückweise verschifft und bezahlt. Auch die mehrfache Restaurierung hat die jeweilige Museumsleitung durchgeführt. Heute betonen zahlreiche Geschichtsdeuter, dass das Deutsche Reich sich lediglich mit der Kultur fremder Länder hätte schmücken wollen. 

Wahr ist, dass es ein Unikum der abendländischen Zivilisation ist, im kulturellen Erbe ein Welterbe zu erkennen, das prinzipiell bewahrt werden muss, weil es einen Eigenwert hat; diese Vorstellung hat die Vorstellung überholt, dass nur die eigene Geschichte und die eigene Gegenwart Wert besitzen. Diese Vorstellung von „Welterbe“ jenseits des eigenen kulturellen oder ethnischen Horizonts war eine große Errungenschaft, die sich von Europa ausgehend in der ganzen Welt im 20. Jahrhundert durchgesetzt hat. Der Gedanke ist demnach nicht „suprematistisch“, sondern betont auch den Wert mesopotamischer, indischer oder polynesischer Kultur, selbst wenn es nicht die eigene ist.

Dennoch nimmt die Vorstellung in den letzten beiden Jahrzehnten immer größeren Raum ein, dass europäische Museen einen einzigen „Raubzug“ durch die Welt begangen hätten, um sich an den kulturellen Schätzen anderer Völker zu bereichern. So hat erst neulich ein Online-Medium kritisiert, dass die meisten Keilschrifttafeln außerhalb des Irak lägen, und zeigte sich erleichtert darüber, dass sie endlich auf Arabisch übersetzt würden. Schließlich handele es sich ja um die Nachfahren der einstigen Völker.

Die Raubkunst-These und ihre Fehlschlüsse

Darin steckt nicht nur der Vorwurf des „Raubes“, sondern gleich mehrere Fehlschlüsse. Erstens waren Sumer und die Reiche von Akkad, Assur und Babylon bereits um Christi Geburt lang vergangene Erinnerungen. Wenn jemand das „Erbe“ für sich reklamieren dürfte, dann lediglich die verschwindend geringe assyrisch-christliche Minderheit, die den Prozess der Arabisierung und Islamisierung überlebt hat. Für die Araber ist das alte Mesopotamien eine ebenso fremde Kultur gewesen wie für die anatolischen Bauern das hellenistische Pergamon. Die alten Völker Mesopotamiens hätten ihrerseits die Araber als barbarische Fremdbesatzer wahrgenommen.

Zugleich steckt in dieser „kulturell-ethnischen“ Deutung ein in der deutschen Geschichte nicht ganz unbekanntes Substrat, über das sich die Autoren offenbar nicht einmal im Klaren sind. Die Idee verbindet Abstammung, Geschichte und Boden. Statt in den Kunstwerken ein „Welterbe“ zu erblicken, das aufgrund seiner zeitlichen wie kulturellen Entrücktheit universal geworden ist, ist Kultur plötzlich an Blut und Boden gebunden. Das sind eigentlich Ideen, die man längst überwunden glaubte.

Drittens waren es die Europäer, die als erste überhaupt ein Interesse am alten Orient entwickelten. Erst der Forschungsdrang der Ausländer entschlüsselte die Keilschrift und die alten Sprachen. Dass große Teile der mesopotamischen Kultur heute in europäischen Museen liegen, hängt schlicht damit zusammen, dass sie damals die osmanischen Behörden und die arabische Bevölkerung ebenso wenig interessierten. Zahlreiche Kunstwerke wären wie in Anatolien schlicht zerstört worden. Aber offenbar gilt in der neuen, „woken“ Forschung, dass es besser ist, Kultur zu zerstören, bevor sie in einem europäischen Museum für die nachfolgenden Generationen bewahrt werden könnte.

Erbe-Bewusstsein Ende der Grabräuberei

Es ließen sich zahlreiche weitere Beispiele nennen. Während öffentlichkeitswirksam über die Nofretete gestritten wird, verdrängen zahlreiche Akteure, dass sie vermutlich ohne europäische Forscher immer noch unentdeckt geblieben wäre. Ja, in der Frühzeit der Archäologie haben europäische Abenteurer zahllose Gegenstände in Ägypten gestohlen und zerstört. Aber es waren zugleich die Europäer, die diese bis dahin in allen Teilen der Welt zelebrierte Grabräuberei auch beendet haben – inklusive der Grabräuberei vor Ort. Dass nur ein einziges Grab eines Pharaos (nahezu) unversehrt war, nämlich das des Tutenchamun, lag daran, dass alle anderen Gräber – ob im Tal der Könige oder der Pyramiden – bereits von der lokalen Bevölkerung über Jahrhunderte ausgeraubt wurden.

Neuerlich: Erst das Bewusstsein, dass es ein schützenswertes Erbe gibt, hat diesem Elend ein Ende gesetzt. Das Abendland hat den Schritt unternommen, nicht mehr in den Kategorien delikater Kunstschätze zu denken, die jederzeit veräußert, im Zweifel auch eingeschmolzen werden können. Das beginnt nicht erst im 19. Jahrhundert. Schon die mittelalterlichen Stadtstaaten Italiens erließen Verordnungen, die römischen Reste zu erhalten, statt sie – wie zuvor – als Steinbrüche zu missbrauchen. In Verona stellte ein solcher Erlass die Arena – das antike Amphitheater – seit dem 13. Jahrhundert unter Schutz. Im 15. Jahrhundert, als Venedig die Stadt übernahm, erließ auch die neue venezianische Behörde folgende Regelung (1450):

„Da in der Arena viele Verbrechen begangen werden und die Arena selbst ein denkwürdiges Bauwerk ist, das der Stadt Ehre macht und daher sauber gehalten werden muss, wird festgelegt, dass die genannte Arena verschlossen bleiben muss und dass die Schlüssel zu den Türen in der Stadtkasse beim Stadtkämmerer aufbewahrt werden; und wenn jemand die Türen oder die Mauer beschädigt, wird er mit einer Geldstrafe von 25 Lire bestraft, und mit derselben Strafe wird bestraft, wer eine der Stufen zerstört oder einen Stein bewegt oder fallen lässt, um ihn aus der Arena zu entfernen, und er ist verpflichtet, den Schaden auf eigene Kosten zu ersetzen; und wer Wagen mit Erde, Schlamm oder anderem in die Arena oder um diese herum bringt und dort ablädt, wird mit einer Geldstrafe von 100 Soldi bestraft und ist verpflichtet, das Material auf eigene Kosten wieder abzutransportieren. Die Geschworenen der umliegenden Stadtteile und diejenigen, die sich in der Arena aufhalten, sind verpflichtet, Anzeige zu erstatten, und der Ankläger erhält die Hälfte der Geldstrafe.“

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Elgins Marmor und die Rückkehr der Kalkbrenner

Bestechend ist deswegen, dass die Europäer auch diejenigen waren, die Kunstraub als solchen beklagten, wenn er tatsächlich geschah. Das Gegenbeispiel zum Pergamon-Altar bilden die gestohlenen Marmorfriese des athenischen Parthenons. Der Earl of Elgin ließ diese monumentalen Stücke brutal herausreißen und nach London verbringen. Als „Elgin Marbles“ gelten sie bis heute als eines der wichtigsten Ausstellungsstücke. Anders als der Pergamon-Altar galten diese Marmorplatten nie als bedroht; und anders als beim Pergamon-Altar bezahlte er sie auch nicht. Der Fall löste zu Beginn des 19. Jahrhunderts dementsprechend auch Empörung in der Gelehrtenwelt aus: Elgin habe mit diesem Raub Unsterblichkeit erlangt, man sprach von einer „Schändung des Parthenon“. Soweit zum Vorwurf des mangelnden europäischen Unrechtsbewusstseins: Die sachgemäße archäologische Aufarbeitung und den Kunstraub wusste man bereits um 1820 zu unterscheiden.

Der Unterschied zwischen Welterbe-Vorstellung und Kunstschatz-Gedanke hat seinen letzten Höhepunkt erst bei der Restitution der Benin-Bronzen gefunden. Auch dabei gab es einen großen Aufschrei über Raubkunst, dann Erleichterung, als man die Kunstwerke „zurückgab“. Nach der Restitution sind die Bronzen verschwunden oder in schlechtem Zustand. 

Nicht verwunderlich: Es gilt exakt das, was auch in Pergamon und in Mesopotamien galt. Es gibt schlicht keinen Bezug zwischen der heutigen Bevölkerung und der damaligen Kultur. Das „fremde Objekt“ ist lediglich Kunstschatz und damit Verhandlungsmasse. Der Geist der Kalkbrenner von Pergamon lebt immer noch. Humann und Conze dagegen haben zugunsten von Leuten abgedankt, die meinen: besser gar kein Pergamon-Altar als einer in Berlin.

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2 Kommentare. Leave new

  • G. Meinikheim
    19. Mai 2026 9:24

    Unsere Grün-Woken Gedanken-Wächter und Demokratie-Zerstörer verhalten sich oft ähnlich wie die Taliban. Viel Kultur von früher, die nicht in ihre ideologische Vorstellung passt, muß beseitigt, zerstört werden.

    Antworten
  • Klaus Niemeyer
    20. Mai 2026 12:36

    Sehr guter, inhaltsvoller und interessanter Beitrag. Klasse. Werde was spenden.
    Danke auch für Ihr tolles Buch über Giovannini Guareschi, Herr Gallina. Wieder was gelernt.

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