Gelebter Libertarismus: Freilernen

Ich lebe mit meiner Familie auf einer Insel im Atlantik, genauer gesagt auf Cape Breton Island, die zur Provinz Nova Scotia im Osten Kanadas gehört. Unsere drei gesunden Kinder sind hier bei uns zu Hause im Wintergarten geboren worden, ohne Arzt und Hebamme. Unser Lebensweg ist heutzutage wohl eher recht ungewöhnlich. Das gilt auch für den Bildungs- und Entwicklungsweg unserer Kinder. Jedenfalls dann, wenn man das aus dem heutigen Deutschland heraus betrachtet.

Spätestens als uns unser ältester Sohn Felix, der heute acht Jahre alt ist, als Fünfjähriger eines Abends beim Essen die Frage stellte – „Mama, Papa, was gab es denn zuerst – die Tomate, oder den Tomatensamen?“ – wussten wir, dass wir uns um das Thema „Lernen“ bei unseren Kindern keine Gedanken machen müssen. 

Wir hatten uns bereits zuvor ausführlich mit Freilernen und Heimunterricht befasst und waren früh in Kontakt mit Eltern, die diesen Weg mit ihren Kindern bereits beschritten hatten und uns von ihren Erfahrungen berichten konnten. Wir wussten also auch um die Herausforderungen, die dieser Weg an uns als Eltern stellen wird. 

Formulare, aber keine Schulpflicht

In einigen wenigen Ländern dieser Welt wie z.B. in Deutschland ist es kaum oder nur mit enormen Hindernissen möglich, sich frei zu entscheiden, welchen Lebensweg man für seine Familie einschlagen möchte: Ob man seine Kinder in eine Schule schickt oder ob man Lernen außerhalb der Schule für sie für angebrachter hält und diesen anstrebt. Alleine deshalb hätte es sich in unseren Augen immer gelohnt, aus Deutschland auszuwandern und sich an einem Ort in der Welt niederzulassen, wo man als Eltern die Freiheit der Wahl hat, welchen Bildungsweg man für seine Kinder den besseren hält. 

Hier in Nova Scotia in Kanada ist es möglich, sich zwischen staatlichen Schulen, privaten Bildungseinrichtungen oder für Heimunterricht und Freilernen zu entscheiden. Dafür mussten wir nur ein kurzes Formular ausfüllen, mit dem wir unser Kind zum „Homeschooling“ anmeldeten, damit die entsprechende Behörde das so registrieren kann. 

Pünktlich zum jeweiligen Jahresanfang wird ein anderes kurzes Formular fällig, wo wir eintragen, welche Lernaktivitäten wir mit dem Kind für das kommende Jahr planen. Am Ende des Jahres ist dann ein weiteres Formular dran, mit den Angaben, was man das gesamte Jahr über mit seinem Kind tatsächlich getan hat. Die beiden Angaben dürfen durchaus voneinander abweichen und sie tun das in aller Regel auch. 

In unserer Provinz existiert also eine Bildungspflicht, allerdings eben keine Schulpflicht mit erzwungener Anwesenheit. Das lässt uns viel Spielraum für eine natürliche Entwicklung der Kinder und für das Gestalten des individuellen Lernprozesses. 

Genau das ist uns sehr wichtig, weil schließlich kein Kind dem anderen gleicht und sich die unterschiedlichen Interessenlagen, das Lerntempo und die Reihenfolge des Lernens bei verschiedenen Kindern oft sehr deutlich voneinander unterscheiden. 

Felix, Falk und Freyja zum Beispiel

Unser ältester Sohn Felix beispielsweise ist ein begeisterter Techniker. Er liebt Mechanik und Maschinen und beherrscht nahezu alle unsere Fahrzeuge, vom Quad bis zum Traktor, vom Bagger bis zum Radlader. Wenn andere Kinder in seinem Alter sich eher mit Disney-Figuren, Mobiltelefonen oder Hollywood-Filmchen befassen, studiert er Kurzfilme und Bücher zum Thema Hydraulik, Kupplung, Getriebe, Motoren, Bagger und Traktoren und baut all das in Lego Technik nach, teilweise erstaunliche Konstruktionen aus bis zu 1.500 Einzelteilen – also gilt für ihn: Werkzeugkasten statt iPhone!

Sein nächstes Lernprojekt ist schon in Vorbereitung. Der Bau eines elektrischen Go-Carts mit Kettensägenmotorantrieb unter Anleitung eines kanadischen Freundes, der ein pensionierter Ingenieur ist. Das beinhaltet Materialkunde, Rechnen, Holz- und Metallverarbeitung, Mechanik und Englisch-Unterricht in der gelebten Praxis. 

Sein jüngerer Bruder Falk, sechs Jahre alt, ist eher der Biologe, er verbringt oft Stunden damit, draußen in der Natur Salamander, Raupen, Schmetterlinge und Frösche zu beobachten oder einzusammeln. 

Unsere kleine Tochter Freyja ist mit ihren drei Jahren bisher noch überall mit dabei, solange sie mit ihren Brüdern oder unseren Tieren zusammen draußen rumwuseln kann. Allerdings liebt sie es besonders, beim Zubereiten der Speisen in der Küche mitzuhelfen und auch schon eigene kleinere Rezepte selber auszuprobieren. 

Bereits recht früh zeichnen sich also ganz individuelle persönliche Interessenlagen bei jedem Kind ab. Die Eltern sind als ihre Lernbegleiter nur dazu angehalten, genau zu schauen, wo jetzt gerade die Begeisterung für das jeweilige Thema am größten ist, um dort Freiräume, Zeit und bei Bedarf die entsprechenden Materialien zur Verfügung zu stellen. Dadurch können sich die kindlichen „Forschungen und Entdeckungen“ festigen und den Kindern wird möglich, selber eigene Erkenntnisse zu gewinnen. 

Wurzel und Flügel

So halten wir das bei uns. Wir haben die unterschiedlichsten „Projekte“, die wir das Jahr über mit den Kindern besuchen oder veranstalten. Einige Beispiele der letzten beiden Jahre wären der Besuch verschiedenster Bastel-, Töpfer- und Malkurse. Ein Kurs in Taekwondo für die Buben, Schlittschuhlaufen lernen im Winter, Pfadfinder-Kurs im Sommer, Reiten lernen auf dem Pferdehof in der Nachbarschaft, Schnitzen lernen und Motorradfahren mit Papa bei uns auf dem Grundstück, Fossilien und Krabben sammeln am Fluss und am Atlantik. Der letzte spannende Kurs war ein Schmiedekurs in einer historischen Schmiede im Museumsdorf in unserer Nähe, bei dem die Jungs unter Anleitung von Fachpersonal einen Schürhaken selber schmieden durften. 

Wie fühlt sich das für sie an? Dann doch lieber Standardunterricht im Klassenzimmer? – Nein, ehrlich gesagt müssen wir die Kinder gelegentlich sogar ein wenig „einbremsen“, wenn sie mit den Hufen scharren vor lauter Vorfreude – „Papa, wann geht’s denn endlich los zum neuen Kurs?“

Dass wir keinen Fernseher besitzen und keine Mobiltelefone nutzen (außer vielleicht im Notfall) sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt. Wir verfügen über eine recht umfangreiche zweisprachige private Bibliothek und studieren mit den Kindern viele Bücher. Dass sie dabei irgendwann Lesen lernen, ist ganz selbstverständlich. Es entspricht schlicht dem kindlichen Forschungsdrang. In Büchern sind nicht nur schöne bunte Bilder sondern auch die entsprechenden, meist sehr spannenden Geschichten und Informationen. Und da Mama und Papa nicht immer gleich anwesend sind um was vorzulesen, wollen sie das ganz natürlich irgendwann selber können. 

Felix liest und schreibt bereits sehr gut ohne jemals ein Klassenzimmer betreten zu haben. Das erste Mal, als er eigenständig einen zusammenhängenden Text verfasst hat, war, als er eines seiner eigenen Kochrezepte aufschreiben wollte, und das war um 20 Uhr abends und nicht während einer vormittäglichen „Schulstunde”. 

Auch das „Zählen spielen“ ist etwas ganz natürliches und der erste Basiskontakt mit Mathematik. Eltern brauchen sich also keine Gedanken darüber machen, dass ihre Sprösslinge durch fehlende Schulbildung mit Mitte 20 asoziale Analphabeten sind, ganz im Gegenteil. Jedenfalls nicht wenn sie für ihre Kinder die entsprechenden Bedingungen für natürliches Lernen schaffen und sie dabei aufmerksam und achtsam begleiten. Das Prinzip lautet immer: Wurzeln und Flügel gehören zusammen. Also, Anlehnung, Geborgenheit und Wärme einerseits sowie freie Zeit und Freiheit für Entdeckungen und Abenteuer andererseits.

Kompetenznachweise

Es gibt immer eine natürliche Form und Reihenfolge des Lernens, die wir bei unseren Kindern beobachten und die auch durch zahlreiche Studien belegt sind. Natürliche kindliche Neugierde, Begeisterung, Kompetenz, Wissen und praktisches Können und später einmal daraus resultierender wirtschaftlicher Erfolg. Wenn Sie sich Listen von bekannten und berühmten Freilernern ansehen, werden Sie womöglich sehr überrascht sein, auf welche Namen sie dort treffen werden. Gerade hier in Nordamerika gibt es zahlreiche Studien, die eindrucksvoll belegen, dass Kinder, die zu Hause lernen oder als Freilerner aufwachsen durften, meist nicht nur deutlich bessere Ergebnisse in Prüfungen erzielen als ihre durch die Klassenzimmer gewanderten Kameraden, sondern dass sie als Erwachsene meistens auch wirtschaftlich sehr erfolgreich sind und ein glücklicheres und erfüllteres Leben leben als Schul- und Uni-Absolventen. Und ist es nicht gerade das Lebensglück und die Lebensfreude, auf die es bei alldem ankommt ?

Uns wird oft die Frage gestellt ob die Kinder dann hier irgendwelche „Abschlüsse“ machen können. Nun, im Grunde ist so was nicht wirklich wichtig, aber wir leben alle in einer Zeit, in der die Gesellschaft geradezu darauf fixiert ist, mit „guten Noten, Zeugnissen und Zertifikaten“ zu glänzen. Die Antwort darauf lautet: ja. Bei Bedarf können wir unsere Kinder später, sofern sie das selber wollen, auf einer örtlichen Schule anmelden, damit sie dort in den letzten Wochen vor Beendigung des jeweiligen Bildungsabschnittes sich auf solche Prüfungen vorbereiten können und diese dann dort zusammen mit den Schulgängern ablegen.

Höre ich sie fragen nach der sozialen Kompetenz ? Gut, dieser Punkt wird oftmals vollkommen falsch eingeschätzt. Haben sie einmal darüber nachgedacht, ob ein Ort, an dem ein Kind meistens durch mehr oder weniger Zwangseinwirkung dazu genötigt wird, die wertvollste Zeit seines Lebens mit bis zu 30 anderen gleichaltrigen Leidensgenossen auf engstem Raum zuzubringen, ein geeigneter Platz ist, um soziale Kompetenz zu erlangen? Oder geht das auch beim freien Spielen mit den Nachbarskindern ? Oder durch den Besuch von erwachsenen Freunden oder Arbeitskollegen bei der Familie? Oder beim Bastelkurs oder beim Schlittschuhfahren? 

Freie Menschen braucht die Welt

Wenn ich mir ansehe, was gerade weltweit an vielen Schulen alles so praktiziert wird, bin ich recht froh, dass uns unsere Kinder noch nie darum gebeten haben, dass wir sie hier in einer Schule anmelden sollen. Sie entscheiden überwiegend selber, wie sie ihren Tag verbringen. Ihre Eltern dienen als Vorbild und da wir hier den Hang zum Zweitbuch haben, beobachten sie sehr genau, wie ihre Eltern es lieben, Bücher zu lesen. Zu allen Themenbereichen. Und diese Verhaltensweisen kopieren sie ganz selbstverständlich. 

Auch wir machen hier nicht immer alles super richtig und optimal, auch wir Eltern gehen mit den Kindern durch eine Lernkurve unserer Entwicklung. Eigeninitiative, der Einsatz von Lebenszeit und Eigenverantwortung sind gefragt – auch bei den Eltern. 

Die ganz große Frage überhaupt ist: Wie sollen diese jungen Menschen einmal sein, wenn sie erwachsen sind? Systemkonform und staats- und medienhörig? Oder sollen sie in der Lage sein, bei Bedarf die richtigen Fragen zu stellen und ein eigenverantwortliches, selbstbestimmtes glückliches Leben in Freiheit zu führen?  

John Lennon erzählte einmal: „Als ich fünf Jahre alt war, sagte mir meine Mutter immer, dass Glücklichsein der Schlüssel zum Leben sei. In der Schule fragten sie mich dann, was ich mal werden möchte, wenn ich groß bin. Ich schrieb hin: „glücklich.“ – Sie sagten mir, dass ich die Aufgabe nicht verstanden habe, und ich sagte ihnen: Ihr habt das Leben nicht verstanden!“

Starke Menschen werden oft nicht gewollt, weil sie unbequem sind für das System und für dessen Mitläufer. Starke Menschen zeigen, dass man durchaus auch „anders“ glücklich leben kann. Starke Menschen halten den Hamsterradläufern den Spiegel vor und das ist für Letztere oft unangenehm. Aber starke, unabhängige und glückliche Menschen, Familien und Kinder braucht die Welt. Heute mehr denn je.

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