Schrödingers Gendersprache

„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker oder Ihre Apothekerin.“ – Ganz so dumm wird es wohl nicht kommen. Zwar fordern Fachverbände von Ärztinnen und Ärzten sowie Apothekerinnen und Apothekern tatsächlich, die gesetzlich vorgeschriebene Formel für die Arzneimittelwerbung künftig auf eine geschlechtsneutrale Variante umzustellen, wie verschiedene Medien berichten. Doch die vorgeschlagenen Alternativen sind immerhin fantasievoller und geringfügig ästhetischer als die oben durchgespielte Doppelnennung, die dem Sprachgebrauch entspräche, wie er mit beeindruckender Sturheit seit einiger Zeit etwa von vielen Rednern im Deutschen Bundestag durchgehalten wird, als müsste man immer wieder explizit darauf hinweisen, dass Probleme von Mietern, Handwerkern und Studenten auch Mieterinnen, Handwerkerinnen und Studentinnen betreffen – nicht dass diesbezüglich noch Unklarheiten bei den Zuhörern entstehen. Oder den Zuhörerinnen.

Die Präsidentin der immer noch geschlechterungerecht benannten Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Gabriele Regina Overwiening, schlägt nun vor, neben der gewohnten Formel künftig weitere Varianten zu erlauben, so dass Arzneimittelherstellerinnen und -hersteller die Gender nach Belieben verteilen können: „Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihre Apothekerin“, „Fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Apothekerin“ oder „Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker“. Laut Overwiening hätte das den zusätzlichen Vorteil, dass die Unternehmen so „eine öffentlich sichtbare Selbstauskunft … hinsichtlich einer geschlechtergerechten Sprache geben“ könnten. Nichts sagt schließlich „Wahlfreiheit“ wie das Framing von Gendersprache als „geschlechtergerecht“ in Verbindung mit einem öffentlichen Offenbarungszwang. Sagen Sie mal, sind Sie eigentlich für Gerechtigkeit oder dagegen? Schönes Unternehmen haben Sie da, wäre doch schade …

Doppelplusgutes aus Kärnten

Die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes – der wirklich ein Ärztinnenbund ist, es handelt sich also nicht um Gendersprache – schlägt vor: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie in Ihrer ärztlichen Praxis oder Apotheke nach.“

Der Satz spart sich die ermüdend vor sich hin klappernde Redundanz der Doppelnennungen, doch dafür ist die Aussage ausgehöhlt und entstellt. „Fragen Sie Ihren Arzt“ ist etwas anderes, als irgendjemanden in der Praxis zu fragen. Zum eigenen Arzt besteht ein Vertrauensverhältnis. Im Idealfall kennt er die Krankengeschichte des Patienten, die bei einer Medikamenteneinnahme relevant sein könnte. Aber nicht nur fällt hier dieses Vertrauensverhältnis aus dem Bild, sondern es fallen generell Menschen weg. Es werden nur Räumlichkeiten genannt, innerhalb deren man „nachfragen“ soll (was, nebenbei bemerkt, etwas anderes ist als „fragen“). Die Personen, mit denen man dabei spricht, sind nur noch als ungenannte, gesichtslose Phantome zugegen. Früher gab es eine Praxis, die einem Arzt gehörte – eine Arztpraxis. Heute wird daraus eine ärztliche Praxis, also eine Praxis, die ärztlich ist. Der Arzt wird zum bloßen Attribut der Räumlichkeiten degradiert.

Diese Dehumanisierung ist eine generelle Tendenz bei der Gendersprache, was einfach daraus folgt, dass fast immer, wenn Akteure benannt werden, das generische Maskulinum ins Spiel kommt. Um das zu vermeiden, müssen wir nun entweder die Akteure ganz hinauskonstruieren oder mühsame Umschreibungen für sie finden, die von sich aus niemand benutzen würde. Folge ist eine menschenleere Kunstsprache. Das Mitte Dezember bekannt gewordene und inzwischen wegen Absurdität zurückgezogene Wörterbuch zum Genderleitfaden des Landes Kärnten vermittelt einen guten Eindruck von dieser Tilgung jedes Anklangs menschlicher Wärme, Vertrautheit und Natürlichkeit aus der Sprache. Anders als dem deutschen Ärztinnenbund war den Urhebern selbst das Adjektiv „ärztlich“ zu männlich, weshalb dort aus dem „fachärztlichen Attest“ künftig konsequent das „Attest einer Fachärztin oder eines Facharztes“ werden sollte. Der Bäcker wurde zur „Fachkraft für Bäckerei“, der Autor zur „literaturschaffenden Person“, der Polizist zur „Polizeikraft“, der Hausmeister zur „Fachkraft für Gebäudemanagement“, der Gast zur „Besuchsperson“ und der Täter zur „Unrechtsperson“. Doppelplusgut! Nur: Warum darf eigentlich der Gast nicht grammatikalisch männlich sein, während all die -kräfte und -personen doch durchweg weiblich sind? Wahrscheinlich als Rache fürs Patriarchat oder so.

Die Sprache als Unrecht

Aber wie dem auch sei, die Probleme reichen tiefer. Die Formel zum Nachfragen in der ärztlichen Praxis ist für jeden als sich gequält windendes Kunstprodukt erkennbar, dessen Qual sich dem einzigen Ziel verdankt, die Nennung von grammatikalisch männlichen Akteuren zu vermeiden. Das gelingt nur um den Preis, dass der Gehalt der ursprünglichen Formel nur noch in grober Annäherung kommuniziert und jedes menschliche Gesicht aus dem entstehenden Bild verbannt wird. Daraus entstehen neue Botschaften. Vor allem diese: Die Sprache, wie wir alle sie intuitiv sprechen, ist ein verdammenswertes Unrecht. Wir müssen sie uns austreiben, auch wenn es mühsam, frustrierend und isolierend ist, um nicht zu sündigen und Schaden anzurichten, sobald wir den Mund aufmachen. Selbst die harmloseste Äußerung – „ich geh mal zum Bäcker“ – ist ein Akt der Unterdrückung, für den man sich schämen und Buße tun muss. Zugleich kommunizieren solche Initiativen die Annahme, dass die kalte, künstliche, technokratische, menschenleere Behördensprache, die statt Gästen nur noch Besuchspersonen kennt, der natürlichen Sprache normaler Menschen moralisch überlegen sei. Mao gefällt das.

Und was bekommen wir nun für diesen doch recht hohen Preis? Dürfen wir hoffen, dass endlich auch Frauen ihren Traum verwirklichen können, in Medizin und Pharmazie zu arbeiten, wenn sie nicht mehr sprachlich ausgeschlossen werden? Mal sehen: Aktuell ist rund die Hälfte der Ärzteschaft weiblich. Beim Apothekenpersonal sind es laut Overwiening fast 90 Prozent. Oh.

Get a Life!

Am 26. Dezember twitterte Christoph Ploß, Hamburger Landesvorsitzender der CDU, zur Initiative für geschlechtsneutrale Packungsbeilagen: „Anstatt sich über #Gendersprache in der Arzneimittelwerbung Gedanken zu machen, sollte unser Land gemeinsam alles dafür tun, den Medikamentenmangel schnellstmöglich zu beheben. Manchmal kann man kaum glauben, welche Debatten in Deutschland geführt werden.“ Darauf entgegnete Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Bundestag: „Du führst sie gerade – diese Debatte. Und das am 2. Weihnachtsfeiertag – meine Güte. #GetALife“

Dieses Muster ist häufig bei Vertretern der Gendersprache zu beobachten. Sie selbst bemühen sich Jahre über Jahre, diese Sprache durchzusetzen, installieren Hunderte von Genderprofessuren, investieren Unmengen an Zeit und Energie und präsentieren progressive Sprachreform als einzigen Ausweg aus dem Höllenloch der Unterdrückung namens „Patriarchat“. Und sobald der leiseste Piep der Kritik an diesem Vorgehen von außerhalb des linken Lagers ertönt, verspotten sie den Urheber dafür, dass er sich mit so unwichtigen Dingen beschäftige. Get a Life! Beim Gegner ist bereits ein einziger Tweet zu dem Thema, an dem Etliche aus den eigenen Reihen Dreiviertel ihrer Identität aufhängen, sicheres Indiz dafür, dass er kein Leben habe.

Machtgewinn aus Asymmetrie

Es ist ein kleines Beispiel für jene Art linguistisch hergestellter Asymmetrie, die den zentralen Mechanismus darstellt, durch den die Wokeness Macht gewinnt und ausübt. Es sind immer die anderen, die etwas schuldig sind, die sich schämen müssen, um Entschuldigung bitten müssen, sich bessern müssen. Jede Wokeness-Erzählung etabliert diese Asymmetrie, indem sie alle anderen als Täter oder zumindest naive Komplizen eines Unrechts hinstellt und die Woken als Heilsbringer positioniert. Wokeness hat hier große strukturelle Ähnlichkeit mit einer Missbrauchsbeziehung. Sie verteilt Zumutungen (z. B. Gendersprache), leugnet zugleich, dass sie das tut (Gendersprache als natürlicher Sprachwandel), und markiert jeden Protest gegen ihre Zumutungen als Fehlverhalten, Ausdruck von Inkompetenz, Ausdruck schlechten Charakters oder alles zugleich (Get a Life!). 

Die einflussreichste Ausformulierung dieser Asymmetrie ist das Konzept der repressiven Toleranz des neomarxistischen Philosophen Herbert Marcuse. Im Kern besagt es, dass die Linke für Befreiung stehe und die Rechte für Unfreiheit, Unterdrückung, letztlich Faschismus, weshalb man dem Faschismus Tür und Tor öffne, wenn man Rechte toleriere. Toleranz führe dann zu Intoleranz, sei also falsch verstandene, unechte Toleranz. Umgekehrt sei auf der Linken alles zu tolerieren, weil Intoleranz gegenüber beispielsweise linker Gewalt die Linke daran hindere, ihr Ziel der allgemeinen Befreiung zu erreichen, die erst wirkliche Toleranz ermögliche. Die Linke darf folglich alles, die Rechte nichts, und die Intoleranz gegenüber allem, was den ideologisch so orientierten Aktivisten als rechts erscheint, ist Ausdruck wahrer Toleranz.

Lasst sie schimpfen!

Häufig wird den Niederschlägen solcher Asymmetrien mit Vorwürfen der Doppelmoral oder Heuchelei begegnet. Das ist berechtigt, aber müßig. Gleiche Maßstäbe sind ein liberales Prinzip und das marxistische Programm – im weitesten Sinn – ist kein liberales. Prinzipientreu sind seine Anhänger nur insofern, als es um das Prinzip „wir müssen gewinnen“ geht. So gesehen gibt es hier auch keine Doppelmoral, sondern eine einzige, völlig kohärente Moral, die konsequent durchgeführt wird.

Wie entgeht man aber der Asymmetrie, wenn das Beklagen von Heuchelei nicht wirkt? Im Idealfall, indem man das Spiel nicht mitspielt. In seinem Buch „Die Erwählten“ berichtet John McWhorter, dass er oft die Frage höre, wie man denn mit den woken sogenannten „Antirassisten“ diskutieren könne, ohne von ihnen als Rassist beschimpft zu werden. Seine Antwort: gar nicht. Wenn du dich rational von außerhalb ihres Glaubenssystems zum Thema äußerst, werden sie dich als Rassisten bezeichnen, Punkt. Wer also an der aufgeklärten Gesellschaft, soweit wir eine haben, festhalten wolle, müsse sich daran gewöhnen, von diesen Aktivisten öffentlich als dies, jenes und das andere beschimpft zu werden. Entweder das oder man übergibt ihnen über kurz oder lang das Ruder.

Öffentliche Beschimpfungen zu ertragen ist nur ein Extrembeispiel. Entscheidend ist, das ganze schiefe Spielfeld nicht zu akzeptieren, auf dem man nur verlieren kann. Die Wokemon sind nicht die überlegene Instanz der Wirklichkeitserkenntnis und Moral, als die sie sich inszenieren. Das ist eine Illusion. Sie sind narzisstische, machthungrige Bullshitkünstler – oder im besten Fall deren getäuschte Opfer. Sie kennen den Weg zu der besseren Welt nicht, die sie versprechen. Dies muss man sich klar- und im Handeln wie im Reden erkennbar machen.

Im Zusammenhang mit Gendersprache und Gendertheorie im Allgemeinen kann man damit anfangen, indem man von der schüchternen Pseudokritik Abstand nimmt, das Ganze sei unwichtig, wie sie auch in Ploß‘ Tweet anklingt. Es ist nicht unwichtig – es ist falsch.

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