Henry David Thoreau

„Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.“ 

Dem deutschen Leser ist Jüngers „Waldgang“ zweifellos bekannt, erheblich weniger aber wohl Thoreaus „Walden“; eine mehr als hundert Jahre früher entstandene Schrift, die viele Elemente des Jünger’schen Essays vorwegnimmt, wenn freilich auch die bei Jünger so präsente anti-totalitäre Dimension weniger präsent ist, und der „Waldgang“ hier nicht als politische „ultima ratio“ und symbolische Sprachfigur erscheint, sondern ganz konkret gemeint ist und viele lebensreformerische Züge trägt. 

Doch beginnen wir mit einer kurzen Einführung in Leben und Werk eines der wichtigsten Klassiker amerikanischer Widerstandsliteratur.

Sogkraft der Moderne

Henry David Thoreau, 1817 in Concord, Massachusetts, als Sohn eines Bleistiftfabrikanten mit französischen Wurzeln geboren, studierte von 1833 bis 1837 an der Harvard University, schloß sich zeitweise dem Familienunternehmen an und gründete 1838 nach kurzer eigener Lehrtätigkeit zusammen mit seinem Bruder eine Privatschule. Diese mußte zwar schon 1842 nach dem Tod seines Bruders geschlossen werden, aber ohnehin hatte sich Thoreaus Aufmerksamkeit von der Erziehung auf die Lebensreform verlagert, seitdem er Freundschaft mit dem einflußreichen Dichter und Philosoph Ralph Waldo Emerson geschlossen hatte, als dessen Sekretär er zeitweise arbeitete und dessen Lehre des „Transzendentalismus“ großen Einfluß auf ihn ausübte.

Die USA durchlebten in der Mitte des 19. Jh. mehr noch als das europäische Mutterland eine überaus rasche Transformation: Die rasende Erschließung des Westens, das explosive Bevölkerungswachstum, die stetig steigende Einwanderung aus dem kontinentalen Europa und die rasante Industrialisierung des Nordostens schufen nicht nur stärkste Kontraste mit den bisherigen kulturellen und sozialen Paradigmen der alten neuenglischen Kolonien, sondern ließen auch den Gegensatz zwischen den unberührten Weiten des amerikanischen Kontinents und seiner systematischen technisch-industriellen Erschließung durch die Menschen in den Vordergrund treten. 

Und wenn diese Transformation auch schon im Wesen der calvinistischen Überzeugungen der ersten Siedler angelegt war und nun lediglich jene unsichtbare, aber kritische Grenze überschritten hatte, wo das Übergewicht definitiv von der Natur zum Menschen umschlug, weckte diese Entwicklung doch auch eine gewisse Besorgnis und somit den Wunsch, sich der Sogkraft der Moderne zu widersetzen und erneut in Kommunion mit Gott, der Natur und der menschlichen Spontaneität zu leben. 

„Nicht wir fahren auf den Eisenbahnschienen; die Eisenbahn fährt auf uns“: In diesem aphoristischen Ausspruch Thoreaus liegt die ganze Tragik einer Moderne begründet, die das Verhältnis zwischen Mittel und Zweck umkehrt und den Menschen zum Instrument der Industrialisierung macht, anstatt das Gegenteil zu bewirken.

Tief im Wald

Thoreau entwickelte daher den Plan, ein solches Leben nicht nur zu theorisieren, sondern auch in seiner ganzen Radikalität zu leben, und zog am 4. Juli 1845 – bezeichnenderweise dem Jahrestag der US-amerikanischen Unabhängigkeit – in eine von ihm selbst erbaute Blockhütte ein, die auf einem Grundstück Emersons am Walden-See bei Concord lag und dementsprechend „Walden Hut“ getauft wurde. 

Im Gegensatz zu einer weitverbreiteten Ansicht ging es Thoreau dabei nicht um völlige Autarkie, sondern vielmehr nur um das Erlebnis, sämtliche Bedürfnisse und Lohntätigkeiten auf ein Minimum zu verringern: Er versicherte, sechs Wochen Lohnarbeit seien ausreichend, um die nötigen Mittel für den Lebensunterhalt zu erlangen, so daß der Rest der Zeit vielmehr kontemplativen Tätigkeiten und der Naturerkundung gewidmet werden könne: „Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müßte, daß ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, daß alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“ 

Die 1854 veröffentlichte Schrift „Walden. Or Life in the Woods“, in der er seine Tagebucheinträge und offenen Reflexionen in eine kohärente Form brachte, um sein etwa zweijähriges Experiment zu beschreiben, wurde in der Folge zu einem unumgänglichen Leitfaden aller späteren Lebensreformer, zumal der Autor neben unmittelbaren biographischen Aspekten auch verschiedenste allgemeinere Themen wie Gesellschaft, Tierleben, Einsamkeit und Wirtschaft berührte.

Ehrenhaft gefangen

Knapp ein Jahr nach seinem Einzug in die „Walden Hut“ kam es allerdings durch äußere Umstände zu einem Schlüsselerlebnis in Thoreaus Leben, das sich freilich in gewisser Hinsicht aus den Erfahrungen des Waldgangs und der Abnabelung von der „Mehrheitsgesellschaft“ ergeben hatte. Thoreau hatte sich nämlich längere Zeit geweigert, ausstehende Steuerschulden zu begleichen, obwohl er durchaus über die nötige Summe verfügte – ein zumindest gegen Ende des Verfahrens wichtiges Argument war ihm dabei, daß er den damaligen Mexiko-Krieg der Regierung und die Akzeptanz der Sklavenhaltung nicht auch noch mitfinanzieren wollte –, und so kam er denn am 23. Juli 1846 für eine Nacht in Schuldhaft, bis der Betrag (wohl von einem Verwandten) diskret beglichen wurde. 

Der Kontrast zwischen Thoreaus Weigerung, mit seinem eigenen Hab und Gut Vorgänge mitzufinanzieren, die er als moralisch unvertretbar hielt, und dem unmittelbaren Erleben staatlicher Verfügungsgewalt über seine unmittelbaren Freiheitsrechte wurde zu einem tiefen Trauma für Thoreau, aber auch zu einer gewissen Selbstbestätigung: „In einem Staat, der seine Bürger willkürlich einsperrt, ist es eine Ehre für einen Mann, im Gefängnis zu sitzen.“

Somit wurde der 23. Juli 1846 zur Initialzündung mehrerer Vorträge, in denen Thoreau seine Erlebnisse sowie die daraus abgeleiteten philosophisch-politischen Konsequenzen schilderte und sich mit dem Christlichen Anarchismus von Adin Ballou und William Lloyd Garrison auseinandersetzte. Daraus entstand schließlich der 1849 publizierte Essay „Resistance to Civil Government“ (später „Civil Disobedience“) – bis heute die „Bibel“ des gewaltfreien zivilen Ungehorsams und Quelle des berühmten Ausspruchs: „Man sollte nicht den Respekt vor dem Gesetz pflegen, sondern vor der Gerechtigkeit.“ 

Im Widerstand

Daraus folgen zwei Konsequenzen. Auf der einen Seite sind für Thoreau demokratische Mehrheitsbeschlüsse ultimativ belanglos, wenn sie mit dem eigenen Gewissen kollidieren, da „eine unqualifizierte Mehrheit ungerechte Rechte beschließen kann und ein Mehrheitsbeschluß keinesfalls bedeutet, daß die beste Entscheidung getroffen wurde“. 

Auf der anderen Seite betrachtet Thoreau somit auch den Widerstand gegen die Staatsgewalt für legitim, ja notwendig, wenn deren Entschlüsse nicht in Einklang mit dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden stehen: „Wenn aber das Gesetz so beschaffen ist, daß es notwendigerweise aus Dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann, sage ich, brich das Gesetz. Mach’ Dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten. Jedenfalls muß ich zusehen, daß ich mich nicht zu dem Unrecht hergebe, das ich verdamme.“ 

Daraus folgt dann auch die politische Konsequenz, als ideale Regierung diejenige zu sehen, die durch minimale Aktion auch am wenigsten Möglichkeit hat, Unrecht zu tun: „Die beste Regierung ist die, welche am wenigsten regiert“ – bis heute ein wichtiger Wahlspruch des Libertarismus.

Die späteren Lebensjahre standen dann ganz unter dem Zeichen dieser beiden Leitlinien eines einfachen und kompromißlos moralischen Lebens, dessen wesentlichen Verlauf Thoreau (der sein Einkommen als Landvermesser, Gelegenheitsarbeiter und Vortragsreisender bestritt) größtenteils der Naturerkundung sowie der Niederschrift kleinerer literarischer und essayistischer Werke und dem Aktivismus gegen die Sklaverei widmete. 

Doch mit Thoreaus Gesundheit, ohnehin seit 1835 durch Tuberkulose angeschlagen, ging es rasch abwärts. 1859 hatte er sich bei einer seiner nächtlichen Wanderung durch ein stürmisches Unwetter eine Bronchitis eingefangen, und wenn der Autor auch noch an mehreren unveröffentlichten Werken arbeitete, ging es doch seitdem spürbar dem Ende entgegen: 1862 starb Thoreau im Alter von nur 44 Jahren.

Gewissensgründe

Wenn aus dem Erlebnis einer eintägigen Freiheitsberaubung wegen ausstehender Steuerzahlung die Initialzündung für eine der wichtigsten Widerstandstheorien des 19. und 20. Jhs. werden konnte – dann kann man nur mit Schrecken bestaunen, wie erfolgreich Hedonismus, Hochtechnologie, Konsumismus und politische Korrektheit den Menschen des 21. Jhs. domestiziert zu haben scheinen, der die weitaus zahlreicheren, den gesamten Alltag dominierenden Übergriffigkeiten unserer gegenwärtigen Welt willenlos, ja sogar mit enthusiastischer Zustimmung hinnimmt. 

Man wage es – wie der Autor dieser Zeilen bisweilen tut –, einige der Grundüberzeugungen Thoreaus auf die heutige Situation zu übertragen: Die Konsequenzen werden nachhaltig und schmerzhaft sein, denn „Widerstand“, das ist für die heutigen Machtträger ein Begriff, der quasi per definitionem entweder nur in Bezug auf weit vergangene Zeiten verwendet werden kann, oder aber, wenn er die Gegenwart betrifft, einen „linken“ Freiheitskampf gegen wie auch immer geartete konservative „Unterdrückung“ bezeichnen muß. 

Daß aber im Herzen des „besten Europas“ aller Zeiten, inmitten eines formal immer noch demokratischen und freiheitlichen Rechtsstaates allmählich und unmerklich eine gefährliche Dynamik entstanden ist, die diese Vorgaben Schritt für Schritt in ihr Gegenteil verkehrt und ebenso den „Waldgang“ wie den zivilen „Ungehorsam“ rechtfertigt (und damit ist nicht derjenige der Klimakleber, Kunstzerstörer und Dauerempörten gemeint, die von Medien, Politik und Bildungsanstalten systematisch bei ihren Vergehen unterstützt, ja angefeuert werden und somit ihren Gratismut mit Zivilcourage verwechseln) – ja, das wird mittlerweile als „Delegitimierung des Staates“ oder gar als „Aufruf zur Gewalt“ diffamiert und kriminalisiert und kann ganz andere Konsequenzen haben als Thoreaus eintägige Schuldhaft …

Es wäre daher für konservative Geister endlich an der Zeit, den historisch verständlichen, in der Sache aber gefährlichen Irrglauben abzulegen, nicht nur die Mehrheitsgesellschaft zu repräsentieren, sondern auch die gegenwärtigen staatlichen Institutionen trotz aller Kritik immer noch als heilige Kühe betrachten zu müssen. Schon die Antike wußte, daß alle Institutionen nur so gut sind wie die Menschen, die sie lenken, so daß wir offensichtlich schweren Zeiten entgegengehen. 

Gerade als Konservative sollten wir uns bewußt sein, daß es während unseres Aufenthalts in diesem Leben nicht auf den äußeren Erfolg ankommt, sondern auf die Verteidigung des Wahren, Guten und Schönen, egal, welche Konsequenzen dies mit sich bringt. Und dieses Ideal liegt immer in uns und kann uns nie genommen werden, wenn wir nur mit wachem Sinn auf seine Botschaften hören; oder, um mit den Worten Thoreaus zu sprechen: „Das eine wenigstens lernte ich bei meinem Experimente: Wenn jemand vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume vorwärts schreitet und danach strebt, das Leben, das er sich einbildete, zu leben, so wird er Erfolge haben, von denen er sich in gewöhnlichen Stunden nichts träumen ließ. Er wird mancherlei hinter sich lassen, wird eine unsichtbare Grenze überschreiten. Neue, allgemeine und freiere Gesetze werden sich um ihn und in ihm bilden oder die alten werden ausgedehnt und zu seinen Gunsten in freierem Sinne ausgelegt werden.“

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1 Kommentar. Leave new

  • Immo Sennewald
    31. Januar 2024 12:19

    Ein gescheiter, sachkundiger, anregender Text – für den Alltagsgebrauch bestens geeignet. F’ür Menschen, die gelernt haben, mit Konflikten umzugehen, und solche, die’s lernen wollen, ist Thoreau lohnende Lektüre.

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