Ich bin ausgewandert – ein Rückblick

Was war mein Antrieb? Warum habe ich Deutschland vor 24 Jahren dauerhaft den Rücken gekehrt? Habe ich hier in meinem „neuen Leben“ in Kanada tatsächlich gefunden wonach ich gesucht habe? 

Es war ein Zusammenwirken verschiedenster Ereignisse und der daraus erwachsenden Erkenntnis, dass ich das Leben in meinem Heimatland Deutschland nicht mehr als liebenswert empfunden habe. Da waren die allgemein bekannten Themen wie extremste Steuer- und Abgabenlast, die immer weiter zunehmende staatliche Kontrolle und Bürokratie, das Einflußnehmen auf alle Bereiche des persönlichen Lebens. Die Förderung des Denunziantentums. Die immer größere Entfernung von den eigenen Wurzeln und der eigenen deutschen Kultur.  

Sie wissen vielleicht, was ich meine, und möglicherweise empfinden Sie heute Ähnliches. Ich denke, ich hatte damals vor etwa 24 Jahren bereits ein sensibles Gespür dafür, dass in Deutschland irgendwas aus dem Ruder läuft. Dass ich mein eigenes Leben immer weiter beschleunigen musste, um nicht aus dem Hamsterrad herauszustolpern und eine harte Bauchlandung hinzulegen in einem Leben, das ich im Grunde so nicht mehr leben wollte. 

Verstehen Sie mich nicht falsch, wirtschaftlich ging es mir gut. Ich habe mich aber nach mehr Lebenszeit für mich selber gesehnt, danach einige ganz andere persönliche Projekte umzusetzen von denen ich bislang immer nur geträumt habe. Ich wollte mein Leben entschleunigen und ihm eine neue Richtung geben. Mehr Dinge tun, die mein Herz zum Singen bringen, die mich wirklich begeistern und mit tiefer Lebensfreude erfüllen. Ich wollte Freiheit leben und spüren.  

Vieles davon hat sich in meinem Geburtsland aber nur schwer bis gar nicht umsetzen lassen. 

Behörden machen, was Behörden machen

Wie sie sich nun unschwer vorstellen können funktioniert nicht alles immer so ganz reibungslos, wenn man solche großen Veränderungen im Leben umsetzt. Und auch in meiner neuen Heimat Kanada hier auf Cape Breton Island in Nova Scotia ist nicht alles Gold, was glänzt. Was habe ich also über all die Jahre, die ich nun bereits hier lebe, rückblickend tatsächlich vorgefunden? Was hat sich positiv verändert? Wo gab es Enttäuschungen? Wo neue Grenzen?

Ich möchte einmal mit den Dingen beginnen, die mich nach einigen Jahren Lebenserfahrung in diesem schönen Land auf den Boden der Tatsachen und des praktisch Machbaren heruntergeholt haben. Zuerst einmal durfte ich feststellen, dass auch hier ein ganz besonderer „Amtsschimmel“ wiehert und auch hier Behörden versuchen, ihre Form der Regulierungen an den Mann zu bringen. Auch hier existieren Vorschriften und Verordnungen, die weder einen Sinn ergeben, noch in irgendeiner Form notwendig sind und die nur dazu dienen, die Zahl der staatlich Bediensteten aufrecht zu erhalten bzw. um deren Existenz zu rechtfertigen. 

Auch hier ist bei den Behörden nicht immer ein bürgerorientiertes Handeln zu erkennen. Gerade in den großen Städten Kanadas habe ich wahrgenommen, dass die Hirten ihre Schäfchen gut und gerne unter Kontrolle haben möchten. Auch hier gab es eine „Zensus“-Umfrage, um ein wenig genauer zu wissen, was wo und wie bei jedem Kanadier zu Hause so los ist. Auch hier gibt es die unnütze Einrichtung von Gewerkschaften und die auf jugendlich getrimmten kanadischen Politiker-Darsteller, die einem von Wahlplakaten herunter anglotzen – die rufen in mir die gleiche tiefe innere Ablehnung hervor, wie damals noch in Deutschland. 

Die „kanadische Krankheit“ ist nicht etwa irgend ein gefährliches Virus. Es ist fehlende Zuständigkeit. Niemand hier ist für irgendwas verantwortlich, besonders, wenn man es mit Behörden oder großen Firmen zu tun hat. Das ist meistens sehr nervig und man darf erst mal lernen, damit umzugehen. 

Das Glück des Hinterwäldlers

Was also ist besser und anders? Wo hat sich mein Leben tatsächlich positiv verändert, seitdem ich hier lebe? Wo ist die so tief herbeigesehnte Freiheit? Habe ich gefunden, wonach ich gesucht habe? 

Nun, man darf hier wohl zwei Bereiche grundlegend voneinander trennen. Die Insel auf der wir leben, ist traumhaft schön. Dem „System“ Kanada kann man auch hier nur genauso kopfschüttelnd gegenüber stehen, wie dem System Deutschland. Die verantwortlich handelnden Leute sind sicher kaum besser oder schlechter als die in der Bundesrepublik. Von dieser Seite her durfte ich sicher eine gewisse Ernüchterung erfahren.  

Allerdings wird sich hier auf der lokalen Ebene doch noch ein wenig mehr Mühe gegeben, dem Willen der Bürger gerecht zu werden. „Der Zar ist weit.“ – Wie oft komme ich denn hier im praktischen Leben tatsächlich in Kontakt mit dem „Staat“ und seinen Organisationen? Wenn ich auf dem platten Land recht weit draußen lebe und einen Großteil meines Lebens eigenverantwortlich strukturiere und handhabe, ist es recht wenig – wenn man von den jährlichen Grundsteuerzahlungen und der Straßenverkehrsbehörde mal absieht, wenn man ein neues Fahrzeug zulassen möchte. 

Sie müssen wissen, dass ca. 90 Prozent der Kanadier in den zehn größten Städten im Speckgürtel zu den USA wohnen und arbeiten. Wir hier sind eher die Hinterwäldler, die Ostfriesen Kanadas, die am „Ende der Welt“ leben, wo die hoch motivierte Beamtenschaft kaum oder gar nicht hingelangt. 

Man darf zur Kenntnis nehmen, dass auch der kanadische Beamte gewöhnlich nicht sehr arbeitswillig ist – sonst wäre er ja auch in der freien Wirtschaft gelandet. Also bekommt man hier auch seltenst Besuch von Leuten, die man nicht ausdrücklich eingeladen hat. Es steigt somit die gefühlte Lebensqualität und Freiheit mit der Abwesenheit des Staates und seiner Erfüllungsgehilfen. Einrichtungen wie GEZ gibt es in Kanada nicht. So etwas hat dieses Land zum Wohle aller Bewohner noch nicht durchdrungen. 

Selbstverantwortung

Im praktischen Leben hier draußen auf dem Lande kann ich durchaus noch weitgehend unberührte Natur genießen und darf Dinge persönlich entscheiden, von denen der deutsche Michel und auch sein Bruder in Österreich nur träumen darf. Wir ließen zum Beispiel im vergangenen Jahr etwa 23 Hektar unseres mehr als erntereifen alten Waldbestands von der lokalen Papierfabrik abernten und verkauften das Holz an dieses Unternehmen. 

Dazu war ein Termin vor Ort erforderlich, bei dem der zuständige Mitarbeiter der Papierfabrik und wir als Besitzer anwesend waren. Wir wanderten einen Vormittag lang das 80 Hektar große Grundstück zusammen ab und kennzeichneten die zu erntenden Bereiche. Am nächsten Tag erhielt ich eine GPS-Satelliten-Karte zugesendet mit den dort farblich markierten Bereichen der geplanten Holzernte sowie das Angebot des Unternehmens, was sie dafür zahlen würden. Dann folgte ein kurzer zweiter Termin zur Unterzeichnung des Vertrags. 

Wenige Wochen später kamen die Erntemaschinen und erledigten in zwei Wochen alles wie vereinbart. Wir erhielten unseren Scheck. – „Der Staat“ kam bei alldem nicht vor. Das ist mehr als angenehm und ich brauche dafür auch keine Grünideologen fragen, die mir erklären, was ich auf meinem eigenen Land zu tun und zu lassen habe. 

Zwei Jahre zuvor habe ich auf einem anderen Grundstück im Ort, das wir als Holzreserve und Weidefläche nutzen, von meinem Straßenbauer in vier Tagen mit dem Bagger eine kleine private Motocross-Strecke auf etwa 12.000 qm anlegen lassen, damit Papa Frank mit seinen Jungs ein wenig rumflitzen und üben kann. Irgendwelche Genehmigungen waren dafür nicht erforderlich. 

Dass ich selber darauf achte, dass solche Projekte und Vorgänge sinnvoll und möglichst umweltschonend umgesetzt werden, versteht sich von selbst. Ich habe ja ein starkes Eigeninteresse daran, dass wir und später einmal unsere drei Kinder den privaten Besitz mit ihren Familien unbelastet weiter nutzen können. Also wieder das Zauberwort Eigenverantwortlichkeit. 

Auch wurden und werden die Freiflächen auf unserem gerodeten Land nachhaltig umgestaltet und mit hochwertigem Laubwaldbestand, Obstwiesen und seltenen lokalen Baumarten neu bepflanzt, ein Teil der gerodeten Flächen wird zukünftig als Weideland im Rahmen der Selbstversorgung unserer Familie genutzt werden. Wir sind also selber bestrebt, unser Land durch sinnvolle Umgestaltung dauerhaft aufzuwerten. Dafür bedarf es keiner Regularien und Vorschriften durch den Staat und seiner Helfershelfer.

Freie Kinder

Unsere drei Kinder wachsen als Freilerner auf und wir als Eltern organisieren und begleiten ihre Entwicklung und das alltägliche Lernen in allen Bereichen ihres Lebens und schauen, was gerade für wen passt und angesagt ist. Wir orientieren uns dafür an den Kindern und ihren aktuellen Interessen und wirken als Lernbegleiter. Das führt zu großer Lebensfreude und zum Erhalt der kindlichen natürlichen Neugierde und Begeisterungsfähigkeit. 

Dass sie dabei spielerisch solche Dinge wie Lesen und Schreiben lernen, ist fast ein Nebenprodukt dieses Lebensweges. Wir als Eltern haben hier in Nova Scotia die Freiheit der Wahl, ob wir unsere Kinder auf staatlichen oder privaten Schulen anmelden oder zum Heimunterricht und Freilernen. 

Wir haben selber entschieden, dass unsere Kinder zu Hause, ohne Arzt oder Hebamme geboren werden sollen. Wir haben selber entschieden, dass sie nicht mit irgendwelchen Substanzen beglückt werden, die nichts in ihnen zu suchen haben. Wir empfinden es als ein hohes Gut, dass wir keinen Besuch bekommen von Leuten, die wir nicht ausdrücklich eingeladen haben, sich in unser Privatleben einzumischen. 

Das empfinde ich und das empfinden wir als normal und sinnvoll und als wichtigen Teil unserer gelebten Freiheit. 

Friedrich Nietzsche schrieb einmal: „Wer nicht mindestens zwei Drittel des Tages zu seiner freien Verfügung hat, ist ein Sklave.“

Nun, daran orientiert bin ich hier in meinem neuen Leben in Kanada tatsächlich ein weitestgehend freier Mann, denn von meinen täglichen Handlungen sind gut 90 Prozent Tätigkeiten, die ich aus vollem Herzen gerne tue und genieße und die ich somit nicht wirklich als „Arbeit“ empfinde.

Ich kann also rückblickend feststellen, dass ich durch diese Neuorientierung nach Kanada im täglichen Leben durchaus ein enormes Maß an persönlicher Freiheit hinzugewonnen habe. Den Schritt, nach Cape Breton Island auszuwandern, haben wir nie bereut. 

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1 Kommentar. Leave new

  • Very Serious Sam
    7. September 2023 8:08

    Sehr anschaulich, und sehr angenehm, freiheitlich ohne verrückt zu sein. Rechtzeitig Deutschland zu verlassen ging bei mir aus Gründen nicht, mir stellt sich aber in den nächsten Jahren die Frage: Auswandern im Alter? Allein, ungebunden und finanziell vernünftig aufgestellt, von daher ginge das. Nur, wohin? Neue Sprache lernen kommt nicht in Frage. Deutsch oder Englisch, welche Ländern nehmen denn da junge Senioren?

    Ihnen und Ihrer Familie alles erdenlich Gute. Berichten Sie gerne ab und an von ihrem Leben am Noröstlichen Zipfel Kanadas, ich lese solche Erzählungen sehr gerne.

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