Ich bin kein Bewohner des Elfenbeinturms

Diesen Text gibt es auch als Podcastfolge im Wurlitzer des Sandwirts: Hier.

Im Bayernwahlkampf und der Oktoberfestzeit sind zwei Kampfbegriffe aufeinandergetroffen: Bierzeltpopulismus und Elfenbeinturm. Für Bierzeltpopulismus könnte die politisch-mediale Elite auch Stammtischrhetorik sagen. Damit versucht man den gesunden Menschenverstand derer lächerlich zu machen, die Realitätskontakt haben, weil sie sich Tag für Tag im Beruf bewähren müssen – und die über die Politik der Ampel nur den Kopf schütteln. Im Bierzelt und am Stammtisch artikulieren sich diejenigen, die Hillary Clinton verächtlich „deplorables“ genannt hat: die Bedauernswerten.

Im Elfenbeinturm sitzt die politisch-mediale Elite, die nicht nur über das Volk, sondern auch gegen das Volk herrscht. Dass viele hier von Elfenbeinturm sprechen, setzt einen radikalen Bedeutungswandel des Begriffs voraus. Ursprünglich war der Elfenbeinturm der abgeschiedene Ort, an dem zum einen Wissenschaftler auf die reine, politisch uninteressierte Suche nach der Wahrheit gegangen sind – völlig gleichgültig gegenüber den Kommunikationsproblemen eines Fachmanns und Spezialisten. Zum anderen war es der Ort der Formalisten und Ästheten unter den Künstlern; deshalb konnte Peter Handke noch stolz schreiben: Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms.

Doch seither hat sich alles geändert. Der Elfenbeinturm ist heute der Ort des Typus, den Nassim Nicholas Taleb „intellectual yet idiot“ genannt hat. Er leidet nicht an Kommunikationsproblemen, sondern an Realitätsfremdheit – und das bei oft hoher Intelligenz. Wir finden diesen Typus nicht nur an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten unserer Universitäten, sondern auch in den Medien und Parlamenten. Da sie rhetorisch recht begabt sind, genügt ihnen als Resonanzraum die Selbstbezüglichkeit ihrer Blase – gleichgültig, ob es sich nun um ein EU-finanziertes Forschungsprojekt, einen Grünen-Parteitag oder eine Redaktionskonferenz des „Spiegel“ handelt. Was dabei herauskommt, hat paranoische Züge, und zwar meist eine Mischung aus Katastrophenphantasie und Größenwahn.

Um uns davor zu schützen, kann die Parole nur lauten: Friede den Bierzelten, Krieg dem Elfenbeinturm!

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  • Mir scheint, die typischen woken Intellektuellen unserer Tage produzieren in ihrem Elfenbeinturm hauptamtlich Kommunikationsprobleme. Vorzugsweise, indem sie hergebrachten Begriffen eine neue Bedeutung geben, oder indem sie permanent neue Begriffe erfinden, deren Bezug zur Realität schwer erkennbar bis nicht vorhanden ist. Sie schaffen auf diese Art eine imaginäre Welt von der sie behaupten, es sei die eigentliche Welt, die für den Bierzeltinsassen nicht erkennbar sei. Da diese Wort- und Bedeutungserfinder viele Helfer in den Medien, in Schulen und in den Universitäten haben, sind sie sehr erfolgreich bei ihren Versuchen, die gemeinen Bierzeltinsassen, die ihre Zeit und ihre Energie dafür verwenden müssen, ihren Lebensunterhalt (und dazu den der privilegierten Worterfinder!), zu verdienen, zu verwirren und zum Schweigen zu bringen. Vielleicht ist in diesen Tagen jedoch ein Punkt erreicht, an dem die Differenz zwischen behaupteter und von jedermann erkennbarer Wirklichkeit so groß geworden ist, dass die Bierzeltinsassen sich nicht mehr täuschen lassen. Dass es so sei, wünsche ich sehr, denn je später das Aufwachen der Leute im Bierzelt erfolgen wird und je schlechter ihre Lage sein wird, desto heftiger könnten die dann ausbrechenden bierzelttypischen Rangeleien sein.

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