Geschichten aus der Geschichte von Inflation und Staatsbankrott

Oder: Warum dem Staat nicht zu trauen ist

Wir leben in einem Zeitalter der Krisen, zumindest kommt es uns so vor. Allerdings sollte man nicht vergessen, dass die Krisen früherer Zeiten, denken Sie nur an die beiden Weltkriege, die Menschen in tatsächlich existenzielle Nöte brachten. Dagegen erscheinen aktuell zehn Prozent Inflation plus eine Regierung, die sehenden Auges die Deindustrialisierung Deutschlands mit einem Schulterzucken in Kauf nimmt, doch wohl noch wie die sprichwörtliche „Badekur“? 

Allerdings haben, wie uns die Geschichte eigentlich lehren sollte, alle großen Wirtschaftskatastrophen klein und harmlos angefangen. Sie alle hatten ihre eigene Geschichte und einen Zeitpunkt, an dem man durch kluges und besonnenes Handeln das Schlimmste noch hätte abwenden können. Doch in der Regel ist gerade das nicht geschehen und der Staat versagte. Wenn wir nun wissen wollen, was wir aus der Geschichte der Staatspleiten, der Inflation und der Wirtschaftszusammenbrüche lernen können, so müssen wir uns einige ausgewählte Beispiele ansehen. 

Die Münzverschlechterung im Alten Rom

Beginnen wir beim Römischen Kaiserreich. Wissen Sie, was eine Münzverschlechterung ist? Nein? Dann folgen Sie mir ins Jahr 214. In Rom regiert Kaiser Caracalla, dessen Macht sich allein auf die Unterstützung durch das Heer stützt. Und diese Unterstützung kostet Geld. Viel Geld. Um die großzügigen Soldzahlungen weiter zu ermöglichen, bringt der Kaiser eine neue Münze heraus, den silbernen Doppeldenar, weil sein Wert dem zweier bisher gebräuchlicher Silberdenare entsprechen sollte. 

Der Silbergehalt des Doppeldenars jedoch wich erheblich vom Silbergehalt der alten Denarmünzen ab, der neue Doppeldenar enthielt nämlich nur den Silbergehalt von anderthalb alten Silberdenaren. Mithin handelte es sich faktisch um eine Geldverschlechterung, über die Caracalla seine Rüstungsausgaben finanzierte. Das führte dazu, dass die Römer ihre alten Denare versteckten, was Schatzfunde beweisen. 

Doch damit nicht genug: Der Silbergehalt des Doppeldenars nahm auch unter den Nachfolgern Caracallas auf dem Kaiserthron kontinuierlich ab. Die einstige Silbermünze verlor mit jedem neuen Kaiser an Silbergehalt und hatte sich am Ende des Jahrhunderts in eine Bronzemünze mit einem dünnen Silberüberzug verwandelt. Und nach 80 Jahren, im Jahr 294, war ganz Schluss mit dem Doppeldenar. Kaiser Diokletian führte die Follis-Münze ein, eine Bronzemünze mit Silberüberzug. Die stetige Münzverschlechterung über 80 Jahre hatte also zu einer ebenso stetigen Enteignung der römischen Bürger geführt. Wer nicht seine alten Silberdenare versteckt hatte, war der Dumme.

Das chinesische Papiergeldfiasko

Ein Geldsystem, dessen Zahlungsmittel Edelmetalle sind, bietet den Bürgern zumindest die Sicherheit des Metallwerts, im Gegensatz zum Papiergeld. Damit kommen wir zum nächsten Staatsbankrott, wir wenden uns nun dem chinesischen Kaiserreich zu. Die Chinesen gelten als Erfinder des Papiergelds. Marco Polo, der berühmte Venezianer, berichtete als erster Europäer von dieser chinesischen Erfindung und der aufwendigen Herstellung des notwendigen Papiers aus der Rinde des Maulbeerbaums sowie der zahlreichen Arbeitsschritte, die notwendig waren, ehe das papierne Zahlungsmittel in den Zahlungsverkehr gelangte. Insbesondere mehrfache Siegelungen durch kaiserliche Beamte sollten die Echtheit des Papiergeldes im Geschäftsverkehr garantieren, zudem war das Papiergeld durch die kaiserliche Silberreserve gedeckt. 

Doch auch hier kam es, wie es kommen musste. Kriegerische Auseinandersetzungen mit den mongolischen Nachbarn sowie Pomp und Repräsentationsbedarf des Kaiserhofes ließen den Kapitalbedarf stetig ansteigen, welcher ganz einfach, die EZB lässt grüßen, mittels Drucken größerer Geldmengen befriedigt wurde. 

Nachdem das Papiergeld bis 1425 rasend an Wert verloren hatte, kam der unvermeidliche Crash des Finanzmarktes. Das Papiergeld wurde im Rahmen einer großen Währungsreform abgeschafft und Silbermünzen als alleiniges Zahlungsmittel eingeführt. Wer sich auf die Wertstabilität des Papiergeldes verlassen hatte, war der Dumme. 

Hyperinflation 1923

Während die oben beschriebenen Ereignisse so wie die meisten Staatsbankrotte dem Vergessen anheimgefallen sind, hat sich doch ein solches Ereignis ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingegraben: die Hyperinflation von 1923. 

Auch dieses historische Ereignis hatte eine Vorgeschichte: Begonnen hat alles mit den Kriegsgesetzen vom August 1914, die der deutsche Reichstag, übrigens mit den Stimmen der Sozialdemokratie, verabschiedete. Mit einem historischen „Doppelwumms“ (nein, wenigstes so infantile Wortschöpfungen gebrauchte man damals noch nicht) schaffte man zum einen die Autonomie der Deutschen Reichsbank und zugleich die Golddeckung der Reichsmark ab. Der Staat schuf zudem „Darlehenskassenscheine“, mit denen er sich selbst nochmals einen unbegrenzten Kredit ohne jegliche Deckung verschaffte. Mithin erreichte man bereits vor Kriegsende hier eine erhebliche Ausweitung der Geldmenge, der keinerlei Wertschöpfung gegenüberstand. 

Nach dem verlorenen Weltkrieg stand das Deutsche Reich nicht nur vor dem Scherbenhaufen der Kriegsniederlage, Gebietsverlusten und einer verarmten Bevölkerung, nein, es waren auch hohe Reparationsleistungen an die Kriegsgewinner zu zahlen. Eigentlich wäre der Staat um eine massive Steuererhöhung nicht umhingekommen, entschied sich stattdessen aber für weitere Kreditaufnahmen.  

Die Geldmenge erhöhte sich weiter und weiter, die Nachkriegswirtschaft kam nicht so recht in Schwung und so wuchsen die Staatsschulden zwischen 1918 und 1922 von 50 auf 271 Milliarden Reichsmark an. 

Im September 1922 begann dann die Hyperinflation, letztendlich ausgelöst durch die Lohnzahlungen an die streikenden Arbeiter während der Ruhrbesetzung. Das Wirtschafts- und Bankensystem brach zusammen, der Druck neuer Banknoten konnte mit der Geldentwertung nicht mehr Schritt halten, während die Arbeitslosigkeit stieg. 

Ein Festhalten an der alten Währung machte keinen Sinn mehr. Tatsächlich war durch die massive Geldentwertung der Warenaustausch faktisch nur noch gegen Devisen oder das von den Kommunen in Umlauf gebrachte Notgeld möglich. 

Im November 1923 wurde die Reichsmark durch die Rentenmark ersetzt. Großer Gewinner der Währungsreform war der Staat, der umgerechnet lediglich drei Prozent seiner überbordenden Schulden an seine Gläubiger zurückzahlen musste. Der Dumme war, wer dem deutschen Reich Geld geliehen hatte, aber auch fleißige Sparer, deren Guthaben wertlos geworden waren. 

Immer kommt etwas dazwischen …

Was können wir aus der antiken Münzverschlechterung, dem chinesischen mittelalterlichen Papiergeldfiasko und der Hyperinflation 1923 lernen? – Der Staat hat die Neigung, mit seinen Einnahmen nie auszukommen. Freundlich ausgedrückt kommt immer irgendetwas dazwischen, wenn es um ordnungsgemäße Staatsfinanzen geht, ob es nun Kriege, Naturkatastrophen oder Seuchen sind. 

Der Bürger, der etwas aus der Geschichte der Staatsbankrotte lernen will, muss daher begreifen, dass nur Selbstvorsorge ihn vielleicht retten kann, wenn sich die nächste Katastrophe am Horizont abzeichnet. Dem Staat jedenfalls ist nicht zu trauen.

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16 Kommentare. Leave new

  • Thomas Lechmann
    8. November 2022 13:56

    Das Erschreckende in unserem Land ist doch, siehe u.a. gerade Klimagipfel, dass ständig weiter Geld ausgegeben bzw. versprochen wird, ohne seine eigenen Finanzen unter Kontrolle zu haben. Dafür gibt es dann Sondervermögen als neue Wortfindung…Es dürfte wichtig sein, seine eigenen Finanzen im Griff zu haben, gerade unser Staat wird uns kein Sondervmögen für uns selbst gestatten. Ich verwende gerne, erst räumt man seinen eigenen Hof auf, dann kümmert man sich um andere Höfe….aber das dürfte eine verlorene Einstellung sein.

    Antworten
  • Martin Stöckli
    8. November 2022 18:26

    Danke!

    Das war sehr interessant.

    Antworten
  • Sehr schön historisch aufgezeigt, dass sich Geschichte doch wiederholen kann.

    Selbstvorsorge ist für junge Menschen aktuell in Ballungszentren immer schwieriger. Mit dem Gehalt kann man entweder unter dem Dach der Eltern Rücklagen bilden. Oder nach der Zahlung von Miete für die Wohnung und den Lebensunterhalt bleibt nicht viel übrig.

    Antworten
  • Barbara Brandner
    8. November 2022 20:58

    Selbstversorge ist im urbanen Raum schwierig. Im äußersten Fall hilft nur die kleinste soziale Einheit, die Familie.

    Antworten
  • Das Problem der Vorsorge erscheint mir geringer als das Problem, die Vorsorge im Katastrophenfall zu schützen.

    Antworten
  • Heino Brunkert
    11. November 2022 19:33

    Ich bin erst seit wenigen Tagen bei Euch dabei , erster Eindruck : Ich fühl mich hier zuhause ! meine eigene Situation : 69 Jahre jung , auf dem von meinen Eltern geerbten Resthof im Laufe meiner Jahrzehnte sechs Wohnungen gebaut , fast alles eigenhändig . Geld war immer knapp . Seit zwanzig Jahren heize ich alles zentral , Brennstoffe sind Sägespäne, Hobelspäne für kleines Geld und Altholz in grossen Mengen für lau ! Heizfläche : 800 m² . Reine Brennstoffkosten : 10 Cent / m²/ Monat , nochmal 10 Cent für Radlader ,verschiedene Sägen und was sonst noch dazu gehört . Zwei Öfen , einer für Hackschnitzel , der Andere ein ” Allesbrenner ” , händisch beschickt . Allerdings auch einiges an Handarbeit . Von alledem sieht der Staat keinen Pfennig ! Als Mutti Merkel den Atomausstieg ankündigte, wurde ich hellhörig ; seit ca 5 Jahren mache ich selber Strom ,jedes Jahr wird es mehr . Strombedarf für den ganzan Hof : ca 15000 kWh , dieses Jahr werde ich wohl die Hälfte selber mit der PV Anlage erzeugt und ( wichtig) verbraucht haben . Zur Zeit arbeite ich an meiner Inselanlage , meine eigene Wohnung und die Heizungshalle werden dann völlig autark sein ,d.h. , auch beim langfristigem Stromausfall weiterhin Strom und Heizung . Nächstes Projekt : Biomeiler mit kleiner Biogasanlage , alles so einfach , das grösste Hindernis ist aber immer der eigene Kopf , Selberdenken .

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    • Alexandra Riesenbeck
      23. November 2022 9:21

      Bitte schreib darüber einen Artikel hier beim Sandwirt über Autarkie im Strom- und Heizungsbereich. Gerne mit Fotos und Kostenbeispielen und dem Zeitbedarf dafür. Das würde mich sehr interessieren, vielleicht auch andere bei den aktuellen Kosten. Danke!

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  • Vielen Dank für den Exkurs… War interessant zu lesen. Geschichte wiederholt sich eben doch.

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  • Aus der Geschichte kann immer nur der Einzelne etwas lernen und schlussfolgern, Gesellschaften als Ganzes werden durch Mentalitäten geprägt.
    Auf die Hyperinflation 1923 wirkte sich das Wählerverhalten in Deutschland kaum aus. Verschiebungen gab es nur innerhalb der einzelnen Wahlblöcke (links, rechts, Mitte). Die Wahlblöcke selbst veränderten sich kaum. Das gleiche Wählerverhalten gab es in Deutschland auch vor und nach der Katastrophe des 1. Weltkrieges übrigens auch schon.

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  • Eigentlich ist es genau anders herum. Die Krisen fallen nicht einfach vom Himmel und “der Staat” versagt. Vielmehr ist es die Regierung, die diese Krisen herbeiführt, um damit mehr Kontrolle über die Bürger zu erhalten und diese weiter zu entrechten. Klappt jedesmal wunderbar.

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    • Bei Ihrem Satz gehört nicht “der Staat” in Anführungszeichen sondern das Wörtchen “versagt”.
      Denn selbst das ist noch “wohlwollend”, wie Sie ja im Weiteren richtig feststellen.
      Also, ist der Staat selbst das Problem!!!

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  • Wie die Geschichte uns lehrt, Politiker und Beamte sind unbestechlich (wobei ich bei Politikern nicht sicher bin), sie nehmen nicht einmal Vernunft an.
    Aber da bin ich mir bei beiden Gruppen sehr sicher.

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  • Herbert Kuss
    19. November 2022 8:40

    Ray Dalio
    “If you don’t own gold you neither understand history nor economics.”

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  • petra.kehr78@gmail.com
    21. November 2022 17:27

    Frau Brandner, herzlichen Dank.
    Dem Verfasser bekannt, aber ein guter Einstieg für die, die beginnen, sich mit dem Thema zu befassen.
    Mein Tip:
    Die Geschichte der Mehrwertsteuer beleuchten. Beginnend mit der Stempelsteuer in 1916.
    Überraschungen garantiert.

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