Ist das Kitsch – aber darf nicht weg?

Der Professor mit dem fast untrüglichen Urteil darüber, ob etwas Kitsch oder Kunst ist, wurde einmal gefragt, ob er ein besonders stichhaltiges Kriterium für seine Entscheidungen habe. „Ja – ganz einfach“, antwortete er, „ich frage meine Frau. Wenn es ihr gefällt, ist es Kitsch.“

Wem die Pointe nicht gefällt, der möge darüber nachdenken, ob der Mann in einer glücklichen oder unglücklichen Ehe lebt, und wer sich am Ende mit seiner Auffassung durchsetzt – etwa bei Weihnachtseinkäufen. Vielleicht verzichtet der Fachmann zugunsten des häuslichen Friedens darauf, gegen seine Frau zu argumentieren – aber womöglich spielen die beiden auch nur vergnügt miteinander.

Ob und ab wann etwas Kunst oder Kitsch ist, liegt zunächst im Auge oder Ohr oder überhaupt daran, von wem und in welchem sozialen Kontext es wahrgenommen wird. Grenzübergänge und Verwandlungen kommen vor. Ein berühmtes Gemälde, massenhaft auf billige Unterlagen kopiert, verwandelt sich in Ramsch – ohne das Original zu entwerten. Jeff Koons darf wohl als Meister solcher Grenzübergänge gelten. Seine aus und an Gebrauchsgegenständen vollführten artifiziellen Transformationen mögen umstritten sein – er musste einige Prozesse durchstehen gegen den Vorwurf bloß kopiert zu haben – sie gehören zum Teuersten im Markt der Moderne. 

Kunst kommt von …?

Kunst setzt gleichwohl einen originären, eigenständigen Akt der Schöpfung voraus. Ob das Ergebnis massentauglich, massenwirksam und von außergewöhnlich dauerhafter Bekanntheit sein wird, hängt vom Willen seines Schöpfers nur sehr begrenzt ab. Kitsch dagegen bedarf keiner signifikanten Urheberschaft, um massenhaft verbreitet zu werden. Der soziale Konsens des Gefallens streut ihn in die Welt, Konformität düngt ihn. Dass er sich verbreitet, wird zwar vor allem, aber nicht nur durch das Geschäftsprinzip „billig kaufen – teuer verkaufen“ angetrieben.

Den Begriff „Kitsch” gibt es wahrscheinlich erst seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, unsicher ist, ob er Lehnwort aus der Sprache der Roma, sicher, dass er als Lehnwort aus dem Deutschen ins Englische, Französische, Türkische, Griechische übernommen wurde. Der Artikel in der „Wikipedia” bietet Beispiele und Indizien, aber Kitsch präzise zu definieren gelang ebenso wenig, wie Dinge aus der Welt zu schaffen, die ihm zugerechnet werden. 

Dennoch drängen sich zwei Gedanken vor: Kitsch ist keineswegs harmlos, und es wird ihn geben, solange Menschen Dominanz- und Herdenimpulsen folgen, also auch noch dann, wenn Außerirdische auf die Überreste unserer Zivilisation stoßen. Vielleicht können sie klären, ob und inwieweit spezifisch politischer Kitsch für deren Untergang ursächlich war.

Nicht von Ungefähr hängen sein Auftreten und sein Gebrauch eng mit Religionen zusammen, denn in Auseinandersetzungen um die Macht gab und gibt es immer eine materielle und eine informelle Dimension; Kitsch hat einige Qualitäten, die ihn zum kommunikativen Kitt in Kollektiven prädestinieren: Wem es gelingt, einen Kultgegenstand, ein Ritual, eine Person, ein Ereignis im allgemeinen Bewusstsein zu überhöhen, als mehr erscheinen zu lassen, als es wirklich ist, also sich und anderen eine sinngebende, kollektive Bedeutsamkeit zuzumessen, wem das gelingt, der erlangt damit informelle Macht. Hat er Erfolg, kann er genügend Anhänger emotional an den (Kitsch-)Kult binden, wird er seine Deutungshoheit befestigen. Auch wenn die harte Realität ihn einmal widerlegt, muss das nicht Konsens und Konformität zerstören; es bedarf dazu katastrophalen Scheiterns, und selbst das überlebt der Kitsch meist.

Kuschelmuschel

Das liegt zweifellos am Bedürfnis des Einzelnen, sich im Kollektiv geborgen zu fühlen: Die Familie, die Herde, die Organisation versprechen Schutz, Zusammenhalt, Teilhabe auch an materieller Macht – um den Preis konformen Verhaltens und Denkens.

Bewusst begegnet bin ich Kitsch in jenen Schuljahren, als ein gutes Ansehen sich daran bemaß, wie oft und von wie vielen Mitschülerinnen einer eingeladen wurde, zwischen eingeklebten Sammelbildchen oder selbst Gemaltem einen Spruch im Poesiealbum zu hinterlassen. Mir geschah das selten. Natürlich befragte ich meine Großmutter. Sie winkte nur lakonisch ab: „Gib nix drauf. Hat nix mit Freundschaft zu tun, will sich nur anbiedern.“ Meine Mutter war noch knapper: „Kitsch. Lass es.“

Dem Urteil meiner Mutter vertraute ich; sie malte und zeichnete sehr gut, hatte aber als Geschiedene mit zwei kleinen Kindern nicht die mindeste Aussicht auf ein Studium. Wir lebten alle im Haushalt der Großmutter, für den hauptsächlich sie das Geld verdiente. Nebenbei bildete sie sich jahrelang bei einem Profi in einem Malzirkel fort. In ihren späten Jahren erlebte sie noch, dass einige ihrer Bilder im Fuldaer Schloss ausgestellt wurden; zeitlebens hingen Aquarelle von ihr an den Wänden meiner Wohnorte.

Weshalb ich das erzähle? Weil ich mit Literatur, Malerei, Musik aufgewachsen bin, Gottesdienste besuchte und doch – je interessanter das weibliche Geschlecht wurde, umso mehr – darunter litt, keinen Spruch auf den kitschigen Seiten eines Poesiealbums unterbringen zu können. Hineinschauen durfte ich gelegentlich; mir fiel auf, dass insbesondere Goethe epidemisch vorkam: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ stand da. Was „edel“ sein könnte, dazu gab ’s auch eine Mustervorlage: „Sei wie das Veilchen im Moose – still, bescheiden und rein – und nicht wie die stolze Rose, die stets bewundert will sein!“

Wer drin stand, gehörte zu den Schätzenswerten unter den Mitschülern; eingetragen wurde meist auf Gegenseitigkeit. Ich hatte kein Album, also war ich raus.

Ob und wie viele solcher Alben es heute noch gibt? Sprüche sind zu Tausenden im Internet abrufbar, wo sich die Jugend – nach allem, was ich darüber weiß – vornehmlich bei Tiktok, Instagram, Facebook oder in eigenen Blogs nicht mehr nur mit Sprüchen und Bildern, sondern sogar eigenen Videos ohne Zahl unterhält. Ziel: möglichst viele „Follower“ zu haben, es gar zu erleben, dass ein eigenes Erzeugnis „viral geht“, sich also massenhaft verbreitet; das ist ein ununterbrochener Wettstreit um Aufmerksamkeit mit einschlägigen Statistiken und Rankings.

Das Ziel ist klar: eine möglichst unübersehbar große Menge von „Views“, „Klicks“, gar „Likes“ zu ernten, möglichst kommentiert von schätzenswerten Personen. Ein eigener Berufsstand, die „Influencer“ – zu deutsch also „Beeinflusser“ – bringt ganz eigene Stars mit Resonanz bei Millionen hervor. Der Name deutet auf den Zweck von deren Auftritten: Informationen zu verbreiten, mit denen Menschen zu einem bestimmten Verhalten bewegt werden sollen. Früher nannte man so etwas Propaganda, eine ältere Vorstufe waren etwa Marktschreier, noch weiter zurück reicht die Tradition der Priester, Propheten, Schamanen …

Die lange Ahnenreihe – sie verzweigt sich, je näher sie der Gegenwart rückt, desto komplexer, ohne dass die „Vorgängermodelle“ ausgestorben wären – hat einen gemeinsamen genetischen Code: Informelle Macht zu gewinnen, zu verteilen, zu verteidigen – kurz: zu bewirtschaften. Im „Informationszeitalter“ läuft diese „Aufmerksamkeitsökonomie“ anderen Wirtschaftsgütern den Rang ab.

Die bewirtschafteten Gefühle

Dabei geht ’s keineswegs nur um den bewussten, in Zahlen und Sprache gefassten, mehr oder weniger digitalisier- und also computerlesbaren Teil von Information, sondern immer mehr um Gefühle und Handlungsimpulse, die mit Musik, Bildern, Erinnerungen, ja dem gesamten Erleben des Menschen verbunden sind: „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, wenn es auf psychosoziale Rezeptoren wirkt, also im Unbewussten Wünsche, Ängste, Furcht, Abscheu, Hass, Freude, Lust, Gier, Missgunst, Neid, Liebe, … anstößt , gar verstärkt.

Und was hat das mit Kitsch zu tun? Stößt ein Gartenzwerg noch bei irgendwem Gefühle an? Gute Frage. Jedenfalls signalisiert jemand, der diesen Ausbund deutscher Kleingärtnerei sichtbar platziert, eine Vorliebe. Sie wurde verspottet und geschmäht; ich weiß nicht, ob manche Vereinssatzung Keramikwichtel zeitweise verbot. Ich halte es für möglich, weil Bilderverbote in den großen, sogenannten Buchreligionen historisch verbürgt sind und in manchen bis heute erbitterte Reaktionen gegen Verstöße auslösen. Das gilt auch für Ersatzreligionen der Neuzeit, aber kaum im Christentum oder Buddhismus. Heilige, gar die Mutter Gottes aus billigstem Material in Massenfertigung, der Heiland als „Aufhänger“ für Satire und Karikaturen: des Verwurstens ist kein Ende. 

Bei genauerem Hinsehen lässt sich allerdings erkennen, dass – was das Bilderverbot zu verhindern sucht – das Absinken des Mythos ins Banale und Alltägliche immer noch den Mythos beinhaltet: in gesunkener Form, als Ersatz, Fetisch, Götzenbild. Auch kitschige Devotionalien bleiben Zeichen religiöser Bindung. 

Kämen Sie auf die Idee, eine gotische Kathedrale oder Goethes Faust-Dichtung als Kitsch zu bezeichnen? Akademische Sammler von Klabusterbeeren mögen das versuchen, tatsächlich haben revolutionäre Garden im Glauben, damit Marx, Engels, Lenin, Mao und andere Menschheitsbeglücker ins Göttliche zu verklären, bis heute nur den Drang offenbart, die von individueller Schöpferkraft Einzelner stets umgestaltete und erneuerte Kultur durch kollektivistischen Starkult zu ersetzen und auf sozialistische Ikonen zu reduzieren. Xi Jinping lässt grüßen. Entstanden ist ein politischer Kitsch besonderer Art; seine eifrigsten Verkäufer sind Propagandisten, die sich selbst als „Autoren“ etikettieren, aber noch nicht einmal Mindestanforderungen selbständiger Recherche nebst unabhängigem Denken erfüllen und deren liebster Aufenthalt Konformistan ist.

Symptome ohne letzten Beweis 

Ein paar Fragen helfen, Kitsch als das zu enttarnen, was er ist:

  • Handelt es sich um originäre Schöpfung oder bloße Kopie? 
  • Entsprechen Größe, Material, Ort und Zeit der Veröffentlichung (Aufführung, Einweihung etc.) der Qualität des Sujets?
  • Thematisiert eine Arbeit das Schöne oder beschönigt sie nur? Biedert sie sich an? Fragt sie nach der Wahrheit oder will sie die Wahrnehmung von Auftraggebern konformistisch erhärten?
  • Appelliert sie an Stimmungen oder sucht sie danach, wie Gefühl und Vernunft konfligieren oder zusammenwirken?
  • Ist massenhafte Verbreitung und Einflussnahme das Hauptziel gegenüber inhaltlicher Qualität?

Nein, Kitsch ist keineswegs genuin politisch. Er ist so facettenreich wie die Kultur. Abziehbildchen, mehr oder weniger banale Schlager, Feiertagsbräuche, Schunkelrituale, Polonaisen, Plüschtiere und vieles andere, das eher auf Saturnalien, Heidnisches oder Fastenbrechen zurückgeht und auf wenig mehr als gute, womöglich ausgelassene Stimmung zielt, muss weder gerechtfertigt noch herabgesetzt werden. Aber die Politik versucht, sich seiner ebenso zu bemächtigen wie der Hochkultur. Wenn es ihr gelingt, populistische Rituale wie den Karneval zu domestizieren, dann werden aus Narrenkappe und Schellenkleid ein Prunkhut und eine Ordensbrust, die Pritsche (oder Klatsche) zielt nicht mehr auf die Mächtigen, sondern auf unbotmäßigen Plebs. Risikolos wird der Volkswitz gegen seinen Urheber gekehrt. Was bleibt?

Jedenfalls haftet dem Kitsch ein plagiatorischer Zug an: sich möglichst leistungs- und risikolos Früchte fremder Kreativität anzueignen mit dem Ziel, das eigene Ansehen und Auskommen aufzubessern – also informelle und materielle Potenz zu steigern.

Lauwarm baden in Moralin

Damit wende ich mich – weit entfernt das Thema ausschöpfen zu können – einer spezifisch politischen Spielart, nämlich dem Gesinnungskitsch zu. Der anglo-amerikanische Begriff „Virtue Signalling“ wurde seit Beginn des Jahrtausends epidemisch und Gegenstand soziologischer Forschung. Der deutsche Ausdruck „Tugendprahlen“ trifft den Vorgang nicht, denn Menschen, die gerne ihre Likes, Herzchen samt zustimmenden Kommentaren als Meinungsäußerungen auf den zahllosen Portalen des Internets hinterlassen, agieren ja nicht prahlerisch, sondern sie reagieren in der Hoffnung, positiv wahrgenommen zu werden, auf ein daselbst erheischtes Zeugnis ihrer moralischen Festigung.

In der DDR förderte die SED-Führung in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts – lang ist’s her und doch nicht verschwunden – eine „Singebewegung“ der „Freien Deutschen Jugend“. Das war ihre Nachwuchsorganisation. Sie war hauptsächlich auf musikalische Bekenntnisse zum „sozialistischen Staat der Arbeiter und Bauern“, natürlich auch zum Internationalismus Moskauer Prägung aus. Das Spitzenensemble der staatlich alimentierten Sangeslust war der „Oktoberklub“, sein bei der Obrigkeit beliebtester Titel hieß „Sag mir, wo du stehst!“ Der Aufforderung zu folgen, bedeutete entweder freudig in Lobgesänge einzustimmen – also zu den Guten zu gehören – oder sich zum Objekt agitatorischer Mühewaltungen in der Schule, im Betrieb oder an der Uni zu machen. Stasiakte inklusive. Im Oktoberklub selbst gab es einige Stasi-IM; besonders gute und eifrige machten Karriere im Staatsapparat. Mit Tugendprahlerei hatte das Mitsingen seinerzeit nichts zu tun, eher mit einer frühen Form von „Social Score“, mit dem Erwerb von Fleißpunkten durchs brave Verbreiten von Gesinnungskitsch.

Wer heute Kommentarstrings in den Social Media liest, wird daran unweigerlich erinnert. Der Gesinnungskitsch in den „Mainstream“-Medien hat dort zahllose Refrains. Mit dem „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ wird die Luft für alle dünner, die wie Heinrich Heine „das Eiapopeia vom Himmel, mit dem man einlullt, wenn es greint, das Volk, den großen Lümmel“ verabscheuen – also die moralische Konformität. Kürzlich sperrte Facebook einen Post mit einem Heine-Zitat. 

Das Schicksal der allermeisten Poesiealben – auch der Facebooks & Co. – ist, zu verstauben. Den Monumenten des politischen Kitsches ist der Abriss zu gönnen, sofern sie nicht als Denkmäler des Scheiterns taugen. Einrichtungen, die ihn massenhaft produzieren, werden vermutlich überleben, solange Dominanz, Unterwerfung und Konformität menschliches Verhalten beschönigen, zurechtlügen, steuern und kontrollieren. 

Aber immer waren die Originale vor den Plagiatoren, die Mythen erstickten nicht unter massenhaften Surrogaten, widerborstige Meinungen nicht in Zeiten der Gleichschaltung. Rituale echter Freundlichkeit, mutiges Eintreten für die Rechte Verfolgter starben ebensowenig aus wie der Kitsch: weil ’s ihn ohne die Originale nicht gäbe.

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