Kafkaesk bis heute
Vor 102 Jahren starb Franz Kafka
„Sind wir nicht alle ein wenig Gregor Samsa?“ Diese Frage kam mir in den Sinn, als ich mich angesichts des Todestages von Franz Kafka an meine Schulzeit erinnerte.
„Kafka!“ – Die Stimme meines Deutschlehrers klang triumphierend, als er lächelnd ein schmales Büchlein in die Luft hielt.
Er setzte dieses Lächeln üblicherweise dann auf, wenn er uns Schülern eine schlecht benotete Arbeit zurückgab. So ein „War mir doch klar, dass du es nicht bringst, bist halt nicht so klug wie ich!“-Lächeln.
Nun hielt er uns mit diesem Lächeln unsere nächste Schullektüre hin: Kafkas „Die Verwandlung“. Und unser Lehrer freute sich nicht deswegen, weil diese Lektüre uns weiterbringen würde. Sondern er freute sich auf unsere Mühe mit dem Text, auf unser Scheitern beim Verständnis.
Kein Freischwimmer
Franz Kafka kam am 3. Juli 1883 in Prag auf die Welt, er starb vor 102 Jahren am 3. Juni 1924 im österreichischen Kierling, Österreich.
Er entstammte einer jüdischen Mittelstandsfamilie: Sein Vater Hermann Kafka war eine autoritäre Persönlichkeit. Auf väterlichen Wunsch besuchte Kafka das deutschsprachige Gymnasium.
Nach der Schule studierte er zunächst Chemie, dann Germanistik, bevor er sich dem Jurastudium zuwandte, eine Wahl, die er aus Pflichtgefühl seinem Vater gegenüber traf. Nach der Promotion 1906 arbeitete er bei einer Versicherungsgesellschaft, später bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen, wo er bis zu seiner Erkrankung tätig blieb. Sein, wie er es nannte, „Brotberuf“.
Kafkas intensivste Freizeitbeschäftigung war von Kindheit an bis in die späteren Jahre das Schwimmen. Was er aber zeitlebens nicht schaffte, war, sich von seinem Vater freizuschwimmen.
Schreiben in der Nacht
Die Bürokratie des Versicherungswesens – mit ihren Formularen, Hierarchien und dem anonymen Apparat – hinterließ tiefe Spuren in seiner literarischen Vorstellungswelt. Und machte Kafka zum Chronisten von Ohnmacht gegenüber anonymen Mächten und seine Texte zu großen Fragezeichen: Wie ist Widerstand gegen entmenschlichte Systeme möglich?
Den eigentlichen Beginn seines Schreibens markiert die Nacht vom 22. zum 23. September 1912: In nur acht Stunden verfasst Kafka seine Erzählung „Das Urteil“. Für ihn ein elektrisierendes Erlebnis. Gab es auch schon vorher schriftstellerische Versuche, so war ihm nun klar: Er wollte Schriftsteller sein.
Die Energie dieser Nacht trug ihn unmittelbar weiter: In den Wochen und Monaten danach entstanden „Die Verwandlung“ (November bis Dezember 1912) sowie die ersten Kapitel des Romans „Amerika“. Es war Kafkas erste längere Schaffensphase – komprimiert, fiebernd, außergewöhnlich fruchtbar.
Doch schon 1913 versiegte der Strom. Rund anderthalb Jahre lang litt Kafka unter einer literarischen Dürre, die er in seinen Tagebüchern mit düsterer Genauigkeit verzeichnete. Selbstzweifel, das Gefühl der Unfähigkeit, die Überzeugung, das Schreiben endgültig verloren zu haben.
Ab Sommer 1914 begann die zweite Schaffensphase. Kafka arbeitete nun an „Der Prozess“, schrieb „In der Strafkolonie“. Auch diese Phase war von begrenzter Dauer.
Dieses Muster – Aufbruch, Erschöpfung, Schweigen, neuerlicher Anlauf – spiegelt sich in gewisser Weise in Kafkas Themen wider: der Mensch, der immer wieder versucht, voranzukommen, und immer wieder auf unsichtbare Widerstände stößt.
Im Labyrinth
Kafkas literarisches Werk ist schmal, doch von ungeheurer Dichte und Wirkung. Das zentrale Thema, das alle diese Werke verbindet, ist die Ohnmacht des Einzelnen gegenüber einer undurchdringlichen Macht.
Kafkas Protagonisten sind stets in Systeme eingeschlossen, die sie nicht verstehen, nicht beeinflussen und nicht verlassen können. Josef K. in „Der Prozess“ wird eines Morgens verhaftet, ohne zu erfahren, weshalb. Das Gericht, das über ihn urteilt, ist allgegenwärtig und doch unsichtbar. Er läuft, kämpft, verhandelt – und scheitert. Nicht weil er schuldig wäre, sondern weil das System selbst keine Unschuld kennt. Freiheit ist hier nicht verboten – sie ist schlicht undenkbar geworden.
In „Das Schloß“ versucht der Landvermesser K., Zugang zu einer rätselhaften Behörde zu erlangen. Er kommt nie an. Die Hierarchien verzweigen sich ins Unendliche; jede Antwort erzeugt neue Fragen, jede Annäherung neue Distanz. Das Schloss ist kein Gefängnis – und doch ist K. nie frei.
Bei Kafka ist Freiheit eine schmerzhafte Abwesenheit. Sie erscheint nicht als politische Forderung, sondern als existenzielle Wunde.
Gregor Samsa in „Die Verwandlung“ ist völlig unfrei und fremdbestimmt: durch seinen Beruf als Handlungsreisender, durch die Erwartungen seiner Familie, durch die Schulden, die er für andere abträgt. Doch eines Morgens erwacht er als riesiges Ungeziefer – und plötzlich fällt alles weg, was ihn zuvor definiert hat – Arbeit, Rolle, gesellschaftlicher Status. Er kann nicht mehr zur Arbeit gehen. Er kann die Erwartungen nicht mehr erfüllen. Die Maschinerie, in der er steckte, läuft ohne ihn weiter. In einem ganz formalen Sinn ist er befreit – von Pflichten, von Terminen, von Anpassung. Aber ist er frei? Ich würde sagen, dass „Die Verwandlung“ mit Blick auf die Freiheit kein Happy End hat.
Kafkaesk
1917 erkrankte Franz Kafka an Tuberkulose. Die letzten Jahre verbrachte er in Sanatorien. Am 3. Juni 1924 starb er in der Nähe von Wien. Seinem Freund und Nachlassverwalter Max Brod hatte er aufgetragen, seine Manuskripte zu verbrennen. Brod tat es nicht.
Franz Kafka gehört neben Orwell („orwellsch“), Dante („dantesk“) oder Dickens („dickensian“) zu den ganz wenigen Schriftstellern, deren Name zu einem Adjektiv geworden ist. „Kafkaesk“ beschreibt eine Welt, in der Bürokratie, Schuld und Fremdheit unentwirrbar verwoben sind. Das Wort steht für eine Stimmung der tiefen, existenziellen Ohnmacht gegenüber einer undurchschaubaren Macht, wie ein schlechter Traum, aus dem man nicht aufwachen kann.
Ein System, das uns unser Deutschlehrer damals am eigenen Leib spüren ließ: Nie konnten wir sicher sein, dass unsere Interpretation in seinen Augen richtig war. Immer gab es einen Aspekt, den wir übersehen hatten. Er erschuf im Klassenzimmer eine Atmosphäre von Zwang, die gerade deswegen so wirkte, weil wir die Regeln nie ganz verstanden. Selbst die Schüler, die sich wirklich sehr anstrengten, ihm zu gefallen, wussten nie, ob sie mit ihren gefügigen Versuchen richtig lagen.
Unser Schullektüreerlebnis war dadurch selbst „kafkaesk“. Wir lernten systematische Macht kennen, und der eine oder andere von uns erprobte sich auch in diversen Widerstandsformen. Krankheit. Sturheit. Wegbleiben vom Unterricht. Versuche von witzigen Repliken. Einmal verkleideten wir uns an Karneval geschlossen als Klasse als lustige Käfer. Eine humorvolle Maskerade, um zu demonstrieren: Wir haben verstanden, wie es läuft. Wir alle sind doch Gregor Samsa.
Und auch wenn sich das System über den subversiven Moment hinaus nicht veränderte, die Erinnerung, wie befreiend sich das gemeinsame Lachen anfühlte, die blieb. Die Erinnerung an einen Moment „Menschsein“.
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