Kipppunkte, Modellierer und Alchemisten

Der politpsychologische Frühstückssmoothie #2

Die öffentliche Meinung ist von Gauklern beherrscht und kaum jemand merkt es. Diese Hypothese, so überraschend sie für viele klingen mag, lässt sich sogar empirisch bestätigen. In den Leitmedien werden seit Jahren immer wieder Gaukeleien als ernsthafte Wissenschaft vorgespielt. Erinnern Sie sich noch an die „Modellierer“ (was für ein Wort!), die während der Corona-Krise den weitern Verlauf der Infektionsquoten, Todesfälle und Krankenhausbelegungen vorhergesagt haben, oder besser: vorhersagen wollten. Wissen Sie, wie viele der Prognosen über einen längeren Zeitraum von mindestens vier bis sechs Wochen zutreffend waren: Keine einzige! Der weitreichende Qualitätsverlust der einst renommierten Wissenschaftssendung Quarks & Co. mit zweifelhaften Beiträgen zur Gendertheorie und zur Corona-Pandemie unterstreicht den bedenklichen Trend im Wissenschaftsjournalismus.

Je höher die Komplexität, desto kürzer die Gültigkeit der Prognosen

Oder nehmen wir die Zukunft des Weltklimas. Auch hier ist die Prognosegenauigkeit denkbar schlecht. Der feste Glaube an die wissenschaftlich fundierte Basis der Kipppunkte wurde von den Leitmedien nie ernsthaft in Frage gestellt. Der Begriff der Kipppunkte ist dabei für die Apokalyptiker so verführerisch, dass er mühelos in Medien und Politik Eingang gefunden hat. Dabei wurde zuletzt vom Chefreporter Wissenschaft bei der WELT, Axel Bojanowski, offengelegt, wie fragil die Basis dieser als gesichert geltenden Annahmen im Grunde oft ist. 

Die Komplexität der Entwicklung des Weltklimas lässt sich kaum ermessen. Was längerfristige Prognosen klimatischer Daten angeht, handelt es sich im Sinne der Vorhersage komplexer Szenarien mehr um Glaubenssätze denn um valide Vorhersagen. Sie können eintreten, werden es aber mit höherer Wahrscheinlichkeit meistens nicht. 

Wenn also heute Prognosen zum Weltklima in 20, 30 oder gar 80 Jahren gestellt werden, so sind diese mit mehr Unsicherheiten als Klarheiten belastet. Dies zu kommunizieren, ist für jeden soliden Wissenschaftler Pflicht! Denn es gilt: Je höher die Komplexität des Untersuchungsgegenstandes, desto unsicherer die Prognosen. Und die Unsicherheit der Prognosen im Bereich der Klimaentwicklung ist riesig.

Soziale Kipppunkte 

Immer deutlicher wird, dass bei der Klimapolitik die massive Beeinflussung des Verhaltens der Massen im Mittelpunkt steht. Deren Verhalten auf Linie zu bringen, absoluten Konformismus selbst bei Schäden am eigenen Wohlstand zu erzeugen und Widerspruch im Keim zu ersticken, sind die wichtigsten Ziele der sozialen Klimapolitik. Das mit heißer Nadel gestrickte Habecksche Heizungsgesetz ist ein Beispiel dieser Hau-Ruck-Klimapolitik. Den Bürgern wird – ganz im Geiste der psychotischen Klimakleber – suggeriert, dass die Welt untergehen wird, wenn sie nicht mitmachen bei der Zerstörung ihrer wirtschaftlichen Grundlagen. 

Die psychologische Forschung nennt diese neue Strategie „soziale Kipppunkte“. Gemeint ist damit, wie der Einfluss von Minderheiten das Denken und die Handlungen großer Bevölkerungsgruppen erfolgreich dominiert. Schon lange ist dieses Phänomen als Minderheiteneffekt bekannt. Jetzt wurde es in der Welt der sozialen Netzwerke verfeinert und in seiner fatalen Wirkung verstärkt. Wenn die Massen ihr Verhalten konform anpassen, ist nahezu jedes politische Ziel erreichbar. Dies geschieht durch extrem häufige Platzierung von Apokalypse- und Horrormeldungen in den als vertrauenswürdig geltenden Leitmedien. Hinzu kommt die Überflutung der sozialen Netzwerke mit Horrormeldungen, kombiniert mit feindseligen Abwertungen Andersdenkender. 

Der Manipulationseffekt ist am stärksten, wenn immer wieder in unkritischen Medien und mit einer hypermoralischen, hysterischen Politik die Alternativlosigkeit des Vorgehens betont wird. Die Beeinflussung der Massen durch die innovativen Minderheiten geschieht am besten durch permanente Angsterzeugung, Furchtappelle und Moralisierung von abweichendem Verhalten. Damit wird der Punkt erreicht, an dem sich kaum noch Menschen trauen, den herrschenden Darstellungen und Anforderungen zu widersprechen. 

Der amerikanische Verhaltensökonom Sean F. Ellis, der selbst solche Politkonzepte entwickelt, sagte im Interview mit dem DLF: „Eines der wichtigsten Dinge, die wir jetzt tun können, ist, Forschung zu finanzieren, um eine evidenzbasierte Politik zu entwickeln und diese dann rigoros zu testen, nachdem sie umgesetzt wurde, und dann auch zu erkennen, wo Verhaltensinterventionen nützlich sein könnten. Zum Beispiel gibt es Möglichkeiten, soziale Vergleiche zu nutzen. Menschen mit ihren Nachbarn zu vergleichen, hat sich als extrem wirkungsvoll erwiesen, um sie dazu zu bringen, ihren Energieverbrauch oder ihren Wasserverbrauch zu reduzieren.“

Der Verhaltensvergleich mit Nachbarn und Freunden ist ein altbekanntes, besonders wirksames Konzept, um bei Menschen über Vorgaben sozialer Normen (reale oder öfter auch fiktive) konformes Verhalten zu erzeugen. Dafür sind Meldungen und Denunziationen, wie sie gesellschaftlich bei der Pandemie und jetzt beim so genannten Antifeminismus salonfähig werden, besonders wirksam. Es geht dabei vor allem darum, konformistisches Herdenverhalten durch geschickte Propaganda, die emotionale und moralische Aspekte hochkocht, zu erzielen. 

Dazu der Experte Ellis: „Es gibt einen Herdeneffekt in vielen Strategien zur Abschwächung und Anpassung an den Klimawandel. Wir Menschen haben die Tendenz, das Verhalten unserer Freunde und Nachbarn zu imitieren. Und eines der kosteneffektivsten Mittel, um Individuen zu ermutigen, Klimaschutz- und Anpassungsstrategien zu übernehmen, ist es, eine soziale Norm um sie herum zu schaffen.“

Das Drehbuch für die Klimadiktatur liegt bereit!

Selbst bei Arbeitsmarktprognosen: Mehr Kaffeesatz als klares Wasser!

Oder: Erinnern Sie sich noch, wie viele der zugewanderten Flüchtlinge in den Jahren 2015 und 2016 in Kürze Erwerbstätige und Beitragszahler sein sollten? Noch so eine „solide“ Prognose von Experten, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) dem leicht hypnotisierbaren Publikum immer wieder gerne präsentiert. 

Auch hier lagen die mit Inbrunst verkündeten Zahlen so etwas von daneben, dass es in einer Mathematik-Klassenarbeit nur zur Note 6 gereicht hätte. Und was sagt uns das? Die Medien- und Propagandapsychologie weiß es schon lange: Es kommt nicht darauf an, was du präsentierst, sondern wie du es präsentierst. Glaubwürdigkeit entsteht durch überzeugende Souveränität und Sicherheit, vor allem im nonverbalen Bereich. 

Prognostiker in Teletubby-Manier

Die Prognostiker des ÖRR sollten besser in einer Glücksspielhow auftreten als im Talar der Wissenschaftlichkeit. Aber genau das macht ihre Suggestionskraft ja aus. Dazu gehört auch, dass falsche Prognosen in den Leitmedien gerne des Öfteren wiederholt werden. Ein Wirtschaftsexperte aus Berlin ist schon mehrfach damit aufgefallen. Er ist offenbar auf besonders falsche Prognosen spezialisiert. So hat er in Bezug auf die Integrationsquote von Flüchtlingen und die künftige Inflation extrem falsche Prognosen abgegeben. Die können nur aus dem Kaffeesatz stammen. Sie erhalten dann Wirkkraft durch ständiges Wiederholen in Teletubbies-Manier. Falsche Botschaften, die öfter wiederholt werden, bekommen durch den Truth-Effekt beim Publikum Glaubwürdigkeit. Dieses glaubt eher an den Wahrheitsgehalt von Botschaften, die öfter präsentiert werden. Ein einfacher sozialpsychologischer Trick!

Es geht um den Gehorsam der Massen

Als der Sozialpsychologie Stanley Milgram in den 1960er Jahren mit seinen Forschungen zu Autoritarismus und Gehorsam begann, wurde bald klar, dass der Appell an eine vermeintliche wissenschaftliche Autorität eine der stärksten Manipulationsfaktoren war. Jeder, der sich mit Prognostik, Chaos-Forschung und Langzeitstudien beschäftigt hat, muss eingestehen, dass unsere Fähigkeiten zur Vorhersage der Entwicklung komplexer Systeme sehr gering sind. Da helfen auch keine Mega-Computer, die dann schöne Bilder im ÖRR machen. Man wünschte sich mehr Bescheidenheit der Modellierer und Prognostiker. Wenn bei Klimaprognosen die jeweilige Unsicherheitsspanne für die Öffentlichkeit mit angegeben werden müsste, wüssten die Menschen, wie fragil diese Prognosen in Wahrheit sind. 

Es liegt in der Natur der Natur, dass Komplexität nicht beherrschbar ist. Die Post-Hoc-Analyse der Prognosen zeigt dann jeweils, dass es so kommen konnte, wie vorhergesagt, aber viel häufiger ganz anders gekommen ist. So wurden die meisten Prognosen bei Corona, beim Weltklima und selbst bei der Integration gerade nicht bestätigt. 

Grund genug einen „false future bias“ zu postulieren. Die ÖRR-Medien gefallen sich heutzutage darin, bei politisch favorisierten Themen die zukünftige Entwicklung jeweils in der von ihnen geliebten Richtung zu überschätzen: Bei Weltklima und Corona pessimistischer, bei Integration und Gender optimistischer. Ein Fall für Selbstreflektion!

Der Zuschauer befreit sich mehr und mehr aus der Unmündigkeit

Das Vorteilhafte für die modernen Gaukler ist, dass sie im Unterschied zu den Alchemisten vergangener Tage nicht für die Folgen ihrer Fehlprognosen dingfest gemacht werden. Während an einem königlichen Hofe der demaskierte Goldmacher heftige Konsequenzen erleben musste, ist das Gedächtnis der öffentlichen Meinung heutzutage so löchrig, dass allenfalls ein diffuses Unwohlsein als Erinnerungsspur zurückbleibt. 

Wenn sie Glück haben, bekommen die Alchemisten der Postmoderne für ihre Zauberkunststückchen sogar noch Medienpreise oder staatliche Verdienstorden. Ihre Namen sind so zahlreich und ihre Leistungen bisweilen so desaströs, dass sie es nicht wert sind, hier erwähnt zu werden. Die Verführung, mit leichter wissenschaftlicher Kost in den Talk-Shows des ÖRR aufzutreten und einen auf dicke Backe zu machen, aber in Wirklichkeit auf Treibsand zu stehen, ist offenbar so groß, dass viele Wissenschaftler dem nicht widerstehen können. 

Womit wir beim Thema Narzissmus im Alltag wären. Es ist schon verständlich, dass Menschen, die sonst nur in Laboren, Büros und Hörsälen stehen, die Gunst der Stunde nutzen, um Reichweite, das Opiat der sozialen Netzwerke, zu ergattern. 

Für die Medienkonsumenten heißt dies, sich der Suggestivkraft der Leitmedien mehr und mehr zu entziehen. Erst eine sehr umfassende und durchgreifende ÖRR-Reform würde wieder für Ausgewogenheit und Glaubwürdigkeit sorgen. 

Auffällig ist, dass der soziale Druck in konformistischer, unkritischer Weise bei verschiedenen Themen nahezu synchron auf die Bevölkerung ausgeübt wird. Sei es Pandemie, Rassismus, Gleichstellung, Klimapolitik, Migration – es sind fast immer die gleichen Akteure, die in den Leitmedien für eine konformistische Haltung zu diesen Themen trommeln. Gleichzeitig werden kritische Stimmen ignoriert, deformiert oder als nicht tragbar – weil „rechts“, „bezahlt“ oder ähnliches – stigmatisiert. Kritisches Denken und Sprechen wird immer schwieriger und riskanter, wenn man nicht soziale Ächtung und andere negative Konsequenzen erleiden will.

Seien wir also skeptischer, was unseren Glauben in überzeugend vorgetragene Prognosen angeht. Je mehr Unsicherheit ein Wissenschaftler ausstrahlt, was die Gültigkeit seiner Prognosen angeht, desto glaubwürdiger ist er tatsächlich. 

Der ÖRR gestikuliert zwar mit allerlei scheinbaren Prüfroutinen herum („Faktencheck“ u.ä.), aber die wirklich nötige Selbstüberprüfung bei den Themen Migration, Corona, Klimazukunft, Gender usw. ist bisher ausgeblieben. Deshalb bedarf es kritischer Öffentlichkeit und skeptischer Reflektion. Ganz gegen die Natur des Menschen, der nur allzu gerne überzeugend vorgetragene Glaubenssätze für bare Münze nimmt. Glaubensideologien hatten es schon immer leichter als Aufklärungsbemühungen. Deshalb: Bleiben Sie skeptisch!

Beitrag teilen …

Der nächste Gang …

Norbert Bolz Blog

Die Möglichkeit eines Krieges

Wolfgang Herles Blog

Na Servus! – Das war der Februar 23

1 Kommentar. Leave new

  • Stefan Wietzke
    28. März 2023 10:45

    “Gemeint ist damit, wie der Einfluss von Minderheiten das Denken und die Handlungen großer Bevölkerungsgruppen erfolgreich dominiert. ”

    Die Masse wird immer von Minderheiten gelenkt. Denn schon konstruktionsbedingt ist die Mehrheit eines Herdentieres weder autonomie- noch freiheitsfähig. Den Rest erledigt das Statusstreben, eine konstitutive Eigenschaft von Herdentieren. Deswegen hat die “Aufklärung” nicht nur nie stattgefunden, sondern ist physisch schlicht unmöglich.

    Jemand anderes hat das im Zusammenhang mit dem Pandemie-Hoax mal schöner ausgedrückt:
    “Der Mensch ist von seiner psychomentalen Verfasstheit her (ich meine die neurobiologisch determinierte) mehrheitlich auf Sicherheit und Strukturrigidität ausgerichtet, nicht auf Freiheit und Autonomie. Linke Ideologie ist letztendlich Ausdruck dieser neurobiologischen Präferenz. Dass sie Reaktion auf die gesellschaftlichen Umstände sei, ist nur Rationalisierung. Die Emanzipation von dieser Verfasstheit ist nur dann möglich, wenn die Emanzipation situativ evolutionäre Vorteile bietet. Dies war in dem menschheitsgeschichtlich vernachlässigbar kurzen Moment der letzten paar Jahrhunderte der Fall und ist nun wieder vorbei. Dies zu erkennen und mittels entsprechender Inszenierung eines drohenden infektiologischen Armageddons zu beschleunigen, ist machtpolitisch zwar nicht wirklich genial, aber wurde handwerklich im großen und ganzen ordentlich vollzogen.”

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Fill out this field
Fill out this field
Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.
You need to agree with the terms to proceed