Korruption beflügelt

Diesen Text gibt es auch als Episode im Wurlitzer, dem Podcast des Sandwirts: Hier.

Fragen Sie sich manchmal, was Ihnen ein Reicher oder eine milliardenschwere Korporation zahlen müsste, damit Sie lebenswichtige eigene Werte und Ansichten über Bord würfen?

Ein amüsantes Beispiel findet sich in der unvergesslichen Fernsehserie „Kir Royal“ von 1986. Heinrich Haffenloher, als Produzent von Klebstoff in einem Provinzkaff zu Millionen gekommen, will sich beim Klatschreporter „Baby“ Schimmerlos einen Auftritt in der Münchener Schickeria und zugleich in dessen vielgelesener Kolumne kaufen. Baby – Franz Xaver Kroetz spielt ihn – weigert sich, denn er mag weder kleine noch große Kungeleien. Seine Chefin aber giert nach dem protzigen Anzeigenkunden, und dann haut Mario Adorf als „Heini“ Haffenloher den störrischen Baby und die Zuschauer mit einem schauspielerischen Coup um. Sein legendärer Satz: “Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld …” – klebt für alle Zeiten, und Baby ist geschmiert und folgsam.

Die Szene ist Kult, weil sie beide Dimensionen der Macht – die materielle und die informelle – gegeneinander stellt. Der Medienmensch handelt mit Ansehen, mit Ruf und Geltungsdrang Prominenter, er ist dadurch selbst prominent und mächtig, allerdings stets knapp bei Kasse. Haffenloher handelt mit schnödem, aber unentbehrlichem Klebstoff, wandelt ihn zu Geld: Ruhm und Aufmerksamkeit sind käuflich.

Auftritt: Die Scham

Den ziemlich zynischen Schimmerlos wandelt bei diesem Deal am Ende die Scham an. Er verlässt die tobende Schickeria-Party, bleibt allein vor der Tür, korrupter Versager vor seinem Gewissen. Aber er bleibt auch sympathisch, genau wie der prollige, ungehobelte Klotz, der drinnen endlich in großem Stil „die Sau rauslassen“ darf: Das können gute Filme.

Ist nicht die Scham unverzichtbar für die Würde? Ringen sie nicht fortwährend miteinander und können ohne einander nicht leben? Haffenloher hat um ein bisschen Teilhabe an der informellen Macht gebettelt, wurde von Baby mehrmals kalt abgewiesen und gedemütigt, er hätte sich dafür rächen können. Auf seine Weise hat er die Würde gewahrt: Er wollte von der vermeintlichen Elite respektiert werden – und dann bringt er sie dazu, mit ihm auf dem Tisch zu tanzen, schamlos, wie sie es gewohnt ist.

Stehen Korruption und Scham in einem besonderen Verhältnis?

Der seit Jahrtausenden wirksame Klebstoff von Machtverhältnissen wirkt offensichtlich nicht nur über materielle Vorteilsnahme und Vorteilsgabe, sondern – heute mehr als je – über informelle, also in der „Aufmerksamkeitsökonomie”. 

Wenn das Gesicht eines Menschen in Gesellschaft, auch nur einem einzelnen gegenüber, schamrot wird, ist das ein auffälliges Signal nonverbaler Kommunikation. Das besondere: Es ist wie der Tränenfluss, physiologisch, spontan, kaum willentlich zu beeinflussen, und es unterscheidet sich physiologisch von der Zornesröte. 

Es sagt: „Ich bin ertappt, entblößt, bitte schone mich!“ (Ausführlicheres zum Thema lesen Sie in Der menschliche Kosmos.)

Wolle mer se abschaffe?

Seit Heini mit Schickimicki im Münchner Nobelschuppen auf dem Tisch tanzte, sind fast 40 Jahre vergangen. „Ich war im Fernsehen“ – damals weit bedeutsamer als „in der Zeitung“ – taugt heute kaum noch als Neuigkeit beim Kaffeeklatsch. „Vox populi“, Frauen oder Männer „von der Straße“ als journalistische Gewährsleute werden vorab nach Gesinnung ausgewählt, so sorgfältig wie Talkshowgäste, Drehbücher und Darsteller beim staatlich geförderten Film – bei den ÖRR zumal. 

Die Medienwelt – also der Schauplatz, auf dem materielle und informelle Macht verschmelzen – hat sich in rasendem Tempo umgewälzt. Ruf und öffentliches Ansehen sind heiß umkämpfte Güter; Wohl und Wehe von Regierungen, Organisationen, ganzen Wirtschaftszweigen hängen an informellen Rankings. Was wird bei all dem Getöse, bei den Schlachten um Aufmerksamkeit und Reichweite eigentlich aus der Scham? 

Gibt es eine Korrelation zur Würde des Einzelnen, dem ersten schützenswerten Gut des Grundgesetzes? Soviel scheint sicher: Wenn das Signal der Schamröte ein Gesicht überfliegt, schützt das weder Frauen noch Männer vorm Übergriff. Die Scham ist ein Wettbewerbsnachteil – vor allem im Kampf um informelle Macht.

„Was mit Medien“ zu machen, ist längst nicht mehr „Profis“ vorbehalten. Milliarden Menschen tummeln sich in zahllosen Kanälen weltweit. Man sollte meinen, dass dies eine großartige Chance zum Kommunizieren sei: Moderne Sprachsoftware, neuerdings von Künstlicher Intelligenz ertüchtigt, überwindet Grenzen selbst da, wo chinesische, arabische, kyrillische, persische, griechische Zeichen jahrhundertelang Barrieren auftürmten, die nur von kundigen und erfahrenen Fachleuten zu meistern waren. 

Stattdessen wurden ganz andere Schranken niedergerissen: Die der Wahrhaftigkeit, der Redlichkeit, des gegenseitigen Respekts, der Intimsphäre, des Anstands und der gesetzlich verbrieften Menschenwürde – und die der Scham.

Die ganz großen Räder

Und wer sich darüber wundert, der muss wohl sehr fern der Realität leben.

Kommunikation jenseits der Konflikte, Kämpfe und Kriege um die Macht hat es niemals gegeben. Auf all diesen Schlachtfeldern ging es um Dominanz – materielle und informelle. Sogar am Stammtisch oder beim Kaffeekränzchen – oder bei einer früheren Form von „Klatsch und Tratsch“, der seinem Namen von den Waschplätzen der Frauen an den Ufern von Flüssen, Seen, Teichen hat, wo nasse Textilien auf Steine prallten und erörtert wurde, wer mit wem … und wer sich zu schämen habe, weil er gegen Sitte und Moral verstieß. Rituale wurden dekliniert und Rollen vergeben.

Das läuft tagtäglich, rund um die Uhr in den „Social Media“ ab, und wie in herkömmlichen Medien entscheidet auch hier die große Zahl mehr als die Qualität über Rangordnungen: Zahl der Klicks und Follower, massenhafte Aufmerksamkeit und Verbreitung in Medien, Reichweite von Accounts. An großen und kleinen Bildschirmen agieren weniger kühle Beobachter als feurige Redner, Schmeichler, Heuchler, Parteisoldaten, Richter – meist ohne juristische Examina –, Ratgeber, Moderatoren, Medienkritiker, Witzbolde, Staatsmänner und -frauen, Lehrer und Oberlehrer, Gartenfreunde, Propheten, Generäle, Fanatiker und Moralisten, Brunnenvergifter, Darsteller mit und ohne Masken … kurz: eine unüberschaubar wogende Menge, in der sich Wellen und Blasen bilden und verschwinden.

Wer entscheidet darüber, was veröffentlicht wird und was unterdrückt, was mit Preisen und Platzierungen hervorgehoben wird oder ignoriert, über Aufstiege in Moderations-Hierarchien, Reichweiten, Boykotte und Blockaden bis hin zum organisierten Rufmord? 

Die Gravitationszentren der Macht – und dass sie immer mehr davon akkumulieren bis zur totalen Deutungshoheit, unangreifbar werden wollen bis zur totalen Kontrolle über Eigensinn und Eigentum – das ist ihr treibender Impuls.

Willkommen im Weltimperium der Korruption.
 

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