Das Zeitalter der Lieblosigkeit und das Ende von Social Media

Vergessen ist die Zeit, in der das Internet einmal Avantgarde war. In der zweiten Hälfte der 2000er wurde es endgültig Massenmedium. Verantwortlich waren dafür auch die „sozialen Netzwerke“. Man hat in der Vergangenheit gerne das Zeitalter des Web 2.0 mit dem Zeitalter von Social-Media-Plattformen gleichgesetzt. Dabei hat man keinen Unterschied gemacht, ob Inhalte auf Webseiten und Blogs, Diskussionsforen oder sozialen Netzwerken vom Schlage Facebooks veröffentlicht wurden. In der Retrospektive sind die Unterschiede jedoch enorm.

Noch bis zur Mitte der 2000er gab es keinen „zentralisierten“ Austausch. Webseiten und Foren gliederten sich nach Themenbereichen. Es dominierten Diskussionsforen, etwa zu Hobbys und DVDs, zu Büchern und Rollenspielen, zu Politik und Humor. Viele dieser Kommunikationsorte verfügten über einen Chat – so man nicht direkt darüber kommunizierte. Diese Spezialisierung führte eher zu kleinen, autonomen Gemeinschaften, die durch gemeinsame Interessen vereint waren. Im Internet, das damals schon den Namen eines globalen Dorfes trug, existierten zahlreiche Dörfer. Kleinere Gemeinschaften tendieren überdies dazu, ihre Mitglieder mehr wertzuschätzen, Inhalte genauer zu beobachten und stärker auf Vorgänge innerhalb der Gemeinde zu reagieren.

Diese autonome Aufteilung führte zugleich zu einem engeren Gemeinschaftsgefühl. Die jeweilige „Community“ sah sich als eingeschworene Gemeinschaft, trotz Interessenkonflikten. Paradoxerweise konnten Menschen sich damals in völliger Anonymität sehr nahe sein. Die verbindende Idee führte zu intensiveren Freundschaften als das, was Facebook später versprechen sollte. Für eine gewisse Tageszeit war es möglich, nicht nach der eigenen Weltanschauung bewertet zu werden, nicht nach Alter oder sozialer Stellung. Das Hüten der eigenen Privatsphäre war ein akzeptierter Vorgang: Es zählte, was man schrieb, nicht das, was man war.

Von der Nische zum Monopol

Die eigentliche Zäsur stellte das Auftreten der heutigen Platzhirsche dar, namentlich Facebook. Die Entwicklung von Social-Media-Plattformen traf auf die Revolution, die das Smartphone mit sich brachte. Das Internet war nun keine Angelegenheit des PCs mehr, der nachts zu unrühmlichen Stunden lief, wenn man sich mit alten Weggefährten über Instant-Messenger austauschte (ICQ lässt grüßen!); das Internet wurde zu einem allgegenwärtigen Lifestyle pausenloser Kommunikation.

Social-Media-Plattformen brachten Papa, Oma und auch die sexy Abiturientin ins Internet, die es vorher nur als ein „Geek“-Medium verortet hätte. Das Internet wurde zum Kommunikations- und Ausstellungsort. Zugleich zentralisierten und monopolisierten Social-Media-Dienste den Austausch. Nischenforen konnten bei einem Anbieter, der eine gewaltige Anzahl von Nutzern bündelte, schlicht nicht mithalten. Nicht mehr das DVD-Diskussionsforum zählte, sondern die DVD-Diskussionsgruppe auf Facebook. Es war die historische Wiederholung des Triumphs des Einkaufszentrums gegen den Einzelhandel. Gegen Ende der 2000er starb die vorherige Kommunikations- und Diskussionskultur aus. Ein Vorgang, der sich in allen Bereichen wiederholt hat: Ob bei Suchmaschinen, Webbrowsern oder prinzipiell bei der Zahl der aufgerufenen Webseiten – immer mehr Nutzer rufen regelmäßig nur dieselben zehn Seiten auf. Das „Surfen“ hat ausgedient.

Die sozialen Netzwerke brachten eine Eigendynamik mit sich, die den vorherigen Diskussionsforen fehlte. Aufgrund der „Vermassung“ und „Demokratisierung“ hin zu einer großen, unüberschaubaren Community entwickelte sich eine Kultur des Übertrumpfens. „Too long, didn’t read“ (tl;dr) ist die prägnanteste Zusammenfassung. War es noch in den 2000ern nicht unüblich, Gespräche über mehrere Absätze und Forenseiten zu führen, so hat sich eine Kultur des Kurzformats entwickelt, deren berühmteste Endform das Format Twitter war, wo zuerst nur 140 Zeichen erlaubt waren. Der unendliche Scroll und das Kurznachrichtensystem haben die Oberhand gewonnen. Der User ist konsequenterweise der sozialmedialen Dauerbeschallung ausgesetzt.

Business people watching a live streaming. Social media concept.

Die Dominanz der Banalität im verlorenen Paradies

Gleichzeitig rollte die Welle banaler Alltagsbeschäftigungen über die Internetwelt – von Katzenbildern bis hin zum letzten Mittagessen. Die erste Generation des Internets versuchte, dem Alltag zu entfliehen und das Exotische zu finden; die neue Generation brachte den Alltag dagegen dorthin, wo bisher das Versprechen des unentdeckten Landes gelockt hatte. Klammert man Angela Merkel aus, die in ihrer Amtszeit das Internet noch immer als „Neuland“ betrachtete, so verpuffte der Zauber des Unbekannten zugunsten des Einbruchs all des Menschlichen, Allzumenschlichen, das man zuvor hinter sich lassen wollte. 

Zu dem Komplex gehört auch, dass – anders als in der themenzentrierten Diskussionskultur – der User nunmehr auch nach seinen anderen Interessen, seinem Äußeren und seiner politischen Einstellung bewertet wurde. Plötzlich war es möglich, in einer Diskussion über die italienische Orgelkultur des 16. Jahrhunderts belangt zu werden, weil man sich politisch unkorrekt über Krötenwanderungstunnels an anderer Stelle geäußert hatte.

Anders als in den heimeligen Subkulturgruppen galt nun das lauteste und schärfste Wort im Wirbelsturm der Internet-Massengesellschaft. Die 2010er sind ein Jahrzehnt des Anti-Intellektualismus. Ob dieser Anti-Intellektualismus Ursache für die toxischen Entwicklungen im Internet war oder der Anti-Intellektualismus auch auf die Social-Media-Kultur zurückgeht, ist nachrangig; ein gewisser Zusammenhang mit der Lust an der Provokation, der Vereinfachung der Sachverhalte, der Abweisung konstruktiv-struktureller Vorschläge, der Daueraufgeregtheit und der Dopaminberauschung angesichts der Reaktionen auf die eigenen „edgy takes“ ist jedoch kaum von der Hand zu weisen. 

Einige Medien haben aus dieser animalisch-triebgesteuerten Melange ein Geschäftsmodell gemacht. Der anti-intellektuelle Populismus hat vor Jahren Fuß in den selbsternannten „Qualitätsmedien“ gefasst, die mit immer provokativeren Überschriften als Aushängeschilder einer extremistischen Ideologie möglichst große Aufmerksamkeit wecken wollen; diese vermeintlichen Bewahrer der „guten Presse“ sind selbst boulevardesk geworden, gekleidet in ein durchsichtiges Kleid offensiv vorgezeigten Pseudo-Intellektualismus.

Anti-Intellektualismus trifft Ego

Aus den alten Gemeinschaften wurden damit Echokammern, in die man im Verdrängungswettbewerb noch lauter rief, um endlich Gehör zu finden. Dieser Prozess hat sich in den letzten 15 Jahren verstärkt. Der „Influencer“ hat die Bühne betreten – in den sozialen wie in den traditionellen Medien. Es geht demnach nicht um die „Schöpfung“ von Inhalten als solchen, mit denen sich der Ersteller identifiziert – im Gegensatz zum Maler, Komponisten oder Schriftsteller –, sondern um maximale Aufmerksamkeit; der transportierte Inhalt hat keine eigene Bedeutung, sondern ist zum bloßen Mittel zum Zweck geworden. Der Content ist egal – Hauptsache, er fällt auf. 

So ist auch zu erklären, dass die verschiedenen Plattformen mittlerweile Anbieter für alles sein wollen: Twitter/X ist nun auch eine Audio- und Video-Plattform, Substack bietet „Notes“ in X-Manier als Kurznachrichten an. Der Homogenisierungs- und Zentralisierungsprozess hält immer noch an.

Wenn aber jeder Content-Creator werden will, dann bleibt die Frage: Wer ist noch Empfänger? Gerade im Bereich des geschriebenen Wortes fällt auf, dass viele Autoren kein Publikum mehr finden, weil jeder Autor sein möchte. Die Egozentrik überschreitet eine entscheidende Linie: Wenn jeder nur noch reden und schreiben will, dann gibt es kaum noch Zuhörer und Leser. 

Das Problem reicht tiefer. Zuhören und Lesen sind ein Ausdruck der Zuneigung und Liebe; nur wer liebt, kann sich auf anderes einlassen. Die Lieblosigkeit, die aus der Abstumpfung der vergangenen zwei Jahrzehnte hervorgegangen ist, hat uns taub für den anderen werden lassen. Das heutige Ego geht so weit, dass Autoren KI-Tools missbrauchen, um nicht einmal mehr ihre Texte selbst zu schreiben; denn auch der Text ist kein Produkt der Liebe, des Opfers, des Wunsches zur Schöpfung, des Ausdrückens der eigenen Gedanken mehr – sondern lediglich Instrument, um noch mehr Aufmerksamkeit für die eigene lieblose Seele zu gewinnen. Auch das ist ein stummer Schrei nach Liebe.

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Zerbricht die Content-Flut der Lieblosigkeit den Kreislauf?

Während der Content in früheren, überschaubaren Communities per se größere Aufmerksamkeit besaß und damit auch auf größere Zuneigung der Mitglieder stieß, gilt der Content heute im Überangebot der sozialen Medien als austauschbar. Auch deswegen ersetzt die KI immer mehr den menschlichen Schweiß: Wenn Inhalte lieblos sind, dann kann man sie gleich durch Maschinenprodukte ersetzen. Lieblosigkeit bedeutet nämlich auch, zu dem, was man selbst schafft, keine Beziehung, keine Leidenschaft zu besitzen. Das gilt für den Autor, der sich abmüht, einen Text zu schreiben, ebenso wie für den Handwerker, der seine Arbeit ordentlich verrichtet. Es gibt lieblose Texte und lieblose Möbel. Beides braucht die Welt nicht. Sie finden auch keinen Abnehmer.

Hier liegen Apokalypse wie Rettung. Denn mit jedem Tag nehmen die Accounts zu, die ganz offensichtlich nur noch KI-Content ausspucken. Ein CDU-Ministerpräsident, ein jesuitischer Priester, ein ehemaliger Tagesspiegel-Chefredakteur – sie alle wurden dabei ertappt. Damit stellt sich nicht nur in Social Media die Frage: Interagiert man mit einem Menschen oder einem Bot? Ist der Text ein menschliches Produkt? Das Video? Diese Influencerin? Noch geht die menschliche Natur so weit, dass sie sich angewidert fühlt, auf eine KI „hereingefallen“ zu sein.

Zugleich ist dies das Menetekel von Social Media: Wenn immer mehr Menschen spüren, nur noch von Robotern umgeben zu sein, dann hat Interaktion keinen Sinn mehr. Seit Monaten berichten mehrere Plattformen – namentlich Instagram – darüber, dass die Interaktionen von Nutzern drastisch zurückgehen. Der Markt, so scheint es, ist an Inhalten saturiert. Ein entscheidender Grund ist auch die Vermüllung mit KI-Inhalten. Die User suchen das Weite. 

Vielleicht bedeutet das auch eine Rückkehr dazu, sich wieder mehr dem Originellen statt der Kopie zuzuwenden – wie sie die KI in immer neuem Aufguss herstellt. Dabei ist dies nichts mehr als die Endstufe der Lieblosigkeit. Vielleicht findet man die Liebe in kleinen, überschaubaren Gemeinschaften wieder – so, wie das Internet einst begonnen hat.

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