Auf dem Plattenspieler: Men at Work
Künstler: Men at Work
Song: Down Under – veröffentlicht auf dem Album „Business as Usual“, Columbia Records 1981
„When you sang in that song ‘do you come from a land down under?’ you should have said: ‘not originally’“
So scherzt der schottische Fernsehmoderator und Komiker Craig Ferguson, als Colin Hay, Frontsänger der australischen Rockband Men at Work, in seiner „Late Late Show“ zu Gast ist. Zu diesem Zeitpunkt ist der größte Hit der Band, auf den er anspielt, bereits 30 Jahre alt. Und was diesen Witz so treffend macht, ist sein wahrer Kern – der heute kaum noch bekannt ist.
Denn obwohl „Down Under“ nach seiner Veröffentlichung im Jahr 1981 weltweit zum kulturellen Aushängeschild Australiens wurde und lange kaum eine Band so sehr für das Land stand wie die Men at Work, stammt Colin Hay tatsächlich ursprünglich aus Schottland. Erst mit 14 Jahren wanderte seine Familie mit ihm in das Land der roten Erde aus.
So ein Unterschied zwischen Image und Realität ist bei weitem kein Einzelfall in der Musikgeschichte: Künstler werden häufig zu Symbolfiguren stilisiert, die nur bedingt mit ihrer tatsächlichen Persönlichkeit und Biografie übereinstimmen.
2Pac beispielsweise, die Gangster-Rap-Ikone schlechthin, tanzte in jungen Jahren Ballett und galt im privaten Umfeld als sensibel. Freddie Mercury wirkte auf der Bühne exzentrisch, wurde im persönlichen Umfeld aber als eher zurückhaltend beschrieben. Oder Ozzy Osbourne: Er wurde als düsterer, fast unheimlicher Vertreter des Heavy Metal wahrgenommen, war abseits der Bühne aber humorvoll und stark familienbezogen.
Men at Work stehen mit ihrer australischen Identitätszuschreibung somit in einer langen Tradition musikalischer Projektionen, die mehr über die Erwartungen des Publikums als über reale Hintergründe aussagen.
Genau mit solchen Fremdzuschreibungen spielt ironischerweise „Down Under“ auch selbst. Der Songtext handelt von einem Reisenden, der rund um den Globus unterwegs ist und dabei immer wieder auf Landsleute trifft. Diese Begegnungen sind geprägt von einem augenzwinkernden Nationalgefühl, von gemeinsamen Codes, dem australischen Slang und einer gewissen Selbstironie, also genau jenem Bild, das gemeinhin mit dem „typischen Australier“ verbunden wird.
Doch der leichte Ton, der die Nummer zu diesem eingängigen und langlebigen Welthit machte, täuscht. Hinter der fröhlichen Oberfläche verbirgt sich eine spannende Geschichte, eine gesellschaftskritische Bedeutung – und vor allem ein tragisches Schicksal. Es lohnt sich also, genauer hinzusehen …
Die Ursprünge des Songs gehen in das Jahr 1978 zurück, als sich die Band gerade erst formierte. „Down Under“ gehörte überraschenderweise zu den ersten Aufnahmen der Gruppe, allerdings noch in einer deutlich roheren Version. Diese frühe Fassung war langsamer, stärker Reggae-geprägt und insgesamt noch wenig ausgearbeitet. Sie klang genau nach dem, was sie war: einer der ersten Tracks einer neuen, unbekannten Band.
Veröffentlicht wurde diese Fassung im Jahr 1980 als B-Seite der Single „Keypunch Operator“, die die Gruppe unabhängig herausgebracht hat, und fand zunächst kaum Beachtung.

Bei den zahlreichen Live-Auftritten in der Folgezeit entwickelte sich der Track jedoch zunehmend zum Publikumsliebling: Das Potenzial war deutlich spürbar. Mit wachsender Bekanntheit, die schließlich auch zum Plattenvertrag bei Columbia Records führte, entschieden sich die Musiker daher, das Stück für ihr kommerzielles Debütalbum noch einmal grundlegend zu überarbeiten.
Dabei wurden Tempo und Struktur angepasst: Der Song rückte stilistisch näher an den aufkommenden New-Wave-Sound heran, der Text wurde teils umgeschrieben, der Gesang stärker in den Vordergrund gerückt und vor allem wurden die charakteristischen Elemente ausgearbeitet. Die markante Flötenmelodie von Greg Ham etwa, die „Down Under“ seinen hohen Wiedererkennungswert verleiht, kam erst in dieser Version deutlich zur Geltung.
Unverändert blieb jedoch ein Aspekt des Songtexts, der zunächst leicht übersehen wird, den Colin Hay später in Interviews aber umso deutlicher betonte: die subtile Gesellschaftskritik, die „Down Under“ jenseits der humorvollen Erzählung transportiert. Im Refrain wird diese Ebene klar:
Can’t you hear, can’t you hear the thunder?
You better run, you better take cover
Um diese Anspielungen zu verstehen, lohnt ein Blick auf die frühen 1980er-Jahre in Australien: Massive Umweltzerstörung durch weitreichende Abholzung, die zunehmende Bebauung der Küsten sowie allgemein eine intensive Ausbeutung natürlicher Ressourcen prägten das Land. Gleichzeitig blieb der gesellschaftliche Umgang mit der indigenen Bevölkerung weiterhin hoch problematisch und wurde nur unzureichend reflektiert.
Der „Donner“, von dem hier die Rede ist, fungiert als Metapher für die drohenden Konsequenzen dieser Umstände.
Die eigentliche Botschaft von „Down Under“ bleibt somit weitgehend verborgen und wurde wie gesagt eher außerhalb des Liedes explizit thematisiert. Gerade darin liegt jedoch eine gewisse Ironie: Indem die Kritik nicht offensichtlich formuliert war, erreichte sie vermutlich ein deutlich größeres Publikum, als es mit direkter, unverhüllter Kritik möglich gewesen wäre.
Was der Track für ein riesiges Publikum erreichte, zeigt sein kommerzieller Erfolg: 1981, in der neuen Version, als erste Single ihres Debütalbums „Business as Usual“ erschienen, wurde „Down Under“ zu ihrem Durchbruch. Bereits in Australien stieg der Track an die Spitze der Charts und trug maßgeblich zur starken Nachfrage des Album bei.
Seine volle Wirkung entfaltete das Lied jedoch erst mit der internationalen Veröffentlichung im darauffolgenden Jahr: Sowohl in den USA als auch in Kanada erreichte „Down Under“ ebenfalls Platz eins. In Europa konnte dieser Meilenstein zwar nicht erneut erreicht werden, dennoch fand das Lied auch hier großen Anklang.
Innerhalb kurzer Zeit avancierte der Song zu einem globalen Phänomen – und, wie eingangs erwähnt, zu einer Art musikalischem Repräsentanten Australiens.
Diese Rolle wurde glücklicherweise noch verstärkt durch ein Ereignis, das zunächst nichts mit der Band zu tun hatte: den Sieg Australiens beim „America’s Cup“ im Jahr 1983. Nachdem der traditionsreiche Segelwettbewerb über ein Jahrhundert lang (!) von den USA dominiert worden war, gelang es erstmals einem australischen Team, die Siegestrophäe zu gewinnen. Im Zuge der Feierlichkeiten wurde „Down Under“ zur inoffiziellen Hymne dieses historischen Moments.
Jahrzehnte nach der Veröffentlichung geriet der Welthit erneut in den Fokus der Öffentlichkeit, diesmal jedoch aus weniger erfreulichen Gründen für die Band. Im Jahr 2009 wurde Men at Work nämlich vorgeworfen, sich für die bekannte Flötenmelodie eines alten australischen Kinderliedes bedient zu haben, „Kookaburra Sits in the Old Gum Tree“. Daraus resultierte ein Rechtsstreit, der sich zu einem vielbeachteten Fall im Bereich des Urheberrechts entwickelte.
Die Ähnlichkeit zum Original ist meiner Meinung nach vernichtend gering. Diese Meinung teilten auch die meisten ihrer Fans und die Band selbst. Das Gericht aber kam nach etlichen Verhandlungstagen letztlich zu dem Schluss, dass eine teilweise Übereinstimmung vorliege und sprach den Rechteinhabern des ursprünglichen Stücks einen Anteil an den Einnahmen zu.
Und auch, wenn der zugesprochene Schadensersatz deutlich unter dem Betrag lag, den die Rechteinhaber von „Kookaburra Sits in the Old Gum Tree“ ursprünglich gefordert hatten, hatte das Urteil weitreichende Folgen.
Besonders stark traf die Entscheidung Greg Ham: Als Urheber der Flötenmelodie in „Down Under“ sah er sich plötzlich dem Vorwurf ausgesetzt, ein zentrales Element des größten Erfolgs seiner Band nicht vollständig eigenständig geschaffen zu haben. Diese Situation belastete ihn erheblich: sie führte zu einem zunehmenden Rückzug aus der Öffentlichkeit und wird rückblickend häufig mit einer extremen Verschlechterung seiner psychischen Verfassung in Verbindung gebracht.
Im Jahr 2012 wurde Greg Ham schließlich im Alter von 58 Jahren tot in seinem Haus in Melbourne aufgefunden. Laut Polizeiberichten fanden ihn zwei Freunde, nachdem sie längere Zeit keinen Kontakt mehr zu ihm hatten. Die genauen Umstände seines Todes wurden nie abschließend geklärt, doch im Umfeld der Band hält sich bis heute die Einschätzung, dass die Ereignisse rund um den Rechtsstreit eine wesentliche Rolle gespielt haben.
So bleibt „Down Under“ weit mehr als nur ein Gute-Laune-Song mit Ohrwurmcharakter: Es ist ein Werk, das Fragen nach Identität, Wahrnehmung und gesellschaftlicher Verantwortung aufwirft – und zugleich zeigt, wie schmal der Grat zwischen künstlerischem Erfolg und persönlicher Tragödie sein kann.
Und vielleicht ist es auch genau diese Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe, aus Ironie und Ernst, die den Song bis heute relevant hält, und ihn zu einem Stück Musikgeschichte macht, das man nicht nur hören, sondern auch verstehen sollte.
Hören Sie hier die erste rohe Version von Men at Works „Down Under“.



