Macht und Magie der Mikrostaaten
Das kürzeste Buchkapitel, das jemals geschrieben wurde, stammt von dem österreichischen Nationalökonomen Leopold Kohr. Kapitel 11 seines Buches „Das Ende der Großen“ besteht nur aus einem Wort: „Nein“. Er ging in diesem Teil seines Buches der Frage nach, ob sein Plädoyer für die Abkehr von Größe und der Rückkehr zu überschaubaren Dimensionen, zum „menschlichen Maß“, wie er es nannte, jemals eine Chance auf Umsetzung habe. Sein auf ein Wort verdichtetes Verdikt klingt ebenso definitiv wie fatalistisch.
Aber vielleicht erleben wir derzeit eine allmähliche Abkehr vom Gigantismus und eine Renaissance der kleinen Einheiten. Vielleicht entdecken wir wieder die Faszination überschaubarer Lebensräume, zum Beispiel, wenn wir die Prosperität der Mikrostaaten mit der schwerfälligen Bürokratie und der Wirtschaftsschwäche der EU vergleichen.
Doch scheint es bis heute zur Signatur unseres Zeitalters zu gehören, nach politischer und ökonomischer Größe zu streben. Nach regionalen, internationalen und supranationalen Zusammenschlüssen. Nicht small, sondern big scheint beautiful zu sein. Die EU ist zwar noch kein Bundesstaat, aber nach dem Willen ihrer Protagonisten auf dem Weg dorthin und weist schon heute bundesstaatliche Elemente auf.
Und die EU wächst immer weiter. Seit dem Jahr 2000 traten 13 Mitgliedstaaten der EU bei; aktuell stehen weitere 10 Beitrittskandidaten auf der „Warteliste“ – von Albanien bis zur Ukraine. Hinzu kommen unter anderem weltweit mehr oder minder fragile Staatenbündnisse, wie etwa die BRICS+-Länder.
Grenzen zwischen Mikro- und Kleinstaaten
Leopold Kohr, der schon recht früh den Zusammenbruch der Sowjetunion voraussagte, war hingegen ein Anhänger kleiner Staaten, die aus seiner Sicht effizienter und friedlicher sind als große.
Um zu konstatieren, dass er damit durchaus richtig lag, muss man sich nur die imponierende Leistungsbilanz vor allem der europäischen Kleinstaaten vor Augen führen. Freilich gilt es zunächst, die sogenannten Mikrostaaten von den Kleinstaaten zu separieren, was im Einzelfall gar nicht so einfach ist. Der Pyrenäenstaat Andorra zum Beispiel gilt als Mikrostaat, obgleich er deutlich größer ist als die Mittelmeerrepublik Malta, die oft schon als Kleinstaat bezeichnet wird. Dennoch wird der Archipel zwischen Italien und Afrika wegen seiner geringen Größe (316 Quadratkilometer) in der Regel in der Reihe der Mikrostaaten aufgeführt.
Eine weitere Abgrenzung zwischen Mikrostaaten und Kleinstaaten ist die Frage, inwieweit diese in einem symbiotischen Verhältnis zu ihren Nachbarstaaten stehen. Im Fall von Liechtenstein (Schweiz), Andorra (Frankreich und Spanien), Monaco (Frankreich) und San Marino (Italien) ist das zweifellos der Fall.

Modernes Fürstentum
Nimmt man die europäischen Mikrostaaten unter die Lupe, so fällt eines sofort auf: Sie alle glänzen mit einer prosperierenden Wirtschaft und einem Wachstum, von dem die größeren Nachbarn vielfach nur träumen können. Ein Paradebeispiel hierfür ist das Fürstentum Liechtenstein.
Zwischen der Schweiz und dem österreichischen Bundesland Vorarlberg gelegen, erschien der Zwergstaat vielen oberflächlichen Beobachtern von außen lange Zeit nur als Refugium für mehr oder minder krumme Finanzgeschäfte. Dass indessen die Industrie des Landes den größten Teil zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt, versetzt manchen immer wieder in Erstaunen; ebenso die Tatsache, dass Hilti als Weltmarktführer in der Befestigungstechnik sein Headquarter in Liechtenstein hat. Und die Zeiten, als in Vaduz krumme Finanzgeschäfte abgewickelt wurden, sind ebenfalls lange vorbei. Heute profitiert das Fürstentum von der Reputation seiner Finanzdienstleister, deren Know-how nicht zuletzt von reichen Familien und Stiftungen weltweit gefragt ist. Der Zwergstaat Liechtenstein gilt als eines der reichsten Länder der Welt.
Auch in anderer Hinsicht hat sich einiges getan im Fürstentum. Kaum zu glauben, aber wahr: Bis 1984 gab es in Liechtenstein kein Frauenwahlrecht. Heute aber steht mit der Juristin Brigitte Haas erstmals eine Frau an der Regierungsspitze des kleinen Landes. Ihre Stellvertreterin ist Außenministerin Sabine Monauni.
Monaco: Luxus und Glamour
Zweites Beispiel: Monaco, der nach dem Vatikan zweitkleinste Mikrostaat in Europa, wo Luxus und Glamour zuhause sind. Das spiegelt sich natürlich auch in der Wirtschaftsstruktur wider. Der tertiäre Sektor der Ökonomie des Liliputstaates wird durch Tourismus und Luxus dominiert. Eine führende Rolle spielt dabei das weltbekannte Casino de Monte-Carlo, für das die Spielbank in Bad Homburg Pate stand. Wichtige Einnahmequellen sind überdies Events wie der Formel-Eins-Grand-Prix sowie Schifffahrt und Yachting.
Zum Dienstleistungssektor zählen, wie in den meisten Mikrostaaten, Finanzdienstleister wie Banken, Vermögensverwalter und Investmentfonds, die von niedrigen Steuern und politischer Stabilität begünstigt werden. Anzumerken ist darüber hinaus, dass sich gerade die Luxusgüterbranche in den vergangenen Jahren als bemerkenswert resilient erwiesen hat.
Trotzdem trägt auch der Bereich Industrie- und Produktion mit deutlich über zehn Prozent zum BIP Monacos bei. Dazu gehört zum Beispiel der Kosmetik-Hersteller Asepta, dessen Geschichte übrigens eng mit dem Casino de Monte-Carlo verbunden ist. Demnach wandten sich Ende der 1930er Jahre Croupiers des Casinos an einen monegassischen Apotheker. Sie fragten nach einer Creme gegen schmerzende Füße, ausgelöst durch stundenlanges Stehen in den Spielsälen. Henri Mas und sein Schulfreund Paul Lacroix sahen darin eine interessante Geschäftsidee. Freilich erwies sich der monegassische Markt als viel zu klein für einen nachhaltigen Erfolg. Erst nach und nach konnten die Unternehmer an der französischen Cote d’Azur und später auch in Paris Apotheken überzeugen, die neue schmerzstillende Salbe auf der Basis von Schafgarbe ins Sortiment zu nehmen. Anfang der 1950er Jahre entwickelte die Laboratoires Asepta, wie sie mittlerweile hießen, ein Handpflegemittel, später kam noch ein Produkt zur Gesichtspflege hinzu. Heute gilt das Unternehmen im Bereich Fuß- und Nagelpflege als Marktführer in französischen Apotheken.
Tatsächlich gehört auch der Zwergstaat zu den reichsten Ländern der Erde. Bisweilen bezeichnet man Monaco als Europas Dubai. Mit einem nominellen BIP von rund 256.600 US-Dollar pro Kopf liegt es um etwa 360 Prozent höher als der vergleichbare Wert Deutschlands. Allerdings wohnen in Monaco auf kleinstem Staatsgebiet weit überdurchschnittlich viele Multimillionäre. Die Immobilienpreise sind zudem extrem hoch, was die Statistik zusätzlich verzerrt. Aussagekräftiger ist das kaufkraftbereinigte BIP. Aber auch in dieser Hinsicht liegt das BIP pro Kopf Monacos schätzungsweise dreimal höher als das deutsche.
Unterschätztes San Marino
Das winzige San Marino (gerade einmal 61 Quadratkilometer groß), wartet mit einem Superlativ auf. Es gilt als die älteste Republik Europas. Zwar kann San Marino in puncto Wohlstand nicht mit den Mikrostaaten Liechtenstein und Monaco mithalten, aber auch dieser „Zwerg“ weist eine prosperierende und gut diversifizierte Wirtschaftsstruktur auf.
An erster Stelle stehen der Tourismus und der damit verbundene Einzelhandel. Früher war der Finanzsektor wegen des Bankgeheimnisses sehr wichtig. Seit die dortigen Banken aber – ähnlich wie in Liechtenstein oder Andorra – strenger reguliert werden, spielt diese Branche zwar weiterhin eine wichtige, aber keine dominierende Rolle mehr. Die Industrie des Landes produziert unter anderem Baustoffe. Möbel, Textilien und Elektronik-Komponenten. Insgesamt übertrifft das BIP pro Kopf des kleinen Landes das des Nachbarlandes Italien. Was den Wohlstand anbelangt, so ist San Marino mit den reichen Regionen im Norden Italiens vergleichbar.
Einkaufsparadies Andorra
Mit 468 Quadratkilometern Fläche und rund 78000 Einwohnern ist der Pyrenäenstaat Andorra der größte unter den europäischen Mikrostaaten. Wegen seines wasserdichten Bankgeheimnisses und seiner diskreten Banken galt der „Zwerg“ in den Bergen früher als Steuerparadies. Auf Druck der OECD, der USA und der EU musste das Land Anfang der 2010er Jahre dieses Bankgeheimnis Stück für Stück aufweichen. Die Nachbarstaaten Frankreich und Spanien, vor allem aber die EU, hatten dabei ein höchst effizientes Druckmittel in den Händen: den Euro.
Als die europäische Gemeinschaftswährung eingeführt wurde, folgten die Mikrostaaten San Marino, Monaco und der Vatikan schnell nach (Liechtenstein nicht, denn dort gilt bekanntlich der Schweizer Franken). Auch Andorra wollte ursprünglich schon ab 1. Januar 2009 eigene Euromünzen prägen. Doch weil die Regierung in Andorra la Vella noch nicht alle Geldwäsche-Richtlinien der EU umgesetzt hatte, verzögerte sich die lange ersehnte Währungsvereinbarung um mehrere Jahre. Erst Anfang Dezember 2013 begann die Prägung andorranischer Euromünzen. Seither ist der Stellenwert der Finanzwirtschaft in diesem Mikrostaat längst nicht mehr so groß wie noch vor 20 Jahren. Zuvor hatte Andorra nämlich Abkommen zum automatischen Informationsaustausch gegen Geldwäsche und Steuerflucht unterschrieben. Von einem „Steuerparadies“ kann nun keine Rede mehr sein.
Wegen der Topographie Andorras ist auch die Ansiedlung von größeren Industrie- oder Agrarbetrieben schwierig bis unmöglich. Deshalb basiert die Wirtschaft des Landes vor allem auf dem starken (Einkaufs-)Tourismus und den Skigebieten im Winter sowie dem günstigen Einzelhandel. Gefragt sind vor allem Elektronik, Parfüm, Alkohol und Luxusware. Der mittlerweile stark regulierte Finanzsektor konzentriert sich auf Vermögensverwaltung und internationale Dienstleistungen.
Auch wenn die Wirtschaft des Staates wenig diversifiziert ist, so gelten die Andorraner doch als wohlhabend. Das BIP pro Kopf ist im internationalen Vergleich recht hoch und die Steuerlast eher gering. So bleibt viel Netto vom Brutto.
Malta: Tourismus und Industrie
Wer mit dem Flugzeug im südlichen Mittelmeer unterwegs ist und den Archipel Malta überquert, ist fasziniert von diesem Anblick aus der Vogelperspektive. Wie verlorene Träume liegen sie da – im türkisblauen Mittelmeer: die Hauptinsel Malta, das zweitgrößte Eiland Gozo – und die kleine Insel Comino ziemlich genau dazwischen. Die sechs unbewohnten Inseln sind aus der Höhe mit dem bloßen Auge kaum auszumachen. Mit jährlich über vier Millionen Besuchern ist der Kleinstaat einer der tourismusintensivsten Staaten in Europa.
Der Tourismus gehört denn auch zu den wichtigsten wirtschaftlichen Pfeilern des kleinsten EU-Staates, der auf der Landkarte wie ein Flugzeugträger zwischen Italien und Afrika erscheint. Obwohl auch Malta schon lange nicht mehr als klassisches Offshore-Zentrum und eine der ersten Adressen für diskrete Anleger gilt, spielt die Finanzindustrie doch nach wie vor eine wichtige Rolle in der Wirtschaft der Inselrepublik. Zahlreiche Banken, Versicherungen, FinTechs und Investmentfonds haben dort ihren Sitz. Die EU-Mitgliedschaft kommt dem kleinen Staat in diesem Zusammenhang ebenso zugute wie das englischsprachige Umfeld.
Immerhin war Malta bis 1964 eine englische Kolonie und ist dem Vereinigten Königreich bis heute eng verbunden, obgleich man bisweilen den Eindruck gewinnen kann, dass die freundschaftlichen Beziehungen zu Italien – Sizilien ist nur 90 Kilometer entfernt – ausgeprägter sind. Die Malteser sprechen Maltesisch, eine Sprache mit arabischen und italienischen Einflüssen, und natürlich Englisch als Hauptsprache.
Filmindustrie schätzt die Insel
Malta gilt darüber hinaus als eines der führenden Zentren für Online-Gaming, überdies spielt die verarbeitende Industrie eine nicht zu unterschätzende Rolle (Elektronik, Medizintechnik, Leichtindustrie, Luftfahrtteile usw.) sowie die maritime Wirtschaft (Schiffsregistrierungen, Wartung, Reparatur, Yachtservice usw.).
Kaum bekannt: Die internationale Filmindustrie schätzt Malta wegen seiner historischen Kulissen als Drehort. In der Inselhauptstadt Valletta wurden zum Beispiel einzelne Szenen für den „Da Vinci Code“ gedreht, ferner für den Film „Popeye“ und mehrere Szenen für die erste Staffel von Game of Thrones. Zwischen 2018 und 2025 steuerte die Filmindustrie rund 1,2 Milliarden Euro zum maltesischen BIP bei. Im Jahr 2025 hat die maltesische Nationalbank aus Anlass von 100 Jahren Filmproduktion auf der Insel eine Münze in höchster Prägequalität sowohl in Silber als auch in Gold emittiert.
Dank ihrer breiten Diversifizierung ist die maltesische Wirtschaft heute recht robust. Sie wächst mit etwa vier Prozent pro Jahr; davon können andere EU-Staaten nur träumen. Das BIP pro Kopf und Jahr liegt bei fast 60.000 Euro und damit über dem EU-Durchschnitt. Nach Ansicht von Bernice Buttigieg, Chefstrategin von FinanceMalta, dürfte das auch in den nächsten vier Jahren so bleiben.
Eine weitere Besonderheit: Als einziger Mikrostaat verfügt Malta über einen eigenen internationalen Flughafen bei Luqa in der Nähe von Valletta. Auch der Kleinstaat Luxemburg hat bekanntlich einen eigenen Flughafen, doch ist das Großherzogtum mit einer Fläche von rund 2600 Quadratkilometern deutlich größer als Malta mit 316 Quadratkilometern.
Die Stärke der Kleinen
Was macht die meisten europäischen Mikrostaaten so erfolgreich? Zum einen der ökonomische Mix. Abgesehen von Andorra sind die europäischen Mikrostaaten ökonomisch breit aufgestellt. Das Spektrum reicht von hochspezialisierter Industrie über internationales Finanz-Know-how und Tourismus bis hin zu High-End-Luxusangeboten und maritimen Dienstleistungen.
Bemerkenswert: Im internationalen Vergleich weisen all diese Mikrostaaten eine sehr geringe oder gar keine Staatsverschuldung auf. Liechtenstein und Monaco haben faktisch gar keine Staatsschulden. In Andorra liegen sie mit 45 Prozent des BIP deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 82 Prozent. Und selbst San Marino, der am höchsten verschuldete Mikrostaat, bleibt mit 60 bis 65 Prozent des BIP deutlich hinter den EU-Schuldenbergen zurück. Geringe Staatsschulden bedeuten auch, dass die Bürger der Mikrostaaten von sehr niedrigen Steuern profitieren und nicht von Finanzämtern geschröpft werden, wie dies in den großen Nachbarländern der Fall ist.
Hinzu kommt, dass die Kleinstaaten schon aufgrund ihrer Übersichtlichkeit mit wenig Bürokratie auskommen und schnell auf neue Trends reagieren und diese umsetzen können.
Kurzum, die europäischen Ministaaten weisen all jene Vorteile auf, die man sich für Staaten wie Deutschland wünschen würde: weniger Bürokratie, geringere, leistungsmotivierende Steuern, innovative unternehmerische Anreize und ein Umfeld, in dem es sich zu leben lohnt.
Vielleicht brauchen wir dazu genau das, was der ehemalige österreichische Bundespräsident Rudolf Kirchschläger einmal als „Mut zur Kleinheit“ bezeichnete. Leopold Kohr würde dies sicher freuen.



