„Ein Gespenst geht um …“ 

Tagesgericht: Heute vor 208 Jahren wird Karl Marx geboren

„Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“, ich hatte in der Oberstufe einen Klassenkameraden, der die Angewohnheit hatte, diese ersten Worte des „Kommunistischen Manifests“ zu rezitieren, wenn er sich über andere in der Schule lustig machte, vor allem weil sie die falsche Kleidung trugen.  

Ich mochte ihn nicht leiden. Dass er ein Snob war, der nur teure Markenkleidung trug, okay, geschenkt. Auch seinen BMW M3, den ihm Papi geschenkt hatte, neidete ich ihm nicht. Also nur ein wenig. Der war schon schick. Aber er war auf eine Weise arrogant, die andere Menschen niederdrückte. Er hielt sich von Haus aus für etwas Besseres. Und selbst über seine Eltern zog er öfter her. Er war ein kalter Mensch, der es einfach mit anderen Menschen nicht gut meinte.

Er war ein Mensch, der mich mit seinem ganzen überheblichen, unangenehm geld- und statusbasierten Habitus durchaus Sympathien für das Gespenst entwickeln ließ, das der vor 208 Jahren geborene Karl Marx und sein kongenialer Mitautor Friedrich Engels heraufbeschworen.

Karl Marx 

Karl Marx wurde am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Er war das dritte von neun Kindern einer jüdischen Familie, die zum Protestantismus konvertierte, um den Restriktionen des preußischen Staates zu entgehen (wie dann auch sein entfernter Verwandter Heinrich Heine).

Er studierte zunächst Jura in Bonn, wechselte dann nach Berlin, wo er unter dem Einfluss der Junghegelianer in die Philosophie glitt. Ein akademischer Karriereweg schien vorgezeichnet. Doch die preußische Reaktion sperrte ihm die Universitätslaufbahn. 

1842 wurde Marx Redakteur der „Rheinischen Zeitung“ in Köln. Nachdem er die Chefredaktion übernommen hatte, stand die Zeitung bald für radikale, revolutionäre demokratische Ideen und wurde zu einem der wichtigsten Sprachrohre der demokratischen Bewegung in Deutschland. 

Zum 31. März 1843 wurde die Zeitung durch die staatlichen Behörden verboten. Kurz darauf heiratete Marx Jenny von Westphalen und das Paar zog nach Paris. 

In Paris entwickelte Marx sein „ökonomisch-philosophisches“ Denken. Gleichzeitig arbeitete er politisch, setzte sich für Demokratie und Arbeiterrechte ein. Dort lernte er auch Friedrich Engels kennen, einen Fabrikantensohn aus Barmen, der zum engsten Freund, Mitdenker und lebenslangen Unterstützer wurde. Gemeinsam verfassten sie 1848 das „Manifest der Kommunistischen Partei“, einen Text, der die Geschichte verändern sollte. „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ – dieser Aufruf wurde zur Parole einer weltweiten Bewegung.

Kurz nach Veröffentlichung des Kommunistischen Manifests löste die französische Februarrevolution 1848 in ganz Europa politische Erschütterungen aus. Doch die Revolutionen von 1848/49 scheiterten, und Marx musste ins Exil nach London fliehen.

Marx lebte in London größtenteils in Armut, von Schulden gejagt, von Krankheit geplagt. Drei seiner Kinder starben im Kindesalter. Die Familie wohnte jahrelang in einer beengten Wohnung in Soho.

In London entstanden Marx’ ökonomische Hauptwerke, u. a. 1959 „Zur Kritik der politischen Ökonomie“. 1864 beteiligte er sich federführend an der Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation (kurz „Erste Internationale“). 1867 erschien der erste Band seines Hauptwerks „Das Kapital“. Die Veröffentlichung der weiteren Bände wird er nicht mehr erleben.

Trotz Armut und Krankheit arbeitete er unermüdlich an seiner Theorie, unterstützt von Engels und seiner Frau Jenny. Jenny Marx starb am 2. Dezember 1881. Karl Marx folgte ihr am 14. März 1883 im Alter von 64 Jahren nach.

Die beiden folgenden Bände des „Kapitals“ wurden posthum von Friedrich Engels 1885 und 1894 herausgegeben.

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Verehrt oder verdammt

Marx‘ Werk ist bis heute umstritten – verehrt von den einen, verdammt von den anderen. Aber kein Denker des 19. Jahrhunderts hat das 20. Jahrhundert politisch stärker geprägt. Revolutionen in Russland, China, Kuba, Vietnam – sie alle beriefen sich auf sein Werk. 

Insofern war Marx seinem eigenen Anspruch an die Philosophie gerecht geworden: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“

Was bis heute ebenfalls fortwirkt, sind seine Begrifflichkeiten. Zum Beispiel der Begriff der Ideologie oder das Begriffspaar „Basis und Überbau“. Oder der Begriff der Entfremdung: Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit und den von ihm hergestellten Produkten, die nicht ihm gehören. Der Entfremdung von sich selbst, von seinen Mitmenschen, von dem, was es bedeuten könnte, frei und wirklich als Mensch in Gesellschaft zu sein.

Laut Friedrich Engels sagte Marx von sich, dass er „kein Marxist“ sei. Marx wolle sich damit von der dogmatischen und vereinfachenden Interpretation seiner Theorien abgrenzen, so Engels. 

Demnach sah Marx sein Denken als offene, materialistische Methode zur Analyse des Kapitalismus an, nicht als geschlossenes, religiös anmutendes Glaubenssystem: Ihm ginge es um die Freiheit der Menschen, die Meinungsfreiheit, um den Kampf gegen Entfremdung und Ausbeutung, um ein Denken, dass sich vehement dagegen wehrt, dass Menschen zu Material degradiert werden, zu einem bloßen Produktionsmittel, einem Rädchen im Getriebe der herrschenden Umstände. 

Was dann wohl ziemlich in die Hose gegangen ist.

Das Gespenst des Kommunismus

Was ich davon halte? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Da liegt eine Menge historischer Müll über seinen Texten und seiner Person. Das „Gespenst des Kommunismus“, das die kapitalistischen Ausbeuter schrecken sollte, hat zu einer Menge ausbeuterischen Schreckens geführt. 

Allerdings denke ich, dass ein Satz wie „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“, mit dem Marx Hegel auf die Füße stellte, wie es heißt, einiges für sich hat. Nicht Ideen formen die Realität, sondern die soziale Realität formt die Ideen. Es sind die materiellen Lebensbedingungen, wie Arbeit, Ökonomie und soziale Verhältnisse, die unser Denken, unsere Kultur und die Ideologie der Menschen prägen. Wie wahr dieser Satz ist, hat mir jeder Abend hinter der Theke in der Gastro gezeigt, wenn das Sein des Alkohols das Bewusstsein der Trinkenden geprägt hat. 

Und, um auf meinen Klassenkameraden zurückzukommen: Was er alles an Sein mitbekommen hatte, materiell und habituell, das schien ganz entschieden sein Bewusstsein zu prägen, etwas Besseres zu sein.

Auf der anderen Seite benimmt sich nicht jeder Betrunkene gleich. Ich kenne auch Menschen, die durchaus wohlhabend sind, die sich aber nicht für die Krone der Schöpfung halten. 

Das Bewusstsein scheint mir also doch eine gewisse Rolle zu spielen. Und meine romantische Ader, die dem menschlichen Schöpfergeist einiges zutrauen möchte, zum Beispiel die blauen Blumen zu finden und so, wünscht sich schon, dass das Bewusstsein am längeren Hebel der Geschichte sitzt. 

Natürlich nicht irgendein Bewusstsein, sondern eines, das auf solche Ideen wie Freiheit und Respekt steht, eines, das es einfach gut mit anderen Menschen meint.

Mehr Marx im Sandwirt: 

„Gegen den Strich gelesen: Marx“ von Stefan Blankertz

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