Mit und ohne Netz

Da Sie diesen Artikel lesen, gehören Sie zu dem überwiegenden Teil der Menschen, die die Annehmlichkeiten des weltweiten „Netzes“ (Internet) für sich nutzen. Diese neue Technologie begann mit der Grundsatzentwicklung etwa Mitte der 1960er Jahre und wurde erst durch die Freigabe des darauf aufsetzenden Systems „World Wide Web” am 30. April 1993 für das allgemeine Publikum nutzbar. 

Mittlerweile hat sich das Internet zu einem Massenprodukt der individuellen, gesellschaftlichen und unternehmerischen Kommunikation entwickelt. Ohne das Internet ist heute kaum noch eine geschäftliche Transaktion vorstellbar, Briefe aus Papier werden kaum noch geschrieben, zumindest nicht bei denjenigen, die Zugang zum Weltnetz haben. Die Website eines zukünftigen Geschäftspartners sichten, um sich auf erste Gespräche vor zu bereiten – kein Problem. Suchmaschinen machen den Zugang zu im Netz vorhandenen Archiven und Ausarbeitungen leicht und es erscheint vielen Menschen so, als können sie nun gänzlich auf Bücher verzichten. Es ist ja so einfach, alles zu googeln! 

Die Möglichkeiten erscheinen schier unbegrenzt und immer mehr Menschen verschmelzen privat wie beruflich, auch ohne Mikrochip unter der Haut, mit dem weltweiten Netz. Das erstaunliche daran ist, dass der Großteil der Nutzer es freiwillig tun. 

Warum? Nun, weil es so schön einfach, bequem und modern ist. Partnervermittlungen online, den allabendlichen Spielfilm ebenso, Hintergründe über den neuen Nachbarn von nebenan herausfinden, politische Neuigkeiten sowie sportliche und kulturelle Großereignisse verfolgen. – Warum noch in die Oper gehen wenn es draußen regnet und der Televisor, ähm, Großbildmonitor mit Superklang-System das nahezu ebenso hergibt und ich nicht einmal mein Sofa verlassen muss?

Zugegeben, alles verlockend, und während ich diesen Artikel schreibe, nutze ich „das Netz“ ebenso. Und auch für sonstige private oder geschäftliche Dinge sorgt diese Technologie bei mir für Zeitersparnis (was nicht immer stimmt, weil man sich herrlich schnell in den Weiten und Tiefen dieser Technologie verlieren kann). 

Ein Tag fliegt da schnell mal an einem vorbei. Das kennen sie ja. Diese Augenblicke, in denen ich wahrnehme, dass der Begriff „Netz“ nichts von seiner ursprünglichen Bedeutung verloren hat: Es fängt einen schnell mal ein. Gefährlich wird es, wenn mir das nicht mehr bewusst ist und Realität und künstliche Welt miteinander verschmelzen und mich nicht mehr aus ihren Fängen lassen. Internet-Sucht ist bereits eine anerkannte Krankheit die als „Störung der Impulskontrolle” kaum therapierbar ist, weil der Süchtige nahezu überall und nahezu täglich wieder mit dem allgegenwärtigen Netz in Kontakt kommt, aktiv oder passiv. Sie müssten den Süchtigen schon auf eine einsame Insel ohne Weltnetz-Verbindung und Mobiltelefon verfrachten oder ihn einsperren. 

Abnorme Gewohnheiten

Das Internet ist nahezu überall. Wenn man wie wir auf dem platten Land in Kanada lebt und sich um seine 80 Hektar Land kümmern darf, relativiert sich das allerdings. Ich werde zwangsläufig und regelmäßig zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter vom Rechner weggerissen und darf mit Schaufel, Kettensäge, Bagger und Traktor zurück in die Realität, um mich um Garten, Hof und Tiere zu kümmern. Dort erwache ich schnell wieder „zum Leben“. Körper, Geist und Seele tut es gleichermaßen gut, Abstand zur virtuellen 2D-Welt zu gewinnen. So empfinde ich das. 

Warum ich das hier aufführe? Ich gebe ihnen mal zwei Beispiele um Ihnen zu verdeutlichen, was ich meine. Vor etwa zwei Jahren war ich mit meiner Frau in Sydney, der Inselhauptstadt von Cape Breton Island in Nova Scotia. Dort gibt es einen gut ausgebauten Hafen mit der Anlagemöglichkeit für große Kreuzfahrtschiffe. An dem Tag waren wir unten am Hafen im Restaurant, um zu Mittag zu essen. Eine Welle von unzähligen Schiffstouristen ergoß sich von einem Kreuzfahrer aus den USA in den Hafen. Der Ozeanriese war etwa drei mal so hoch wie das Hafengebäude, wo wir im ersten Stock saßen, um zu speisen. Die Empfangshalle mit den Souvenir-Artikeln unter uns wurde von Menschen regelrecht geflutet und die gesamten Stuhlreihen in der Halle, auf welche wir von der Galerie aus blickten, waren schnell und vollständig besetzt. 

Als wir genauer hinschauten, gruselte es uns. Es gab dort unten keinen, nicht einen, wirklich keinen Menschen, der nicht intensivst auf sein Mobiltelefon glotzte und sich damit beschäftigte, ohne etwas um ihn herum überhaupt wahrzunehmen. Egal, welches Alter, ohne Ausnahme. Sogar beim Gang hin zu den gekachelten Nebenräumen wurde nur sporadisch ein sehr kurzer Blick nach vorne auf den Weg geworfen, aber das Gerät in der Hand wurde nicht weiter aus den Augen gelassen. 

Beispiel zwei erlebten wir in einem Restaurant in Nova Scotia in welchem sich sechs Jugendliche im geschätztem Alter von etwa 16 bis 18 Jahren an einem Esstisch gegenüber saßen. Jeder hatte sein Telefon in der Hand und sie schrieben sich gegenseitig Textmitteilungen und sendeten sich Kurzfilme, über die sie sich herzlichst amüsierten. Aber niemand blickte seinem Gegenüber ins Gesicht oder sprach direkt mit ihm, obwohl sie nur einen Meter auseinander saßen! Das ging über eine durchaus längere Zeit, bis das Essen an den Tisch gebracht wurde. 

Selbstverständlich muss man hier von Sucht und pathologischer Abhängigkeit reden. Was würde geschehen wenn es einmal über einen längeren Zeitraum keinen Zugang zum Internet gäbe, sagen wir, durch einen technischen Defekt, einen Stromausfall, Beschränkungen durch Betreiber der Zugangskanäle, Aussperrung durch „das System“, weil sie ihre Zwangsabgaben nicht rechtzeitig entrichtet haben oder in einem Sozialpunkte-System durch „unangemessenes Verhalten” aufgefallen sind? 

Sie denken das sei utopisch? Nun, wie war das doch gleich vor kurzer Zeit? „Kein Impfnachweis? – Du kommst hier nicht rein!“ – Gut, man kann annehmen, dass mit allen Mitteln versucht wird, das Internet möglichst störungsfrei am Laufen zu halten, um die Grundlage der einfachen Anbindung (man beachte das Wort!) an das angestrebte bargeldlose Zentralbankgeld aufrecht zu erhalten und die Menschen darüber zu kontrollieren. 

Totale Abhängigkeit

Schöne neue Welt? Wie mir kürzlich ein ebenfalls in unsere Nachbarschaft ausgewanderter Ingenieur aus Süddeutschland berichtete, gibt es in seinem Geschäftsbereich Architektur und Tragwerksplanung heute keine ihm bekannten Büros aus seinem Umfeld mehr, die noch Statik-Umrechnungstabellen und entsprechende Materiallisten für Lastenabtrag in Buchform oder in Tabellenform in ihrem Schrank stehen haben. Alles läuft über Apps, Programme und Anbindungen an die entsprechenden Fachseiten im Internet. Unglaublich klasse, schnell und bequem … so lange es läuft. 

Die Abhängigkeit von Menschen und Unternehmen von diesem „Netz“ ist nahezu allumfassend. Es lassen sich problemlos Bewegungs- und Konsumprofile vom Nutzer anlegen und so sorgt er selber und völlig freiwillig dafür, ein gläserner Mensch zu sein. 

Aber das ist bei Weitem noch nicht alles. Einen weiteren kleinen Vorgeschmack, wie so was dann aussehen kann, wenn es dann technisch mal nicht mehr rund läuft, bekamen kürzlich leider die Menschen in Acapulco, Mexiko zu spüren. Nach einem Hurrikan der Kategorie 5 gab es kein Strom, kein Telefon und kein Internet mehr. Gespendete Kryptos mussten außerhalb des betroffenen Krisengebietes mittels noch funktionstüchtiger regionaler Banken in Papiergeld (!) umgewandelt werden, um damit Lebensmittel und Wasser von außerhalb kaufen zu können, damit den Leuten dort überhaupt geholfen werden konnte. Nur mal so. Ach ja, noch was. Jenes Acapulco ist vom World Economic Forum (WEF) als 15-Minutenstadt auserkoren und ist Heimat vieler Krypto-Millionäre. Was es nicht alles gibt …

Wie auch immer, bei einer tatsächlichen längeren und flächendeckenden Unterbrechung des Netzes wäre kaum noch eine geschäftliche Interaktion möglich. Vielleicht könnten noch im kleinen Rahmen auf regional begrenzter Ebene schnell und notdürftig Ersatzstrukturen geschaffen werden, etwa in Form von Genossenschaften, Bürger-Selbsthilfegruppen und Tauschringen etc. Im überregionalen und internationalen Bereich wäre das allerdings nicht möglich. 

Vielleicht liegt ja aber darin für manche Menschen gerade der positive Ansatz dieses Gedankens begründet? Zurück zur Basis, entschleunigt zu mehr Einfachheit und Regionalität? Ganz im Gegensatz zum libertären Gedanken eines unbegrenzten freien Welthandels und von staatlicher Seite aus nicht regulierter und gegängelter Volkswirtschaften. Ein reizvoller Gedanke, aber wann genau gab es diese? 

Sowohl als auch

Die Prognosen für die Steigerung der Selbstmordraten bei Kindern, Jugendlichen und anderen Internet-Abhängigen sind gigantisch. Bereits heute sind viele Jugendliche trotz permanenter Weltnetzanbindung orientierungslos und ohne echte soziale Kontakte und Kommunikationsfähigkeiten. Ohne ihre medialen „Freunde“ würde diesen jungen Menschen vollständig der Boden unter den Füßen weggezogen. 

Ein Großteil der Generation, die seit den letzten beiden Jahrzehnten von Beginn an mit der permanenten Verschmelzung von realem Leben und ihrer virtuellen Welt ganz selbstverständlich aufgewachsen sind, hat vollständig verlernt, sich ohne diese zurecht zu finden. Sie können nicht einmal mehr eine Straßenkarte lesen und ohne „ihr Mobiltelefon“ damit ein angestrebtes Ziel finden. Sie sind weitgehend oder vollständig hilflos und „im Ernstfall reales Leben“ schlicht nicht überlebensfähig ohne ihre Apps, Amazon, Fratzenbuch, YouTube & Co. Gruselt Sie diese Erkenntnis ebenso wie mich? 

Darum mein Vorschlag: Warum nicht zweigleisig fahren ? Das Beste aus beiden Welten! Wie wäre es mit einer klassischen privaten Bibliothek als physische Nachschlage- und Lehrbasis ? Als absolute Priorität das Erlernen und permanente Anwenden des physischen, richtigen Lebens und danach, bei tatsächlichem Bedarf, die Zuhilfenahme des Netzes. Wäre es nicht besonders für unsere Kinder wichtig, diese Dinge zu pflegen und für sich und ihre Nachkommen zu erhalten?

Man kann auch sagen: Zurück zu „Schaufel, Buch und Waldspaziergang“, ohne die unsichtbare Handschelle. Das Glück und die Freiheit der Unerreichbarkeit.

Maßvoll und verantwortungsbewusst eingesetzt, ist das Internet dann bei Bedarf sicher eine sinnvolle Ergänzung, so lange es mein Leben als Mensch nicht zwangsläufig dominiert.

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Der nächste Gang …

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1 Kommentar. Leave new

  • Franz-Peter Dohmen
    17. April 2024 16:37

    Nur wenigen dürfte bewusst sein, wie anfällig nahezu sämtliche technischen Einrichtungen gegen Störungen sind und wie wichtig es demnach ist, “zweigleisig” zu fahren. Jede Supermarktkassiererin sollte trotz elektronischer Kassensysteme Block und Stift in petto halten, um bei Stromausfall den Kundenbetrieb aufrecht zu erhalten. Jeder Verwaltungsmensch sollte Listen der wichtigsten Daten zur Hand haben. Jeder Polizist in der Lage sein, eine ausgefallene Ampel zu ersetzen. Kürzlich musste ich bei einer solchen Gelegenheit sehen, dass viele Fahrer die dann zu beachtenden Körperhaltungen des Beamten nicht mehr kannten. Tja…

    Wie oft habe ich schon überlegt, mich von meinem dutzend Bücherregalmetern zu trennen. Dank Kindle und Internet wäre das meiste entbehrlich. Aber nein – man weiß nie, was noch kommt.

    Also ja, nutzen wir das Beste aus beiden Welten! Und geben überkommene Fähigkeiten (z. B. das Führen von Karteikarten oder ein Blöckchen als Rechenhilfe zu benutzen) an die nächsten Generationen weiter. Und selbstverständlich auch, wie man einen Garten zur Selbstversorgung nutzt.

    Liebe Grüße aus old Germany nach Nova Scotia!

    Antworten

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