„… mit uns zieht die neue Zeit …“

… so erklang es schon vor über 100 Jahren, wenn die Sozialdemokraten der Jugend klar machen wollten, dass sie nur bei der SPD politisch gut aufgehoben war, weil diese ja ein Abo auf die Zukunft hatte. Das Lied lieferten sie auch gleich mit, in dem besungen wird, wie man in dieses gelobte Land kommen konnte: „Wann wir schreiten Seit’ an Seit’ …“, also im Gleichschritt. 

So ist es bei den Linken (und den Grünen auch) immer: Man muss eine neue, völlig andere Zeit verheißen, die quasi aus dem Nichts erschaffen wird, ohne Bürden aus der Geschichte – wie eine unbefleckte Empfängnis. Natürlich wissen nur Linke und Grüne, wie man dahin kommt. Sie sind die einzigen, die diese Zukunft bringen können. Das „Wie“ bleibt meistens etwas schwammig, aber die Mission ist heilig. Und wer da widerspricht oder zu viel fragt, der hat einfach nicht den richtigen Klassenstandpunkt und hat die Wichtigkeit dieser neuen Zukunft noch nicht verstanden. Der ist halt verbohrt. Und dumm. Und der sollte mal Marx lesen!

Klingelt da etwas bei Ihnen?

Linke und neuzeitlich auch Grüne (was eigentlich die gleichen sind, nur eben im andersfarbigen Gewand) brauchen die moralische Vernichtung des Vorherigen, um so etwas wirklich Neues verheißen zu können. Das Neue ist dann meistens aber gar nicht neu. Deshalb wird es wortreich in einer eigenen Sprache beschrieben, mit eigens dafür geschaffenen Begriffen und spektakulär bebildert: Fackelaufmärsche waren keine Privileg des Dritten Reiches. Die DDR-Führung und die die FDJ fanden das auch grandios – nur lief man dann natürlich für die richtige Sache mit. Nicht für die falsche. Ist ja klar. Die richtige kann natürlich 40 Jahre und einen Mauerfall später wieder die falsche sein – aber wer hätte das denn wissen können? Wir waren doch alle so überzeugt …

Der künstliche Parteisprech ging übrigens sowohl im Dritten Reich als auch in der DDR mit der Partei und ihrem Staat unter. Die Leute haben diese künstliche Sprache nicht beibehalten. Ich finde, das lässt für ähnliche Umerziehungsversuche der Gegenwart doch Gutes hoffen!

Eine neue Story

Aus heutiger Sicht interessant ist der Vergleich der damaligen „Zeitenwende” der DDR-Führung mit der heutigen „Zeitenwende” der Führung der Bundesrepublik. Insbesondere die großen politischen Schritte und der Zentralismus unter Leitung der SED, einer Partei, die sich als in der Verfassung festgeschriebene Führung des einzigen als moralisch legitimierten Staat Deutschlands gegenüber der revanchistischen Bundesrepublik Deutschland sah. Einer Partei, die die Jungen besangen mit: „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht und Genossen es bleibe dabei. Denn wer kämpft für das Recht, der hat immer Recht, gegen Lüge und Ausbeuterei.“ (Lied der Partei) – und das auch noch lange nach dem Tode Stalins. 

Bundeskanzler Olaf Scholz rief am 27.2.2022 seine „Zeitenwende“ aus. Vorher intonierten in den zwei Coronajahren 2020 und 2021 viele Regierungsmitglieder und der Bundespräsident die These, dass nichts mehr so bleiben werde, wie es war. Also, vor dem Ukraine-Krieg! Der taugt nur nachträglich besser zum Beschuldigen für eigenes Versagen als die inzwischen löchrige Corona-Story. 

Ökonomisch läuft das alles vor dem Hintergrund aus dem Takt geratener Lieferketten und ansteigender Inflation aufgrund überbordender Verschuldung. Davon wollte und musste man ablenken: Ökonomisches Versagen und damit verbundene Wohlstandsverluste sind politisch in Deutschland ein heißes Eisen. 

Neue Opfer

Der Kanzler bezieht seine Zeitenwende auf die militärische Präsenz Deutschlands und die Abkehr von „Wandel durch Handel“ bzw. „Wandel durch Annäherung“. Die Grünen garnieren das mit eigenen Stilelementen einer Zeitenwende durch „Degrowth“ und Identitätspolitik jenseits des einfachen Deutschseins, um diesem ökonomischen und damit sozialen Verfall irgendwie einen Sinn aufzudrücken. Genauso wie weiland die SED-Genossen, die – in die Jahre gekommen – voller Inbrunst sangen, mit ihnen zöge die neue Zeit und der Kommunismus erfordere viele Opfer der Bevölkerung.

Das war zu DDR-Zeiten nicht besser: In der Planwirtschaft gab es zu viel Geld für zu wenig oder zu mangelhafte Güter, deren Preis die Planungskommission festgelegt hatte, nicht die Nachfrage. Das überschüssige Geld wurde durch eine künstliche Inflation abgeschöpft: durch Exquisit- und Delikatläden. Im Exquisit gab es auch mal Qualitätskleidung, zum mehrfachen Preis, da importiert, z.B. eine Cordhose für 80 Mark. Im Delikat gab es auch mal eine Büchse Ananas, was es sonst nicht gab: für 12 Mark. Ein großes Brot kostete 1 Mark. Eine Verkäuferin verdiente keine 400 Mark. Die Miete kostetet oft unter 100 Mark – kein Wunder, dass die Häuser beim Mauerfall so aussahen, wie sie aussahen. 

Wenn man weiß, dass auf dem Schwarzmarkt eine DM mit zehn Mark umgetauscht wurde, erklären sich die Preise. Das nannte sich dann „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“, indem man die Versorgungslage etwas verbesserte, ohne Produktivitätsgewinne zu erzielen. 

Natürlich war das ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft. Sozialgewinne und Bedienung von Auslandsschulden, um eigene staatliche Souveränität zu erhalten, hatten immer Vorrang vor Investitionen in die Infrastruktur. 

Alte Muster

Dieser Zielkonflikt der Planwirtschaft kommt Ihnen bekannt vor? Klingt verdächtig aktuell? Ist es auch: Die Summe, die in 30 Jahren in die Verbesserung der Produktivität im Osten gesteckt wurde, nämlich rund 300 Mrd. Euro, haben die aktuelle und die Vorgängerregierung in drei Jahren (2020-2022) mit ca. 450 Mrd. Euro noch überboten. Und da ist die Produktivität noch nicht verbessert. 

Der Kapitalstock verfällt rasant. Der ganze Westen ist heillos überschuldet und sitzt in der Klemme. Russland dagegen hat einen gesunden Staatshaushalt – da hat man aus der kommunistischen Zeit gelernt. 

Auch andere interessante Parallelen gibt es: die Ölkrise in den 70er Jahren wirkte sich auch in der DDR mit höheren Preisen aus. Also wurde alles auf die Braunkohle gesetzt, die alten Anlagen aus der Vorkriegszeit bis zum technischen Tod weiter betrieben und ca. ein Drittel der weltweit geförderten Braunkohle in der DDR verheizt. Aktuell sind wir in der EU mit der grünen Renaissance der Kohle wieder die größten Stinker. 

In den 90er Jahren konnte man im Osten Deutschlands studieren, wie es sich auswirkt, wenn man plötzlich nicht mehr wettbewerbsfähig ist: die Firmen schließen reihenweise, Massenarbeitslosigkeit tritt auf und wird in Arbeitsmarktmaßnahmen versteckt – wurde in Deutschland schon einmal soviel Humankapital außerhalb einer Kriegssituation so sinnlos verschleudert wir in den 90ern? 

Alles, was irgendwie noch ging, wurde verkauft. Heute spricht man wieder von Verstaatlichungen. Das ist keine Zeitenwende, was hier geplant ist, das ist maximal ein Paradigmenwechsel nach altem Muster. Jetzt drehen wir eben nicht nur den Yoghurt wieder links herum.  

Ein ungenutzter Standortvorteil

So alt, so vertraut. Karl Marx sah in seinen Theorien die Revolution als einziges probates Mittel für die Proletarier, um sich selbst zu befreien. Die Revolution dürfte heutzutage wegen Überalterung und der Hoffnung, „dass es nicht noch schlimmer kommt“, ausfallen. Oder?

Deutschland hat innerhalb des Westens einen ganz erheblichen Standortvorteil: Ein Teil der Bevölkerung verfügt über direkte und persönliche Erfahrung im Umgang mit Sozialismus, Planwirtschaft und ideologischen Erstarrungen in Dogmen. Wer in der DDR gelebt hat, erkennt die Muster und kann die Konsequenzen dieser Entwicklungen beurteilen. 

Hätten wir die Kraft, uns auf diese echten Erfahrungen ehrlich zu besinnen und aufzuhören, alles abzuwehren, was die eigene Meinung infrage stellt, wäre es vielleicht sogar möglich, der sozialen Marktwirtschaft wieder neues, zukunftsfestes Leben einzuhauchen. Aus meiner Sicht wäre das aller Mühe wert!

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1 Kommentar. Leave new

  • Am Ende wird alles gut, und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende!
    Ich bin froh, daß wir die Ossi haben, wir Wessis würden diese Zeiten nicht alleine auf die Reihe kriegen. Und das meine ich gänzlich unironisch und mit dankbarem Herzen 🙏

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