Die narzisstische Fälschung der Wirklichkeit

Am 13. Juli 2023 nahm sich in Toronto ein Lehrer und Schulleiter namens Richard Bilkszto im Alter von 60 Jahren das Leben. Gut zwei Jahre zuvor hatte Kike Ojo-Thompson die Zerstörung seiner bis dahin tadellosen Karriere und Reputation eingeleitet. Als Ausrichterin eines sogenannten Antirassismus-Trainings, an dem Bilkstzo teilnahm, hatte sie ihn vor rund 200 Mitarbeitern der öffentlichen Schulverwaltung im Bezirk Toronto als Negativbeispiel eines bornierten, privilegierten Weißen angeprangert, der sich gegen Aufklärung über Rassismus sperrt. Das hatte genügt, ihn in seinem Berufsumfeld in Ungnade fallen zu lassen, obwohl die Anschuldigung sichtlich aus der Luft gegriffen war. 

Wie üblich, wenn persönliches Risiko im Spiel ist, schwiegen die meisten Zeugen des Unrechts. Niemand stellte sich hinter ihn. Manche traten beherzt nach. Nun zog er die letzte Konsequenz daraus.

Ojo-Thompson erklärte Bilkszto zu einem „Lehrstück“, doch das wahre Lehrstück ist sie selbst. Wokeness ist das perfekte Ökosystem für narzisstisches Missbrauchsverhalten. Sie ist wie dafür gemacht, Narzissmus und verwandten Dispositionen einen legitimierenden ideologischen Rahmen zu verleihen. Vielleicht ist sie dafür gemacht. 

Es entspräche etwa dem, was in Sekten passiert. Ein Narzisst oder Psychopath überzeugt einige Menschen von einem erlogenen Glaubenssystem, das ihn als besonders hervorhebt – besonders klug, besonders wissend, besonders heilig. Sie machen dabei mit, weil dadurch ein Abglanz dieser Besonderheit auf sie fällt. Indem sie sich dem Guru mitsamt seinen Launen und Zumutungen unterordnen, werden sie Mitglieder einer exklusiven Gemeinschaft von Auserwählten, die allen Außenseitern übergeordnet sind – klüger, wissender, heiliger. Das ist der Lohn dafür, dass sie das Lügengebäude des Gurus mittragen. Sie werden von ihm narzisstisch missbraucht und im Zuge ihres Mittuns selbst zu narzisstischen Missbrauchern. Der Hauptunterschied ist, dass Wokeness nicht einen großen Guru hat, sondern viele kleine, mittlere und vor allem: mittelmäßige.

Das Geschäftsmodell „Antirassismus“

Der Fall Bilkszto machte nicht zuletzt deshalb international Schlagzeilen, weil Antirassismus-Trainings dieser Art boomen. Sie sind in den letzten Jahren zu einem Milliardenmarkt herangewachsen. Ojo-Thompson hat für vier zweistündige Zoom-Sitzungen 81.000 kanadische Dollar von der Schulverwaltung kassiert – den Gegenwert von rund 57.000 Euro. 

Meist nehmen Angestellte – wie in diesem Fall – auf Betreiben ihrer Arbeitgeber an solchen Veranstaltungen teil. Firmen und Behörden wollen Engagement gegen Rassismus zeigen und können das relativ bequem abhaken, indem sie einer Kike Ojo-Thompson einen Scheck ausstellen. Vor dem Hintergrund dieses Geschäftsmodells leuchtet das Mantra der Aktivisten ein, es genüge nicht, nicht rassistisch zu sein, und man müsse „aktiv antirassistisch“ sein. Dass keine Nachweise der Wirksamkeit solcher Trainings vorliegen und eine ganze Reihe von Studien sogar nachteilige Effekte beobachtet haben, steht auf einem anderen Blatt.

Bis zu jenen zwei Workshop-Sitzungen im April und Mai 2021 hatte sich Bilkszto einer tadellosen Karriere als Pädagoge erfreut. Er war gerade von der Schulverwaltung aus der Pensionierung zurückgeholt worden, um eine Schule zu leiten. Kollegen und Arbeitgeber lobten seine Arbeit in hohen Tönen, eine Vertragsverlängerung stand bevor. Um ihn trauert ein Kreis persönlicher Freunde und liebender Angehöriger. Zur Bilderbuchbiographie fehlt nur die eigene Familie – er war homosexuell und alleinstehend. Wahrscheinlich war unter anderem deshalb seine Arbeit so wichtig für ihn, dass er die öffentliche Zerstörung seiner Reputation nicht verkraften konnte.

„Es war wirklich gut“

Am 26. April 2021, in der zweiten der vier Workshop-Sitzungen mit Ojo-Thompson, traf Bilkszto die verhängnisvolle Entscheidung, ihr zu widersprechen. Der Workshop wurde vollständig aufgezeichnet und das alternative Onlinemedium The Free Press hat einige Ausschnitte als Audio veröffentlicht, die den entscheidenden Wortwechsel enthalten.

Ojo-Thompson erklärte, Kanada sei ein weitaus rassistischeres Land als die USA. Bilkszto hatte bereits in den USA unterrichtet und widersprach, Kanada sei eine gerechtere Gesellschaft. Er verwies darauf, dass hier für jeden Schüler dieselbe Finanzierung bereitgestellt werde, während die Budgets der US-Schulen von den höchst unterschiedlichen lokalen Steuereinnahmen abhingen. In Kanada sei zudem jeder krankenversichert, in den USA nicht.

Ojo-Thompson entgegnete, beides sei richtig, aber irrelevant, weil es dennoch Ungleichheit und Diskriminierung gegen dunkelhäutige Schüler gebe. In gewisser Hinsicht sei es in Kanada sogar schlimmer, weil dort eine „vorgetäuschte Gleichheit“ herrsche. Dies spiegelt einen Kernglauben und gängigen Talking Point des sogenannten Antirassismus à la Critical Race Theory wider: Der Rassismus in der Gesellschaft hat demnach über die Jahrzehnte nicht abgenommen; er tarnt sich lediglich besser und wird dadurch nur perfider (weshalb man überall geschulte „Antirassisten“ braucht, um ihn aufzuspüren).

Als Bilkszto höflich bei seinem Standpunkt blieb, holte Ojo-Thompson zum Vernichtungsschlag aus, indem sie ihre Identität als Schwarze ins Spiel brachte: „Vielen herzlichen Dank. Was ich interessant finde, ist, dass mitten in dieser Covid-Katastrophe, in der uns allen die Ungerechtigkeiten in diesem fairen und gleichberechtigten Gesundheitssystem deutlich vor Augen geführt wurden, … und deshalb sind wir an diesem Punkt – dass Sie glauben, … also, wir sind hier, um über anti-schwarzen Rassismus zu sprechen, und Sie und Ihr Weißsein glauben, mir erzählen zu können, was wirklich bei den Schwarzen los ist – ist es das, was Sie hier machen? Ich glaube nämlich, dass Sie das gerade machen, aber ich weiß es nicht, also gebe ich Ihnen jetzt Raum, mir zu sagen, was Sie hier gerade machen.“

Nach kurzem Schweigen beharrte Bilkszto abermals auf seinem Punkt und fügte nachdrücklich hinzu, dass seine Aussage eine vergleichende sei – als wäre das nicht klar gewesen –, dass es natürlich immer noch viel zu tun gebe und dass Rassismus weiterhin ein großes Problem sei. Doch das änderte nichts mehr. Ojo-Thompsons Gehilfe intervenierte, wiederholte ihre Entgegnung, der Rassismus sei trotz allem allgegenwärtig, bügelte Bilksztos Verweis auf Studien mit der Bemerkung „wer hat diese Studien gemacht?“ ab und wies ihn zurecht, wenn er ein „Apologet“ für Kanada und die USA sein wolle, sei dies nicht das Forum dafür.

Ojo-Thompson beendete die Sitzung schließlich mit den Worten: „Ich möchte mich bei allen für die ordentliche, gründliche Sitzung heute bedanken. Wir sind tief ins Unkraut vorgedrungen und haben anscheinend den Rasentrimmer rausgeholt. Es war heiß heute. Es war gut. Es war wirklich gut.“

Ojo-Thompson tritt nach

So „gut“ war es offenbar für sie, dass sie gleich zu Beginn der nächsten Sitzung noch einmal an Bilksztos Demütigung anknüpfte. Sie erklärte einleitend: „Eine der Arten, wie die weiße Suprematie aufrechterhalten, geschützt, reproduziert, bewahrt und verteidigt wird, ist durch Widerstand. Und wie ich schon sagte, wir haben – ich habe so ein Glück, …“ – an dieser Stelle kichert sie vergnügt – „… dass wir hier einen perfekten Beweis haben, ein wundervolles Beispiel für Widerstand, dessen Zeugen Sie alle geworden sind, also sprechen wir darüber, weil – ich meine, besser geht’s nicht.“

Bilkszto schwieg. Im Anschluss an die Sitzung meldete er sich krank, an der vierten und letzten nahm er nicht mehr teil. Das Ontario Workplace Safety and Insurance Board, eine betriebliche Versicherung für arbeitsbedingte Gesundheitsschäden, untersuchte den Fall und kam zu dem Schluss, Ojo-Thompsons Verhalten sei „missbräuchlich, ungeheuerlich und schikanös“ gewesen und habe „das Niveau von Belästigung und Mobbing am Arbeitsplatz erreicht“.

Doch davon hatte Bilkszto letztlich nicht viel. Eine kleine Genugtuung, Ersatz für sieben Wochen Verdienstausfall und vielleicht ein Argument für ein Gerichtsverfahren, das er nicht mehr erleben würde. Das letzte Wort über ihn war gesprochen, was die Schulverwaltung betraf. Er wurde geschnitten und von Veranstaltungen ausgeladen. In Aussicht gestellte Vertretungsjobs und seine vorgesehene Vertragsverlängerung lösten sich in Luft auf. Im April 2023 verklagte er die Schulverwaltung, doch zum Prozess kam es nicht mehr. 

Eine bessere Gesellschaft für alle

In ihrer Erklärung zu Bilksztos Tod ließ seine Anwältin Lisa Bildy wenig Zweifel daran, was ihn ihrer Einschätzung nach zu seiner Tat getrieben hat. „Traurigerweise hat Richard im Frühling 2021 einen Angriff auf seine herausragende Reputation erfahren, was eine schwerwiegende psychische Belastung für ihn war. … Unglücklicherweise haben der Druck und die Auswirkungen dieser Vorfälle Richard immer noch geplagt. Letzte Woche ist er diesen Belastungen erlegen.“

Auch Ojo-Thompson gab eine Erklärung heraus. Nach einer formalen Beileidsbekundung bezeichnet sie Bilksztos Vorwürfe darin wiederholt als „falsch“ – obwohl er ihr nichts vorwirft, was nicht öffentlich dokumentiert wäre –, um gleich darauf zur obligatorischen Täter-Opfer-Umkehr zu schreiten. Der „Vorfall“ werde instrumentalisiert, „um die Arbeit aller zu diskreditieren und zu unterdrücken, die sich für Vielfalt, Gleichheit und Inklusion einsetzen. Auch wenn die Berichterstattung rechter Medien über diese Kontroverse enttäuschend ist und dazu geführt hat, dass unsere Organisation und Teammitglieder online Drohungen und Beschimpfungen erhalten haben, werden wir uns nicht von unserer Arbeit am Aufbau einer besseren Gesellschaft für alle abhalten lassen.“

Das Leben als Fälschung

Wie der israelische Psychologe Sam Vaknin in seinem Buch „Malignant Self-Love: Narcissism Revisited“ ausführt, ist Narzissmus für das Kleinkind eine wertvolle und notwendige Ressource. Es ist schwach und hilflos und erfährt zahllose Rückschläge. Seine narzisstischen Größenfantasien sind ein Abwehrmechanismus gegen die Gefahr der Überwältigung und Demoralisierung durch die übermächtigen Härten der Wirklichkeit. Narzissmus – ich bin stark, ich bin toll, ich kann alles! – liefert ihm den nötigen Mut und Optimismus, um sich immer wieder mit der Welt auseinanderzusetzen. Wo es authentisch und erfolgreich mit ihr interagiert, braucht es die Größenfantasien allmählich nicht mehr. Je erfolgreicher also die Sozialisation, desto mehr fällt der Narzissmus auf ein gesundes Normalmaß zurück, das mit Empathie für andere und einer realistischen Selbsteinschätzung koexistieren kann.

Wenn Überforderung aber die Regel ist, wie bei Missbrauch und Vernachlässigung, kann sich ein Kind gezwungen sehen, die authentische Auseinandersetzung mit der Realität grundsätzlich zu meiden. Sie scheitert ja doch und das tut jedes Mal weh. Das „wahre Selbst“ (Vaknin) hält sich nun versteckt. Der Außenwelt begegnet die Person mit einem „falschen Selbst“, einem Schauspiel, das eine Größenfantasie aufführt. Ein Abwehrmechanismus gegen Überforderung wird über die Jahre zur tragenden Säule der Persönlichkeit.

Dieser Mensch, der Narzisst, ist mangels authentischer Beziehungen, Gefühle und Erfolge chronisch unzufrieden und psychisch instabil. Er hält sich notdürftig an dem Glauben fest, besser zu sein als andere; schöner, stärker, klüger, erfolgreicher. Das falsche Selbst betätigt sich als mehr oder weniger geschickter Hochstapler, der ständig diese Überlegenheit inszeniert. Doch weil das Ganze substanzlos und fake ist, braucht es kontinuierlich Bestätigung von außen, um zu funktionieren – die sogenannte narzisstische Zufuhr. Wenn es ihm nicht gelingt, Applaus und Bewunderung zu ernten, tun es auch Angst und Schrecken. Wenn jemand mich fürchtet, heißt das ja zumindest, dass ich stark und von Bedeutung bin; man kann mich nicht ignorieren.

So entsteht narzisstisches Missbrauchsverhalten. Um immer wieder seine Illusion zu bestärken, etwas Besseres zu sein, muss der Narzisst sich selbst erhöhen, andere erniedrigen oder beides. Und da dies immer nur notdürftig funktioniert und der Effekt flüchtig ist, befindet er sich ständig in psychischer Not. Er braucht kontinuierlich narzisstische Zufuhr, um nicht zusammenzubrechen, zu explodieren oder in eine Depression zu verfallen. Diese Not spürt er, und sie rührt aus seiner Sicht daher, dass andere ihm nicht die Aufmerksamkeit und Bewunderung zuteilwerden lassen, die er verdient. Er ist somit immer von vornherein Opfer eines Unrechts, so sehr er auch um sich schlägt. So erklärt sich, dass viele Narzissten eine merkwürdige Fixierung auf das Konzept der Gerechtigkeit aufweisen, wie die Psychologin Ramani Durvasula in ihrem Buch „Don’t You Know Who I Am?“ aufzeigt.

Ein gemachtes Bett für Narzissten

Im Weltbild der Wokeness erscheint die Gesellschaft primär als Gefüge von ineinander verschachtelten Unterdrückungssystemen, und der einzelne Mensch primär als Objekt ihrer Zurichtung. Diese Unterdrückungssysteme – Rassismus, Sexismus, Klassismus und so weiter – bestimmen jede Faser unseres Seins und sind im Wesentlichen für alles Leid und Elend der Welt verantwortlich. Woke, also „wach“ oder „erwacht“ zu sein, heißt, die Welt so zu sehen und sich dem Sturz der Unterdrückungssysteme verschrieben zu haben.

Dies ist ein gemachtes Bett für einen Narzissten. Indem er sich als woke positioniert, kann er sofort moralische und intellektuelle Überlegenheit beanspruchen, ohne dafür etwas leisten zu müssen. Die Annahme der Wokeness, dass die soziale Welt im Grunde ein Betrug sei (dem wir aufgrund „falschen Bewusstseins“ aufsitzen), entspricht dem Gefühl, das ihn ohnehin quält, weil er immer zu kurz kommt. Dass die Gesellschaft von Grund auf „falsch“ (Adorno) sei, erklärt seine chronische Unzufriedenheit und innere Leere.

Die Moral der Wokeness misst alles an dem fiktiven und unmöglichen Maßstab einer hierarchiefreien und dadurch perfekten Gesellschaft. Dieser unmögliche Maßstab ist ein Perpetuum Mobile der unverdienten moralischen und intellektuellen Selbsterhöhung. An ihm gemessen ist jeder Mensch unausweichlich zahlreicher -Ismen schuldig, weil er zum Betrieb der nicht-idealen Gesellschaft beiträgt und sie zumindest in Teilen für legitim hält. Dies ermöglicht eine maximale Willkür beim moralischen Anklagen und Drangsalieren beliebiger anderer. Aus ihm entspringen auch die oft als Farce daherkommenden internen Streitigkeiten der extremsten Wokisten, die einander vorwerfen, nicht woke genug zu sein. An ihm gemessen haben sie Recht – man kann gar nicht woke genug sein.

Dies entspricht einer Erfahrung, die für die Opfer narzisstischer Missbrauchsbeziehungen in oder außerhalb von Sekten immer wieder in totaler Erschöpfung endet: Es ist nie genug. So sehr man sich auch abmüht, verbiegt und aufopfert, man kann den Narzissten nicht zufriedenstellen. Man bleibt in seinen Augen eine Enttäuschung und ein Affront. Und er lässt einen das spüren.

Die Regierung macht keine Fehler

Bilksztos Anwältin bezeichnete Trainings à la Ojo-Thompson einmal als „maoistische Struggle Sessions“. Das ist nicht bloß Polemik. 

Der US-Psychiater Robert Jay Lifton hat in den 1950er-Jahren auf Basis von Interviews mit ehemaligen Inhaftierten kommunistischer Gefängnisse in China analysiert, wie die Autoritäten dort versucht haben, das Denken der Inhaftierten zu reformieren. Sein dabei entstandenes Buch „Thought Reform and the Psychology of Totalism“ ist der erste Baustein eines Lebenswerks, das einen bis heute wegweisenden Beitrag zum Verständnis von Sekten und Gehirnwäsche darstellt.

Es erzählt vom Schicksal einiger in China lebender Ausländer, die plötzlich aus heiterem Himmel verhaftet worden waren. Im Gefängnis wurden sie im Wechsel stundenlang von einem Beamten verhört und von ihren Zellengenossen in die Mitte genommen und im Dauerfeuer als Spion, Verräter und Ähnliches beschimpft. Diese berüchtigten „Struggle Sessions“ sollten ihnen bei ihrem Geständnis „helfen“, hieß es. Man warf ihnen vage „Verbrechen gegen das Volk“ vor. Wenn sie aussagten, dass sie keine Ahnung hatten, weshalb sie überhaupt verhaftet worden waren, verlängerte und intensivierte sich die Misshandlung, bis hin zur Folter während der Verhöre. „Die Regierung macht keine Fehler!“, hielt man ihnen empört entgegen.

Studiengruppen in der Zelle

Die meisten Gefolterten gestehen schnell alles, was man von ihnen hören will. Doch das half hier nicht, denn es war nicht klar, was man hören wollte. Etwas frei Erfundenes wurde als Lüge zurückgewiesen. Die Betroffenen mussten ein Geständnis erarbeiten, das im Zusammenhang der Tatsachen ihres Lebens mehr oder weniger glaubwürdig war und an das sie selbst halbwegs glauben konnten. Das dauerte Jahre. Sie interpretierten etwa Kontakte ins Ausland, die sie wirklich hatten, als Spionagetätigkeit. 

Wenn sie begannen, sich ernsthaft um ein akzeptables Geständnis zu bemühen, wurden sie freundlicher behandelt. Die Struggles und Folter ließen nach. Nun verbrachten sie den ganzen Tag in „Studiengruppen“ in ihrer Zelle: „Ein Gefangener las Material aus einer kommunistischen Zeitung, einem Buch oder einer Broschüre vor, und dann wurde von jedem der Reihe nach erwartet, seine Meinung zu äußern und die Ansichten der anderen zu kritisieren.“

Man durfte dabei nicht zu entschieden widersprechen – sonst gab es einen „Struggle“, weil man sich gegen „das Volk“ stelle –, aber auch nicht schweigen oder das Gesagte einfach abnicken. Man musste sich aktiv bemühen, es zu glauben, alle Zweifel zu tilgen und die Welt so zu sehen, dass die Kommunisten in allem Recht hatten. Die Welt vom richtigen „Klassenstandpunkt“ sehen, hieß das. 

Die heilige Wissenschaft

„Ihre Aufgabe als weiße Menschen“, so Ojo-Thompson nach dem Zusammenstoß mit Bilkszto, „besteht im Rahmen dieser Arbeit darin, zu glauben“. Man dürfe gerne Fragen stellen, aber nur Fragen der Art: „Helfen Sie mir, es besser zu verstehen, weil ich es wirklich nicht weiß“. Weiße Menschen hätten in manche Vorgänge einfach keinen Einblick und können ihn auch gar nicht haben. 

Doch wie sich herausstellt, haben auch Schwarze diesen Einblick nicht. Auch sie sind nämlich „nicht immer bereit, das Richtige zu tun“, wie Ojo-Thompson in einem anderen Workshop beklagte, aus dem die US-Zeitung National Review aufschlussreiche Auszüge veröffentlicht hat. Deshalb korrigiert sie dort ihre ursprüngliche Forderung, schwarze Stimmen zu respektieren, in eine etwas andere: Es sei zu respektieren, was „der antirassistische Rahmen“ sagt. In den Worten Liftons ist das die „heilige Wissenschaft“, über die jede Sekte verfügt – eine Doktrin, die als perfekt gilt und nicht angezweifelt werden darf.

Die Berufung auf die Unterdrückten – die Schwarzen oder „das Volk“ – dient nach außen als Moralkeule, mit der dieser totale Herrschaftsanspruch durchgesetzt wird, und nach innen als Selbstvergewisserung der eigenen überlegenen Güte. Aber damit hat es sich auch. Die Stimmen und Leben der Schwarzen, „des Volkes“ und aller sonstigen Gruppen, für die die Gleichheitsgurus zu sprechen behaupten, werden von ihnen genauso umstandslos verworfen wie alle anderen, wenn sie quer zur Doktrin stehen.

Als eine Workshop-Teilnehmerin ihre Angst äußert, etwas Falsches zu sagen, lacht Ojo-Thompon und erklärt: „Der Trick ist, dass es wirklich schwer ist, Menschen zu ‚canceln‘, die bejahen, anerkennen und Rechenschaft ablegen. Das Ganze läuft ja nur deshalb immer so problematisch ab, weil die Leute in erster Linie leugnen, abtun und verdunkeln.“

Wer widerspricht, ist also selbst schuld, wenn er misshandelt wird. Ähnlich rechtfertigten die Kommunisten die anfängliche brutale Phase der Gedankenreform gegenüber den Opfern: „Sie waren aber auch ein schwieriger Fall!“ Das ist der Missbraucher, der sagt: „Du zwingst mich ja dazu. Ich liebe doch alle Menschen. Wenn du mich nicht immer provozieren würdest!“

Die Lüge hält das System zusammen

Warum finanziert ein Regime eine Armee von Beamten, die unzählige Nächte damit zubringen, irgendwelchen armen Teufeln bedeutungslose Bullshit-Geständnisse zu entlocken? Weil das System von einer Lüge zusammengehalten wird, die permanent inszeniert werden muss, um diese integrative Funktion erfüllen zu können. 

Missbrauchsbeziehungen, Sekten und totalitäre Systeme haben einen gemeinsamen Kern. Es sind Formen der Realitätsflucht aufgrund von Überforderung. Der Missbraucher ist ein Täter, der sich als Opfer fühlt. Das Narrativ, das ihn als Opfer darstellt und das er den wirklichen Opfern mit Gewalt aufzwingt, ist die Elementarform einer Ideologie: die Lüge einer simplen, wohlgeordneten Welt, die man gedanklich voll durchdrungen hat und in der man fest auf der guten Seite steht.

Diese Lüge kann sehr elaborierte Formen annehmen, bleibt aber fragil wie das falsche Selbst des Narzissten. Sie muss ständig durch neue Lügen in Wort und Tat gestützt, geflickt und erneuert werden. Wer nicht mitspielt, muss dazu gezwungen oder beiseitegeschafft werden, damit seine bloße Existenz das Kartenhaus nicht zum Einsturz bringt.

Das letzte Wort hat die Wirklichkeit

Natürlich funktioniert die kommunistische Gehirnwäsche genauso wenig wie ein Antirassismus-Training. Schon Wochen nach ihrer Entlassung glaubten Liftons Interviewpartner kein Wort mehr von dem, was ihnen jahrelang eingetrichtert wurde – auch weil sie in der freien Welt sahen, über wie viele Dinge die Kommunisten gelogen hatten.

Genauer gesagt, sie funktioniert nicht als Gedankenreform, aber durchaus als Terror, als Unterdrückung von Widerstand und als Inszenierung, die sich selbst genügt. Den Narzissten kümmert nicht, dass es eine Lüge ist, solange es niemand ausspricht – er kennt nichts anderes. 

Das letzte Wort hat immer die Wirklichkeit. Aber bis es soweit ist, können ihre Fälscher und deren besessene, korrumpierte oder eingeschüchterte Mitläufer viel Leid verursachen und hohe Leichenberge auftürmen.

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