Warum Ökonomik eine A-priori-Wissenschaft ist
Der sogenannte „Methodenstreit“ zwischen der Österreichischen Schule der Nationalökonomie und der Deutschen Historischen Schule liegt schon über ein Jahrhundert zurück und zahlreiche Artikel wurden hierzu verfasst. Im Mai 2026 lässt ihn der Diplompsychologe Ralf Blinkmann in einem Artikel bei den Freiheitsfunken wieder aufleben, wenn er meint, die Ökonomik sei eine empirische Wissenschaft. Natürlich muss dieser „Fehdehandschuh“ aufgenommen werden.
F. A. von Hayek (1919 – 1992) schrieb in seiner Einleitung zu Ludwig von Mises (1881 – 1973) posthum veröffentlichten „Erinnerungen“ (1940 geschrieben):
„[Mises] hatte zu lang nicht Gelegenheit gehabt, mit ihm intellektuell ebenbürtigen Partnern … die Probleme zu erörtern, um noch zu sehen, wie kleine Unterschiede in den unausgesprochenen Voraussetzungen zu verschiedenen Ergebnissen führen konnten. Dies zeigte sich in einer gewissen Ungeduld, die leicht ein Nicht-Verstehenwollen vermutete, wo ein ehrliches Mißverständnis seiner Argumente vorlag.“
In diesem hayekschen Sinne möchte ich im Folgenden einige Missverständnisse aufzeigen.
Menschliches Bewusstsein und Instinkt
Mises schreibt in „Human Action“, dass das neugeborene Kind kein handelndes Wesen sei. Blinkmann meint, dass Mises Handeln nur dem entwickelten Menschen zuschreibe. Darin missversteht er Ludwig von Mises gründlich.
Nach Mises verhalten sich auch Tiere und Neugeborene scheinbar zweckgerichtet, da sein Werk aber „Human Action“ – also „Menschliches Handeln“ – heißt, bezeichnet er das instinktive „Handeln“ von Tieren oder Säuglingen als „Quasi-Handeln“. Er führt das zweckgerichtete Verhalten auf Instinkte zurück, meint damit aber nicht, dass Tiere oder Säuglinge keine Vorlieben hätten und nicht davon ausgingen, dass sie am Lauf der Dinge etwas ändern könnten (indem ihr Verhalten als Ursache eine Wirkung auslöst; d.h. Kausalität), sondern ganz im Gegenteil:
„Soweit animalisches Verhalten über bloße physiologische Prozesse wie Atmung und Metabolismus hinausgeht, kann es nur mit Hilfe der von der Praxeologie ausgearbeiteten Sinnbegriffe untersucht werden.“ (Human Action (1949), S. 27)
Er sagt, dass die Behavioristen und Verhaltensbiologen, die menschliches und tierisches Verhalten untersuchen, praxeologische Kategorien anwenden, wenn es um bei ihren Untersuchungen um „absichtsvolles Verhalten“ oder „Erfolg“ geht, denn Nutzen und Erfolg spielen nur im Zusammenhang mit zweckgerichtetem Verhalten bzw. Handeln eine Rolle.
Mises weiter: „Ganz im Gegenteil sind es die Tierpsychologie und die Säuglingspsychologie, die auf die Unterstützung durch die Wissenschaft vom menschlichen Handeln nicht verzichten können. Ohne praxeologische Kategorien wären wir nicht in der Lage, das Verhalten von Tieren und Säuglingen zu erfassen und zu verstehen.“ (Human Action (1949), S. 27)
Bewusstes und unbewusstes Handeln
Ralf Blinkmann behandelt in seinem Beitrag bewusstes und unbewusstes Handeln und kritisiert, dass für Mises nur bewusstes Handeln auch Handeln sei. Dabei übersieht er, dass die praxeologische Kategorie des „bewussten Handelns“ sich vom psychologischen Ideenbild von „bewusst“ und „unbewusst“ kategorisch unterscheidet.
Das kann man leicht an dem Beispiel erklären, das Blinkmann selbst anführt: „Wenn ein Mensch im Supermarkt von den Marketingmethoden der Produktpräsentation beeinflusst wird und viel mehr kauft, als er eigentlich wollte“, dann handelt der Mensch bewusst im Sinne der Praxeologie. Unbewusstes Handeln gibt es im praxeologischen Sinne nicht. Der Ausdruck „bewusst“ im praxeologischen Sinne dient zur Abgrenzung von rein physiologische Reflexen oder Regungen im Schlaf, die eben nicht Handeln sind.
Mises schreibt: „Ob eine Handlung aus klarer Überlegung hervorgeht oder aus vergessenen Erinnerungen und unterdrückten Begierden, die gleichsam aus unterbewussten Regionen den Willen dirigieren, ändert nichts am Wesen der Handlung.“ (Human Action (1949), S. 12)
Neurowissenschaften
Blinkmann meint, „ein Handlungsbegriff, der Bewusstsein voraussetzt“ sei nicht praxisrelevant, weil das Bewusstsein ein neuronalen Prozessen nachgelagertes Phänomen sei. Wir haben gerade dargestellt, dass die praxeologische Bedeutung von „bewusst“ eine kategorisch andere ist als diejenige, die die Psychologen heute verwenden, und damit könnten wir es eigentlich bewenden lassen. Für die Praxeologie ist es eine letzte Gegebenheit, welche biochemischen oder elektrischen Prozesse der Willensbildung vorgelagert sind; es ist nicht Teil der abstrakten Handlungslogik.
Und auch wenn die menschliche Willensbildung mit bildgebenden Verfahren zur Untersuchung des Gehirns vorausgesagt werden kann, ändert das nichts daran, dass wir davon ausgehen, dass Menschen Vorlieben haben und sie meinen, den Lauf der Dinge beeinflussen zu können. Das ist die Grundannahme der Praxeologie, ihr Axiom „der Mensch handelt“. Jemand könnte dann sagen, nicht der Mensch, sondern „das Gehirn“ bzw. das Nervensystem handelt, aber damit versetzt er den Akteur nur an einen anderen Ort, schafft ihn aber nicht ab.
Im Übrigen geht Mises nicht von einem „freien Willen“ aus, so wie der Begriff heute von vielen verstanden wird; er hält den Begriff „freier Wille“ für „vielleicht unzweckmäßig und missverständlich“, als könnte es einen unbedingten Willen geben – unabhängig von der Lebens- und Herkunftsgeschichte des Menschen (Theorie und Geschichte (2014), S. 203).
Mises meinte, „freier Wille“ bedeute, dass der Mensch durch das Begreifen von Regelmäßigkeiten von Ursache und Wirkung „Mäusen und Mikroben“ überlegen sei und deshalb innerhalb enger Grenzen den Ereignissen durch sein Handeln einen anderen Verlauf geben könne (als sie ohne sein Handeln genommen hätten). „Darin besteht seine Überlegenheit“, so Mises.
Blinkmann hingegen scheint eher von einem unbedingten Willen auszugehen, wenn er schreibt, wir „betrachten uns selbst als die Ursache unseres Handelns, als unbewegten Beweger, den wir ‚Ich‘ nennen“.
Gerade das „Ich“ ist jedoch etwas, das nicht „unbedingt“ ist, was der Ausdruck „unbewegter Beweger“ bedeutet: ein „unbedingter Beweger“. In Anlehnung an Jacob Burckhardt und Parmenides kann man getrost sagen, dass nichts unbedingt ist, außer das „Sein“ selbst. Denn das Sein ist eine Singularität, da es nicht auf etwas anderes – ein Nicht-Sein – zurückgeführt werden kann, weil Nicht-Sein per Definition nicht existieren kann. Wer seine „Ich-Instanz“ bzw. sein „Ego“ für den „unbewegten Beweger“ hält, also für unbedingt, dem würde ich kein rationales Verständnis seines „Ich“ zuschreiben, sondern eher einen „Gottkomplex“.
Das Hervorbringen einer Ökonomie
Blinkmann wirft die Frage auf, wieso Tiere keine Ökonomie „hervorgebracht“ hätten, obwohl sie doch auch handelten. Wenn Löwen aber entscheiden, welches Gnu einer Herde sie schlagen werden, handeln sie ökonomisch. Sie wählen nicht ein gesundes, schnelles Tier, sondern ein lahmes oder junges. Wie wahrscheinlich der Erfolg der Jagd ist, spielt für sie eine Rolle. Der Energieverbrauch bei der Jagd stellt für die Löwen „Kosten“ dar, der Verzehr der Beute ist der Nutzen oder „Ertrag“.

Natürlich kann das Löwenrudel diese ökonomischen Gesichtspunkte seines Verhaltens nicht explizieren, aber dem Beobachter ihres Jagdverhaltens erscheint es so, als wägten die Tiere implizit Kosten und Nutzen ab. Auch das von Blinkmann beschriebene Tauschverhalten von Primaten ist im praxeologischen Sinne ökonomisches „Quasi-Handeln“ im vorbeschriebenen Sinne.
Der Grund dafür, dass weder Löwen noch Primaten eine Ökonomie hervorgebracht haben, die vergleichbar mit der menschlichen Wirtschaft wäre, dass sie weder über Fabriken noch über Geld oder doppelte Buchführung verfügen, wurde oben bereits dargelegt: Der Mensch ist dem Tier gegenüber im Vorteil was „das Begreifen von Regelmäßigkeiten von Ursache und Wirkung“ angeht. Dass die Menschen in vorgeschichtlicher Zeit über viele Jahrtausende trotz dieses Vorteils gegenüber den Tieren keine der heutigen Ökonomie vergleichbare Wirtschaft entwickelt haben, mag zahllose phylogenetische, evolutionsbiologische oder klimatische Gründe haben. Die Praxeologie als die Wissenschaft von der Logik des Handelns beschäftigt sich nicht mit diesen (prä-)historischen Ursachen.
Knappheit der Mittel
Blinkmann schreibt, dass Knappheit auch das Handeln von Tieren beeinflusse und nicht nur das von Menschen. Wir bräuchten hierauf nicht weiter eingehen, haben wir doch schon dargelegt, dass Mises in „Human Action“ bei Tieren und Säuglingen von zweckgerichtetem Verhalten ausgeht, das er „Quasi-Handeln“ nennt, und deshalb auch die Untersuchung tierischen Verhaltens nicht ohne praxeologische Kategorien auskommen kann, sodass Blinkmanns Kritik schon alleine deswegen verpufft. Aber weil Knappheit oft missverstanden wird, möchte ich an dieser Stelle kurz darauf eingehen.
Dass nur knappe Mittel praxeologisch betrachtet Mittel sind, rührt daher, dass hier nicht Mittel in einem „technologischen“ Sinne gemeint sind, in welchem auch nicht-knappe „Mittel“ einen kausalen Beitrag zum „Erfolg“ einer Handlung leisten können. Praxeologisch sind Mittel immer knapp, denn nur dann erfolgt im Hinblick auf sie eine Handlung. In der Praxeologie geht es um das Werten und Wollen der Menschen, und der kausale Beitrag, den ein Gegenstand im Rahmen einer Handlung hat, ist zu unterscheiden vom praxeologischen Nutzen des Mittels.
Etwas, das im Überfluss vorhanden ist oder unbeschränkte Dienste leistet, ist nicht Gegenstand menschlicher Wertschätzung und im Hinblick darauf findet keine Handlung im praxeologischen Sinne statt. Die Luft, sofern sie unbeschränkt und sauber vorhanden ist, ist für den Menschen kein Mittel im handlungslogischen Sinne. Eine allgemein bekannte Formel, wie etwa das Rezept, wie man Kaffee kocht, ist kein Mittel, denn die Formel verbraucht sich nicht, egal wie oft man sie anwendet.
Mittel im praxeologischen Sinne sind nur solche, die der Handelnde wertschätzt, die für ihn einen „abnehmenden Grenznutzen“ haben können, die er in einer Präferenzskala höher oder niedriger einordnen könnte; niemals solche Dinge, die im Überfluss vorhanden sind. Die Luft kann beispielsweise dann zu einem Mittel werden, wenn ein Mensch eine bestimmte Temperatur der Luft vorzieht, wenn ihm zu kalt ist oder zu warm. Kühlere oder wärmere Luft sind dann Mittel, von denen sich der Mensch eine höhere Zufriedenheit erwartet, und darum handelt er, wenn er sich eine Heizung oder eine Klimaanlage kauft. Aber wenn ihm die Luft so passt, wie sie ist, dann wird sie nicht Gegenstand seines Handelns sein, auch wenn Atemluft natürlich physiologische Bedingung für jede Handlung ist.
Handeln empirisch bestimmen
Was handeln ist, meint Blinkmann, könne nur empirisch bestimmt werden, aber da erliegt er dem Fehlschluss, der heute allgemein verbreitet ist, wenn man meint, die Methode einer bestimmten Klasse von historischen Wissenschaften – nämlich der klassischen Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie) – auch auf komplexe historische Phänomene wie die Ökonomie übertragen zu können, um zu wissenschaftlichen Einsichten zu gelangen.
In den klassischen Naturwissenschaften gibt es beobachtbare isolierbare konstante Zusammenhänge zwischen messbaren Größen, und messen heißt, vergleichen mit einem objektiven Standard. Diese Zusammenhänge können von jedermann jederzeit überprüft („objektiviert“) werden, und sie werden für gewöhnlich Naturgesetze genannt.
In der menschlichen Gesellschaft und in der Wirtschaft gibt es weder isolierbare konstante Zusammenhänge (sondern stets sind es zahlreiche Faktoren, die eine Rolle spielen) noch geht es in der Ökonomik um Messen (sondern es geht um Nutzen und Wert). Es gibt keinen „Ur-Nutzen“, der wie ein Ur-Kilogramm irgendwo herumliegen könnte, sondern Nutzen und Wert sind subjektiv und deshalb nicht objektiv vergleichbar; es handelt sich bei Nutzen um ein „intensives“, kein „extensives“ Konzept.
Was die Wirtschaftshistoriker daher tun, wenn sie Korrelationen von Daten interpretieren, ist dasselbe, was die Geschichtswissenschaftler auch tun. Sie geben persönliche Relevanzurteile darüber ab, welche Faktoren für ein gewisses Ereignis bedeutsam waren und wie bedeutsam sie waren. Damit lässt sich keine allgemeingültige Theorie für menschliches Handeln formulieren, sondern es sind subjektive Interpretationen von komplexen nicht-wiederholbaren Phänomenen. Die Erklärungen sind deutend und auslegend, aber nicht apodiktisch und a priori gültig wie diejenigen der Logik, Mathematik oder Praxeologie (vgl. Human Action (1949), S. 31).
Schlussbetrachtung
Ich hoffe, dass ich mit dieser kurzen Replik Missverständnisse von Mises‘ Argumenten ausräumen konnte. Die Ökonomik ist eine A-priori-Wissenschaft. Die Schlussfolgerungen aus dem Axiom „der Mensch handelt“ sind nicht empirisch testbar. Es ist meiner Auffassung nach auch nicht entscheidend, dass das Axiom selbstevident ist oder dass dem zu widersprechen (also zu behaupten, der Mensch handelt nicht) ein performativer Widerspruch ist. Wann immer ein Beobachter davon ausgeht, dass ein Wesen Vorlieben hat und meint, am Lauf der Dinge etwas ändern zu können, sind alle Schlussfolgerungen der Praxeologie gültig.



