Gegen den Strich gelesen: Peter Kropotkin

Es sollte eine neue Qualität sein, mit der Kropotkin die anarchistische Theorie bereicherte: Er war Naturwissenschaftler. Dass er Anarchist werden würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt: Er entstammte dem russischen Hochadel; als Jahrgangsbester des St. Petersburger Pagenkorps war er gar eine Zeitlang Zimmerpage des Zaren. Doch es zog ihn nicht dahin, in die Fußstapfen des Vaters zu treten.

Statt den Feudalherrn zu geben, erkundete er als junger Mann Ostsibirien und trug zur Kenntnis der Höhenstruktur Asiens bei. Zudem verfasste er eine neue Gletschertheorie. Nach dem Tod seines Vaters ermöglichte es ihm sein Erbe, Westeuropa zu bereisen. Mit den anarchistischen Ideen Proudhons war er schon während der Sibirien-Expedition in Kontakt gekommen. Seine bereits 1899 verfassten «Memoiren eines Revolutionäres» zählen zu den schönsten der prä-freudianischen Ära. 

Der internationale Ruf Kropotkins ging weit über die anarchistische Bewegung hinaus. Nach der Oktoberrevolution 1917 wurde er zwar von den Bolschewisten unter Hausarrest gestellt, aber nicht wie so viele andere Anarchisten liquidiert. Als er 1921 starb, war seine Beerdigung die letzte öffentlich geduldete Manifestation des Anarchismus in Lenins Sowjetunion.

Gegenseitige Hilfe

Der wertvollste Beitrag zur Entwicklung nicht bloß der anarchistischen Theorie war sein Werk «Gegenseitige Hilfe» von 1902. Er knüpfte eng an Darwins Evolutionslehre an, interpretierte diese jedoch umgekehrt als die sogenannten «Sozialdarwinisten». 

Die «Sozialdarwinisten» leiteten aus Darwins Evolutionslehre ab, dass zwischen den Arten und innerhalb einer Art zwischen den Individuen ein gnadenloser Kampf ums Überleben stattfinde. Der «Fitteste» überlebe, vermehre sich; auf diese Weise schreite die Evolution voran. Kropotkin dagegen zeigte zum einen, dass bereits Darwin der Kooperation – oder gegenseitigen Hilfe – eine wesentliche Rolle im Überlebenskampf zuschrieb. Zum andern sammelte er eigene Belege für die Bedeutung der gegenseitigen Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Noch heute wird Kropotkin damit von Biologen zitiert. 

Der Marxist Hans G Helms, der in den 1970er Jahren einige Texte Kropotkins und Stirners herausgab, bloß um den Anarchismus als eine Vorform des Faschismus denunzieren zu können, erwähnte in seinem Versuch, Kropotkins Wissenschaftlichkeit zu unterminieren (mit teils richtigen Hinweisen, die sich allerdings sämtlich auch auf Marx und Engels anwenden ließen), geflissentlich die «Gegenseitigen Hilfe» nicht und behauptete, «Kropotkins wissenschaftliche Tätigkeit endete mit dessen geographischen Jugendforschungen».

Gleichzeitig nahm Kropotkin eine Neubewertung sowohl der urgeschichtlichen Stammesgesellschaften als auch des Mittelalters vor. Kropotkin ging den Belegen nach, dass unter den damals «Wilde» genannten «Barbaren» der Urgesellschaft die gegenseitige Hilfe das notwendige Prinzip war, mit dem allein sie ihr Überleben sichern konnten. Eine zweite historischen Phase, der er sich intensiv zuwandte, war die der europäischen mittelalterlichen Städte. Damit befreite er das Mittelalter von dem Stigma der «Dunkelheit» und näherte sich als Naturwissenschaftler der ganz und gar unwissenschaftlichen Romantik. 

Das kommunistische Prinzip

Anarchie – die Selbstorganisation der gegenseitigen Hilfe – ist damit Kropotkin zufolge nicht ein neues Prinzip der Vergesellschaftung, sondern sie war bereits immer da und bleibt auch trotz herrschaftlicher Überformung die gängige Praxis. Ohne funktionierende gegenseitige Hilfe kann nicht einmal ein Krieg geführt werden. 

Anarchisten geht es laut Kropotkin keineswegs um die Etablierung von etwas ganz Fremdem und noch nie Dagewesenem, und die Anarchie ist keineswegs ein Experiment mit einer ungewissen Utopie, vielmehr ist sie die Befreiung dessen, was das Leben von Beginn an ermöglicht und prägt.

Ein anderer Beitrag Kropotkins zur anarchistischen Theorie war dagegen problematisch, um es vorsichtig auszudrücken. Er formulierte den kommunistischen Anarchismus, der bis heute die Vorstellung prägt, Anarchisten seien Kommunisten wie die Bolschewisten, nur noch radikaler: Nach der Abschaffung des Staats würden die Menschen auf Grundlage freier Vereinbarung ohne formales Eigentum auskommen. Man werde das Prinzip «jeder gibt nach seiner Fähigkeit, jeder nimmt nach seinem Bedürfnis» umsetzen; nicht wie in der Standardfassung des Marxismus weggerückt in weite Zukunft, sondern unmittelbar nach der Revolution. Der bereits erwähnte Hans G Helms machte in seiner Edition von Kropotkins «Eroberung des Brotes» allerdings darauf aufmerksam, Kropotkin habe in der Ausgabe letzter Hand von 1913 «Kommunismus» mehrfach durch «Kommunalismus» ersetzt, und nannte dies eine «Verwässerung».

Wenn Kropotkin tatsächlich den ganz und gar ungehinderten Zugang von Allen zu Allem als das Ideal angesehen hätte, wäre nicht einzusehen, wozu es eine Vereinbarung, zumal eine freie Vereinbarung geben müsste und könnte. Eine Vereinbarung kann man nur bezüglich einer Ressource (und sei’s die eigene Zeit) treffen, über die man 1. selber verfügt und auf die 2. ein Anderer keinen Zugriff hat, ohne zuvor fragen zu müssen, ob er sie nutzen dürfe. Vereinbarung setzt Eigentum voraus. 

Bereits die Formulierung «jeder gibt nach seinen Fähigkeiten» ist verräterisch: Es scheint so zu sein, dass Alle die eigenen Fähigkeiten selber einschätzen und einsetzen. Eigene Fähigkeiten wären Ressourcen, über die niemand Anderes ohne zu fragen verfügen dürfte. Es besteht also ein – ich greife hier auf die Terminologie Murray Rothbards vor – Selbsteigentum. 

Umgekehrt wäre zu überlegen, was denn geschieht, wenn jemand nicht nach seinen Fähigkeiten gibt, also von ihnen etwas zurückhält. Er könnte zehn Stunden arbeiten (wäre dazu physisch und mental in der Lage), nimmt sich aber mehr Freizeit heraus und arbeitet nur acht Stunden. Im Extremfall verweigert jemand die Gegenleistung und nimmt, ohne etwas zu geben. 

Kropotkins Antwort: «Stellen wir uns eine Gruppe Freiwilliger vor: Sie haben sich zu irgendeinem Unternehmen vereint, und bis auf einen, der öfter auf seinem Posten fehlt, wetteifern sie alle miteinander. Wahrscheinlich wird man zu diesem Genossen sagen: ‹Lieber Freund, wir würden ja gern weiter mit dir zusammenarbeiten, aber da du so oft auf deinem Posten fehlst und deine Arbeit nachlässig machst, müssen wir uns trennen. Geh und suche dir andere Genossen, die sich deine Nachlässigkeit gefallen lassen.›» 

Derart gesteht er den «Genossen» zu, den Faulpelz sowohl auszuschließen als ihm auch den Zugriff auf ihre Ressourcen zu verweigern. Hiermit sind sie Eigentümer der von ihnen geschaffenen Ressourcen: Sie haben deren exklusives Nutzungsrecht. In historischer Hinsicht analysiert Kropotkin richtig, der «Wunsch nach einer Aneignung von Arbeitsfrüchten benachbarter Stämme, um sie dann ohne Einsatz eigener Arbeit genießen zu können, unterdessen das Notwendige durch die Sklaven erzeugt wird», sei der Motor der Staatsentstehung gewesen: Staatsentstehung ist die Negierung des Eigentums. 

Hans G Helms ätzte denn auch in seiner Kropotkin-Edition: Bereits im ADAC müsste Kropotkin «gegenseitige Hilfe» und in jedem Interessenverband der Industrie eine «freie Vereinbarung» erblicken. Weswegen das per se und ohne eine weitere Erklärung falsch sein sollte, das erschließt sich wohl bloß einem – Stalinisten.

Ohne Eigentum geht’s nicht

Auch der zweite Teil des kommunistischen Prinzips hat es in sich: Die Formulierung, ein «jeder nimmt nach seinen Bedürfnissen», impliziert, dass die Bedürfnisse sich von selber auf die verfügbaren Ressourcen begrenzen. Tatsächlich gibt es primäre Bedürfnisse, die eine gewisse inhärente Begrenzung haben, wie etwa die Aufnahme von Nahrungsmitteln. Dennoch: Auch bei diesen ist eventuell das Angebot besonders beliebter oder besonders guter Speisen begrenzt, sodass eine Zurückhaltung bei der Entnahme aus den Vorratslagern notwendig wird. 

An einem von Kropotkin selber gegebenen Beispiel wird das deutlich, der «im selben Viertel» wohnenden «einen Mutter mit fünf Kindern in einem einzigen Zimmer», die Anspruch darauf anmeldet, dort einzuziehen, wo sie mehr Platz wittert. Hier trifft die Nachfrage nach Wohnraum auf ein begrenztes Angebot. Eine dreiköpfige Familie muss sich wohl mit weniger Wohnraum als eine fünfköpfige Familie zufrieden geben. Wer wacht darüber? Wie fällt das Alter der Kinder ins Gewicht? 

Zudem: Ist nun die von Kropotkin genannte fünfköpfige Familie in die Wohnung des vertriebenen Bourgeois eingezogen, kann dann eine siebenköpfige Familie die fünfköpfige Familie ihrerseits dazu auffordern, ihr den Wohnraum zu überlassen? Es würde ein absolutes Chaos der Ansprüche entstehen, in welchem jeder sich als der Ärmste erweisen müsste, um an begehrte (knappe) Ressourcen zu gelangen. 

Kropotkin suggeriert einerseits die heute fast universell geglaubte Illusion, dass erstens von Allem bereits für Alle genug da sei, es müsse nur richtig verteilt werden, und zweitens, dieser Wohlstand reproduziere sich auf wunderbare Weise gleichsam automatisch ohne menschliches Zutun. 

Kropotkins Beschreibung des künftigen Lebens in einer freien Assoziation oder Gemeinde zeigt demgegenüber noch einmal deutlich, dass es sich bei den Ressourcen um Eigentum handelt, welches den nicht-assoziierten Genossen verschlossen bleibt: «Man denke sich eine Assoziation, die mit jedem Mitglied den folgenden Vertrag  schlösse: Wir sind einverstanden, dir die Benutzung der uns gehörenden Häuser, Straßen, Transportmittel, Schulen, Museen etc. unter der Bedingung zuzusichern, dass du zwischen dem 20. und 45. oder 50. Lebensjahr täglich vier oder fünf Stunden lang eine Arbeit verrichtest, die wir für lebensnotwendig halten.»

Was sind «uns gehörende Häuser, Straßen, Transportmittel, Schulen, Museen etc.» anderes als eben ein Eigentum dieser Assoziation? Wenn es kein Eigentum gäbe, dann bräuchte es den Vertrag gar nicht: Die angesprochene Person dürfte die genannten Infrastrukturen nach Gutdünken benutzen. 

Dies ist in unseren gegenwärtigen Staaten so: Jedem Staatsbürger, ob er arbeitet oder nicht, stehen haufenweise Infrastrukturen zur freien Verfügung. Für die Nutzung zahlt er übrigens nur dann direkt, wenn er arbeitet und Steuern abführt. (Indirekt zahlt er so lange, wie er Konsumprodukte erwirbt.) Das ist kommunistischer als der zitierte Ansatz von Kropotkin, der vielmehr schlicht und ergreifend anarcho-kapitalistisch ist: Infrastrukturen sind eben nicht selbstverständliches Allgemeingut und für jeden frei nutzbar, sondern nur für die Personen, welche in einem konkreten Vertragsverhältnis zu den Eigen­tümern stehen. Infrastrukturen sind nicht kostenlos. 

Der von Kropotkin beschriebene Vertrag ist ein (naiv formulierter) Kreditvertrag. Ist der Angesprochene mit dem Vertrag nicht einverstanden, rät die fiktive Assoziation ihm: «Sieh zu, ob du sonst irgendwo auf der Welt andere Bedingungen findest, oder suche dir Anhänger und bilde mit denen eine nach neuen Prinzipien organisierte Gruppe. Wir ziehen die unsrigen vor.» 

Das impliziert notwendig, dass die genannten Infrastrukturen exklusiv für Mitglieder (respektive für zahlende Kunden) reserviert sind, denn sonst könnte die nach «neuen Prinzipien organisierte Gruppe» ohne eine Gegenleistung «Häuser, Straßen, Transportmittel, Schulen, Museen etc.» nutzen. Kommunismus, also gegenleistungslose Nutzung, darf demnach nicht zu den «neuen Prinzipien» gehören. 

Man kann es drehen und wenden, wie man will, ohne den Begriff des Eigentums kommt man auch bei Kropotkin nicht aus. Wer das Eigentum Anderer plündert oder anzündet, kann kein Anarchist sein. 

Basta.

Hinweis: Belegstellen für meine Lesart Kropotkins finden sich in Stefan Blankertz, Minimalinvasiv: Acht kritische Nachträge (edition g. 101), S. 125-142.

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