Auf dem Plattenspieler: Rowland S. Howard

Künstler: Rowland Stuart Howard

Album: Teenage Snuff Film (1999 Reliant Records)

Die Rockgeschichte kennt ihre großen Namen und Helden. Daneben gibt es aber immer die ganz besonderen Künstler, echte Originale, die für das ganz große Publikum immer zu eigenwillig und zu kompromisslos waren. Es sind gerade diese Namen, welche vielleicht nicht den meisten Profit machten, aber von den „Eingeweihten“ umso größere Bewunderung erfahren. Einen dieser besonderen Künstler möchte ich heute vorstellen: Den australischen Gitarristen und Songschreiber Rowland Stuart Howard, mit seinem besten Album „Teenage Snuff Film“ von 1999.

Howards Lebens war leider kurz, er starb 2009 mit nur 50 Jahren an einem Leberleiden. Doch waren diese Jahre reichhaltig gefüllt. Wie so viele vom Punk inspiriert, gründete er seine erste Band mit 16 und schrieb mit „Shivers“ einen australischen Pop-Klassiker. Nur ließ der Produzent der damaligen Boys Next Door den Autor sein Lied nicht singen – einen jungen Freund des Gitarristen empfand er als „passender“. Und dieser junge Mann trug den Namen Nick Cave …

Trotz der Verstimmung beschritt Howard zusammen mit Nick Cave bald musikalisch gänzlich andere Wege als den adretten New Wave der Jungs-Band. Mit The Birthday Party schufen sie eine geradezu unheilige, animalische und tiefschwarze Version des Post-Punk, die so klang, als hätte Satan persönlich sie ausgespuckt. 

Prägender Aspekt dieses Klangs war die verzerrte Fender Jazzmaster, welcher Rowland S. Howard kreischende Rückkopplungen entlockte, sie metallisch sägen und grollen ließ. Hardcore-Veteran Henry Rollins meinte einst, dass dieser Sound nur von Rowland erzeugt werden könne – der immer geradezu dürre Howard sah sogar so aus, wie seine Musik klang. Er war eine andere Art von „Gitarrenheld“, in einer ganz anderen Dimension als die Claptons und Pages dieser Welt. Ihm ging es nicht um ausgestelltes Virtuosentum und Riffmeisterei, sondern um atmosphärische Saiten-Miniaturen und „Textur“. Auf eine gewisse Art war es ein moderner, lauterer, expressionistischer Blues.

Doch selbst eine so extreme Band wie The Birthday Party ließ am Ende nicht genügend Raum für zwei so starke Persönlichkeiten wie Howard und Cave (Freunde blieben sie trotzdem). Das Ende kam 1983. 

Was folgt, ist bekannt: Nick Cave gründete die Bad Seeds und entwickelte sich zum kultisch verehrten Dichterfürsten unserer Tage. Howard schloss sich zunächst Crime & The City Solution an, welche 1987 gar in Wim Wenders’ „Wings Of Desire“ auftraten. Daneben hörte man ihn in Kollaborationen mit anderen Kultfiguren wie Lydia Lunch, Nikki Sudden, den Einstürzenden Neubauten oder The Gun Club. Mit seiner eigenen Band These Immortal Souls veröffentlichte er zwei Alben (beide kürzlich neu aufgelegt).

Sein erstes Soloalbum mit dem provokanten Titel entstand mit Hilfe seines alten Kameraden Mick Harvey. Musikalisch folgen die zehn Tracks dem sehr eigenen Stil, der als Nachhall der Birthday Party in Australien entstand, mit dem Klang des Outback. Das ist kantiger, sperriger Post-Punk mit prominenten, granitenen Bass-Linien, Echos von knarzigem Blues und staubigem Desperado-Country. Maskuline Musik mit Whisky-Geschmack, aber am späten Abend eines dreckigen, heißen Tages. 

Die beiden tragenden Stimmen sind natürlich einerseits die prägnante, schneidende Gitarre, aber auch Rowland S. Howard selbst: Irgendwo zwischen Townes Van Zandt und Bob Dylan, viel vom Leben gesehen und auch geschlagen, aber dabei nie um die sarkastische Coolness gebracht, mit einem unverkennbaren australischen Akzent. Nicht nur in der Stimme, auch in den Worten. 

Die Bilder, die Howard in den Songs entwirft, sind von dunkler Farbe, oft geht es um Verlust, Zusammenbruch („Breakdown … And Then“) und ungute Liebschaften. Aber der schräge australische Humor sticht doch durch: „You’re bad for me like cigarettes / But I haven’t sucked enough of you yet“ („Dead Radio“). 

Dies ist erwachsene Rockmusik, im majestätischen Midtempo zuweilen wuchtig. Balladen wie das an Lee Hazlewood gemahnende, mit Streichern verzierte „Dead Radio“, „Silver Chain“ oder „Autoluminescent“ zeugen dagegen von einer delikaten, kostbaren Verlorenheit. 

Howard beweist auch sein Talent für Coverversionen. So jenseitig und eigenwillig angeeignet hat man „White Wedding“ von Billy Idol (!) noch nie gehört. Dass „She Cried“ sonst im Repertoire von Girl Groups der 60er auftaucht, vergisst man bei dieser abgeklärten, trockenen Version gänzlich. 

Die LP hält die Spannung über die gesamte Länge, haut einem Ausbrüche wie „Undone“ um die Ohren, verziert aber auch den rollenden Bass und die Gitarrenkaskaden in „Exit Everything“ mit Violinen. Im Finale, „Sleep Alone“ fackelt Rowland S. Howard schließlich alles ab: Über 7 Minuten kreischt, röhrt und faucht die Gitarre, während ihr Gebieter sich Allem entledigt: „This is a journey / To the edge of the night / I’ve got no companions / Only Celine’s on my side / Don’t need nothing from no-one / The needle’s in the red / Nothing to lose / Everything’s dead“.  

Zusammen mit der Gitarre brennt der ganze Kosmos ab („First I shut down the stars“), bis Howard schließlich erkennt: „The sky is emptysilent / The earth as still as stone / Nothing stands above me / Now I can sleep alone.“ Der Rest ist das minutenlange Rauschen der Verstärker.

Auf den Nachfolger „Pop Crimes“ musste man zehn Jahre warten – auch dieses Album ist lohnenswert. Es blieb das letzte Werk des großen Gitarristen. Doch ein weiteres Dokument blieb: Die Dokumentation „Autoluminescent“ von 2011, in welcher Freunde und Bewunderer sich erinnern. Ihr Tenor? Ein einzigartiger Mensch und Musiker, ein Original. 

Hier drei Tracks für Sie zum Reinhören: 

„White Wedding”

„Dead Radio”

„Exit Everything”

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