Grundstein für die höchste Kirche der Welt
Tagesgericht: Heute vor 144 Jahren begann der Bau der Sagrada Família in Barcelona
Dort, wo ich herkomme, war immer ganz klar der Kölner Dom das religiöse architektonische Highlight. Einige Male habe ich ihn auf Klassenfahrten besucht. Beeindruckend jedes Mal die Fahrt über die Hohenzollernbrücke über den Rhein, wenn der Dom mit seinen beiden Türmen im Zugfenster auftauchte. Und beeindruckend auch dann, wenn ich mindestens einmal im Jahr mein angespartes Taschengeld in die Stadt der drei heiligen Könige trug, um es im dortigen Saturn-Markt in Vinyl anzulegen. Eine Leidenschaft, die ich von meinem älteren Bruder geerbt hatte, wie auch seinen alten Dual-Plattenspieler. Und ich muss gestehen, dass ich die Schätze in den Bäuchen des Saturn anziehender fand als die Schätze, die im Kölner Dom zu bewundern waren.
Bei einem meiner Plattenkauf-Ausflüge machte ich dann das erste Mal die Bekanntschaft mit einer Kirche, die ich noch wesentlich beeindruckender als den Kölner Dom finde: Weil sie für mich in ihrer besonderen, in den Himmel strebenden Art und Weise sowohl Ausdruck von tiefer Gläubigkeit und als auch stolzer Freiheit ist, ich spreche von der Basílica i Temple Expiatori de la Sagrada Família, kurz Sagrada Família des katalanischen Baumeisters Antoni Gaudí, deren Grundsteinlegung heute vor 144 Jahren am 19. März 1882 erfolgte.

Gaudi
Die Platte, die ich damals kaufte, war „Gaudi“ von The Alan Parsons Project, einem Konzeptalbum über Antoni Gaudí. Der Opener, das fast neun Minuten lange bombastische „La Sagrada Família“, packte mich sofort und hat mich nicht mehr losgelassen. Klar, dass mich das auch zum Thema recherchieren ließ – wobei ich gestehen muss, dass ich selbst noch nie in Barcelona war. Aber vielleicht liegt gerade darin eine eigene Art von Freiheit: das Staunen aus der Ferne, unbelastet von Touristenströmen und Audioguides.
Antoni Gaudi, geboren am 25. Juni 1852, gestorben am 10. Juni 1926, war schon zu Lebzeiten eine Legende. Sein Vater war Kesselschmied – ein Handwerker, der täglich mit Formen, Materialien und räumlichem Denken umging. Viele Kunsthistoriker sehen in dieser Herkunft eine der Wurzeln für Gaudís außergewöhnliche Fähigkeit, dreidimensional zu denken, Strukturen nicht nur zu zeichnen, sondern zu fühlen.
Er studierte Architektur in Barcelona und galt von Beginn an als unbequemer Geist – brillant, aber wenig geneigt, sich einzufügen. Der Direktor der Schule soll bei seiner Abschlussfeier gesagt haben: „Meine Herren, wir haben einem Genie oder einem Verrückten das Diplom überreicht.“ – Gaudí selbst soll geantwortet haben, das komme auf dasselbe hinaus.
Seine Werke, vor allem in Barcelona, brechen bewusst mit den starren Regeln des Historismus und der klassischen Architektur. Gaudís Stil ist geprägt von organischen Formen, die sich an der Natur orientieren – geschwungene Linien, asymmetrische Strukturen und dynamische Volumen ersetzen gerade Linien und statische Symmetrie. Er nutzte innovative Baumethoden, wie das Modellieren mit hängenden Ketten, um tragfähige, aber scheinbar schwebende Konstruktionen zu schaffen.
Sein Umgang mit Materialien war experimentell: Keramik, Glas und Eisen wurden zu farbenfrohen, lebendigen Oberflächen verarbeitet, die Licht und Schatten spielen lassen. Gaudís Architektur ist auch eine Hommage an das Handwerk, das er als gleichwertig zur Kunst betrachtete. Seine Freiheit von Dogmen zeigt sich besonders in der Sagrada Família, wo er religiöse Symbolik mit modernistischen Ideen verband, ohne sich an traditionelle Kirchenbauvorgaben zu halten. Gaudís Werk ist ein Plädoyer für Individualität, Kreativität und die Verschmelzung von Kunst, Natur und Technik – ein Stil, der bis heute inspiriert und herausfordert.
Eine Lebensaufgabe
Die Geschichte der Sagrada Família beginnt allerdings eigentlich nicht mit Gaudí. Es beginnt mit einem frommen Verleger, einem Gedenktag und einem Architekten, der bald wieder von der Bildfläche verschwinden sollte.
Der Barceloneser Buchhändler und Verleger Josep Maria Bocabella hatte 1866 den Asociació de Devots de Sant Josep – den Verein der Josefs-Verehrer – gegründet, mit dem erklärten Ziel, der Stadt Barcelona eine Sühnekirche zu Ehren der Heiligen Familie zu schenken. Nach jahrelangem Sammeln von Spendengeldern war das Grundstück schließlich gesichert, und am 19. März 1882, dem Gedenktag des heiligen Josef, erfolgte die Grundsteinlegung. Mit den Bauarbeiten beauftragt war Francisco de Paula del Villar y Lozano, der Diözesanarchitekt von Barcelona – ein erfahrener Mann, ein solider Handwerker seines Fachs, aber kein Visionär.
Del Villar plante eine neugotische Kirche, wie es sie zu dieser Zeit dutzendfach in Europa gab: ehrwürdig, korrekt, berechenbar. Unter seiner Leitung begann der Bau der Krypta, jenem unterirdischen Sakralraum, der als erstes Bauelement errichtet werden sollte. Unter den Anwesenden bei der Grundsteinlegung befand sich auch der junge Antoni Gaudí, 29 Jahre alt, Mitarbeiter im Büro des Architekten Joan Martorell, der als Statiker an dem Projekt mitwirkte. Gaudí hatte als Student bereits in del Villars Büro gearbeitet – er kannte das Projekt, kannte seine Pläne, und er kannte dessen Grenzen.
Weniger als ein Jahr später kam es zum offenen Zerwürfnis zwischen del Villar und der Bauherrschaft. Die Gründe sind bis heute nicht vollständig geklärt – es ging wohl um Fragen der Ausführung, der Kosten und des künstlerischen Ehrgeizes. Del Villar trat zurück. Das Projekt wurde Martorell angeboten, der ablehnte, da er selbst in den Konflikt verwickelt gewesen war. Stattdessen schlug er seinen Mitarbeiter vor: Antoni Gaudí übernahm 1883 die Bauleitung der Sagrada Família. Er war 31 Jahre alt. Es war der Beginn einer Lebensaufgabe.
Frei denken
Gaudí vollendete zunächst die Krypta weitgehend nach del Villars Plänen – er war Pragmatiker genug, um nicht alles einzureißen, was bereits stand. Aber selbst in dieser frühen Phase hinterließ er seine Handschrift: Die Gewölbe der Krypta wurden nach seinen Überarbeitungen ausgeführt, feiner, organischer, als es del Villar vorgesehen hatte. Mitte der 1880er-Jahre konnten die ersten Gottesdienste in der noch unfertigen Krypta gefeiert werden; 1889 war sie abgeschlossen.
Noch während dieser Arbeiten begann Gaudí im Stillen, das gesamte Projekt zu überdenken. Was del Villar geplant hatte, war ihm zu eng, zu konventionell, zu sehr dem gotischen Kanon verhaftet. 1885 legte er ein erstes neues Gesamtkonzept vor. Es zeigte bereits 18 Türme – kleiner als im endgültigen Entwurf, aber in der Grundidee bereits unverkennbar. Eine Kirche, die nicht bloß in den Himmel zeigen, sondern selbst wie ein Gebirge aus dem Stadtboden wachsen sollte. Eine Kirche, die ein stolzes und gleichzeitig ehrfurchterweckendes Monument menschlichen Geistes und Gestaltens ist, eines Geistes, der sich dann seines Gottes gewahr wird, wenn er frei agiert, sich nicht von Normen und Dogmen, auch architektonischen, fesseln lässt.
Die 1893 fertiggestellte Außenwand der Apsis markierte einen ersten sichtbaren Bruch mit der Vergangenheit. Sie war zwar noch neugotisch in ihrer Grundstruktur, aber die Ausführung war bereits unverkennbar eigenwillig: naturalistische Wasserspeier, die eher an Reptilien als an heraldische Fabelwesen erinnerten, und Fialen, die sich nicht an überlieferte Proportionen hielten, sondern an die Formen, die Gaudí in der Natur beobachtete. Wer genau hinschaute, sah hier bereits den Keim von etwas völlig Neuem.
Dem Himmel entgegen
Neben der Sagrada Família schuf er Werke, die heute zum festen Bestand des Weltkulturerbes gehören: den Palau Güell, das verspielt-surreale Wohnensemble des Parc Güell, die wie ein lebendiges Wesen wirkende Casa Batlló und die Casa Milà – von den Barcelonesen respektlos „La Pedrera“, der Steinbruch, genannt, wegen ihrer wellenförmigen, unfassbaren Fassade.
Gaudí verstand ein Gebäude stets als Gesamtkunstwerk. Er entwarf nicht nur Fassaden und Grundrisse, sondern auch Türklinken, Möbel, Beleuchtungskörper, Mosaikböden. Kein Detail war ihm zu klein, keine Oberfläche zu unbedeutend. Und die Natur war dabei immer seine wichtigste Lehrmeisterin: Hyperbolische Paraboloide, Kettenkurven, Spiralen – Formen, die die Natur in Muscheln, Knochen und Ästen zeigt, übersetzte er in Stein, Keramik und Glas.
Am 7. Juni 1926 wurde er auf dem Weg zur Baustelle von einer Straßenbahn erfasst. Weil er so schlicht gekleidet war, wurde er zunächst für einen Bettler gehalten und erst spät versorgt. Er erlag seinen Verletzungen am 10. Juni 1926. Ganz Barcelona stand still. Sein Leichnam wurde in der Krypta der Sagrada Família beigesetzt – in jenem Raum, den er einst als junger Mann fertiggestellt hatte, dem ersten Stein seiner Lebensarbeit.
Über ein Jahrhundert nach Gaudís Tod wächst sein Werk weiter. Die Sagrada Família ist nach wie vor eine Baustelle. Die Projektleitung nennt 2035 als mögliches Fertigstellungsjahr, ohne sich festzulegen; zu oft haben sich solche Prognosen in der Vergangenheit verschoben. Was aber feststeht: Am 20. Februar 2026 wurde das Spitzenkreuz des Turms Jesu Christi vollendet. Mit 172,5 Metern überragt er seither alle anderen Kirchtürme der Welt. Am 10. Juni 2026 – dem 100. Todestag Gaudís – soll der Turm feierlich eingeweiht werden.
Und „feierlich“ trifft für mich genau den ersten Höreindruck von „La Sagrada Família“ von The Alan Parsons Project, ein Musikstück, das immer mehr wächst, dramatischer wird, packend. Ein Stück, das versucht, diesen ungewöhnlichen Menschen und sein ungewöhnliches Werk greifbar zu machen.
Den Kölner Dom habe ich immer als ein Gebäude wahrgenommen, das durch Schwere und eine gewisse Gewalt, eine Überwältigung durch Steinmassen beeindruckt. Die Sagrada Família erscheint mir hingegen leicht, auch spielerisch. Der Kölner Dom ist ein Statement des immerwährenden Seins, Sagrada Família des immerseienden Werdens. Nicht die Freiheit von etwas, nicht die Abkehr von Glaube oder Tradition, sondern die Freiheit zu etwas. Zum Göttlichem im Menschen.
Mehr über Architektur und Freiheit im Sandwirt:
„Stadtluft macht (nicht mehr) frei“ von Christian Walloth



