Stallgeruch und Höhenluft

Das rituelle Einbläuen von Feindbildern ist wohl die erfolgreichste Methode, um Herdenimpulse anzuschieben, so Immo Sennewald:
 

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Für Leser:

Hat es Sie schon einmal wohlig durchschauert, ist Ihnen warm ums Herz geworden, weil eine Respektsperson Sie vor anderen lobte oder gegen Vorwürfe in Schutz nahm und versicherte, Sie seien „Eine (oder Einer) von uns?“ 

Nein? Nicht einmal im Kreise von Familie und Freunden, einer Mannschaft, im Verein oder bei einer Auszeichnung? Waren Sie nie auf diese Art zu trösten?

Dann sind Sie womöglich frei von Herdenimpulsen und unempfindlich für die zugehörigen Rituale. Das kann von Vorteil sein, wenn sich Ihre Mitmenschen gerade in verderblicher Richtung bewegen – womöglich von Ideologen und ihnen gefügigen Medien getrieben – und Konflikte unausweichlich scheinen. Sie werden nicht mitmarschieren oder -laufen, vielleicht, weil Vorbilder und Erfahrung Ihnen einen Wissensvorsprung verschaffen, aber Sie werden die ungemütliche Seite der Freiheit kennen lernen.

Wir sind Weltmeister!

Wenn Mächtige für politische Zwecke Herdenimpulse nutzen wollen, leisten immer noch die Methoden der Schweine in Orwells „Farm der Tiere” gute Dienste: Das rituelle Einbläuen von Feindbildern ist wohl die erfolgreichste. Mindestens ebenso wichtig ist es, die – genderistisch korrekt formuliert – „Mitlaufenden“ spüren zu lassen, dass sie zu den Guten gehören. Wenn sich das mit wohligen Schauern, von ermunternden Tänzen oder erhabener Musik begleitet, in weihevoller Rede erreichen lässt, Applaus, Sprechchöre, gar gemeinsame Gesänge das Ritual beglaubigen, werden mythische Momente erreicht: Alle sind Weltmeister. Oder glauben es, fühlen sich emporgehoben vom gemeinsamen Jubel.

Dafür gibt es auch den Begriff „Siegestaumel“. Er geht weiter zurück als in antike Zeiten, da Sport und Krieg so untrennbar miteinander verbunden waren, wie in der Moderne Krieg und technischer Fortschritt. Erfolge und Siege sind Gefühls-Sensationen. Nicht bei allen äußern sie sich in deutlich nonverbalen Ausbrüchen – sie sind eigentlich höchst individuell, aber auch Schüchterne lassen sich anstecken. Und was fürs direkt und selbst Erlebte gilt, tritt auch im Theater, im Ritual der Religionen, im Kino oder beim Spiel am Computer ein. Eine Gelegenheit, über das Verhältnis von Realem, Originärem und billigem Ersatz nachzudenken.

Freundschaft!

Allerdings zeigt sich am Ende, dass – auch bei Orwell nachzulesen – die Realität ziemlich hartnäckig widersteht, wenn Ideologen sie umzulügen versuchen. Natürlich können Politbürokraten darauf vertrauen, dass Stallwärme und der Kanon der Parteidisziplin sie vor den Angriffen ihrer Gegner inner- und außerhalb des Betriebes schützen. Aber der Kordon ihrer Anhänger kann in seiner Breite, Festigkeit und geistigen Tiefe schwanken. Die ersten beiden stehen meist im direkten, die letzteren fatalerweise oft im reziproken Verhältnis. 

Oder – auf den Schweinestall bezogen: Ein einziges schlaues Schwein kann für einen Anführer gefährlicher sein als die breite Masse der dummen. Verstand – beim Menschen in Sprache repräsentiert – wird gleichwohl immer auch von den Unterströmungen der Gefühle dirigiert. Die untrennbaren, wenn auch bis zu einem gewissen Grade trainierbaren, nonverbalen Signale zeigen es.

So wurde das Wort „Freunde” – dem Stalinismus gemäß auf jeden beliebigen Einwohner der Sowjetunion gemünzt – in Zeiten der DDR zu einem Ausdruck von Misstrauen, Hohn, Spott. Viele Russen haben nicht verdient, in diesem Sinn als „Freunde” bezeichnet zu werden, es erhebt sich also die Frage, ob „Freunde“ nicht als zu verfolgende „Hate Speech” einzuordnen ist. 

Oder anders gewendet: Darf jemand wie Frank-Walter, Nancy, Karl, Claudia, Robert, Jürgen, Olaf, Annalena … es als „Hate Speech” einordnen, wenn ich sie als – hm – äußerst honorige Volksvertreter*_:Innen oder Verfechter*_:Innen des Grundgesetzes bezeichne? 

In Kenntnis meiner Denkweise könnten sie sich womöglich beleidigt fühlen. Aber noch gibt es das „Gedankenverbrechen“ aus Orwells 1984 nicht als Tatbestand, freilich wird eifrig daran gearbeitet, zumindest die Sprache unter Kontrolle zu bekommen. 

Applaus für die Weisen

Das Problem hat E.T.A. Hoffmann im „Meister Floh” schon einmal illustriert: Der Geheime Rat Knarrpanti sah sich jederzeit im Stande, Personen zu kriminalisieren. Habe man einen Delinquenten erst einmal inhaftiert, meinte er, fände sich schon das passende Delikt, ihn auch gerichtsfest beliebig lange hinter Gitter zu bringen. 

Man sollte nicht meinen, dass diese Karikatur eines Rechtsverdrehers im Staatsdienst, 1822 erfunden und sofort von der Zensur ausgetilgt, bis der bissige Floh im Jahr 1906 doch noch in voller Länge erscheinen durfte, dass diese Karikatur vergleichbare juristische und polizeiliche Charaktere um 200 Jahre vorwegnahm.

Ich überlege, ein „Dschungelbuch der Deutungen” zu schreiben, das die ganze Komplexität solcher tierisch-menschlichen Phänomene zumindest aufscheinen lässt. Aber womöglich wäre das nur ein ebenso hoffnungsloser Versuch wie die Texte von Peter Panther, Theobald Tiger, … alias Kurt Tucholsky, den Erich Kästner einmal als kleinen dicken Berliner beschrieb, der versucht habe, mit seiner Schreibmaschine eine Katastrophe aufzuhalten. 

Naja. Die Einwohner der DDR durften zwar Tucho lesen, der war ja Antifa, aber nicht Orwell. Manchmal frage ich mich, ob der Applaus für die Weisen nicht der Herde nur hinreichender Ersatz fürs Nachdenken über die Verhältnisse im eigenen Gatter ist. In der Regel befreit sie von ihrem Schicksal nur der Schlachter oder ein Wirbelsturm. Aber der macht sie ratlos und weckt nostalgische Wünsche nach verlorener Stallwärme. Zu besichtigen etwa bei der ihrer Sowjetunion beraubten Freunden.

Was bleibt? Tiefes Misstrauen gegenüber Deutern. Tieferes Misstrauen gegenüber Deutern von Gut und Böse. Tiefstes Misstrauen gegenüber Deutern, die Herdenimpulse in Dienst nehmen wollen, indem sie Heilsversprechen an blinde Gefolgschaft knüpfen. 

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