Gegen den Strich gelesen: Steven Pinker

Thomas Hobbes hat einen prominenten Nachfahren in der Gegenwart, den kanadischen Psychologen Steven Pinker. 2011 veröffentlichte er ein Buch, das in der deutschen Übersetzung den kurzen Titel »Gewalt« trägt. Er unternimmt es darin, auf 1.000 Seiten die Geschichte der Gewalt unter Menschen von ihren vorgeschichtlichen Anfängen bis in die unmittelbare Gegenwart zu zeichnen.

Pinker geht von Hobbes aus. Zwar weiß Pinker, dass der Naturzustand, wie Hobbes ihn darstellt, nämlich vereinzelt lebende und in ständigem Krieg miteinander liegende Menschen (der berüchtigte Krieg Jeder gegen Jeden), niemals existierte. Auch Hobbes musste zugeben, dass der Mensch im Naturzustand in familiär-verwandtschaftlichen Gruppenstrukturen lebte. Doch dieser anarchische Naturzustand sei, so Pinker, von einer exorbitant hohen Rate an gegenseitigen Tötungen gekennzeichnet; eine Rate, die alles übersteige, was später (oder parallel) in staatlich verfassten Gesellschaften zu verzeichnen ist – die schrecklichsten Kriege und die brutalsten Verfolgungen eingeschlossen. Die schlimmste Tyrannei ist laut Pinker besser als die Anarchie. Umgekehrt mündet jede Form der Delegitimierung staatlicher Herrschaft in einem Anstieg der Homizidrate.

Die wesentliche rhetorische Strategie von Pinker, die staatlichen Verbrechen der religiösen, politischen und ethnischen Verfolgung sowie des Kriegführens kleinzureden, besteht darin, sie ausdrücklich für zufällig zu erklären. Der Ausbruch von Kriegen sei geschichtlich gesehen immer zufällig; dem Krieg kann dementsprechend nicht durch den Staat einschränkenden Widerstand vorgebeugt werden. Kriege kommen über die Menschen wie Naturkatastrophen. Aber glücklicherweise hören Kriege dann auch wieder auf. Und im Laufe der Geschichte seien sie auch weniger (und sogar weniger schlimm) geworden. 

Nicht so ausdrücklich bewertet er die Entstehung von Tyranneien als zufällig; jedoch benennt er blinden Gehorsam den staatlichen Organen gegenüber als kein Kriterium, die die Entstehung einer Tyrannei begünstigt. Jedenfalls scheint der Widerstand gegen Tyrannei (also Ungehorsam gegen den aktuell existierenden Staat) nicht ein angemessenes Mittel zu sein, sie zu überwinden.

Meistens. Denn wie bei Hobbes tut sich auch bei Pinker eine Lücke in seiner Argumentation auf. Diese Lücke trägt den Namen des Kämpfers gegen die Rassentrennung in Südafrika und des ersten Präsidenten Südafrikas nach dem Fall der Apartheid: Nelson Mandela. Pinker bezeichnet Mandela als einen der größten Politiker aller Zeiten.

Das ist ein Zugeständnis, das bei einem dezidierten Hobbesianer wie Pinker doch einigermaßen in Erstaunen versetzt. Denn Mandela kämpfte über Jahrzehnte gegen den existierenden Staat, er delegitimierte die seinerzeit existente staatliche Herrschaft. Übrigens nahm nach dem Fall der Apartheid die Rate der Homizide in Südafrika enorm zu. Genau das entspricht der Voraussage der Theorie von Hobbes und könnte einem Hobbesianer dementsprechend als Argument dienen, dass es ratsam sei, jede, auch die schlimmste Ausformung des Leviathan geduldig hinzunehmen. In diesem Fall setzt Pinker sein eigenes Kriterium, die niedrigste Homizidrate sei der Maßstab für die Güte einer Gesellschaft, außer Kraft. 

Zudem lobt Pinker die Politik der Versöhnung, die Mandela als Präsident verfolgte. Diese Politik wurde »Ubuntu« genannt, was Pinker ausdrücklich erwähnt. Schaut man nach, woher der Begriff stammt, stößt man darauf, dass er das Prinzip der Schlichtung unter den Xhosa bezeichnet, einer herrschaftslosen (anarchistischen) Ethnie. Dies ist interessant, denn ansonsten kennzeichnet Pinker die Anarchie als zum Frieden und zur Versöhnung unfähig. Hier scheint die Staatsgewalt jedoch von einem in Anarchie lebenden Volk etwas lernen zu können. 

Man fragt sich also, warum der Widerstand Mandelas gegen den Apartheidsstaat und seine Orientierung an einem anarchistischen Rechtssystem ein positives Beispiel sind, während Widerstand anderswo, etwa Widerstand gegen Stalin, gegen Hitler, gegen Mao keine Option dargestellt hätten. Den Widerstand des Jugendprotests der 1960er Jahre in den USA gegen den Krieg in Vietnam rechnet Pinker ausdrücklich zu den Beispielen, die zeigen, dass jeglicher Widerstand zu einem Anstieg der Homizidrate führe. 

Mit der Frage im Gepäck, warum der eine Widerstand (der Mandelas) legitim, der andere Widerstand (der der Antikriegsbewegung) nicht legitim sei, stoßen wir noch auf eine weitere Lücke, die in der Argumentation Pinkers klafft: Neben der rhetorischen Strategie, den Ausbruch von Kriegen und die Entstehung von Tyrannei für zufällige geschichtliche Ereignisse zu halten (gegen die also keine Prävention helfe), bemüht er noch eine andere Denkfigur: Er behauptet, die Gewalt habe über die Jahrhunderte abgenommen. Den größten Sprung der Gewaltreduzierung habe die Entstehung des Staats herbeigeführt, aber dann habe auch im Rahmen der Staaten die Gewalt kontinuierlich abgenommen. Dies nennt Pinker den Zivilisationsprozess, der weitgehend automatisch ablaufe. (Hier lässt Hegels Weltgeist grüßen, dem ich mich in der vierten Folge von »Gegen den Strich gelesen« widmen werde.)

Aber doch nicht ganz so automatisch. Denn Pinker führt für die Neuzeit Aufklärung, Liberalismus und schließlich den Feminismus an, Bewegungen, die jede auf ihre Weise zum Prozess der Zivilisierung beigetragen haben. Das taten sie freilich genau so, wie es Mandela mit dem Kampf gegen die Apartheid hielt, nämlich indem sie die herrschende Staatlichkeit delegitimierten. Insofern kann Pinker innerhalb seines eigenen Systems nicht mehr aufrecht erhalten, das Diktum von Hobbes müsse eingehalten werden, jeglicher aktueller Staatsgewalt sei bedingungslos Gehorsam zu leisten, weil andernfalls der Rückfall in die viel schlimmere Anarchie des Naturzustands drohe.

Aus der Konstruktion Pinkers einer überbordenden Gewalttätigkeit in der Anarchie des Naturzustands greife ich zur Widerlegung seine Auseinandersetzung mit der Ethnie der Semai in Malaysia heraus. Die Semai sind eine kleine herrschaftslose Ethnie, die als völlig gewaltfrei gelten. Hämisch verweist Pinker auf die Tatsache, dass es im Zeitraum von 1955 bis 1977 unter den Semai zu zwei Todesfällen gekommen sei, die er zu Morden erklärt. Ich lasse hier offen, ob diese Bezeichnung zutrifft. Zwei »Morde« in mehr als 20 Jahren. Ist das exorbitant viel? Pinker macht Homizidraten vergleichbar, indem er sie auf die übliche Zahl einer Bevölkerung von 100.000 hochrechnet und kommt in diesem Fall auf eine Rate von 30,3. Pinker geht demnach, grob gezeichnet, davon aus, dass ein Dorf mit achthundert Einwohnern, in welchem eine verwirrte oder verzweifelte Mutter ihr Kind tötet, doppelt so gewalttätig sei wie ein Staat mit achtzig Millionen Einwohnern, der 50.000 politische Gegner oder religiöse Abweichler liquidiert. 

Doch lassen wir auch offen, ob das eine sinnvolle Betrachtungsweise ist, und wenden uns der Situation der Semai zu. In den frühen 1950er Jahren gerieten sie zwischen die Fronten eines Aufstandes von Kommunisten gegen die britische Kolonialmacht in Malaysia; das ist genau die Zeit unmittelbar vor den beiden von Pinker hochgerechneten zwei »Morden«. Die Briten versuchten, die Semai als Bündnispartner im Kampf gegen die Kommunisten zu verpflichten, was die Semai zunächst ablehnten. Die Kommunisten erklärten sie dennoch zu Kollaborateuren der Briten und ermordeten alle ihre Ältesten. Daraufhin beteiligten sie sich dann doch an der Niederschlagung des Aufstandes. Dies ist ein traumatisches Ereignis in der Geschichte dieses gewaltlosen Volks; die Semai referieren auf diese Zeit als »Blutrausch«, für den sie sich bis heute schämen. 

Hervorzuheben ist, dass die Ältesten bei den Semai (wie in allen herrschaftslosen anarchistischen Ethnien) eine wichtige Rolle bei der Schlichtung von Streit spielen. Dass sie ermordet wurden, beraubte die Semai ihrer wichtigsten sozialen Instanz. Wenn es in den folgenden Jahren zu nicht mehr als zwei Homiziden gekommen ist, so ist das kein Beweis für ihre inhärente Gewalttätigkeit, sondern einer für ihre große Friedlichkeit. 

Aufgrund von Pinkers Umgang mit den Semai verliert er in meinen Augen jede wissenschaftliche und auch moralische Glaubwürdigkeit.

Hinweis: Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Pinkers Thesen in historischer, ethnologischer und statistischer Hinsicht findet sich in: Stefan Blankertz, Widerstand: Aus den Akten Pinker vs. Anarchie (edition g. 109).

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