Auf dem Plattenspieler: The Stranglers

Künstler: The Stranglers

Song: Golden Brown (Slowed Down Version) – veröffentlicht als digitale Single, Parlophone Records Limited 2025

Als Kind fühlt sich Zeit schier endlos an. Ein einzelner Nachmittag in den Sommerferien etwa kann einem wie eine ganze Woche vorkommen. Alles wirkt offen und weit, ohne echte Struktur, und irgendwann entsteht dieses diffuse Bedürfnis, älter, weiter, in einem anderen Abschnitt des Lebens zu sein: „Wann werde ich endlich 18?!“

Mit zunehmendem Alter kehrt sich dieses Gefühl scheinbar um. Wochen vergehen wie im Flug, Monate verschwimmen, und plötzlich ist wieder ein Jahr vorbei: „Wie kann es sein, dass ich schon so alt bin?!“

Warum ist das eigentlich so? 

Eine der meiner Meinung nach interessantesten Erklärungen dafür ist, dass sich unser innerer Referenzrahmen verschiebt. Für ein zehnjähriges Kind beispielsweise macht ein Jahr ein Zehntel des gesamten bisherigen Lebens aus … ein enormer Anteil. Mit 30 hingegen ist es nur noch ein Dreißigstel.

Rein rechnerisch verliert derselbe Zeitraum also an subjektivem Gewicht. Fast wie bei einer Inflation: Die Einheit bleibt gleich, aber ihr gefühlter Wert sinkt.

Und vielleicht ist es genau diese Verdichtung, die bestimmte Musik so besonders macht. Manche Stücke scheinen sich jeder Zeit zu entziehen: Sie wirken weniger wie ein Song einer bestimmten Epoche als wie ein Zustand, in den man immer wieder eintreten kann. „Golden Brown“ von der britischen Band The Stranglers ist für mich ein Paradebeispiel dafür.

Vor allem die Slowed Down Version löst bei mir ein beinahe surreales Gefühl von Zeitlosigkeit aus. Um 2018 bin ich erstmals auf sie gestoßen, als solche Bearbeitungen, vor allem auf Youtube, kurzzeitig im Trend waren: bekannte Songs verlangsamt, heruntergepitcht, teils mit mehr Hall versehen. „Golden Brown“ scheint wie gemacht dafür: Schon im Original ruhig und „kreisend“, entfaltet der Song in dieser Fassung erst sein volles Potenzial. 

Vielleicht erlebt diese Version deshalb gerade ein zweites Leben – undzwar so präsent, dass The Stranglers sie letztes Jahr sogar selbst als digitale Single veröffentlicht haben; was für diese sonst meist fanbasierte Kunstform äußerst ungewöhnlich ist.

Und doch steht hinter dieser schwebenden Oberfläche eine Geschichte, die alles andere als ruhig – und allemal eine nähere Betrachtung wert ist …

Anfang der 80er-Jahre befanden sich die Stranglers in einer schwierigen Phase. Zwar hatten sie sich zuvor als Punk-Band schnell etabliert und mehrere erfolgreiche Alben veröffentlicht, doch wirklich zugehörig fühlten sie sich im Punk nie. Dafür waren die musikalischen Einflüsse der vier Mitglieder, die von Jazz über Soul bis Pop reichten, zu unterschiedlich.

Mit dem damaligen Aufkommen von Synth-Pop verlor der klassische Punk in der Musikszene zunehmend an Aufmerksamkeit. Die Band reagierte darauf mit einem Schritt ins Experimentelle: Ihre Musik wurde komplexer und ihre vielfältigen Einflüsse klarer hörbar. Ihr erstes Album in diesem Stil, „The Gospel According to the Meninblack“, blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück.

Gleichzeitig hatte die Plattenfirma EMI durch die Übernahme von United Artists Records auch ihr Labelumfeld neu strukturiert. Die Prioritäten verschoben sich zunehmend in Richtung kommerzieller Verwertbarkeit – mit entsprechend steigendem Erwartungsdruck auf weniger klar einzuordnende Bands wie The Stranglers.

Das war die Situation, in der „Golden Brown“ entstand.

Die zentrale Melodie der Nummer existierte tatsächlich schon lange, zunächst jedoch nur als lose Idee. Immer wieder tauchte sie in Skizzen auf, wurde ausprobiert, verworfen und neu gedacht. Mehrfach versuchte die Band erfolglos, sie in andere Stücke zu integrieren. Erst mit etwas Abstand änderte sich die Perspektive: Die Melodie wurde nicht länger als Fragment behandelt, sondern als eigenständiger Kern, um den herum der Rest des Liedes entstand.

Musikalisch ist „Golden Brown“ geradezu absurd. Und genau das macht den Track so besonders: Er folgt kaum den üblichen Erwartungen populärer Musik.

Ein Cembalo steht im Zentrum, ein Instrument, das im Popkontext äußerst ungewöhnlich ist. Sein perkussiver Ton ersetzt die sonst dominierenden Flächen von Gitarren oder Synthesizern und erzeugt eine klare, fast trockene Struktur.

Auch rhythmisch entzieht sich das Stück einer eindeutigen Ordnung. Es bewegt sich zwar in einem walzerartigen 3/4-Takt, doch Akzentverschiebungen und die leicht versetzten Gesangslinien unterlaufen diese Stabilität immer wieder. Es entsteht eine subtile „Unschärfe“: Nichts bricht wirklich, aber es steht auch nichts ganz fest.

Hinzu kommt der Aufbau. „Golden Brown“ entwickelt sich eher kreisend als linear, ohne klare Höhepunkte oder dramatische Zuspitzung. Der Gesang bleibt ruhig und kontrolliert, fast distanziert: als würde sich alles entfalten, ohne irgendwohin zu wollen.

Genau dieses Zusammenspiel aus ungewöhnlichem Klang, reduzierter Harmonik und verschobener Rhythmik verleiht dem Stück seine eigentümliche Zeitlosigkeit. Es lässt sich schwer verorten, weil es sich vertrauten Hörgewohnheiten jeglicher Dekaden konsequent entzieht.

Das Label reagierte auf die Nummer damals erwartungsgemäß skeptisch: Sie sei zu ungewöhnlich, zu wenig greifbar, nicht geeignet für den Massenmarkt. Schließlich wurde sie zwar veröffentlicht, aber gezielt unter eher ungünstigen Bedingungen: EMI bewarb den Track kaum und setzte ihn auf einen Zeitpunkt, an dem er leicht untergehen konnte. Doch genau das geschah überaschenderweise nicht …

Es entwickelte sich eine langsame, aber stetige organische Dynamik: „Golden Brown“ wurde gehört, weiterempfohlen und gewann Schritt für Schritt durch Mundpropaganda an Präsenz, ohne dass eine große Kampagne dahinterstand.

Einer der Gründe dafür liegt auch in der bewusst angelegten Doppeldeutigkeit des Songtextes, die mit wachsender Bekanntheit des Liedes zunehmend Diskussionen und Empörung auslöste. Denn „Golden Brown“ funktioniert zugleich als Liebeslied und als subtile Reflexion über Heroin; das in der Drogenszene auch als „Brown Sugar“ bezeichnet wird.

Diese doppelte Lesart ist zentral für die Wirkung des Songs. Er ist auch lyrisch nicht eindeutig festgelegt und nicht vollständig erklärbar. Die beschriebene Wärme, Nähe, Hingabe, aber auch die Abhängigkeit und der Kontrollverlust, lassen sich mühelos auf beide Ebenen beziehen:

Golden brown, texture like sun

Lays me down, with my mind she runs

Throughout the night

No need to fight

Never a frown with golden brown

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Über die Zeit wurde „Golden Brown“ spannenderweise zum größten kommerziellen Erfolg der Band. Ein Track, dem man so wenig zugetraut hatte, sorgte letzlich für den entscheidenden Moment ihrer Karriere: Er brachte neue Aufmerksamkeit, zog das Album „La folie“ mit sich und veränderte die Wahrnehmung der Band nachhaltig. So eröffnete er ihnen einen größeren künstlerischen Spielraum – etwas, das ihrer stilistischen Vielseitigkeit von Beginn an entsprach, aber zuvor nur begrenzt möglich (und kaum erfolgreich) war.

Die Karriere der Stranglers ging lange weiter – heute zählen sie mit unfassbaren 23 Top-40-Singles und 20 Top-40-Alben in den britischen Charts zu den am längsten bestehenden Bands, die aus der britischen Punk-Szene hervorgegangen sind.

Fast ironisch, doch gewissermaßen folgerichtig wirkt es, dass die Band nun vier Jahrzehnte später ausgerechnet mit diesem Track ein Revival erlebt.

Genau hier schließt sich auch der Kreis zur Zeit selbst. Denn die größte Qualität dieses karriereprägenden Stücks liegt, wie eingangs erwähnt, gerade darin, dass es nicht wie ein Moment im Verlauf der Zeit funktioniert – sondern eher wie etwas, das Zeit kurz aussetzt. 

Beim Hören entsteht ein diffuses Gefühl von „Verweilen“. Als würde sich der Song einen Raum öffnen, in dem die übliche Abfolge von „früher“ und „später“ an Bedeutung verliert … bis plötzlich klar wird, dass beides nur gedankliche Konstrukte sind. Und dass es eigentlich nur eines gibt: das Jetzt.

Hören Sie hier die großartige Slowed Down Version von „Golden Brown“ der Stranglers.

Und hier den Original-Song mit dem Musikvideo von 1981.

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Der nächste Gang …

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