Twitter-Files – Elon Musks Elefant im Raum oder doch nur eine Maus?

The Twitter Files on free speech suppression soon to be published on Twitter itself. The public deserves to know what really happened …

Als Elon Musk Ende November mit diesen Worten ankündigte, die Twitter-Akten zu öffnen und so aufzuzeigen, wie Twitter in der Vergangenheit „Freie Rede“ auf der Plattform unterdrückte und was hinter den Kulissen passierte, war die Erwartungshaltung groß. Rund 850.000 Likes und fast 150.000 Retweets seines entsprechenden Ankündigungstweets sprechen für sich.

Doch inzwischen ist es nach der Veröffentlichung von bislang 13 Teilen recht ruhig um das Thema geworden. Besonders die sogenannten Mainstream Medien sowohl in den USA als auch hier in Deutschland ignorieren es beharrlich. Und wenn es dort einmal Erwähnung findet, dann meist nur mit der Einordnung, es gäbe dadurch keine neuen Erkenntnisse und Musk fördere mit der Veröffentlichung ohnehin nur rechte Verschwörungsmythen. 

Auf der anderen Seite meinen einige alternative Medien und Blogger, es handle sich bei den durch die Unterlagen aufgedeckten Machenschaften um den größten Skandal seit Watergate, der diesmal nur nicht gebührend beachtet werde. 

Was sind die Twitter-Files genau?

Doch welche Sichtweise ist zutreffend? Um das für sich beurteilen zu können, muss man freilich erst wissen, was die Twitter-Files eigentlich sind, wie sie veröffentlicht wurden – und immer noch werden – und was in ihnen steht.

Im Grunde ist es ganz einfach: Elon Musk, der schon vor seiner Twitter-Übernahme immer wieder betonte, wie wichtig ihm der Grundsatz der freien Rede sei und dass Twitter diesen oft unterdrücke, stellte einigen Journalisten rund um Matt Taibbi als primus inter pares Zugriff auf viele interne Unterlagen aus der Vergangenheit des Unternehmens bereit. Ob E-Mails, Slack-Konversationen, Google Docs oder interne Kommunikationstools – sie sollten recherchieren und berichten können, ob und wie Twitter mit Behörden und der Regierung kooperierte, Entscheidungen getroffen und unliebsame Meinungen unterdrückt wurden. Einzige Bedingung: Die erste Veröffentlichung der jeweiligen Ergebnisse sollte auf Twitter selbst erfolgen.

Hunter Bidens Laptop

Am 3. Dezember 2022 war es dann soweit: Matt Taibbi setzte einen langen Thread ab, in dem beschrieben ist, wie Twitter die Verbreitung der Story über Hunter Bidens Laptop behinderte.

Die Geschichte ist in Deutschland nicht ganz so geläufig, daher hier in Kürze zusammengefasst: Der Sohn des heutigen US-Präsident Joe Biden hatte seinen Laptop bei einem Computerladen vergessen. Die auf dem Computer gespeicherten Dokumente, z.B. über Hunters Geschäftsbeziehungen in die Ukraine, kamen in die Hände der „New York Post“, die 2020 während des Präsidentschaftswahlkampfs groß darüber berichtete. 

Inzwischen geht man davon aus, dass die Inhalte authentisch sind, seinerzeit war dies aber umstritten und viele Medien nahmen daher von einer entsprechenden Berichterstattung Abstand. Sie befürchteten, so wie einige Regierungsstellen, dass es sich um einen russischen Versuch der Einflussnahme auf die Wahl handele.

Auf Twitter wurden daher seinerzeit Links auf den Artikel der Post unterbunden, ja sogar der Account der Zeitung wurde vorübergehend suspendiert. Diese Entscheidung war bei Twitter intern allerdings umstritten, da sie eigentlich von keiner der Regeln der Plattform abgedeckt war, auch nicht von der über den Umgang mit gehacktem Material. „Können wir wahrheitsgemäß behaupten, dass dies Teil der Richtlinie ist?“, fragte sich dann auch einer der Verantwortlichen. Wenig später wurden diese umstrittenen Entscheidungen dann auch zurückgenommen.

Die von Taibbi in seinem Thread offengelegten Unterlagen belegen jedenfalls, dass bei Twitter eine den US-Demokraten zugeneigte interne politische Agenda herrschte und man bemüht war, Entscheidungen möglichst in diesem Sinne zu treffen, auch wenn man diese dafür verbiegen musste.

Und was steht sonst in den Twitter-Files?

Das zieht sich wie eine rote Linie durch die weiteren Teile der Twitter-Akten, wobei die dreiteilige Berichterstattung über die Sperre von Donald Trump zu den spannenderen Geschichten gehört. 

Trump war bei Twitter vielen Führungskräften schon immer ein Dorn im Auge und es wurde immer wieder versucht, interne Regeln so auszulegen, dass diese möglichst nachteilig für Trump waren und ihn in seiner Reichweite beschränkten und einer Sperre näherbrachten. 

Gerade der interne Umgang mit Donald Trump und wie es letztlich zu seiner – von Musk nach Nutzerabstimmung inzwischen aufgehobenen – Suspendierung auf der wohl relevantesten Social-Media-Plattform der Welt kam, ist durchaus von historischer Bedeutung, da sie ja unbestritten große Auswirkungen über Twitter hinaus hatte. 

Dies sollte auch unabhängig davon gelten, wie man zu der Entscheidung an sich steht, denn die Journalistin Bari Weiss, die den fünften Thread der Twitter-Files veröffentlichte, stellt aus meiner Sicht treffend fest, wie problematisch es sei, dass wenige Entscheider in einem privaten Unternehmen den öffentlichen Diskurs und damit auch die Demokratie massiv beeinflussen können.

Weitere Folgen der Twitter-Files belegen, dass es einen regelmäßigen und sehr engen Austausch zwischen CIA, FBI und anderen Regierungsbehörden gab: Behördenvertreter und Mitarbeiter von Twitter pflegten einen fast schon freundschaftlichen Umgang miteinander und Twitter war im Regelfall sehr bemüht, Wünschen nach z.B. Nutzersperren oder Auskunftsersuchen schnell und umfassend nachzukommen. Die Verbindungen ging so weit, dass nicht wenige Mitarbeiter aus den Behörden zu Twitter wechselten, so z.B. auch der später von Musk entlassene „Deputy General Counsel and Vice President, Legal“ Jim Baker, der hochrangiger Jurist beim FBI war.

Bislang zwei Folgen der Twitter Files – Teil zehn und ganz aktuell Teil dreizehn – befassen sich mit dem Umgang von Twitter mit Corona. Auch hier zeigt sich wieder ein enges Verhältnis zwischen Twitter und den Behörden und Pharmaunternehmen, deren Sprachagenda man gerne folgte und sie auch auf der Plattform robust durchsetzte.

Spannend und von praktischer Bedeutung für nahezu alle Twitter-Nutzer ist zudem der zweite Teil der Veröffentlichungen, in dem es um die Methoden ging, mit denen Twitter die Reichweite und Sichtbarkeit von Nutzern einschränkte. Diese stehen – nicht nur aus meiner Sicht – im klaren Gegensatz zu Twitters ursprünglicher Aussage „We do not Shadowban!“. 

Ja, es waren vielleicht keine „Bans“ im engeren Sinne, aber umfassende und intransparente Einschränkungen vieler Nutzer.

Ist das jetzt Sprengstoff? 

All das ist durchaus interessant, gerade wenn man sich für die Hintergründe und Herausforderungen der Content-Moderation in einem weltumspannenden sozialen Netzwerk interessiert. Und viele Aspekte haben eine kritischere Betrachtung durchaus verdient, gerade die Art und Weise, wie Donald Trump gesperrt wurde. Dass letzteres gerade hier in Deutschland nicht näher behandelt wird und – wie eingangs schon erwähnt – als Teil von Verschwörungsmythen gesehen wird, ist schade, beschämt aber in ersten Linie den meinungsbildenden Journalismus hierzulande.

Die große erwartete Bombe enthalten die Twitter-Files aus meiner Sicht aber auch nicht. Klar, die engen Verbindungen zwischen US-Behörden und dem Unternehmen waren nicht unproblematisch, ebenso die intransparenten Methoden der Moderation und der algorithmischen und teilweise gar manuellen Einordnung von Inhalten. Wenn einem eine neutrale Diskussionsplattform am Herzen liegt, muss man diese Aspekte kritisch sehen und ansprechen. Aber Twitter war eben auch nicht der verlängerte Arm des Weißen Hauses, des FBI oder der CIA.

Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte: Es geht hier keinesfalls um ein neues Watergate, aber man kann die zu Tage gekommenen Unterlagen und deren Einordnung durch die damit unmittelbar befassten US-Journalisten auch nicht als bloße Nichtigkeiten oder gar Verschwörungsmythen abtun.

Warum zünden die Twitter Files aber praktisch gar nicht?

Mehr Beachtung hätten die Twitter Files also durchaus verdient. Dass sie die bislang nicht bekommen haben, hat nicht nur einer zweifellos vorhandenen Skepsis gegenüber Elon Musk oder liberalen Positionen in großen Teilen des Journalismus zu tun, ohne die eine unvoreingenommene Betrachtung der Twitter-Files sicher auch zu einem selbstkritischeren Ansatz führen würde. Fehler liegen auch bei Musk und den Journalisten selbst.

Denn Interesse für die Offenlegung der Unterlagen war Anfangs vorhanden. Die rund 850.000 Likes, die Musk für seine Ankündigung der Veröffentlichung bekam, sind auch für seine Verhältnisse sehr viel. Der erste Thread zu den Twitter Files hatte über 155.000 Retweets und Zitierungen sowie rund 380.000 Likes. Bei Teil 13 gab es bislang etwa 65.000 Likes und 33.000 Retweets und Zitate. Elon Musk nahm seinen Retweet dieses Tweets sogar zurück. Man sieht, die Enthüllungen haben an Traktion verloren, die Twitter-Nutzer haben mit den Mitteln der Plattform abgestimmt, dass die offengelegten Unterlagen wohl nicht gehalten haben, was sie versprechen.

Dazu kommt, dass Ankündigen seitens Musk und seiner Journalisten immer wieder nicht eingehalten wurden: So kündigte der neue Twitter-CEO am 3. Dezember 2022 an, dass der zweite Teil der Twitter-Files am nächsten Tag erscheinen sollte – erst am 9. Dezember 2022 war es dann soweit. Und auch die heiß erwarteten Fauci-Files zu tieferen Einblicken in die Corona-Politik der Plattform werden von Woche zu Woche verschoben. Das Momentum, das am Anfang vorhanden war, ging dadurch verloren.

Noch gravierender dürfte sein, dass die Threads, in denen das Material zusammengefasst ist, sehr lang sind und sich in Details, Namen sowie internen Begriffen und Abkürzungen verlieren, mit denen die meisten interessierten Leser nicht viel anfangen können. Dass die Thread-Darstellung von Twitter für solche komplexe Inhalte nur bedingt geeignet ist, trägt ihr übriges zum abflauenden Interesse bei.

Ein vorläufiges Fazit – und wird das noch was?

Die Aufarbeitung der bislang veröffentlichten Unterlagen ist unterm Strich aus meiner Sicht nicht Fisch und nicht Fleisch: Viele Screenshots und O-Töne ohne entsprechende Einordnung, gelegentlich unterbrochen von reißerischen Statements, die den Kern der Sache nicht immer ganz treffen.

Hier wurde auf jeden Fall eine Chance vertan, durchaus kritisch zu betrachtende Aspekte in Twitters Vergangenheit sauber aufzuarbeiten. Taibbi und seine Kollegen haben den Job im Grunde nur zur Hälfte erledigt. Und sie haben die angerissenen Bereiche dann wieder so stark geframet, dass sie dadurch andere Journalisten davon abgehalten haben dürften, sich des Themas unvoreingenommen anzunehmen.

Die Geschichte ist aber noch nicht vorbei: Weitere Veröffentlichungen sind angekündigt und auch die Hoffnung, dass Teile der Originalunterlagen für weitere Journalisten oder gar die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, besteht weiterhin.

Für eine endgültige Beurteilung der Twitter-Files ist es derzeit nach allem definitiv noch zu früh und so ist nur zu sagen: 

Bleiben Sie dran!

Die Twitter Files im Original und in deutscher Übersetzung finden Sie auch im Blog von Severin Tatarczyk.

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2 Kommentare. Leave new

  • Interessant ist doch auch, daß die Aktien von Musks Firma Tesla überproportional an Wert verloren haben, seit er sich bei Twitter engagiert.

    Zusätzlich zu der allgemein problematischen westlichen Wirtschaftslage (- einschl. Konflikt mit China) und der bisherigen Überbewertung der Tesla-Aktie spielt sicherlich auch mit, daß die Presse schlagartig begann, negativ über Musk und Tesla zu berichten. Und Großkapitalisten wie BlackRock et al. sind eng mit dem Wokismus und den linken Freiheitseinschränkungen zum System Change (- siehe auch https://www.weforum.org/agenda/2016/11/8-predictions-for-the-world-in-2030) liiert.

    Was Musk an libertärem Old-school vertritt ist, ist gefährlich für diese Gleichschalter. Letztlich soll es auf STAMOKAP hinauslaufen.

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    • Interessant, daß Sie auch den Begriff STAMOKAP verwenden. Viele wissen damit nicht mal was anzufangen. Als dieser Begriff von den der RAF Nahestehenden laufend verwendet wurde, herrschte in diesem Land gottseidank noch alles andere als ein staatsmonopolistischer Kapitalismus. Und “auch” habe ich gesagt, weil ich, seit spätestens 2008, diesen Begriff für die Richtung verwende, in die dieses Land sich zunehmend entwickelt.

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