Über den Untergang des Abendlandes

Am 20. Mai schlug der Bayrische Rundfunk Alarm: Russland, aus dem man beim BR ohnehin meist nur schlechte Nachrichten empfängt, droht nicht nur in die Sowjet-Despotie abzugleiten, sondern gleich nochmal 500 Jahre weiter zurück ins Mittelalter. Anlass zur Sorge gaben zwei neue Vorkommnisse: Einerseits die unlängst bewilligte Rückgabe einer der berühmtesten Ikonen der Kunstgeschichte, der Heiligen Dreifaltigkeit von Andrei Rubljow, an die russisch-orthodoxe Kirche, andererseits die Aussage des im Westen geschmähten Moskauer Patriarchen Kyrill, der kurze Zeit später die europäische Renaissance als „sehr gefährliche Wende in der Entwicklung der westlichen Zivilisation“ bezeichnete, da mit ihr ein Wandel vom Fokus auf Gott, zu einem Fokus auf den Menschen einherging. Damit erklärte der Patriarch in aller Kürze die Grundlage des moralischen Verfalls des Abendlandes, der im Zentrum des Kulturkampfs zwischen Russland und dem Westen steht.

Ein russischer Kunstkritiker bezeichnete die Rückgabe der Ikone aus dem 15. Jahrhundert als „Ende der Ära der Wissenschaft und Beginn des Zeitalters der Magie“ in Russland. Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass bei allen vorgeschobenen Sorgen um den Erhalt der Ikone, diese für mehr als 500 Jahre ihren Platz in Kirchen hatte, bevor sie 1929 unter den Bolschewiki zum musealen Stück wurde. Dennoch sprechen aus diesen Aussagen, sowohl von Kyrill, als auch von dessen Kritikern, eindeutige Indizien, dass es in Russland Kräfte gibt, die bereit sind, die zivilisatorische Leitideologie der Heilsbringung im Zuge des Humanismus auf umwälzende Art und Weise zu hinterfragen.

Wohin dieser Weg in Russland führen könnte, oder ob daraus irgendwelche Lehren für uns entstehen, soll aber an dieser Stelle gar nicht Gegenstand der Betrachtung sein, denn die Aussagen des Patriarchen stellen nur einen von vielen Vorstößen unterschiedlichster politischer Kräfte dar, die versuchen, die kulturelle und politische Ausrichtung Russlands in Zukunft zu bestimmen. Dieser Kampf, der im Westen aufgrund eigener Hoffnungen und Ängste auf unterschiedlichste Art bewertet wird, ist, meiner Meinung nach, noch lange nicht entschieden.

Viel interessanter ist für uns die Frage, ob in der Aussage des russischen Patriarchen – trotz dessen eigener politischen Agenda – zumindest ein Körnchen Wahrheit über den Westen mitschwingt oder ob die Empörung des Bayrischen Rundfunks, der sich nicht entblödete, das alte Zerrbild vom „finsteren Mittelalter“ und der „hellen Renaissance“ heraufzubeschwören, einer der seltenen Fälle ist, in denen die Öffentlich-Rechtlichen doch mal politisch richtig liegen.

Die Fragilität der Demokratie

Beginnen wir in der Gegenwart. Kaum jemand ist heutzutage zufrieden mit dem Zustand unserer Welt, doch dennoch fühlen die meisten Menschen sich genötigt, die Errungenschaften der Gegenwart als ein Ideal im Vergleich zur Vergangenheit zu zeichnen. Gewiss, bestimmte technische und – ein populäres Beispiel – medizinische Fortschritte wird kaum jemand missen möchten, selbst nicht die überzeugtesten Reaktionäre. Man könnte zur Relativierung höchstens einräumen, dass die Menschen der Vergangenheit nicht im Bewusstsein ihrer schlechten hygienischen und medizinischen Umstände lebten, sondern diese ihnen immer nur als das in ihrer Zeit mögliche Optimum erschienen. Trösten wir uns also damit, dass Menschen in 300 Jahren womöglich ähnlich entsetzt auf die für sie barbarisch anmutende Medizin unserer Zeit zurückblicken werden, ein Fakt, das uns darum aber nicht weiter zu beunruhigen braucht.

Diffiziler wird es aber bei der guten, alten Demokratie. Wenn alle Stricke reißen, dann haben wir immerhin noch die. Und die Demokratie hat sich ja auch gewaltig entwickelt. Zwar kannten die Griechen sie schon, aber damals war sie nur den männlichen Bürgern Athens mit Landbesitz vorbehalten. Erst durch diverse Bürgerrechts- und Frauenbewegungen konnten nach und nach beinahe alle Teile der Bevölkerung an der Demokratie teilhaben. Das erscheint zunächst einmal wie ein bedeutender Wert an sich. 

Bis man sich die Ergebnisse der Wahlen ansieht und sich – nebenbei unabhängig von der eigenen politischen Präferenz! – die Frage stellt, ob die Beteiligung aller an der Wahl tatsächlich so eine tolle Idee ist. Natürlich spricht man das nicht aus, zumindest nicht öffentlich, man denkt es und scherzt darüber höchstens mit Bekannten und Freunden.

Und tatsächlich lässt einen die oftmals demonstrierte Unmündigkeit vieler Wählerinnen und Wähler doch sehr daran zweifeln, ob die Qualität der Demokratie tatsächlich durch die Quantität der an ihr beteiligten Wähler bestimmt ist, oder ob manchmal nicht weniger mehr wäre.

Tendenzen dazu zeichnen sich ja auch bereits ab. Gerade in den letzten Jahren zeigten diverse „Experten“, deren Empfehlungen die Politik ganzer Länder bestimmten, sowie die neuerdings so populären Gesellschaftsräte, in welche Richtung die Reise gehen soll. Wahlen werden immer mehr zur Farce, zum Stelldichein jener Sklaven, die sich daran erbauen, die Farbe ihrer Peitsche mitbestimmen zu können.

Dass demokratische Systeme sich unweigerlich überleben und in totalitäre Formen münden, wusste man bereits in der Antike. Einer der Gründe, warum der Versuch, Demokratie in die entferntesten Ecken der Welt zu exportieren, in den letzten Jahrzehnten vermehrt scheiterte, ist, dass die Demokratie als System nicht einfach ein in sich geschlossener, absoluter Wert ist, der – einmal etabliert – einen finalen Endzustand geglückter Gesellschaftsorganisation darstellt, sondern vielmehr ein Stadium in der Entwicklung einer Gesellschaft sein kann. 

Die Herausbildung einer Demokratie kennt ganz bestimmte gesellschaftliche Voraussetzungen, die nicht einfach auferlegt werden können, sondern die natürlich aus dem Entwicklungsprozess einer Gesellschaft erwachsen müssen. Es ist daher auch nicht unbedeutend, dass die Herausbildung der Demokratie, zunächst in der Antike und später im Abendland, eine dezidiert westliche Erscheinung ist, die zwar im Zuge der westlichen Hegemonie über die Welt in ihrer Spätphase auch Verbreitung über beinahe den gesamten Globus fand, dort aber ein ebenso brüchiges wie temporäres Konstrukt darstellt.

Auf dem Weg ins Imperium? Oder doch in den Abgrund?

Als einer der bedeutendsten Spenglerianer unserer Zeit ist Sandwirt-Co-Autor David Engels bekannt für seine Prognose, dass der Westen sich zur Zeit – analog zur Geschichte Roms – in einer Periode des Übergangs von der Republik zum Imperium befindet. Dies würde bedeuten, dass die Macht zwar demnächst auch nominell zentral in den Händen eines „Imperators“ liegen würde, die Pflege republikanischer Tugenden, wie Wahlen, aber weiterhin zum Alltag gehören würde. Ein großes Schmierentheater, bei dem unsere Parlamente – äquivalent zum römischen Senat – fortbestehen würden, aber eher von Kaisers, denn von Wählers Gnaden.

Die Analyse von Engels in seinem Werk „Auf dem Weg ins Imperium“ ist erschreckend stringent. Vergleicht man die Auswüchse gegen Ende der römischen Republik mit heutigen Verhältnissen, ist man schockiert, wie viele Übereinstimmungen sich auftun. Es verschwimmt dabei auch die Annahme, dass bestimmte Dekadenzerscheinungen, die man landläufig dem Rom des Niedergangs in der Spätantike zuschreibt, bereits Jahrhunderte zuvor in der Übergangsperiode von der Republik zum Kaiserreich vorherrschten. Folgt man also den Thesen von David Engels, dann gäbe es eigentlich Grund für Optimismus: Die Demokratie mag in den letzten Atemzügen liegen, aber mit ein bißchen Glück könnten noch ein paar hundert Jahre Restabendland am Horizont auf uns und unsere Kinder warten, wenn Europa sich endlich zum Imperium durchringt.

Entscheidend für diese Einschätzung ist die genaue Verortung von Beginn und Ende des abendländischen Kulturzyklus. Folgt man den Spenglerschen und Engelschen Annahmen, dann dauern Kulturzyklen rund 1000 Jahre, wobei die genaue Beginnzeit der abendländischen Kultur das große Fragezeichen bleibt. Gerade im frühen Mittelalter scheinen die Jahrhunderte aufgrund mangelnder Quellenlage oftmals nur so dahin zu rasen, doch sind diese Jahrhunderte auf den gesamten Lebenszyklus des Abendlandes gerechnet nicht unerheblich für die Bestimmung des Jetztzustands unserer Kultur.

Wenn Beginn und Ende einer Kultur also nicht immer eindeutig festgelegt werden können, so gibt es vielleicht andere Einschnitte, die eindeutiger identifiziert werden können und uns somit bei der Altersbestimmung unserer Kultur helfen können.

Von Urmythen und Mittelkrisen

Der österreichische Geschichtsphilosoph Franz Borkenau (1900-1957) stellte im Rahmen seines posthum veröffentlichten Buchs „Ende und Anfang“ einige Thesen auf, die einerseits auf Spengler aufbauten, andererseits ihm aber auch in einigen seiner Thesen widersprachen. So plädierte Borkenau, im Gegensatz zu Spengler, der nach Leibniz Kulturen als „Monaden ohne Fenster“ ansah, für Formen der sogenannten Kulturaffiliation, also der Übernahme bestimmter Kulturelemente aus vergangenen barbarischen Kulturen und Hochkulturen, in eine neu zu formende Hochkultur. Er widersprach aber auch Toynbee, der das Prinzip der Kulturaffiliation erstmals entwickelte, darin aber eine simple Übernahme alter Prinzipien in eine neue Hochkultur sah. Borkenaus Theorie ist komplexer und sieht im Urmythos einer Hochkultur die Symbiose mehrerer Einflüsse vorangegangener Hochkulturen und Barbarenelemente. Je mehr verschiedene Einflüsse hineinwirken, so Borkenau, desto reicher die daraus entstehende Kultur, allerdings darf man sich diesen Prozess nicht als einen simplen Auswahlprozess im Sinne eines „best of Vergangenheit“ vorstellen, sondern als ein Jahrhunderte dauerndes Ringen um einen gemeinsamen Nenner, der sich aus den widersprüchlichen Kulturelementen herauskristallisiert. Es ist genau dieser Prozess, der in den Perioden zwischen den Hochkulturen stattfindet und es ist ein Prozess der von Grausamkeiten und Verzweiflung begleitet ist.

Wenn sich aber ein Urmythos durchgesetzt hat, dann wirkt dieser als Fundament für die neue Hochkultur. Wie bereits erwähnt, setzt sich dieser Urmythos aus verschiedenen disparaten Elementen zusammen, die Symbiose stellt aber keineswegs eine perfekte Balance zwischen all den Elementen dar, sondern unterdrückt fast immer bestimmte intrinsische Aspekte der Kultur zugunsten anderer. Die Akzeptanz dieser Unterdrückung resultiert für Borkenau aus der Verzweiflung der vorangegangenen barbarischen Epoche. Es ist die Unterordnung einzelner Aspekte unter das größere Ganze.

Im Falle der abendländischen Kultur sind laut Borkenau die größten Gegensätze zurückzuführen auf den Konflikt zwischen dem irischen Mönch Pelagius und dem hl. Augustinus im frühen 5. Jahrhundert. Pelagius, der schließlich als Ketzer verurteilt wurde, repräsentierte eine Vorstellung individueller Freiheit, deren Wurzeln im Germano-keltischen Heidentum zu verorten waren und die in Irland mit dem Christentum verschmolzen. Der große Unterschied war, dass Augustinus nahezu besessen war vom Konzept der Ursünde, die letztlich als Quell aller Sündhaftigkeit der Menschen als Erklärung diente. Der Mensch konnte nur durch die Gnade Gottes von seiner Sündhaftigkeit befreit werden. Dem gegenüber glaubte Pelagius an einen heldenhaften Moralismus. Der Mensch war für Pelagius dazu imstande, sich frei zum Guten zu wenden. Borkenau findet die Symbiose dieses Gegensatzpaares viele Jahrhunderte später in der Transsubstantiationslehre, die somit als Basis – als Urmythos – des Abendlandes aufgefasst werden muss.

Obwohl Pelagius nie von der Ketzerei rehabilitiert wurde, flossen einige seiner Ansichten prägend in die abendländische Hochkultur ein. Der abendländische Urmythos basiert eben nicht auf einer vollkommenen Ablehnung pelagianischer Ideen, sondern auf der beschränkten Übernahme seiner Vorstellung von freiem Willen in die Lehre der Transsubstantiation. Nur so konnte ein originär abendländischer Urmythos entstehen, denn ein reines Fundament auf den Lehren des Augustinus wäre eben ein Versuch, das Römische wiederzubeleben. Der Kompromiss aus dem Schuldbewusstsein des (afrikanischen) Römers Augustinus und des heroischen Moralismus des Barbaren Pelagius formten das Fundament der abendländischen Hochkultur!

Doch die Uferlosigkeit des pelagianischen Extrems wurde in dieser Symbiose unterdrückt, „eingehegt“. Sie tritt aber immer wieder zu Tage, erstmals in voller Wucht in der sogenannten „Mittelkrise“ des Abendlandes, der Reformation. Die Mittelkrise treibt dabei die konstituierenden Zonen der Hochkultur wieder auseinander, was sich im Abendland in der Trennung entlang der Glaubenslinie zwischen Katholiken und Protestanten nachvollziehen lässt. Die ehemals römischen Provinzen Europas blieben überwiegend dem Katholizismus treu, während die früheren Barbarengebiete meist protestantisch wurden.

Die Mittelkrise stellt, wie der Name schon sagt, den Scheitelpunkt eines Kulturzyklus dar, auch wenn in unserer Wahrnehmung ein großer Teil der Errungenschaften des Abendlandes (man denke an die technische und kulturelle „Explosion“ der Neuzeit) erst nach dieser Mittelkrise zum vollen Ausdruck kam. Doch wie in der Landwirtschaft wird auch im Lebenszyklus der Kulturen die Ernte erst im Herbst eingefahren und man zehrt von ihr im Winter. Die Zeit der Saat und des Wachstums ist eine Zeit des Wartens. Erst wenn die Tage schon wieder kürzer und die Schatten länger werden, treten die Früchte der langen Arbeit zum Vorschein.

Es mag Geschichtsvergessene geben, die in der Renaissance, einer Epoche, die genau in diese Mittelkrise fiel, den Ursprung des Westens sehen, das „Licht“, das die „Dunkelheit“ ablöste, doch das ist genauso oberflächlich, wie zu denken, die Arbeit des Bauern begänne mit der Ernte. Man muss aber auch dazu sagen: Es wäre töricht – frei nach Kyrill – den Frühling und den Sommer blühender Felder zu verherrlichen und niemals dazu überzugehen, die schönen Früchte einzuholen, auch wenn danach nur noch karge abgemähte Felder übrig bleiben.

Die Lehre von den Kulturzyklen hilft uns dabei, persönliche Präferenzen zu relativieren. So sehr man die Beschreibung der Reformation als „Sache der Barbaren“ und später die Aufklärung und die gegenwärtige Hypermoral als losgeschlagenen Pelagianismus auffassen kann, so wenig sollte man daraus ein zwingendes Werturteil ableiten. Es mag sich dabei um Niedergangserscheinungen handeln, doch so wie die Krankheit und gewisse Spleens im Alter des Menschen zum Leben dazugehören, so gehören auch diese Phänomene zum Alter einer Hochkultur. Der Wunsch nach ewiger Jugend, wie er auch heutzutage wieder höchst modisch ist, ist auch auf gesamtkultureller Ebene töricht.

Früher war alles besser, sogar die Demokratie

Kehren wir nun noch einmal zurück zur Demokratie: Das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit waren der Schoß abendländischer Demokratie. Die Räte in freien Reichsstädten Deutschlands und den italienischen Stadtstaaten (beides nebenbei Beispiele der bereits früher von mir besungenen Kleinstaaterei), stellten in vielerlei Hinsicht den Höhepunkt abendländischer Demokratie dar. Die an den demokratischen Prozessen beteiligten Bürger hatten ihr Stimmrecht durch aktive Teilhabe an und Interessensverquickung mit dem gesellschaftlichen Leben erworben. Politische Ämter waren kein „Job“, sondern eine Verpflichtung, die eng an die eigenen und die Interessen der Allgemeinheit gebunden waren. Damit Missbrauch aber ein Riegel vorgeschoben wurde, entwickelten vor allem italienische Republiken – Venedig ist das wohl bekannteste und beeindruckendste Beispiel – ein System der „checks & balances“, also rechtlicher Mittel, die eine einseitige Dominanz bestimmter Interessengruppen gegenüber anderen verhinderte. Insgesamt ist es eben dieses Bekenntnis zur Rechtssprechung, zu „gutem Recht“, das nicht nur aufoktroyiert wurde, sondern eben durch die Einsicht Aller in dessen Notwendigkeit seine Legitimation erhielt, das diese Periode demokratischer Entwicklung in Europa auszeichnet.

Wie weit davon entfernt ist doch die heutige Massendemokratie? Ungewählte Eliten können sich mittels Politik und Medien jederzeit die gewünschten Mehrheiten herbeilügen oder herbeimanipulieren und wo ein Regulativ – wie nun im Fall Graichen – spürbar wird, erfolgt dies nur gegen größte Widerstände dieser Eliten, die jene Regularien stattdessen als unliebsame Verschwörung diffamieren.

Es ist an diesem Zustand unserer Demokratie, an dem wir vielleicht am zuverlässigsten das Alter unserer Hochkultur erkennen können. Fahl, leblos und blutleer erscheint sie und – so sehr es Demagogen von allen Seiten herbeischreiben – es erscheint ebenso unrealistisch, dass dies sich mit einem simplen „Zauberwort“ wieder in neue Vitalität und Partizipation umwandeln ließe, wie die Vorstellung, man könne eine Demokratie in Afghanistan durch einige Jahre Besatzung und Gender-Kurse an der Universität Kabul etablieren.

Folgt man dieser Einschätzung, dann ist die Demokratie eben nicht eine neue Errungenschaft der letzten 150 Jahre, sondern dann durchlebte sie ihre Blütezeit vor bereits 500 Jahren, zu Zeiten der Mittelkrise, am gleichzeitigen Höhe- und Scheidepunkt des abendländischen Kulturzyklus. Daraus erwächst allerdings die Einsicht, dass das Imperium, der Übergang zur Scheindemokratie, nicht erst in der nahen Zukunft liegt, sondern bereits längst Realität ist. Der Absolutismus des 17. Jahrhunderts läutete den Weg ins Imperium bereits ein und mit dem ersten neuzeitlichen Imperator Napoleon hätte eigentlich Gewissheit über die Sache herrschen müssen. Die Obsession des 19. Jahrhunderts mit dem Nationalstaat kann den Blick darauf trüben, dass es sich damals ja um das Zeitalter des Imperialismus handelte, das mit der Pax Britannica (und dem Nachfolgekonstrukt der Pax Americana) sogar das Äquivalent zur imperialen Pax Romana des Kaiserreichs bot. Die entstehende Parteiendemokratie der damaligen Zeit markierte eben nicht den Beginn des demokratischen Zeitalters, sondern stellte nur den ersten Versuch von vielen dar, den Niedergang gesellschaftlicher Partizipation durch Urnengänge zu kaschieren.

Kyrill mag Recht haben mit der Einschätzung des Wandels Europas zur Zeit der Renaissance, doch lässt sich das kulturelle Altern nun mal nicht aufhalten. Auch Russland, wo auch immer es in seinem kulturellen Lebenszyklus nun stehen mag, wird sich vor diesem Prozess nicht dauerhaft verschließen können. Für uns Abendländer gilt es allerdings, mit uns und unserer Kultur ins Reine zu kommen, denn die Zeit drängt. Wenngleich Endpunkte einer Kultur schwer an einem Punkt festzumachen sind, so können wir nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob der letzte Elan unserer Kultur nicht bereits mit der großen Zerstörung der beiden Weltkriege endgültig verpuffte und wir seitdem nur noch von den historischen Trägheitseffekten zehren. Wir sollen weder unsere mittelalterliche Jugend verschmähen, noch die Leistungen und Errungenschaften unserer zweiten Lebenshälfte verspotten, auch wenn unsere Kultur mittlerweile am Rollator gehend höchstens noch ein Schatten ihrer selbst ist. Lasst uns stattdessen unseren Nachlass in Ordnung bringen, sodass unser Erbe in gute Hände gerät und nicht im Müllcontainer der Geschichte landet.

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2 Kommentare. Leave new

  • Immo Sennewald
    26. Mai 2023 10:24

    Interessante religionsgeschichtliche und historische Betrachtungen. Am Ende bin ich doch froh, die Bestattung in einem Imperium vermutlich asiatischen Musters altersbedingt nicht mehr zu erleben.

    Antworten
  • Nordlicht
    27. Mai 2023 0:18

    Das Buch von Engel habe ich vor einigen Monaten gelesen, es ist sehr anregend. Man darf es nicht (- und Engel warnt mehrfach davor) als prognostisch nehmen. Aber es gibt viele Parallelen. Geschichte ist gestaltbar.
    Daß die Parteiendemokratie anfällig für totalitäre Entwicklungen ist, vertieft es nicht, sondern das ist Thema des niedrländischen Psychologen Mathias Desmet in “Die Psychologie des Totalitarismus”. Die Masse ist nicht nur von Typen wie Hitler und Stalin verführbar, sondern auch von Apparatschicks wie Habeck, Scholz und Biden, mit Hilfe von Blockparteien und gleichtönender Medien.

    Es funktioniert gleich wie bei Hitler und Stalin: Angst auf der einen und Heilsversprechen auf der anderen Seite. Schauen wir auf die Stichworte Covid, Klima, Russland – die Massen laufen mit, in ihr Unglück, auch in einer Demokratie. Unter dieser Überschrift kann man das Gleiche erzeugen wie in einer Diktatur.

    PS Warum sich über die Rückgabe einer von Kommunisten geklautetn Ikone zur Kirche aufregen, wenn deutsche Politikerinnen ein vor mehr als 100 Jahren gekauftes Museumsgut wie die Benin-Bronzen an einen nigerianischen Lokalherscher verschenkt? Die dazu für einen Museumsbau in Nigeria hinzu geschenkten Euro-Millionen werden dort sicherlich auch irgendwie ersickern.

    Da efrscheint mir die Rückgabe von russichen Kirchengut an die russische Kirche erheblich logischer.

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