Volksaufstand, fast vergessen!

Anlässlich des 70ten Jahrestages und der Tatsache, dass der 17. Juni 1953 immer mehr in Vergessenheit gerät, obwohl es sich um die größte Erhebung im Machtbereich der UdSSR handelte, möchte ich hier an das Geschehen und seine Wirkungen, beziehungsweise eher fehlenden Wirkungen auf Deutschland erinnern. 

Aufstand und Niederschlagung

Um den 17. Juni 1953 kam es in über 700 Städten und Gemeinden der DDR zu Demonstrationen und Streiks. Weit über tausend Betriebe wurden spontan und mit über einer Million Teilnehmern bestreikt. Die SED-Bezirksleitungen in Halle und Magdeburg und andere öffentliche Einrichtungen wurden erstürmt, zwölf Gefängnisse mit rund 1.400 Häftlingen befreit. Ein Schock für die angeblichen Vertreter der Arbeiter und Bauern, dass Wiedervereinigung und freie Wahlen gefordert wurden und wenig Lust auf zentral geplante Normen und Kader bestand!

Der Volksaufstand wurde innerhalb weniger Stunden durch die sowjetische Besatzungsarmee niedergeschlagen und in Blut und Tränen erstickt. Mindestens 125 Menschen wurden erschossen oder hingerichtet, darunter 41 Sowjetsoldaten, die sich weigerten auf Deutsche zu schießen. Laut Recherchen des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk wurden rund 25.000 Deutsche aus Ost und West direkt nach dem 17. Juni verhaftet und teils zu hohen Haftstrafen verurteilt. 

Was heute kaum noch jemand vor Augen hat: Die sowjetische Besatzungsmacht ließ 18 Verhaftete standrechtlich erschießen. Die Zeitzeugen Johannes Rink und Wolfgang Stiehl von der Vereinigung der Opfer des Stalinismus erzählten mir vor etwa zwanzig Jahren persönlich von der Willkür, wen die Stalinisten sich dabei griffen und ermordeten. 

Am 18. Juni wurden nach kurzer Verhandlung zwei Magdeburger  standrechtlich erschossen, der eine war der ihnen persönlich bekannte CDU-Mann Herbert Strauch, der andere Alfred Dartsch. Ernst Jennrich wurde in Magdeburg als dritter zum Tode verurteilt und am 20.3.54 enthauptet. Diese Willkür zeigt die Dimension und die maximale Härte der Niederschlagung. 

Verblassende Details

Wenn das Recht auf Versammlungsfreiheit und Demonstrationen als selbstverständlich betrachtet wird, sollte man sich damit auseinandersetzten, dass in jüngerer Vergangenheit Menschen eingesperrt wurden, weil sie ihre Meinung verkündeten, Flugblätter verteilten oder demonstrierten.

Die Geschundenen von damals sind froh, dass diese Zeit vorbei ist, und gleichzeitig verärgert, dass sie als politische Häftlinge, die 15 Jahre und mehr im Knast saßen, aus dieser Zeit keine Rentenansprüche haben und sich daher jetzt in der sozialen Absicherung ganz unten wiederfinden.

Noch unverständlicher war für die Herren Rink und Stiehl, dass die ehemaligen Täter ihre vollen Zuschläge bei der Rente durchsetzen konnten. Diese Zuschläge waren eigentlich in der DDR für Professoren und verdiente Menschen gedacht, wurden aber allen „verdienten Genossen” überwiesen.

Zur Sprache kam in unserem Austausch auch, dass der 17. Juni ab dem Jahr 1953 in der Bundesrepublik zum Feiertag erklärt wurde, der dann aber völlig in Vergessenheit geriet und schließlich durch den 3. Oktober als Tag der deutschen Einheit ersetzt wurde. 

Interessant für mich war auch zu erfahren, dass die Stasi die Trennung von Exekutive und Legislative aufgehoben hatte und in einem Abwasch die Ermittlungen durchführte, verurteilte und die Haft überwachte. 

Um zu verstehen, was mit den tausenden von Gefangenen des 17. Juni passiert war, empfahlen mir die beiden Zeitzeugen den Besuch des Stasigefängnisses für „Politische“ in Hohenschönhausen, Berlin, in der nach 1945 eine Anlage gebaut wurde, die unüberwindbar war, in der die Insassen für 16 Pfennig die Stunde zwangsarbeiten mussten und in der auch Wasser- und Dunkelzellen zu sehen sind. Angeblich gab es zu der Zeit insgesamt 60.000 politische Gefangene!

Bemängelt wurde von den beiden Herren, dass die Geschichte der DDR heute völlig verklärt wird und auch z. B. in der Schule untergeht. So sieht der Lehrplan nur neun bis zwölf Stunden für die Geschichte nach 1945 vor, nach dem Vietnamkrieg bleibt keine Zeit mehr für die 50er Jahre. Sie sprachen Lehrer darauf an und hörten: „… das tut mir leid für Sie… aber was soll ich machen… die Schüler werden ja sofort fragen: Was haben Sie denn damals gemacht …?“

Was bleibt?

Wie viel mehr Respekt muss man vor diesem Hintergrund vor den Menschen haben, die sich 1989 vorsichtig in Kirchen versammelten und dann, nur mit Kerzen bewaffnet, nach draußen trauten, im Wissen, dass die geballte bewaffnete Macht bereitstand und es wieder blutig hätte enden können?

Und der Westen? Ist der 17. Juni für die dominierende westdeutsche Linke ein blinder Fleck, was die Machtausübung in der Realität bedeutete? Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin wies am 14. Juni 2003 in der „Welt“ auf die erstaunlichen Entwicklungen des Westens hin, dass die Autoren der „Sinus-Studie” 13 Prozent der wahlberechtigten Westdeutschen als „rechtsextrem” einstuften. Rechtsextreme Pluspunkte auf der Skala erhielten zum Beispiel diejenigen, die die Frage verneinten, „Man sollte sich endlich damit abfinden, dass es zwei deutsche Staaten gibt”, und angaben, sie würden auch an einer „Kundgebung zum Tag der Deutschen Einheit (17. Juni) an der Grenze zur DDR teilnehmen”. 

Im Kern haben einflussreiche Teile des Westens das SED-Narrativ vom „faschistischen Putsch” in Bezug auf den 17. Juni übernommen. Ohnehin hat der Zeitgeist Schlagseite und verkennt das Leid der einfachen Menschen, die sich spontan erhoben haben, auch weil eine Wirtschaftsordnung ohne Unternehmer in einer wirtschaftlichen Schieflage und realem Wohlstandsverlust münden muss. 

Der 17. Juni ist ein bedeutender Tag der deutschen Geschichte und eine frühe Absage an den real existierenden Sozialismus. Ein Tag von besonderer Bedeutung vor allem für jeden, der sich in der Tradition der Freiheit sieht. Fragen Sie die Landes- und Bundeszentrale für politische Bildung, was diese zum Thema beisteuern, z. B., ob Sie folgende Bücher erhalten können: Anne Haertel: „Die Ereignisse um den 17. Juni 1953 im Bezirk Magdeburg“; Hermann-Josef Rupier: „…und das wichtigste ist doch die Einheit“ oder Konrad Breitenborn: „Tage zwischen Hoffnung und Angst“. 

Jeder Leser ist eingeladen den 17. Juni zu seinem persönlichen Feiertag der Freiheit zu machen.


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